Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#473 – KI und die Erinnerung von uns «Alten»

«Tragbare» KI
Die Diskussionen rund um künstliche Intelligenz KI und ihren Einfluss auf die Zukunft unserer Arbeit, fokussieren meiner Meinung nach auf zuviele Nebenschauplätze: Persönlichkeitsschutz, rechtliche Regulierungen, Zugriffsbeschränkungen, Gebühren oder den Einsatz im Schulbetrieb. Bei aller Relevanz solcher Überlegungen, stehen wir erst am Anfang einer technologischen Revolution, ohne genau zu wissen wohin die Reise gehen wird. Es werden Hemmnisse aufgebaut und Entwicklungen mitten in ihrer Entstehung gebremst. Natürlich liest es sich schön, wenn der Wirtschaftsjournalist Markus Städeli (52), in der NZZ vom 19. Mai.2026 verkündet, wie die Lausanner Firma «Giotto.ai», die mit der Schweizer Armee zusammenarbeitet, ihr ganz auf Effizienz getrimmtes KI-Modell lanciert. Es biete «Fähigkeiten auf Silicon-Valley-Niveau», versprechen seine Macher mit Nachdruck auf das kalifornische Tal, immernoch Massstab aller Modelle. Gerne wird übersehen, wie das Rennen um die grossen Sprachmodelle in den USA und China entschieden wird. Europa hat es gar nicht erst aus den Startblöcken geschafft. Trotzdem brauchen sich europäische Firmen oder Behörden gemäss dem Lausanner Unternehmen Giotto.ai nicht in eine Abhängigkeit von amerikanischer oder chinesischer Technologie zu begeben. Das Spezielle daran: Es ist derart auf Effizienz getrimmt, dass es mit einem Bruchteil der Rechenleistung anderer Modelle auskommt und als tragbare Version fürs Büro als eine Art Workstation für 20-30 Mitarbeitende angeboten wird. Mittelfristig will das Unternehmen, das 2017 von einer Gruppe Mathematikern gegründet wurde, die sich von der ETH Lausanne her kennen, laut dem CEO Aldo Podestà (-40) ein eigenes Datencenter mit 5000 bis 10 000 Halbleitern – eine «KI-Fabrik» bauen.

Einzigartiger Ansatz oder Wunschdenken
Giotto.ai verfolgt dabei einen Ansatz, der sich scheinbar von jenem der grossen KI-Anbieter unterscheidet. Diese versuchen alle Informationen der Welt in den Parametern ihrer Modelle zu speichern. Giotto dagegen löst sozusagen das Gedächtnis aus dem Sprachmodell heraus, so dass es mit bloss 50 Gigabyte Daten auskommt – anstatt mehrere Terabyte zu beanspruchen. Das KI-System von Giotto.ai wisse nicht alles, suche sich die notwendigen Informationen aber einfach zusammen, wohl aus dem Internet wie die anderen Modelle. Viele der Unternehmen, die sich für die KI von Giotto.ai entschieden, machten sich Sorgen darüber, dass ihre Mitarbeitenden auf eigene Faust KI-Systeme verwenden könnten, sagt Podestà. Um kritische Prozesse jedoch sicher auf ihrer KI laufen zu lassen, müssen IT-Verantwortliche (Mitarbeitende) jederzeit überwachen können, was die KI tue. Das ist umso wichtiger, als diese unbeschränkten Zugang zu internen Daten und IT-Systemen hat, und wohl auch auf das Internet. Dieses wurde als Netzwerk voller Redundanzen dahingehend entwickelt, uns das weltweite Wissen (das Gedächtnis) zugänglich zu machen. Ausser in totalitären Regimen, wo der Zugang zum Internet gesperrt ist, wird man solche «Insellösungen» kaum kontrollieren können. Und einmal im Netz veröffentlichte Daten werden nie mehr gelöscht. Wir Menschen füttern gewollt oder ungewollt diese riesige Datenbank täglich mit Trillionen von Token, mit oder ohne Überwachung.

Art Basel 2026, Ai Weiwei (69), chinesischer Künstler: Schafende Venus mit Kleiderbügel (unten links) 2022, Lego Bausteine, 3 x 5 Meter. Bild: WKR

KI – Sprache als gesellschaftliche Differenzierung
Heraufbeschwört wird die drohende Abhängigkeit von amerikanischer oder chinesischer Technologie mit der Forderung nach lokal kontrollierter KI. Anstelle weltweiter Verbindung von Wissen und Ideen, wird eine Souveränität Europas gefordert. Argumentiert wird mit Nutzungsgebühren an amerikanische Unternehmen für Cloud und Hardware. Wenn man auch noch für KI-Dienste bezahlen müsse, die dann im Gegenzug Arbeitsstellen ersetzten, «gefährden wir unser gesamtes System», meint Aldo Podestà. KI basiert auf grossen Sprachmodellen LLM, was für mich ein Ansatz zur Differenzierung darstellt. Eine Überlegung wäre es wert, anstelle das Gedächtnis aus dem Sprachmodell, das Sprachmodell aus dem Gedächtnis zu lösen. Damit liessen sich länderspezifische Modelle generieren. Die Qualität der Daten wäre lokal beeinflussbar. Den Aufstieg von KI vergleicht Andrew Ng (50) Gründer und CEO von Landing AI, in seinem TED talk vom April 2022, mit dem Aufstieg der Alphabetisierung. Vor einigen hundert Jahren glaubten viele Menschen, es müssten nicht alle lesen und schreiben können. Es reichte aus, dass die Hohepriester, Priesterinnen und Mönche die heilige Schrift lesen konnten.

Demokratisierung von Sprachmodellen
Die Menschen hörten den Hohepriestern und Priesterinnen beim Vorlesen zu. Glücklicherweise hat man inzwischen erkannt, dass wir eine viel reichere Gesellschaft erhalten, wenn viele Menschen lesen und schreiben können. Damit zeichnet sich ein neuer Weg ab, KI-Systeme zu entwickeln, die mehreren von uns die Teilhabe ermöglichen. So wie Stift und Papier, der Steintafel und Meissel technologisch weit überlegen, massgeblich zur Alphabetisierung beigetragen haben, entstehen neue KI-Entwicklungsplattformen, die den Fokus von der Programmierung auf die Datenbereitstellung verlagern. Eine Demokratisierung der Sprachmodelle. Bleiben würde die weltweite Verbindung von Wissen und Ideen. Menschen (IT-Verantwortliche) als «Gatekeeper» solcher Systeme, bleiben wegen Personalfluktuationen eine Schwachstelle. Damit steht und fällt das Ganze mit dem Generieren von Daten durch uns Menschen. Wobei wir wieder bei den kompetenten «Alten» im Team wären, die dank ihrer Erfahrung und Geschichtsbewusstsein (Gedächtnis) einen Beitrag zur Entwicklung der Systeme leisten.

Art Basel 2026, Ai Weiwei (69), chinesischer Künstler: Detail aus schafende Venus mit Kleiderbügel 2022, Hunderttausende Lego Bausteine. Bild: WKR

KI-Anfragen auf dem iPhone verarbeiten
Die KI in unserer Tasche ist nicht mehr wegzudenken. Wie Marie-Astrid Langer (41) aus Cupertino in der NZZ vom 9.Juni.2026 berichtete, stellte Apple an der diesjährigen Entwicklerkonferenz seine neue KI vor. Dreieinhalb Jahre nach dem Beginn der KI-Revolution präsentierte Apple den Sprachassistenten Siri, von Grund auf erneuert und künstlich intelligent. Hilfe bekommt der iPhone-Konzern ausgerechnet vom Konkurrenten Google. Doch Kunden in der EU können den Dienst wegen Überregulierung nicht nutzen. Die Schweiz sei davon nicht betroffen. Die neue «Siri-KI» kann über Programme hinweg auf Informationen von Nutzern zugreifen, Fragen beantworten und selbständig Aktionen ausführen – zum Beispiel Konzerttickets kaufen oder Nachrichten verfassen und versenden. Siri sei genauso mächtig wie Agenten, mit dem entscheidenden Unterschied, dass Siri nicht eigenständig handle, sondern nur auf Befehl der Nutzer. Siri soll auf jeder Apple-Plattform funktionieren, also auf dem Smartphone ebenso wie auf dem Tablet-Computer und gar Apples Virtual-Reality-Brille. Entscheidend ist dabei, dass Siri den Bildschirm der Nutzer erkennt und damit den Kontext einer Anfrage kennt. Wann immer möglich, sollen die KI-Anfragen lokal auf dem Handy verarbeitet werden. Reicht das nicht aus, greift Siri auf KI-Modelle in der Cloud zurück. Dafür hat sich Apple mit dem Konkurrenten Google zusammengetan, dessen KI-Modelle zu den führenden der Branche zählen. Auch in solchen Fällen seien die Daten der Nutzer geschützt, sagte Apples Software-Chef Craig Federighi (57). «Niemand, auch nicht Apple, kann ihre Anfragen sehen.»

Art Basel 2026, Messegelände, Bild WKR

Visionen sind die neue Realität
Ein weiterer Aspekt in der Diskussion über KI ist nicht zuletzt SpaceX. Elon Musk (54) setzte beim Börsengang vom 12. Juni 2026 neue Massstäbe. Wie Thomas Fuster (59), in der NZZ vom 5. Juni 2026 vorhersah, wäre Musk nicht Musk, wenn er beim Initial Public Offering IPO (Börsengang) nicht einige ungeschriebene Regeln der Wall Street gebrochen hätte. Zwar schreibt SpaceX noch immer Verluste – und Aktionäre müssen darauf zählen, dass sich Musks Visionen irgendwann in Gewinne ummünzen lassen. Die Technologien, die SpaceX einzigartig machen, sind Pläne für die Besiedelung von Mars, Satelliten-Internet, Rechenzentren im All, gigantische Raketen und künstliche Intelligenz. Visionen, welche in der Schweiz sofort zerredet würden. Musk hingegen gelang der Sprung zum reichsten Mensch der Welt mit einem Vermögen von einer Billion Dollar, wenn man seine Beteiligung am Autohersteller Tesla dazu zählt. Kapitalbedarf besteht vor allem beim Ausbau der Infrastruktur für künstliche Intelligenz, Raketentechnologien und das Satellitennetzwerk. Gemäss einer fiktiven Einkaufstour in der Schweiz, NZZ vom 13. Juni 2026, liesse sich der Wert einiger der grössten Firmen, Wahrzeichen dessen, wofür die Schweiz international bekannt ist, im Vermögen eines einzelnen Mannes abbilden. Am Ende besässe Musk einen Flughafen, einen Schokoladenhersteller, Uhren, Bergbahnen, Pharmafirmen und eine Grossbank. Vieles, was die Schweiz ausmacht, und mit dem verbleibenden Geld wäre die Bezahlung eines Taschengelds für jeden Einwohner und jede Einwohnerin der Schweiz von 7’900 Franken möglich.

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#394 – Wir «Alten»: Geschichte ist Gegenwart

Umdenken ist angesagt
Die vergangenen Tage brachten viele von uns «Alten» zum Staunen. Was sich in der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch der ersten Novemberwoche in den USA abspielte, übertraf für manche das Vorstellungsvermögen. Das Ende von Demokratie, Wirtschaft oder Ethik bedeuten diese Vorkommnisse natürlich nicht. Vielmehr müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir uns in einer sich schnell verändernden Welt positionieren wollen. Die Zukunft gehört weder Nostalgikern noch Apokalyptikern. Sie gehört denen, welche die realen Probleme anpacken und die Menschen dabei mitnehmen – ohne dauererhobenen Zeigefinger und ohne populistischen Krawall (Eric Gujer, NZZ vom 8. November 2024). Was heisst es für KMUs bezogen auf die Konkurrenz, die Wettbwerbsfähigkeit im Markt und die Auswahl von Mitarbeitenden. Auch die Erfahrung und Kompetenz von uns «Alten» bei der Zusammensetzung von Teams gewinnt an Bedeutung. Die Moderne ist eine Geschichte des permanenten Wandels und damit des permanenten Verlusts. Neues entsteht, Altes verschwindet. Diese Verlusterfahrung hat sich jedoch seit der Jahrtausendwende akzentuiert (Eric Gujer, NZZ vom 8. November 2024).

Geschichte ist Gegenwart
Das Bollwerk der Traditionen ist im Laufe der Jahrzehnte vom Fortschrittsdenken geschleift worden. Heute muss progressiv sein, wer politisch ernst genommen werden will. Was der Gemeinschaft aber verlorengeht, ist der existenzielle Halt, den das historische Erbe bietet, schreibt Rudolf Taschner (71), im Gastkommentar, NZZ vom 23. September 2024. Dabei bezieht er sich auf Golo Mann (1909-1994), deutscher Historiker und Essayist. Dieser stellte 1965, anlässlich des 600-jährigen Bestehens der Universität Wien, in seinem Vortrag die Frage, ob man noch an Tradition und seit alters bestehenden Weltbildern und Tugenden festhalten solle oder aber jenen zuzustimmen sei, die «jeden Versuch, in unserer Epoche die Tradition, die Werte und Wertungen einer früheren Epoche aufrechtzuerhalten und wiederzubeleben, für hoffnungslos und hinderlich» erachten. Die sich gegen Tradition und Besinnung auf unsere Wurzeln aussprechen, stellen fest, so Golo Mann, «dass wir aus der Vergangenheit nichts mehr lernen können, dass sie uns nichts mehr sagt und dass sie uns nichts mehr hilft. Wer heute noch Tradition aufrechterhalten will, der kämpft im besten Fall ein hoffnungsloses Rückzugsgefecht.» Denn wir leben in der Ära der Entwurzelung.

Standhaft auch in der Ära der Entwurzelung: Steinfiguren beim Wiener Parlamentsgebäude. NZZ Bild: Karlheinz Irlmeier, Imago

Entwurzelung und Geschichtsvergessenheit
Geschichtsverlorenheit geht mit einem schier unaufhaltsamen Zug zur «Infantilisierung», lockere Beziehungen und Intoleranz gegenüber Meinungs-verschiedenheiten, einher. Doch wie kann man reifen, wenn man nicht Wurzeln schlägt? Schreibt Taschner weiter. Die Indizien der zunehmenden Unreife sind unübersehbar: Das beginnt beim Duzen von Wildfremden. Werbetexte oder Handy-Mitteilungen verwenden immer öfter das Du. Obwohl man das Gegenüber nicht einmal kennt, scheint es doch einen lieb zu haben. Widerspruch erträgt man nicht mehr. Wer die eigene Meinung nicht teilt, den mag man nicht mehr. In Debatten werden Unliebsame ausgeschlossen, weil sie Gefühle verletzen könnten. Nicht Herrschaft, sondern Dienstleistung wird vom Staat erwartet. Dieser hat nicht nur Sicherheit, Freiheit und Fairness zu gewährleisten, er soll sogar für das gedeihliche Vorankommen seiner Bürger:innen von der Wiege bis zur Bahre sorgen. Mit Beihilfen, mit Förderungen, mit Bonuszahlungen, mit freiem Schul- und Universitätszugang, mit Absicherung bei sozialem Bedarf, im Krankheitsfall, im Alter und so weiter.

Demokratie genügt nicht zur «Einwurzelung»
Gerne wird darauf geantwortet, Demokratie reiche aus, die Zukunft eines von der Vergangenheit losgerissenen Gemeinwesens zu meistern. Das ist falsch, denn Demokratie ist nicht einmal ein Wert. Sie ist lediglich ein Verfahren der gewaltlosen Machtübergabe aufgrund eines Mehrheitsbeschlusses. Wohl aber wird Demokratie als Schlagwort missbraucht: Man selbst wähnt sich demokratisch, während man den Gegner als populistisch verunglimpft. Wobei populistisch vom Wort her das Gleiche wie demokratisch bedeutet. Der griechische Demos ist der lateinische Populus: das Volk, so Rudolf Taschner. Am allerwenigsten ist der Wokeismus, dem der Zeitgeist huldigt, dazu geeignet das entwurzelte Gemeinwesen zu stabilisieren. Der Staat verkommt zum Dienstleister, was Unsummen kostet, die auf Dauer nicht zu bezahlen sind. Abhilfe schüfe allein die Rückbesinnung auf die Tradition, die «Einwurzelung» – ein schönes, von Simone Adolphine Weil (1909-1943), französische Philosophin, Mystikerin und politische Aktivistin, geprägtes Wort.

Man muss die Vergangenheit kennen
Wie könnte dies gelingen? Wohl nur, wenn sich die geistigen Eliten des Landes, die in Bildungsinstitutionen, die an Universitäten und in den Schulen Wirkenden, aufraffen, das Erbe der Ahnen wieder ernst zu nehmen und es als Aufgabe und Verpflichtung zu betrachten. Ein letztes Mal zitiert Taschner Golo Mann: «Man muss die Vergangenheit kennen, um sich von der Zukunft nicht überwältigen zu lassen. Man muss das Alte kennen, gerade um zu unterscheiden, was im Neuen neu ist, was nicht mehr geht, was völlig anders gemacht werden muss. Ebenso auch: Was im Neuen alt ist und bleibend ist. Wie Menschen handelten und warum, was ihre Motive waren und wie sie sich mischten, Staatsräson und Tradition, Stolz und Rechthaberei, Gier, Furcht, Opportunismus, wie ihre Taten ihren Ideen widersprachen; das, zum allermindesten, lehrt uns das Studium der Geschichte und in diesem Sinn bleibt sie, wie Napoleon sie nannte, die wahre Philosophie. Wie man für die Gegenwart aus der Geschichte lernen soll und wie nicht, dafür gibt es kein Rezept; so wenig es eines gibt, um in der Literatur Tradition schöpferisch zu pflegen und die Klippe blossen Epigonentums oder snobistischer Künstelei zu vermeiden. Verwirklichung ist nun einmal immer Sache der Kunst, also der Person, nicht der Theorie.»

Wir brauchen mehr Verrücktheit
Der Technikoptimist Vinod Khosla (69), Indisch-amerikanischer Milliardär, Geschäftsmann und Risikokapitalgeber, glaubt an die weltverändernde Kraft «verrückter Ideen». Siehe dazu Blog #389 – «Alte» zur Zukunft der Technik». Er warnt uns vor Experte:innen, welche lediglich die Vergangenheit extrapolieren. Sie verhindern radikalen Fortschritt, weil sie linear denken. Sie denken nicht an das Unwahrscheinliche. Khosla glaubt nämlich, dass nur unwahrscheinliche Dinge wichtig sind. Aber wir wissen nicht, welche von diesen es sind. Unternehmer mit einer Leidenschaft für Visionen träumen ihre Träume und wagen dann etwas Verrücktes. Wir brauchen mehr Verrücktheit, um diese unwahrscheinlichen Träume wahr werden zu lassen. Dank unserer Weisheit, Gelassenheit, Erfahrung, Reife und Neugier sind kompetente «Alte» als Mentor:innen, Coaches oder Sparringspartner, willkommene Ergänzungen in gemischten Teams.

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#358 – Wir «Alten» gegen das Vergessen

Wozu Geschichte?
Auslöser für diesen Blogbeitrag war der Kommentar von Marc Tribelhorn in der NZZ am 29. Februar 2024: «Jugend ohne Geschichte: Vorwärts in die gedächtnisfreie Gesellschaft». Der Autor schreibt darüber, wie immer weniger junge Leute Geschichte studieren. Er sieht die Ursachen dafür in der bildungspolitischen Offensive bei den sogenannten Mint-Fächern. Die Logik des Arbeitsmarkts habe einen Einfluss, also die Forderung nach einer direkten ökonomischen Verwertbarkeit des erlernten Wissens, weshalb eher Medizin, Wirtschaft, Recht oder Informatik studiert würden. Für mich war es schon immer wichtig, Entwicklungen, wie beispielsweise die Anwendungen von KI künstlicher Intelligenz, in den geschichtlichen Kontext einer Gesellschaft einzuordnen. «Fortschritt» entsteht mehrheitlich durch iterative Weiterentwicklung bestehender Technologien. Wir «Alten» haben in unserem Leben vieles mitgestaltet und kennen die Geschichte aus Erfahrung, unser Vorsprung gegenüber den «Jungen». Oder wie es der Philosoph Ludwig Hasler (80) ausdrückt: «Das ist Erfahrung, und Erfahrung kann man nicht abkürzen. Es gibt keinen Bachelor in Erfahrung. Erfahrung ist realitätsgesättigtes Wissen.» Die Kulturpessimisten finden, dass die jungen Leute von heute immer weniger wissen, was nicht unbedingt mit dem neuen «kompetenzorientierten» Unterricht zu tun hat, denn auch dort braucht es Faktenwissen, schreibt Marc Tribelhorn. Deshalb liegt es an uns «Alten», diese «Wissenslücken» mit unserer Kompetenz, (Lebens-)Erfahrung und Reife schliessen. Unsere Seniorität erhebt den Anspruch unsere Handlungen als Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zu sehen.

Zukunft braucht Herkunft (Odo Marquard, deutscher Philosoph)
Geschichte ist die Schulung von Quellenkritik und Medienkompetenz, gerade angesichts von Fake News, Big Data und künstlicher Intelligenz, von Krieg und Antisemitismus. In ihrem 2024 erschienen Buch «Die sieben Weltwunder der Antike» beschreibt Bettany Hughes in ihrer Schlussfolgerung wie wir alle nach dem Sinn suchen. Für Geschichten mit Handlung. Für Veranstaltungen mit Muster. Wir lieben die Idee der sieben Wunder, weil es eine Gruppierung ist, die der Geschichte Zusammenhalt verleiht. Wunder erfüllen einen wichtigen dreifachen Zweck. Sie wurden teilweise gebaut, um unser Bedürfnis nach wundersamen Geschichten zu stillen – um das Grösste, das Beste, das Höchste, das Seltsamste, das Kühnste zu erleben und darüber zu sprechen. Sie erinnern uns an unseren überwältigenden Wunsch, zusammenzuarbeiten und etwas zu schaffen, das über die Möglichkeiten des Einzelnen hinausgeht. So wie die Zahl Sieben unteilbar ist, jede Sieben der anderen gleich ist und keiner ihrer Faktoren grösser ist als die anderen, so sagt uns jedes der sieben Wunder etwas gleichermassen Wichtiges über die menschliche Reise.

Lange lebe Max Headroom, Geeks and Beats Podcast von 2015

Geschichten schreiben
Daniel Perrin, Direktor des Departements Angewandte Linguistik, ZHAW und Beirat im Verein Edition Unik zum Thema die Geschichten der «Alten»: «Halten wir Sprache fest, können wir die Geschichten greifbar und begreifbar machen, die das Leben schreibt.» Die Edition Unik ist ein unabhängiges Schweizer Kulturprojekt. Ins Leben gerufen 2015 von Martin Heller (1952-2021) im Büro Heller Enterprises in Zürich und seit seinem Tod als Verein organisiert. Die Edition Unik begleitet uns interessierte «Alte» mit einem strukturierten Programm auf dem Weg zum eigenen Buch. Die Bücher werden professionell gestaltet, gedruckt und gebunden.

Max Headroom
Auch hier geht es um den Kampf gegen das Vergessen. Max Headroom ist eine satirische Cyberpunk-Science-Fiction-Fernsehserie, wo 1984 seine Figur als Ansager für Musikvideos des britischen Channel 4 fungierte. Produziert wurde die Serie von Lorimar Productions und spielt in einer futuristischen Dystopie, die von einer Oligarchie von Fernsehnetzwerken beherrscht wird, und beinhaltet eine digitale Medienpersönlichkeit, die von Matt Frewer dargestellte Figur «Max Headroom», welche der Hacker Bryce Lynch aus den Hirnströmen des im Koma liegenden Reporters Edison Carter generierte. Der Name erklärt sich daraus, dass Carter bei seinem Motorradunfall mit dem Kopf gegen eine Schranke mit der Aufschrift MAX. HEADROOM (englisch für lichte Höhe oder max. Durchfahrtshöhe) geprallt ist, und dieser Schriftzug das letzte war, was er sah, bevor er ins Koma fiel.

Max Headroom Animation GIF – Find & Share on GIPHY, 2015

Wir bringen Sand zum Denken
Ganz neue Möglichkeiten mit dem Umgang von Geschichte eröffnet die KI künstliche Intelligenz. Das gesamte Wissen der Welt lässt sich innert Sekunden nach unserem Gusto durchsuchen und gemäss unseren parametrisierten Wünschen abbilden. Der historische Materialismus der digitalen Sozialingenieure im Silicon Valley nimmt mystische Züge an, findet Adrian Lobe im Feuilletonbeitrag der NZZ vom 29. Februar 2024. Unter dem Titel: «Tech-Priester im Silicon Valley wollen nicht Gott sein, sie wollen Gott schaffen – und dann den perfekten Menschen». Während in den KI-Schmieden an neuen Sprachmodellen gewerkelt wird, läuft im Hintergrund ein Wettrennen um die nächste Entwicklungsstufe: Artificial General Intelligence (AGI). Eine Superintelligenz, die alles kann, was das menschliche Gehirn zu leisten vermag, wäre gewissermassen die Krone der Schöpfung, schreibt Lobe. Im «Techno-Optimist Manifesto», welches der Investor Marc Andreessen vor wenigen Monaten publiziert hat, bemerkt dieser: «Wir glauben, dass künstliche Intelligenz unsere Alchemie ist, unser Stein der Weisen – wir bringen buchstäblich Sand zum Denken.» Gemeint sind Computerchips, deren Basis Sand beziehungsweise Quarz ist und die KI-Systeme am Laufen halten. Google und Co. sind einst angetreten, das Wissen der Welt zur Verfügung zu stellen. Und jetzt kommt ein einflussreicher Investor, der Steine zum Denken bringen will? Das wirkt wie die Karikatur des Projekts der digitalen Moderne.

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kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

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