Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#467 – Kompetente «Alte»: Weiterhin gefragt

Informatik ist mehr als Code
Im Interview mit Christin Severin und Markus Städeli in der NZZ vom 29. April 2026, erklären der ETH-Informatikprofessor Adrian Perrig (54), Studiendirektor des Departements Informatik und der ETH-Dozent am Departement Informatik, Dr. Malte Schwerhoff, wieso Informatik weit mehr als Code ist und warum KI zwar vieles verändert, aber der Bedarf an menschlicher Expertise vielleicht sogar noch steigt. Das sind gute Nachrichten für uns kompetente «Alte». Zwischen Hype und Alarmismus wird die Zukunft der Arbeit gerade neu verhandelt. Die zwei Informatikexperten ordnen ein, wie realistisch die Ängste sind, wo KI an Grenzen stösst und warum die Superintelligenz noch ein Wunschtraum ist. Künstliche Intelligenz KI schreibt Code, entdeckt Sicherheitslücken und verändert ganze Branchen. Lohnt sich da ein Informatikstudium noch, wenn KI Software schreiben kann? Professor Perrig meint, wenn man einfache Systeme wie eine Website bauen will, kann man eine KI beauftragen, und das funktioniert recht gut. Aber grundsätzlich ist das so, als würde man seine Möbel selbst basteln, anstatt sie von einer Schreinerei oder aus der Fabrik zu beziehen. Denn die Programmentwicklung geht weit darüber hinaus, was KI heute kann.

KI muss man lernen, wie früher den Umgang mit dem PC
Die Erfordernisse an eine professionelle Software sind sehr hoch, sie muss ja auch laufend gewartet und mit Updates versehen werden. KI ersetzt keine Programmierer. Es handelt sich um ein neues Tool, das diese effizienter macht, aber Menschen braucht es weiterhin. Und vergessen wir nicht, dass es Informatiker sind, welche die KI weiterentwickeln. «Mythos» ist eine künstliche Intelligenz des amerikanischen Unternehmens Anthropic. Die KI sollte eigentlich Programmierern helfen, Code zu schreiben. Doch Anthropic warnte davor, dass das Modell eine mächtige Cyberwaffe sei. Das britische Institut für KI-Sicherheit hat die Fähigkeiten von Mythos getestet und die Resultate öffentlich gemacht: Das Modell Mythos könne Schwachstellen in Software selbständig entdecken. Besonders gut sei es darin, einen Weg zu finden, eine Sicherheitslücke in mehreren Schritten auszunutzen und ein IT-System zu übernehmen. Anthropic gab deshalb nur wenigen ausgewählten Firmen Zugriff auf Mythos, um die neue Software zu testen. So können sie Schwachstellen beheben, bevor Mythos veröffentlicht wird und auch von Hackern genutzt werden kan

David Szauder (50), ungarischer Künstler, unterstützt von künstlicher Intelligenz: «Willkommen in meiner surrealistischen KI-Welt», Ausschnitt – Kapitel vier – Babel, 2025

Menschliche Fähigkeiten werden immer wichtiger im KI-Zeitalter
Gemäss Schwerhoff ist der Knackpunkt, dass die KI so programmiert, dass der Mensch dies gar nicht mehr nachvollziehen kann. Wenn man KI-Agenten korrekten Code überprüfen lässt, dann korrigieren sie diesen Code in über 70 Prozent der Fälle. Und so entstehen zum Teil neue Schwachstellen. Je mehr Code da ist, umso mehr Fehler schleichen sich ein und umso schwieriger wird hinterher die Wartung. Die KI verschlimmbessert demzufolge den Code. Da braucht man menschliche Experten, die gegensteuern. Auch kompetente «Alte» die ein gutes Verständnis von der Situation haben, in der die Software genutzt wird, ergänzen Entwicklerteams bei der Arbeit. Wenn Menschen mit Erfahrung und Technologie zusammenarbeiten, kommt es zu wertvollen Synergien. Denn wir brauchen in Zukunft mehr Code als heute. Perrig bemerkt wie jede Technologieänderung für Verunsicherung sorgt. Das haben wir auch schon gesehen, als das Radio erfunden wurde, der Fernseher und so weiter. Natürlich bewirken neue Technologien Verschiebungen, führen aber immer auch zu neuen Handlungsspielräumen. Er sieht durchaus die Möglichkeit, dass es künftig noch mehr IT-Fachleute braucht als heute. Auch soziale Kompetenzen werden im KI-Zeitalter immer wichtiger. Dank unserer Seniorität übernehmen wir «Alten» auch die Verantwortung in Form eines «sozialen Gewissens».

Künstliche Intelligenz im Alltag
Mein neuer Laptop, der sich per Fingerabdruck entriegeln lässt, oder das Smartphone, das beim Bezahlungsvorgang mein Gesicht erkennt. Ich zähle diese Unterstützungen im täglichen Gebrauch salopp zum Fortschritt von KI. Millionen kluger Köpfe arbeiten rund um den Globus daran, uns das Leben zu erleichtern. Wenn wir es denn wollten. Wir «Alten», die in einer analogen Welt sozialisiert wurden, tun uns seit 50 Jahren schwer im Umgang mit der Digitalisierung. So hinterfragen wir aktuell die KI-Disruption, anstatt unsere Chancen wahrzunehmen und die Technologie als willkommene Ergänzung in unseren Alltag zu integrieren. Unser Auto selbst zu fahren ist ein Statussymbol, obwohl ein selbstfahrendes Auto im Feierabendverkehr sicherer wäre. Waymo-Co-CEO Tekedra Mawakana (55) spricht mit Sal Khan im TED2026 Talk vom April 2026 (19:14) warum vollautonome Fahrzeuge (bei denen man das Lenkrad nie berühren muss) mehr als nur eine technische Neuheit sind – sie sind eine dringend notwendige Verbesserung, welche die Welt für alle sicherer machen könnte. Waymo LLC, ein US-amerikanisches Unternehmen für autonome Fahrtechnologie mit Hauptsitz in Mountain View, Kalifornien, ist eine Tochtergesellschaft von Alphabet Inc., der Muttergesellschaft von Google. Aktuell in elf Städten aktiv, bietet das Unternehmen 500’000 Fahrten pro Woche an, mit dem Ziel, bis Ende Jahr den Service zu verdoppeln. Waymo’s Fahrzeugflotte umfasst rund 3’500 Autos. Ein einzelner Waymo-Fahrer legt über 6’000’000 Km pro Woche zurück. Zum Vergleich: Ein Mensch fährt im Laufe seines Lebens etwa 1’000’000 Km– das entspricht also sechs menschlichen Lebenszeiten pro Woche. Die Sicherheit von Waymo basiert auf Daten von 273 Millionen gefahrenen Kilometern. Bei einer 13-fachen Reduzierung von Unfällen mit schweren Verletzungen, wird eine Art übermenschliche Leistung angestrebt.

David Szauder (50), ungarischer Künstler, unterstützt von künstlicher Intelligenz: «Willkommen in meiner surrealistischen KI-Welt», Ausschnitt – Kapitel vier – Babel, 2025

Menschliche Vorstellungskraft, KI unterstützt
Die KI-Technologie beflügelt auch die Kunstwelt. Mit «Willkommen in meiner surrealistischen KI-Welt» begrüsste der multidisziplinäre ungarische Künstler David Szauder (50), Gastdozent an der Filmakademie Potsdam, die Audienz im TEDNext Talk vom November 2025 (6:57). In der Gedankenwelt des Künstlers leben skurrile, extravagant gekleidete Gestalten in einer sich ständig wandelnden Oper. In seinem visuell beeindruckenden Vortrag präsentierte er eine digital neu gestaltete Welt – teils KI-generierte Traumlandschaft, teils inneres Theater – und lotet die Grenze zwischen Künstler und Algorithmus aus. Seine Erkundung der KI erlaubte ihm, eine neue Welt zu erschaffen. Aber es war nicht wirklich die KI, welche diesen Ort entwarf. Für Szauder ist die KI ein wunderbares Werkzeug, bei dem er gleichzeitig Humor, Schönheit und Freude vermisst. Das Geheimnis von Szauderland war die Idee, einen Ort voller Charaktere zu schaffen, die ihn nicht losliessen, bis er sie aus sich herauschoreografierte. Die Vorstellung beginnt, sein inneres Theater wendet sich nach aussen. Eine solche Welt kann nur der menschlichen Vorstellungskraft entspringen.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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Blog, Industrie 4.0

#409 – KI: die Herausforderung für uns «Alte»

Altersbeschränkung macht wenig Sinn
Zwei Themen beschäftigen aktuell Politik und Wirtschaft: Die Altersbeschränkung und der Fachkräftemangel. Dass wir «Alten» (ab 50!) Mühe haben, nach einem Stellenverlust wieder in den Arbeitsmarkt zurückzufinden hat viele Ursachen. Oft wird die Altersbeschränkung als Vorwand für die wirklichen Sorgen vorgeschoben: Mangelndes Interesse an Weiterbildung oder wenig Verständnis für Veränderungen im Stellenprofil. Alter wird tendenziell auch mit Innovationsfeindlichkeit assoziiert. Aus Erfahrung wissen wir jedoch, dass das biologische Alter eines Menschen dafür nicht wirklich ausschlaggebend ist, auch weil es sich individuell höchst verschieden manifestiert. Ich kenne 40-Jährige, die weniger vital sind als 70-Jährige und in Sitzungen regelmässig einnicken. Regelungen wie eine Altersgrenze von beispielsweise 65 Jahren, halte ich deshalb für wenig sinnvoll. Die Praxis zeigt, wie es genügend Junge gibt, welche in antiquierten Denkmustern verharren und bereits aufgehört haben, neugierig zu sein. Das ist tragischer, als alt zu sein. Bei solch willkürlichen Entscheiden müssen wir «Alten» dagegenhalten, indem wir uns über Trends informieren. Erfahrung darf nicht zur Gewohnheit werden, während sich rund um uns die Welt verändert. Die Digitalisierung und damit die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz braucht kompetente, weise und gefestigte «Alte», zusammen im Team mit den jungen Wilden.

Louvre Couture – Kunst und Mode, Louvre-Museum, Paris 2025: Plissiertes Kleidungsstück 2007, der niederländischen Designerin Iris van Herpen (40), inspiriert von fliegenden Vögeln.

Weniger Fachkräftemangel im IT Sektor
Im Interview mit Nelly Keusch, NZZ vom 11. Februar 2025, spricht Dr. Pascal Scheiwiller, CEO von Von Rundstedt & Partner Schweiz AG, dem schweizer Marktführer für Outplacement und Karriereberatung, über den Einfluss künstlicher Intelligenz KI auf den Arbeitsmarkt. «Der KI-Hype hat viel Dynamik in die Branche gebracht, viele Betriebe verändern sich, gerade für ältere Mitarbeitende kann das eine Herausforderung sein.» Die Auswertung aus Gesprächen mit 2700 Menschen, die von einer Kündigung betroffen waren zeigt, dass die Zeiten, in denen Arbeitnehmende entspannt die Füsse hochlegen und Forderungen stellen konnten, erst einmal vorbei sein dürften. «Wir sehen eine Normalisierung im Arbeitsmarkt, der grosse Fachkräftemangel hat sich beruhigt.» Man müsse unterscheiden zwischen einem konjunkturellen, einem strukturellen und einem demografisch bedingten Fachkräftemangel, so Scheiwiller. Gerade in der IT-Branche, die am lautesten über das Fehlen von Fachkräften klagt, haben die Kündigungen, aber gleichzeitig auch die Neueinstellungen zugenommen. Hier sehe ich das Bedürfnis für erfahrene «Alte», die sich mit Konzepten zur Umsetzung von Digitalisierungslösungen auskennen. Der Umgang mit künstlicher Intelligenz ist ein kreatives und kein reines IT-Problem.

Mitarbeitende umschulen – oder doch lieber ersetzen
Zwar gebe es (bislang) nur wenige Tätigkeiten, die vollständig von einer KI gemacht werden könnten, glaubt Denis Machuel (58), der neue CEO vom Personaldienstleister Adecco. «Aber viele fragen sich: Wenn die Hälfte meiner Aufgaben wegfällt, weil sie automatisiert werden können, was passiert dann mit meiner Stelle?» In Wirklichkeit weiss es niemand genau, welche Auswirkungen die KI auf die Arbeitswelt haben wird, zu dynamisch verändert sich die Technologie. Deshalb ist die Unsicherheit auch unter den Führungskräften gross, die oft nicht in der Lage sind mit den Herausforderungen durch KI umzugehen. Nur wenn die Verantwortlichen gut Bescheid wissen, können sie auch dafür sorgen, dass ihre Mitarbeitenden im Umgang mit der Technologie weitergebildet würden und neue Aufgaben wahrnehmen könnten, um weiterhin relevant zu bleiben, egal was kommt, meint Machuel. Pascal Scheiwiller gibt zu bedenken, dass die Umschulung von Mitarbeitenden zeitintensiv, teuer und auch riskant sei. «Der Anreiz oder auch Druck, interne Mobilität zu fördern und in Umschulungen zu investieren, ist häufig nur vorhanden, wenn es nicht genügend Fachkräfte gibt.» Das sei derzeit aber nicht der Fall: «Gegenwärtig sind genug Leute verfügbar, daher ist es oft einfacher, Mitarbeitende zu ersetzen.» Wir «Alten» haben dabei oft das Nachsehen. KI bringt vielleicht nicht den befürchteten Stellenabbau – aber sie öffnet die Schere zwischen Jung und Alt weiter.

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