Künstliche Intelligenz im Alltag
Mein neuer Laptop, der sich per Fingerabdruck entriegeln lässt. Das Smartphone, das beim Bezahlvorgang mein Gesicht erkennt. Die Smartwatch die mir den Weg zu meiner Verabredung vorliest oder einen Telefonanruf haptisch ankündigt, den ich dann über mein Hörgerät entgegennehme. Ich zähle diese Unterstützungen im Alltag salopp zum Fortschritt der künstlicher Intelligenz KI. Millionen kluger Köpfe arbeiten weltweit daran, mich zu vereinnahmen. Wir «Alten», die in einer analogen Welt sozialisiert wurden, tun uns seit 50 Jahren schwer im Umgang mit der Digitalisierung. Für viele ist die aktuelle KI-Disruption eine weitere Blackbox, die Ängste schürt und zu utopischen Vorstellungen animiert. Bei nüchterner Betrachtung bietet die Technologie jedoch ungeahnte Möglichkeiten zur Vereinfachung unseres Lebens.

Die Maschinenstürmer des 21. Jahrhunderts
Im Beitrag von Alain Zucker, in der NZZ am Sonntag, vom 24. Mai 2026 mit dem Titel «Das Zerschlagen der Maschinen fühlt sich zunehmend logisch an»: Künstliche Intelligenz bringt die Maschinenstürmer zurück, beschreibt dieser wie ausgerechnet in den USA die Wut gegen KI eskaliert. Menschen sabotieren Roboter, blockieren Datenzentren und buhen Tech-Milliardäre aus: Der Widerstand gegen die künstliche Intelligenz nimmt zu – bis in die Schweiz. Drohen gewaltsame Aufstände wie zur Zeit der industriellen Revolution? Umso paradoxer wirkt es, dass es die Chefs der KI-Firmen selber sind, die mit apokalyptischen Prognosen zur Arbeitslosigkeit die heute grassierenden Ängste und das technologiefeindliche Klima befeuern. Gleichzeitig drücken sie aufs Gas und wehren sich gegen jede Regulierung. «Ihre Warnungen sind jedoch scheinheilig, sie wollen sich absichern, falls etwas schiefgeht», sagt Bruno Giussani (62), langjähriger Kurator bei der globalen TED-Konferenz, der die Dinge dramatischer sieht als der Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth (58) vom UBS Center for Economics an der Universität Zürich, und kritischen Widerstand für Pflicht hält. «Im Moment erscheint es unmöglich, die Entwicklungen zu verlangsamen; aber es würde uns die Zeit geben, zu verstehen, wie KI wirklich funktioniert und wie wir uns anpassen können, ohne die Kontrolle zu verlieren.»
Warum wir über KI nachdenken müssen
D. Scott Phoenix (43), der amerikanische Unternehmer und ehemalige Mitgründer und CEO von Vicarious, einem KI-Forschungsunternehmen, das von Elon Musk, Mark Zuckerberg und anderen finanziert wurde, sprach im TED2026Talk vom April 2026 (11:55) über die bevorstehende Verschmelzung von Mensch und Maschine. Er beleuchtet die Debatte über künstliche Intelligenz KI aus evolutionsbiologischer Perspektive und verschiebt die Frage von der Angst vor, oder der Akzeptanz von KI hin zur Frage, ob wir die Konsequenzen eines Fehlverhaltens verstehen. Angesichts der rasanten Veränderungen unserer Gesellschaft und der Weltordnung durch KI fühlen wir uns etwas orientierungslos. Aktuell befindet sich die KI auf der anderen Seite unseres Bildschirms, beantwortet freundlich unsere Fragen. Klappen wir den Laptop zu, ist sie verschwunden. Doch während unser Laptop geschlossen bleibt, verbessert die KI unsere Handlungen stetig. Je länger wir getrennt bleiben, bleibt die KI nicht mehr unser Werkzeug. Sie ersetzt uns, indem sie jede Woche intelligenter, schneller und kostengünstiger wird.
Die gute Nachricht
Eine Fusionierung von Mensch und Maschine ist nichts, was wir erst beschliessen müssen. Wir stellen einfach fest, dass wir schon mittendrin sind. Wann haben wir aufgehört, uns Telefonnummern zu merken? Es gab keinen bestimmten Moment, in dem wir beschlossen haben, diese zu vergessen. Sie wanderten einfach von unserem Kopf in die Tasche. Der Kalender folgte wahrscheinlich als Nächstes. Dann die kleinen Entscheidungen, die wir früher selbst treffen mussten. Das Werkzeug ist darin grossartig, also haben wir es einfach machen lassen. Und während etwas aus unserem Kopf verschwand, trat etwas Besseres an seine Stelle. Wir hörten auf, unsere Rechtschreibung zu überprüfen, und fingen an zu schreiben. Wir hörten auf, uns den Weg zu merken, und fingen an, darüber nachzudenken, was wir sagen würden, wenn wir ankommen.

Die Werkzeuge werden mit uns fusioniert
Wir beobachten, wie wir diese Werkzeuge immer näher zu uns heranholen. Der Grossrechner stand in einem ganz anderen Gebäude. Heute stellen wir das Notebook auf unseren Tisch, das Smartphone verschwindet in der Tasche, die Smartwatch ans Handgelenk, die Datenbrille aufs Gesicht. Jeder Schritt näher an unseren Verstand, näher an die Geschwindigkeit unserer Gedanken. Und selbst diese Grenze verschwimmt allmählich. Vielleicht ist uns nicht bewusst, wie die Technologie, die wir alle täglich nutzen, lernt, unsere Gedanken zu lesen. Das Gesichtserkennungs-system, mit dem wir unser Smartphone entsperren, wird nun in Kopfhörer und Brillen integriert, wo es mikroskopisch kleine Muskelbewegungen direkt unter unserer Haut erkennen kann – Bewegungen, die für das menschliche Auge unsichtbar sind. Das System, das uns zuerst erkannt hat, beginnt nun, in unser Inneres zu sehen.
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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