«Tragbare» KI
Die Diskussionen rund um künstliche Intelligenz KI und ihren Einfluss auf die Zukunft unserer Arbeit, fokussieren meiner Meinung nach auf zuviele Nebenschauplätze: Persönlichkeitsschutz, rechtliche Regulierungen, Zugriffsbeschränkungen, Gebühren oder den Einsatz im Schulbetrieb. Bei aller Relevanz solcher Überlegungen, stehen wir erst am Anfang einer technologischen Revolution, ohne genau zu wissen wohin die Reise gehen wird. Es werden Hemmnisse aufgebaut und Entwicklungen mitten in ihrer Entstehung gebremst. Natürlich liest es sich schön, wenn der Wirtschaftsjournalist Markus Städeli (52), in der NZZ vom 19. Mai.2026 verkündet, wie die Lausanner Firma «Giotto.ai», die mit der Schweizer Armee zusammenarbeitet, ihr ganz auf Effizienz getrimmtes KI-Modell lanciert. Es biete «Fähigkeiten auf Silicon-Valley-Niveau», versprechen seine Macher mit Nachdruck auf das kalifornische Tal, immernoch Massstab aller Modelle. Gerne wird übersehen, wie das Rennen um die grossen Sprachmodelle in den USA und China entschieden wird. Europa hat es gar nicht erst aus den Startblöcken geschafft. Trotzdem brauchen sich europäische Firmen oder Behörden gemäss dem Lausanner Unternehmen Giotto.ai nicht in eine Abhängigkeit von amerikanischer oder chinesischer Technologie zu begeben. Das Spezielle daran: Es ist derart auf Effizienz getrimmt, dass es mit einem Bruchteil der Rechenleistung anderer Modelle auskommt und als tragbare Version fürs Büro als eine Art Workstation für 20-30 Mitarbeitende angeboten wird. Mittelfristig will das Unternehmen, das 2017 von einer Gruppe Mathematikern gegründet wurde, die sich von der ETH Lausanne her kennen, laut dem CEO Aldo Podestà (-40) ein eigenes Datencenter mit 5000 bis 10 000 Halbleitern – eine «KI-Fabrik» bauen.
Einzigartiger Ansatz oder Wunschdenken
Giotto.ai verfolgt dabei einen Ansatz, der sich scheinbar von jenem der grossen KI-Anbieter unterscheidet. Diese versuchen alle Informationen der Welt in den Parametern ihrer Modelle zu speichern. Giotto dagegen löst sozusagen das Gedächtnis aus dem Sprachmodell heraus, so dass es mit bloss 50 Gigabyte Daten auskommt – anstatt mehrere Terabyte zu beanspruchen. Das KI-System von Giotto.ai wisse nicht alles, suche sich die notwendigen Informationen aber einfach zusammen, wohl aus dem Internet wie die anderen Modelle. Viele der Unternehmen, die sich für die KI von Giotto.ai entschieden, machten sich Sorgen darüber, dass ihre Mitarbeitenden auf eigene Faust KI-Systeme verwenden könnten, sagt Podestà. Um kritische Prozesse jedoch sicher auf ihrer KI laufen zu lassen, müssen IT-Verantwortliche (Mitarbeitende) jederzeit überwachen können, was die KI tue. Das ist umso wichtiger, als diese unbeschränkten Zugang zu internen Daten und IT-Systemen hat, und wohl auch auf das Internet. Dieses wurde als Netzwerk voller Redundanzen dahingehend entwickelt, uns das weltweite Wissen (das Gedächtnis) zugänglich zu machen. Ausser in totalitären Regimen, wo der Zugang zum Internet gesperrt ist, wird man solche «Insellösungen» kaum kontrollieren können. Und einmal im Netz veröffentlichte Daten werden nie mehr gelöscht. Wir Menschen füttern gewollt oder ungewollt diese riesige Datenbank täglich mit Trillionen von Token, mit oder ohne Überwachung.

KI – Sprache als gesellschaftliche Differenzierung
Heraufbeschwört wird die drohende Abhängigkeit von amerikanischer oder chinesischer Technologie mit der Forderung nach lokal kontrollierter KI. Anstelle weltweiter Verbindung von Wissen und Ideen, wird eine Souveränität Europas gefordert. Argumentiert wird mit Nutzungsgebühren an amerikanische Unternehmen für Cloud und Hardware. Wenn man auch noch für KI-Dienste bezahlen müsse, die dann im Gegenzug Arbeitsstellen ersetzten, «gefährden wir unser gesamtes System», meint Aldo Podestà. KI basiert auf grossen Sprachmodellen LLM, was für mich ein Ansatz zur Differenzierung darstellt. Eine Überlegung wäre es wert, anstelle das Gedächtnis aus dem Sprachmodell, das Sprachmodell aus dem Gedächtnis zu lösen. Damit liessen sich länderspezifische Modelle generieren. Die Qualität der Daten wäre lokal beeinflussbar. Den Aufstieg von KI vergleicht Andrew Ng (50) Gründer und CEO von Landing AI, in seinem TED talk vom April 2022, mit dem Aufstieg der Alphabetisierung. Vor einigen hundert Jahren glaubten viele Menschen, es müssten nicht alle lesen und schreiben können. Es reichte aus, dass die Hohepriester, Priesterinnen und Mönche die heilige Schrift lesen konnten.
Demokratisierung von Sprachmodellen
Die Menschen hörten den Hohepriestern und Priesterinnen beim Vorlesen zu. Glücklicherweise hat man inzwischen erkannt, dass wir eine viel reichere Gesellschaft erhalten, wenn viele Menschen lesen und schreiben können. Damit zeichnet sich ein neuer Weg ab, KI-Systeme zu entwickeln, die mehreren von uns die Teilhabe ermöglichen. So wie Stift und Papier, der Steintafel und Meissel technologisch weit überlegen, massgeblich zur Alphabetisierung beigetragen haben, entstehen neue KI-Entwicklungsplattformen, die den Fokus von der Programmierung auf die Datenbereitstellung verlagern. Eine Demokratisierung der Sprachmodelle. Bleiben würde die weltweite Verbindung von Wissen und Ideen. Menschen (IT-Verantwortliche) als «Gatekeeper» solcher Systeme, bleiben wegen Personalfluktuationen eine Schwachstelle. Damit steht und fällt das Ganze mit dem Generieren von Daten durch uns Menschen. Wobei wir wieder bei den kompetenten «Alten» im Team wären, die dank ihrer Erfahrung und Geschichtsbewusstsein (Gedächtnis) einen Beitrag zur Entwicklung der Systeme leisten.

KI-Anfragen auf dem iPhone verarbeiten
Die KI in unserer Tasche ist nicht mehr wegzudenken. Wie Marie-Astrid Langer (41) aus Cupertino in der NZZ vom 9.Juni.2026 berichtete, stellte Apple an der diesjährigen Entwicklerkonferenz seine neue KI vor. Dreieinhalb Jahre nach dem Beginn der KI-Revolution präsentierte Apple den Sprachassistenten Siri, von Grund auf erneuert und künstlich intelligent. Hilfe bekommt der iPhone-Konzern ausgerechnet vom Konkurrenten Google. Doch Kunden in der EU können den Dienst wegen Überregulierung nicht nutzen. Die Schweiz sei davon nicht betroffen. Die neue «Siri-KI» kann über Programme hinweg auf Informationen von Nutzern zugreifen, Fragen beantworten und selbständig Aktionen ausführen – zum Beispiel Konzerttickets kaufen oder Nachrichten verfassen und versenden. Siri sei genauso mächtig wie Agenten, mit dem entscheidenden Unterschied, dass Siri nicht eigenständig handle, sondern nur auf Befehl der Nutzer. Siri soll auf jeder Apple-Plattform funktionieren, also auf dem Smartphone ebenso wie auf dem Tablet-Computer und gar Apples Virtual-Reality-Brille. Entscheidend ist dabei, dass Siri den Bildschirm der Nutzer erkennt und damit den Kontext einer Anfrage kennt. Wann immer möglich, sollen die KI-Anfragen lokal auf dem Handy verarbeitet werden. Reicht das nicht aus, greift Siri auf KI-Modelle in der Cloud zurück. Dafür hat sich Apple mit dem Konkurrenten Google zusammengetan, dessen KI-Modelle zu den führenden der Branche zählen. Auch in solchen Fällen seien die Daten der Nutzer geschützt, sagte Apples Software-Chef Craig Federighi (57). «Niemand, auch nicht Apple, kann ihre Anfragen sehen.»

Visionen sind die neue Realität
Ein weiterer Aspekt in der Diskussion über KI ist nicht zuletzt SpaceX. Elon Musk (54) setzte beim Börsengang vom 12. Juni 2026 neue Massstäbe. Wie Thomas Fuster (59), in der NZZ vom 5. Juni 2026 vorhersah, wäre Musk nicht Musk, wenn er beim Initial Public Offering IPO (Börsengang) nicht einige ungeschriebene Regeln der Wall Street gebrochen hätte. Zwar schreibt SpaceX noch immer Verluste – und Aktionäre müssen darauf zählen, dass sich Musks Visionen irgendwann in Gewinne ummünzen lassen. Die Technologien, die SpaceX einzigartig machen, sind Pläne für die Besiedelung von Mars, Satelliten-Internet, Rechenzentren im All, gigantische Raketen und künstliche Intelligenz. Visionen, welche in der Schweiz sofort zerredet würden. Musk hingegen gelang der Sprung zum reichsten Mensch der Welt mit einem Vermögen von einer Billion Dollar, wenn man seine Beteiligung am Autohersteller Tesla dazu zählt. Kapitalbedarf besteht vor allem beim Ausbau der Infrastruktur für künstliche Intelligenz, Raketentechnologien und das Satellitennetzwerk. Gemäss einer fiktiven Einkaufstour in der Schweiz, NZZ vom 13. Juni 2026, liesse sich der Wert einiger der grössten Firmen, Wahrzeichen dessen, wofür die Schweiz international bekannt ist, im Vermögen eines einzelnen Mannes abbilden. Am Ende besässe Musk einen Flughafen, einen Schokoladenhersteller, Uhren, Bergbahnen, Pharmafirmen und eine Grossbank. Vieles, was die Schweiz ausmacht, und mit dem verbleibenden Geld wäre die Bezahlung eines Taschengelds für jeden Einwohner und jede Einwohnerin der Schweiz von 7’900 Franken möglich.
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