Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#479 – KI: verändertes Menschsein der «Alten»

KI und die Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts
Leider wird die Diskussion über KI in Presseberichten immer wieder als Bedrohung von Umwelt, Demokratie und Menschheit kolportiert. Logisch, denn betroffen vom Fortschritt der Technologie sind allen voran die Printmedien. Unter dem Titel: «Soziale Netzwerke und KI verdienen deutlich mehr Ablehnung, als ihnen derzeit entgegengebracht wird», beschreiben Kalina Oroschakoff (40+) und Ruth Fulterer (34) in der NZZ am Sonntag vom 26. Juli 2026, wie In der Schweiz die Aktivistengruppe Aufstände der Allmende zum «Grenzenlosen Widerstand gegen Datenzentren» aufrief. Es gelte das Netzwerk der «Tech-Oligarchen» zu überwerfen, gar anzugreifen. Im Kampf gegen die digitale Herrschaft schliessen die Aktivisten auch Gewalt nicht aus. Ob Roboter oder künstliche Intelligenz: Technologie provoziert Widerstand und die Schweizer Aktivisten sind mit ihrer Wut nicht alleine. Der Dozent für Humangeografie an der britischen University of Southampton, Dr. Thomas Dekeyser (30+), spricht im Interview mit den beiden Autorinnen von Techno-Negativität. Über die Ablehnung der Maschine hat er ein Buch geschrieben: Über Gegner der Technik, die es schon viel länger gibt als die Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts. Der Widerstand kann ökonomische oder moralische Gründe haben. Aber sehr oft sind die Gründe tief philosophisch. Menschen sorgen sich darum, wie eine Technologie das Menschsein verändert. Historisch gesehen ist bei KI einzigartig, dass die Verdrängung des Menschen aktiv willkommen geheissen wird. Leute wie Elon Musk feiern die Tatsache, dass wir nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer digitalen Superintelligenz sind. Seit den Ursprüngen des Kapitalismus sind die Verknüpfungen zwischen Technologie, dem Staat und dem Kapital enger geworden. Das bedeutet mehr Enthusiasmus für neue Technologien, denn die steigern die Renditen. Die jetzige Begeisterung für KI passt in dieses Raster. Vor dem Kapitalismus gab es eine zynischere Sicht, vor allem vonseiten des Staates. Automatisierung war den Mächtigen suspekt, weil man sich darum sorgte, dass die Arbeiter arbeitslos und hungrig auf die Strassen gehen würden, um sich zu erheben.

Der Brand der Corrodi-Fabrik in Ober-Uster von 1832 wurde in einer Druckgrafik verewigt.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Welche Menschen wollen wir mit Hilfe der künstlichen Intelligenz KI werden?
Zum Vergleich zwischen künstlicher Intelligenz KI und der Dampfmaschine im 18. Jahrhundert in meinem letzten Blog, schrieb Hanspeter Beerli (60+), Pädagoge und relationaler Coach im Mensch-KI-Zeitalter, über den entscheidenden Punkt: Eine neue Technologie verändert wenig, solange wir sie lediglich in die alte Architektur einbauen. Ein KI-Tutor für alle Lernenden könnte den starren Gleichschritt aufbrechen. Doch wenn weiterhin alle denselben Stoff, auf dieselbe Weise und für dieselben Prüfungen lernen, ersetzen wir vielleicht nur die zentrale Dampfmaschine durch einen elektrischen Motor. Die eigentliche Veränderung beginnt für ihn erst, wenn wir die Architektur des Lernens neu gestalten: individuelle Lernwege ermöglichen, ohne das gemeinsame Lernen aufzugeben; Wissen zugänglich machen und zugleich Urteilskraft, Verantwortung und Charakter wachsen lassen. Die entscheidende Frage wäre deshalb für ihn nicht nur: Wie kann KI Bildung beschleunigen? Sondern: Welche Menschen wollen wir mit ihrer Hilfe werden? Dabei ist das biologische Alter eines Menschen nicht wirklich ausschlaggebend. Es gibt genügend Junge, welche in antiquierten Denkmustern verharren. Kompetente und erfahrene «Alte» agieren als Mentoren oder Sparringspartner bei der Umsetzung künftiger Projekte.

Roy Lichtenstein (1923-1997), amerikanischer Pop-Künstler: 1968, Marschierende Soldaten, eingezwängt zwischen Maschinen, Waffen und Industrie – Kritik am Vietnamkrieg. Bild: Estate of Roy Lichtenstein/Rheinisches Bildarchiv, rba_d039366

Grösser als die industrielle Revolution
Die meisten Vorhersagen über die Zukunft der künstlichen Intelligenz liefern keinen Erkenntnisgewinn, sorgen aber für kollektive Verunsicherung. Mit dem Titel «Grösser als die industrielle Revolution»: 200 Ökonomen und Tech-Bosse warnen vor massiven Arbeitsplatzverlusten durch KI – selbst frühere Skeptiker sind nun alarmiert, schreibt Janique Weder (36) in der NZZ vom 14. Juli 2026, wie sich führende Wissenschafter besorgt über die möglichen wirtschaftlichen Folgen der künstlichen Intelligenz KI äussern. «Es findet eine Entwicklung statt, die wir nicht verstehen und nicht mehr wirklich kontrollieren können», sagt Beatrice Weder di Mauro (60), die schweizerisch-italienische Ökonomin und Präsidentin des Centre for Economic Policy Research (CEPR). Beispielsweise besonders leistungsfähige KI-Modelle, die von ihren Entwicklern nur eingeschränkt freigegeben werden. Wer keinen Zugang zu den fortschrittlichsten Systemen habe, könne rasch abgehängt werden. Michael Siegenthaler (41), Leiter des Forschungsbereichs Schweizer Arbeitsmarkt an der Konjunkturforschungsstelle (KOF), ist vorsichtiger. Ob KI zu Massenarbeitslosigkeit führen werde, sei «sehr umstritten», meint er. Tatsächlich sind gewisse Berufe mit einer hohen KI-Exposition bereits unter Druck geraten. Das sind etwa Teile der IT-Branche sowie für Stellen im Marketing und in der Kommunikation. In diesen Berufen ist die Arbeitslosigkeit in der Schweiz bereits deutlich gestiegen. Trotzdem, von einem flächendeckenden Beschäftigungsabbau könne deshalb keine Rede sein. Das bedeutet jedoch nicht, dass KI kein Risiko darstellt. Siegenthaler hält sie für mächtiger als frühere Technologien, weil sie potenziell einen grossen Teil der Arbeitswelt betreffe. Generative KI könne nicht nur einzelne Tätigkeiten ausführen, sondern zunehmend selbständig komplexe Computeranwendungen bedienen. In manchen Bereichen erreiche oder übertreffe sie die menschlichen kognitiven Fähigkeiten bereits. «Deshalb ist das Potenzial für Disruption höher als bei anderen Technologien.»

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#468 – Wir «Alten» müssen mit KI fusionieren

Künstliche Intelligenz im Alltag
Mein neuer Laptop, der sich per Fingerabdruck entriegeln lässt. Das Smartphone, das beim Bezahlvorgang mein Gesicht erkennt. Die Smartwatch die mir den Weg zu meiner Verabredung vorliest oder einen Telefonanruf haptisch ankündigt, den ich dann über mein Hörgerät entgegennehme. Ich zähle diese Unterstützungen im Alltag salopp zum Fortschritt der künstlicher Intelligenz KI. Millionen kluger Köpfe arbeiten weltweit daran, mich zu vereinnahmen. Wir «Alten», die in einer analogen Welt sozialisiert wurden, tun uns seit 50 Jahren schwer im Umgang mit der Digitalisierung. Für viele ist die aktuelle KI-Disruption eine weitere Blackbox, die Ängste schürt und zu utopischen Vorstellungen animiert. Bei nüchterner Betrachtung bietet die Technologie jedoch ungeahnte Möglichkeiten zur Vereinfachung unseres Lebens.

Marisol (María Sol Escobar, 1930–2016), venezolanisch-amerikanische Künstlerin: Selbstporträt, 1961–62. Retrospektive im Kunsthaus Zürich, 2026. Bild: © Nachlass von Marisol / Artists Rights Society (ARS), New York. Nathan Keay, © MCA Chicago

Die Maschinenstürmer des 21. Jahrhunderts
Im Beitrag von Alain Zucker, in der NZZ am Sonntag, vom 24. Mai 2026 mit dem Titel «Das Zerschlagen der Maschinen fühlt sich zunehmend logisch an»: Künstliche Intelligenz bringt die Maschinenstürmer zurück, beschreibt dieser wie ausgerechnet in den USA die Wut gegen KI eskaliert. Menschen sabotieren Roboter, blockieren Datenzentren und buhen Tech-Milliardäre aus: Der Widerstand gegen die künstliche Intelligenz nimmt zu – bis in die Schweiz. Drohen gewaltsame Aufstände wie zur Zeit der industriellen Revolution? Umso paradoxer wirkt es, dass es die Chefs der KI-Firmen selber sind, die mit apokalyptischen Prognosen zur Arbeitslosigkeit die heute grassierenden Ängste und das technologiefeindliche Klima befeuern. Gleichzeitig drücken sie aufs Gas und wehren sich gegen jede Regulierung. «Ihre Warnungen sind jedoch scheinheilig, sie wollen sich absichern, falls etwas schiefgeht», sagt Bruno Giussani (62), langjähriger Kurator bei der globalen TED-Konferenz, der die Dinge dramatischer sieht als der Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth (58) vom UBS Center for Economics an der Universität Zürich, und kritischen Widerstand für Pflicht hält. «Im Moment erscheint es unmöglich, die Entwicklungen zu verlangsamen; aber es würde uns die Zeit geben, zu verstehen, wie KI wirklich funktioniert und wie wir uns anpassen können, ohne die Kontrolle zu verlieren.»

Warum wir über KI nachdenken müssen
D. Scott Phoenix (43), der amerikanische Unternehmer und ehemalige Mitgründer und CEO von Vicarious, einem KI-Forschungsunternehmen, das von Elon Musk, Mark Zuckerberg und anderen finanziert wurde, sprach im TED2026Talk vom April 2026 (11:55) über die bevorstehende Verschmelzung von Mensch und Maschine. Er beleuchtet die Debatte über künstliche Intelligenz KI aus evolutionsbiologischer Perspektive und verschiebt die Frage von der Angst vor, oder der Akzeptanz von KI hin zur Frage, ob wir die Konsequenzen eines Fehlverhaltens verstehen. Angesichts der rasanten Veränderungen unserer Gesellschaft und der Weltordnung durch KI fühlen wir uns etwas orientierungslos. Aktuell befindet sich die KI auf der anderen Seite unseres Bildschirms, beantwortet freundlich unsere Fragen. Klappen wir den Laptop zu, ist sie verschwunden. Doch während unser Laptop geschlossen bleibt, verbessert die KI unsere Handlungen stetig. Je länger wir getrennt bleiben, bleibt die KI nicht mehr unser Werkzeug. Sie ersetzt uns, indem sie jede Woche intelligenter, schneller und kostengünstiger wird.

Die gute Nachricht
Eine Fusionierung von Mensch und Maschine ist nichts, was wir erst beschliessen müssen. Wir stellen einfach fest, dass wir schon mittendrin sind. Wann haben wir aufgehört, uns Telefonnummern zu merken? Es gab keinen bestimmten Moment, in dem wir beschlossen haben, diese zu vergessen. Sie wanderten einfach von unserem Kopf in die Tasche. Der Kalender folgte wahrscheinlich als Nächstes. Dann die kleinen Entscheidungen, die wir früher selbst treffen mussten. Das Werkzeug ist darin grossartig, also haben wir es einfach machen lassen. Und während etwas aus unserem Kopf verschwand, trat etwas Besseres an seine Stelle. Wir hörten auf, unsere Rechtschreibung zu überprüfen, und fingen an zu schreiben. Wir hörten auf, uns den Weg zu merken, und fingen an, darüber nachzudenken, was wir sagen würden, wenn wir ankommen.

MARISOL (María Sol Escobar, 1930–2016) Retrospektive im Kunsthaus Zürich, 2026. Foto: WKR

Die Werkzeuge werden mit uns fusioniert
Wir beobachten, wie wir diese Werkzeuge immer näher zu uns heranholen. Der Grossrechner stand in einem ganz anderen Gebäude. Heute stellen wir das Notebook auf unseren Tisch, das Smartphone verschwindet in der Tasche, die Smartwatch ans Handgelenk, die Datenbrille aufs Gesicht. Jeder Schritt näher an unseren Verstand, näher an die Geschwindigkeit unserer Gedanken. Und selbst diese Grenze verschwimmt allmählich. Vielleicht ist uns nicht bewusst, wie die Technologie, die wir alle täglich nutzen, lernt, unsere Gedanken zu lesen. Das Gesichtserkennungs-system, mit dem wir unser Smartphone entsperren, wird nun in Kopfhörer und Brillen integriert, wo es mikroskopisch kleine Muskelbewegungen direkt unter unserer Haut erkennen kann – Bewegungen, die für das menschliche Auge unsichtbar sind. Das System, das uns zuerst erkannt hat, beginnt nun, in unser Inneres zu sehen.

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