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Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#473 – KI und die Erinnerung von uns «Alten»

«Tragbare» KI
Die Diskussionen rund um künstliche Intelligenz KI und ihren Einfluss auf die Zukunft unserer Arbeit, fokussieren meiner Meinung nach auf zuviele Nebenschauplätze: Persönlichkeitsschutz, rechtliche Regulierungen, Zugriffsbeschränkungen, Gebühren oder den Einsatz im Schulbetrieb. Bei aller Relevanz solcher Überlegungen, stehen wir erst am Anfang einer technologischen Revolution, ohne genau zu wissen wohin die Reise gehen wird. Es werden Hemmnisse aufgebaut und Entwicklungen mitten in ihrer Entstehung gebremst. Natürlich liest es sich schön, wenn der Wirtschaftsjournalist Markus Städeli (52), in der NZZ vom 19. Mai.2026 verkündet, wie die Lausanner Firma «Giotto.ai», die mit der Schweizer Armee zusammenarbeitet, ihr ganz auf Effizienz getrimmtes KI-Modell lanciert. Es biete «Fähigkeiten auf Silicon-Valley-Niveau», versprechen seine Macher mit Nachdruck auf das kalifornische Tal, immernoch Massstab aller Modelle. Gerne wird übersehen, wie das Rennen um die grossen Sprachmodelle in den USA und China entschieden wird. Europa hat es gar nicht erst aus den Startblöcken geschafft. Trotzdem brauchen sich europäische Firmen oder Behörden gemäss dem Lausanner Unternehmen Giotto.ai nicht in eine Abhängigkeit von amerikanischer oder chinesischer Technologie zu begeben. Das Spezielle daran: Es ist derart auf Effizienz getrimmt, dass es mit einem Bruchteil der Rechenleistung anderer Modelle auskommt und als tragbare Version fürs Büro als eine Art Workstation für 20-30 Mitarbeitende angeboten wird. Mittelfristig will das Unternehmen, das 2017 von einer Gruppe Mathematikern gegründet wurde, die sich von der ETH Lausanne her kennen, laut dem CEO Aldo Podestà (-40) ein eigenes Datencenter mit 5000 bis 10 000 Halbleitern – eine «KI-Fabrik» bauen.

Einzigartiger Ansatz oder Wunschdenken
Giotto.ai verfolgt dabei einen Ansatz, der sich scheinbar von jenem der grossen KI-Anbieter unterscheidet. Diese versuchen alle Informationen der Welt in den Parametern ihrer Modelle zu speichern. Giotto dagegen löst sozusagen das Gedächtnis aus dem Sprachmodell heraus, so dass es mit bloss 50 Gigabyte Daten auskommt – anstatt mehrere Terabyte zu beanspruchen. Das KI-System von Giotto.ai wisse nicht alles, suche sich die notwendigen Informationen aber einfach zusammen, wohl aus dem Internet wie die anderen Modelle. Viele der Unternehmen, die sich für die KI von Giotto.ai entschieden, machten sich Sorgen darüber, dass ihre Mitarbeitenden auf eigene Faust KI-Systeme verwenden könnten, sagt Podestà. Um kritische Prozesse jedoch sicher auf ihrer KI laufen zu lassen, müssen IT-Verantwortliche (Mitarbeitende) jederzeit überwachen können, was die KI tue. Das ist umso wichtiger, als diese unbeschränkten Zugang zu internen Daten und IT-Systemen hat, und wohl auch auf das Internet. Dieses wurde als Netzwerk voller Redundanzen dahingehend entwickelt, uns das weltweite Wissen (das Gedächtnis) zugänglich zu machen. Ausser in totalitären Regimen, wo der Zugang zum Internet gesperrt ist, wird man solche «Insellösungen» kaum kontrollieren können. Und einmal im Netz veröffentlichte Daten werden nie mehr gelöscht. Wir Menschen füttern gewollt oder ungewollt diese riesige Datenbank täglich mit Trillionen von Token, mit oder ohne Überwachung.

Art Basel 2026, Ai Weiwei (69), chinesischer Künstler: Schafende Venus mit Kleiderbügel (unten links) 2022, Lego Bausteine, 3 x 5 Meter. Bild: WKR

KI – Sprache als gesellschaftliche Differenzierung
Heraufbeschwört wird die drohende Abhängigkeit von amerikanischer oder chinesischer Technologie mit der Forderung nach lokal kontrollierter KI. Anstelle weltweiter Verbindung von Wissen und Ideen, wird eine Souveränität Europas gefordert. Argumentiert wird mit Nutzungsgebühren an amerikanische Unternehmen für Cloud und Hardware. Wenn man auch noch für KI-Dienste bezahlen müsse, die dann im Gegenzug Arbeitsstellen ersetzten, «gefährden wir unser gesamtes System», meint Aldo Podestà. KI basiert auf grossen Sprachmodellen LLM, was für mich ein Ansatz zur Differenzierung darstellt. Eine Überlegung wäre es wert, anstelle das Gedächtnis aus dem Sprachmodell, das Sprachmodell aus dem Gedächtnis zu lösen. Damit liessen sich länderspezifische Modelle generieren. Die Qualität der Daten wäre lokal beeinflussbar. Den Aufstieg von KI vergleicht Andrew Ng (50) Gründer und CEO von Landing AI, in seinem TED talk vom April 2022, mit dem Aufstieg der Alphabetisierung. Vor einigen hundert Jahren glaubten viele Menschen, es müssten nicht alle lesen und schreiben können. Es reichte aus, dass die Hohepriester, Priesterinnen und Mönche die heilige Schrift lesen konnten.

Demokratisierung von Sprachmodellen
Die Menschen hörten den Hohepriestern und Priesterinnen beim Vorlesen zu. Glücklicherweise hat man inzwischen erkannt, dass wir eine viel reichere Gesellschaft erhalten, wenn viele Menschen lesen und schreiben können. Damit zeichnet sich ein neuer Weg ab, KI-Systeme zu entwickeln, die mehreren von uns die Teilhabe ermöglichen. So wie Stift und Papier, der Steintafel und Meissel technologisch weit überlegen, massgeblich zur Alphabetisierung beigetragen haben, entstehen neue KI-Entwicklungsplattformen, die den Fokus von der Programmierung auf die Datenbereitstellung verlagern. Eine Demokratisierung der Sprachmodelle. Bleiben würde die weltweite Verbindung von Wissen und Ideen. Menschen (IT-Verantwortliche) als «Gatekeeper» solcher Systeme, bleiben wegen Personalfluktuationen eine Schwachstelle. Damit steht und fällt das Ganze mit dem Generieren von Daten durch uns Menschen. Wobei wir wieder bei den kompetenten «Alten» im Team wären, die dank ihrer Erfahrung und Geschichtsbewusstsein (Gedächtnis) einen Beitrag zur Entwicklung der Systeme leisten.

Art Basel 2026, Ai Weiwei (69), chinesischer Künstler: Detail aus schafende Venus mit Kleiderbügel 2022, Hunderttausende Lego Bausteine. Bild: WKR

KI-Anfragen auf dem iPhone verarbeiten
Die KI in unserer Tasche ist nicht mehr wegzudenken. Wie Marie-Astrid Langer (41) aus Cupertino in der NZZ vom 9.Juni.2026 berichtete, stellte Apple an der diesjährigen Entwicklerkonferenz seine neue KI vor. Dreieinhalb Jahre nach dem Beginn der KI-Revolution präsentierte Apple den Sprachassistenten Siri, von Grund auf erneuert und künstlich intelligent. Hilfe bekommt der iPhone-Konzern ausgerechnet vom Konkurrenten Google. Doch Kunden in der EU können den Dienst wegen Überregulierung nicht nutzen. Die Schweiz sei davon nicht betroffen. Die neue «Siri-KI» kann über Programme hinweg auf Informationen von Nutzern zugreifen, Fragen beantworten und selbständig Aktionen ausführen – zum Beispiel Konzerttickets kaufen oder Nachrichten verfassen und versenden. Siri sei genauso mächtig wie Agenten, mit dem entscheidenden Unterschied, dass Siri nicht eigenständig handle, sondern nur auf Befehl der Nutzer. Siri soll auf jeder Apple-Plattform funktionieren, also auf dem Smartphone ebenso wie auf dem Tablet-Computer und gar Apples Virtual-Reality-Brille. Entscheidend ist dabei, dass Siri den Bildschirm der Nutzer erkennt und damit den Kontext einer Anfrage kennt. Wann immer möglich, sollen die KI-Anfragen lokal auf dem Handy verarbeitet werden. Reicht das nicht aus, greift Siri auf KI-Modelle in der Cloud zurück. Dafür hat sich Apple mit dem Konkurrenten Google zusammengetan, dessen KI-Modelle zu den führenden der Branche zählen. Auch in solchen Fällen seien die Daten der Nutzer geschützt, sagte Apples Software-Chef Craig Federighi (57). «Niemand, auch nicht Apple, kann ihre Anfragen sehen.»

Art Basel 2026, Messegelände, Bild WKR

Visionen sind die neue Realität
Ein weiterer Aspekt in der Diskussion über KI ist nicht zuletzt SpaceX. Elon Musk (54) setzte beim Börsengang vom 12. Juni 2026 neue Massstäbe. Wie Thomas Fuster (59), in der NZZ vom 5. Juni 2026 vorhersah, wäre Musk nicht Musk, wenn er beim Initial Public Offering IPO (Börsengang) nicht einige ungeschriebene Regeln der Wall Street gebrochen hätte. Zwar schreibt SpaceX noch immer Verluste – und Aktionäre müssen darauf zählen, dass sich Musks Visionen irgendwann in Gewinne ummünzen lassen. Die Technologien, die SpaceX einzigartig machen, sind Pläne für die Besiedelung von Mars, Satelliten-Internet, Rechenzentren im All, gigantische Raketen und künstliche Intelligenz. Visionen, welche in der Schweiz sofort zerredet würden. Musk hingegen gelang der Sprung zum reichsten Mensch der Welt mit einem Vermögen von einer Billion Dollar, wenn man seine Beteiligung am Autohersteller Tesla dazu zählt. Kapitalbedarf besteht vor allem beim Ausbau der Infrastruktur für künstliche Intelligenz, Raketentechnologien und das Satellitennetzwerk. Gemäss einer fiktiven Einkaufstour in der Schweiz, NZZ vom 13. Juni 2026, liesse sich der Wert einiger der grössten Firmen, Wahrzeichen dessen, wofür die Schweiz international bekannt ist, im Vermögen eines einzelnen Mannes abbilden. Am Ende besässe Musk einen Flughafen, einen Schokoladenhersteller, Uhren, Bergbahnen, Pharmafirmen und eine Grossbank. Vieles, was die Schweiz ausmacht, und mit dem verbleibenden Geld wäre die Bezahlung eines Taschengelds für jeden Einwohner und jede Einwohnerin der Schweiz von 7’900 Franken möglich.

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#472 – Führungskräfte: «Alte» Patrons und KI

Künstliche Intelligenz KI macht Führungskräfte effizienter
Wir müssen unsere Art, zu führen, anpassen, unsere Art, Unternehmen zu managen. Mikołaj Jan Piskorski (53) ist Professor für digitale Strategie, Analytik und Innovation, sowie Dekan für Executive Education am International Institute for Management Development, kurz IMD, in Lausanne. Er gilt als Experte für digitale Strategie, Plattformstrategien und digitale Transformation. Im Interview von Bernhard Bieler im NZZ Story Lab, unter dem Titel: «Die Besten nutzen Schocks für die Zukunft», erklärt er weshalb künstliche Intelligenz KI den persönlichen Austausch für Führungskräfte nicht weniger wichtig, sondern noch wichtiger macht. Führungskräfte müssen Krisen bewältigen und gleichzeitig Zukunft gestalten. Seit Covid, den Kriegen in der Ukraine und im Iran sowie den Zollumwälzungen seitens der USA haben die geopolitischen Unsicherheiten erheblich zugenommen. Der Managementjob hat sich in einer Weise verändert, mit der die meisten Führungskräfte noch nicht ganz Schritt gehalten haben. Politisches Verständnis war früher nützlich, heute ist es unverzichtbar. Man kann kein grosses Unternehmen führen, ohne zu verstehen, wie Entscheidungen in Riad, Delhi, Abu Dhabi oder Peking getroffen werden.

Erfahrung schlägt kodifiziertes Wissen
KI macht erfahrene Führungskräfte effizienter in ihrer Arbeit, und sie hilft uns, neue Wege zu finden. Vor zehn Jahren bestand die Aufgabe darin, Ergebnisse zu liefern. Heute besteht die Aufgabe darin, Ergebnisse zu liefern und gleichzeitig mit demselben Team Neues zu entwickeln. Dabei ist zu beachten, dass KI das Generische noch stärker zur Massenware macht. Deshalb, je mehr generische Inhalte es gibt, desto wertvoller wird das Spezifische. Die Forschung erklärt uns, dass frisch erlerntes Wissen (kodifiziertes Wissen) leichter durch KI ersetzt werden kann als langjährige praktische Erfahrung, Kompetenz und Intuition (nicht kodifiziertes Wissen). Erfahrung schlägt kodifiziertes Wissen. Wenn diese Erfahrung auf Neugierde, Veränderungsbereitschaft und Technologieaffinität trifft, entstehen für uns «Alte» besonders wertvolle Qualifikationsprofile.

Fabrik der Zukunft: Boston Consulting Group BCG, Mai 2026

Dauerstress und fundamentaler Wandel
In der Westschweiz gebe es den Spruch «La Suisse se lève tôt, mais elle se réveille tard» – die Schweiz steht früh auf, aber erwacht spät. Peter A. Fischer (60), Journalist und Chefökonom, Co-Leitung NZZ Pro, sieht im Beitrag der NZZ vom 4. Juni 2026 dunkle Wolken am KMU-Horizont. Die Stimmung unter den Unternehmen sei so pessimistisch wie seit dem Jahr 2021 nicht mehr. Vielen Firmen fallen strategische Anpassungen zunehmend schwer. So agil sich die Unternehmen auch geben, so sehr hat eine substanzielle Minderheit zunehmend Mühe, mit dem Dauerstress und dem fundamentalen Wandel umzugehen, der nach strategischer Veränderung ruft. Trotzdem dürfe man diesen Wandel nicht als Bedrohung begreifen, müsse vor allem innovativ sein, findet ein Betroffener. Um erfolgreich zu bleiben muss die Schweizer Industrie immer wieder mit neuen Produkten an den Markt gehen und sich dabei auf zahlungsbereite, anspruchsvolle Nischen konzentrieren. Viele Unternehmer machen sich Sorgen um den Erhalt der industriellen Basis in der Schweiz. Das Land muss aufwachen, bevor es zu spät ist.

Die Fabrik der Zukunft
Im Boston Consulting Group BCG Manufacturing Bericht vom 28. Mai 2026, weisen Daniel Kuepper, Romain Pavy-Biraud, Mouhcine Berrada, Alex Yurek, and Mei-Jung Chen den Weg wie dies gelingen kann. Die «Factory of the Future FoF» transformiert die Produktion ganzheitlich. Sie schafft Wert durch von Grund auf neu gestaltete Prozesse, die über isolierte Automatisierung oder KI-gestützte Anwendungsfälle hinausgehen. Dabei gilt, die Orchestrierung verschiedener Fähigkeiten zu einer kohärenten, integrierten Neugestaltung, um Materialfluss, Maschineninteraktion, Entscheidungsfindung und Variabilitätsmanagement zu optimieren. Verbesserungen in einem Teil der Fabrik verstärken die Verbesserungen in anderen Bereichen und erzeugen so einen kumulativen Effekt im gesamten Betrieb. Mit den veränderten Umstellungskosten ändert sich auch die relative Wettbewerbsfähigkeit der Standorte. Es geht nicht mehr darum, wo die Arbeitskräfte am günstigsten sind, sondern darum, ob die Modernisierung zu einer Fabrik der Zukunft einer Verlagerung an einen kostengünstigeren Standort überlegen ist. Um diese Frage zu beantworten, müssen verschiedene Dimensionen nacheinander bewertet werden: beginnend mit den Anforderungen an die Resilienz, dann die Kostenauswirkungen, die qualitative Bereitschaft, insbesondere in Bereichen wie digitaler Infrastruktur und Arbeitskräftepotenzial und der breitere Geschäftskontext. Wir «Alten» stehen dabei mit unserer Erfahrung gerne zur Verfügung.

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#471 – Die kraftvolle Kompetenz der «Alten»

Erfahrene «Alte» profitieren von KI
Künstliche Intelligenz KI war ein Thema unter vielen beim kürzlichen Abendessen mit Alumni meiner Alma Mater. Erstaunt haben mich die Ängste vor der Technologie, die ich auch unter den jüngeren Teilnehmenden, der Generation Y (Millenials, geboren zwischen 1981 und 1995), spürte. Viele von ihnen arbeiten in der Forschung, im Bankensektor oder als Anwält:innen. Dabei sprachen wir nicht über die Zukunft, sondern wie gewollt oder ungewollt wir bereits mit den Auswirkungen der KI auf unseren Alltag leben. Wir erleben einen besonderen Moment in der Technologiegeschichte, eine «grüne Wiese» voller neuer Rollen, neuer «heissen Themen» und neuen Chancen für unsere Karrieren, schrieb Prof. Dr. Yasmin Weiß (46) auf LinkedIn am 3. Juni 2026. Vieles spricht dafür, dass gerade Berufserfahrene von den KI-Chancen besonders profitieren können. Entgegen der Intuition: Aktuelle Zahlen zeigen, dass ausgerechnet die Jüngeren derzeit nicht zu den Profiteuren der KI-Transformation zählen.

KI Verstehen
Wenn ich mit Leuten über künstliche Intelligenz spreche, höre ich oft von Laien: «Ich verstehe KI nicht». Auch Experten sagen: «Ich verstehe KI nicht, und niemand sonst auch». Mit dieser Feststellung begann Helen Toner (34) ihren TED April 2024 Vortrag (11:16) mit dem Titel «Wie man KI steuert – auch wenn Vorhersagen schwierig sind». Eine grosse Herausforderung beim Aufbau künstlicher «Intelligenz» besteht darin, dass sich niemand darüber einigen kann, was es eigentlich bedeutet, intelligent zu sein. Aber lassen wir uns zunächst nicht einschüchtern. Weder von der Technologie selbst, noch von den Menschen und Unternehmen, die sie entwickeln. Meine Lieblings-KI «Claude» von Anthropic weiss dazu: KI ist Software, die Aufgaben übernehmen kann, die wir normalerweise menschlicher Intelligenz zuschreiben – wie Sprachverständnis, Bilderkennung oder Entscheidungsfindung. Sie kann programmieren, Gedichte schreiben, Geschäftsprobleme analysieren und uns bei der Autoreparatur helfen. Die drei Stärken der KI sind die Mustererkennung, trainiert mit millionenfachen Beispielfbildern, Textgenerierung aus Milliarden von Sprachsätzen oder die Entscheidungsfindung durch Vergleichen von Möglichkeiten. KI ist ein System, das aus Beispielen lernt, um Vorhersagen zu treffen oder Ergebnisse zu generieren – sie findet Muster in Daten, so wie Menschen Muster in ihren Erfahrungen finden. Aber sie ist keine Magie, sie hat kein Bewusstsein – sie versteht Dinge nicht wie Menschen, besitzt keinen gesunden Menschenverstand oder Gefühle und kann sich irren. Doch das Potenzial der KI reicht weit darüber hinaus. KI ermöglicht es uns bereits, Sprachbarrieren zu überwinden oder Proteinstrukturen vorherzusagen.

KI generiert, der Mensch kreiert
Menschen werden auch weiterhin relevant bleiben. Denn da geht es um Inspiration, Ideen und Kreativität. KI generiert aus Daten, das ist nicht dasselbe wie Kreieren aus dem Nichts. KI baut auf Daten auf, die im Netz zu finden sind. Diese sind zu 90% durchschnittlich und damit besteht die Gefahr einer qualitativen Abflachung, der wir nur entgegenwirken können, indem wir bessere Datensätze generieren und online stellen. Wir müssen mit der KI über Ästhetik, Qualität, Wirkung und Wahrnehmung kommunizieren. Das ist eine Sisyphusarbeit, aber auch sehr spannend. Für uns «Alte» tun sich hier Möglichkeiten auf, unsere Erfahrung als Mentor:innen, Coaches, oder Sparringspartner in solchen Projekten einzubringen.

Bild: Boston Consulting Group Newsletter vom 3. Juni 2026

Zukunft der Arbeit, Zukunftskompetenzen
Yasmin Weiß erwähnt eine aktuelle Studie der Universität Stanford, in der Millionen US-amerikanische Beschäftigungs- und Gehaltsdaten analysiert worden sind, die zeigt: In sogenannten «KI-exponierten Berufen» ist die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen seit Ende 2022 um rund 13 Prozent gesunken. Diese signifikante Reduktion der Beschäftigung betrifft damit genau die Altersgruppe der Hochschulabsolventen. Gleichzeitig bleiben die Zahlen älterer Beschäftigter recht stabil. Die Forscher erklären das damit, dass frisch erlerntes Wissen (kodifiziertes Wissen) leichter durch KI ersetzt werden kann als langjährige praktische Erfahrung und Intuition (nicht kodifiziertes Wissen). Erfahrung sticht kodifiziertes Wissen. Wenn diese Erfahrung auf Neugierde, Veränderungsbereitschaft und Technologieaffinität trifft, entstehen für uns «Alte» besonders wertvolle Qualifikationsprofile. Diese sind per se auch nicht an eine Alterskohorte gekoppelt, sondern an Denkweisen, Fähigkeiten und gesammelten Erkenntnissen. In der Kombination aus Kompetenz mit Offenheit und Veränderungsbereitschaft liegt grosses Potenzial für beruflichen Erfolg.

Menschliches Handeln als kraftvolle Kompetenz
Yasmin Weiß ist überzeugt, dass auch wir «Alten» die KI-Transformation als grösstes berufliches Geschenk werden nutzen können. Unsere Berufserfahrung ermöglicht die Kombination von menschlichem Handeln mit KI, wo wir das KI-agentische Zeitalter betreten und immer mehr mit autonom agierenden KI-Assistenten konfrontiert werden. Menschliches Handeln zählt zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen und beschreibt die Kontrollfähigkeit in unserer Zusammenarbeit mit KI. Die Professorin unterscheidet dabei drei Bereiche: Problemformulierung, KI-Steuerung und menschliches Urteilsvermögen. Viele Menschen scheitern bereits an der einfachen Regel «Denken vor dem Prompten» und definieren das Problem nicht klar.

Kritisches Denken lässt sich nicht überspringen
Bei der KI-Steuerung geht es um die Definition eines klugen Zusammenarbeits-modells zwischen humaner und künstlicher Intelligenz. Dafür braucht es ein gutes Gespür für die eigenen Stärken und Schwächen und den Grenzen der KI. Viele Menschen lassen zu Beginn der Zusammenarbeit den Schritt der «Diskrepanzanalyse» aus, der aber wichtig ist: Damit ist gemeint, die zu delegierende Aufgabe, aus Erfahrung zunächst herkömmlich zu lösen, dann den Prozess durch Einsatz von KI zu automatisieren und schliesslich die Ergebnisse zu vergleichen. Erst durch diese Analyse lässt sich einschätzen, wie Leitplanken und Kontrollpunkte durch uns Menschen zu definieren sind. Das kritische Bewerten der Ergebnisse ist auch eine Aufgabe für uns «Alte» und beruht auf menschlichem Urteilsvermögen, Evaluierung, menschlichem Veredeln der Ergebnisse sowie die Übernahme der Gesamtverantwortung. Gerade hier wird die Bedeutung von Erfahrung besonders deutlich, die sich auch in menschlicher Intuition zeigt. Damit ist das Gespür gemeint, wo man als Mensch «nachfassen» und «aufpassen» muss, damit die Ergebnisse eine hohe Qualität haben.

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