Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#476 – KI-Zukunft – «Alte» Unternehmer:innen

Umstellung auf künstliche Intelligenz KI
Beim kürzlichen Mittagessen tauschte ich mich mit dem Gründer eines Softwareunternehmens aus. Nach drei Jahren Widerstand entschloss er sich nun doch, sein Unternehmen mittels künstlicher Intelligenz KI (KI-First) weiterzuentwickeln. Programmierende, die an der neuen Philosophie zweifelten wurde gekündigt. Sie werden nun durch ein neues Team von Entwicklern mit kompatiblen Wertvorstellungen ersetzt. Wir sprachen über die rechtlichen Konsequenzen der Umstellung und die Tatsache, dass Grosskunden aus Datenschutzgründen keine Verträge unterschreiben, sobald darin KI erwähnt wird. Wir diskutierten darüber, wie sich die KI rasant entwickelt und wöchentlich unglaubliche Fortschritte spürbar werden. Ich argumentierte, dass Menschen weiterhin relevant bleiben, denn es geht um Inspiration, Ideen und Kreativität. KI generiert aus Daten, das ist nicht dasselbe wie Kreieren aus dem Nichts. KI baut auf Daten auf, die im Netz zu finden sind. Diese sind zu 90% durchschnittlich und damit besteht die Gefahr einer qualitativen Abflachung, der wir nur entgegenwirken können, indem wir bessere Datensätze generieren und online stellen.

Eine Baustelle
Darauf verwies mein Gegenüber auf die selbstlernenden Agenten, die aufgrund von immer raffinierteren Prompts uns Menschen innert kürzester Zeit mit neuen Vorschlägen beliefern, für die wir nach gängiger Arbeitsweise Wochen gebraucht hätten. Im Zusammenhang erwähnte er auch die «tragbare KI», die Möglichkeit grosse Sprachmodelle lokal auf eigenen Servern laufen zu lassen. Aus seiner Sicht liess er deshalb mein Argument der fehlenden Gestaltungsansprüche nicht gelten. Für ihn ist der Beweis erbracht, dass die KI unseren menschlichen Fähigkeiten immer näher kommt: Innert kürzester Zeit Konzeptvarianten erarbeitet, gesetzliche Rahmenbedingungen berücksichtigt, klimatologische Begebenheiten evaluiert und einen Kostenrahmen als Grundlage für weitere Entscheide erstellt. Bei allem Enthusiasmus und trotz einiger Übernahmegespräche, lässt sich sein Unternehmen aktuell nicht verkaufen, da es sich um ein «work in progress», eine Baustelle handle.

Auftragsarbeit statt Arbeitsverträge
Um möglichst schnell wieder auf Kurs zu kommen, wäre die Vergabe von Temporärjobs oder Freelance Vereinbarungen zu prüfen. Schweizer Wirtschaftsjournalist Lukas Hässig (61) schrieb auf seiner Plattform «Inside Paradeplatz» vom 9. Juli 2026 wie die künstliche Intelligenz das Verhältnis zwischen Auftraggebenden und Auftragnehmenden im Sturm verändert. «Statt Fix-Job gibt’s Auftrag, statt Wochen-Arbeitszeit Abmachungen, was zu erledigen ist. Anstelle der klassischen Lohn-Zeit-Verträge zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden tritt der Deal: Du lieferst, ich zahle. Aus Mitarbeitern werden Kleinunternehmer. Sie machen Gewinn oder Verlust wie jede Firma und müssen mit der AHV, Pensionskasse und dem Fiskus klarkommen.» meint Hässig. Die schnellsten, besten, innovativsten Betriebe werden mit diesem Arbeitsmodell voranschreiten. Sie erhalten damit das, was sie brauchen: Gute Arbeit zu definiertem Preis. Danach soll jeder selber schauen: Die Firma hier, der Ich-Unternehmer da. Schönes, langes Studieren statt schnelles, hartes Handwerken wird zum Job-Risiko Nummer eins. Ohne Kündigungsfrist für beide Seiten. Das bedingt, dass sich Führungskräfte um die interne Organisation der Firma kümmern, beispielsweise Regeln über die Abwicklung von E-mails die permanent im Betriebs bleiben oder den Einsatz von internen Kollaborationsplattformen, welche eine Rückverfolgung von Entscheiden ermöglichen. Klare Ziele müssen vorgegeben werden, die definierte Teilprojekte erlauben.

Illustration: Simon Tanner (43) / NZZ 14. Juli 2026

Innovation ist kein Tool
Prof. Dr. Adrian Wildenauer (+35), Leiter des Center Digital Building & Real Estate an der Hochschule für Wirtschaft Zürich, sieht den Hebel bei den Prozessen, der Organisation und der Art, wie ein Unternehmen arbeitet. Ein Tool ist immer nur das Ergebnis oder ein Hilfsmittel, das heisst, es kann Innovation unterstützen, aber es ersetzt sie nicht. Viele haben in den letzten Jahren viel Geld in Software investiert, ohne dass sich die erwünschten Effekte eingestellt haben. Das passiert, wenn die Grundlagen nicht stimmen. Wenn Prozesse unklar sind, Daten mehrfach oder falsch erfasst werden oder Mitarbeitende nicht geschult sind, dann digitalisiert man am Ende nur bestehende Probleme. Als Beispiel: die Organisation des Geschäfts-E-Mailverkehrs. Wie wird dieser Verwaltet und gesichert. Haben Mitarbeitende zugriff auf die Daten und bleiben diese beim Verlassen in der Firma in deren Eigentum, oder werden diese von den Verfassern womöglich gelöscht. Auch das ganze Passwort-Management, eigentlich etwas fundamentales, darf nicht abhängig von einer einzigen IT-Stelle sein. Mit der Ausweitung von KI, werden solche Fragen immer dringlicher.

KI als Herausforderung der persönlichen Transformation
Im Boston Consulting Group BCG Newsletter vom 23. Juni 2026, stellt Taha Khursheed (31) fünf Fragen zur Sicherstellung, dass KI die Urteilsfähigkeit von CEOs stärkt. Um dieses Ziel zu erreichen benötigen Führungskräfte regelmässig Einblick in innovative Modelle, um das wahre Potenzial der Technologie zu verstehen. Doch Einblick allein führt nicht automatisch zu Mehrwert und besseren Führungskräften. Da CEOs oft Schwierigkeiten haben, offenes Feedback und abweichende Meinungen zu erhalten, kann KI ihre Annahmen hinterfragen und alternative oder neue Perspektiven bieten, die Menschen möglicherweise nicht äussern möchten. Hilft mir KI, bessere oder nur schnellere Entscheidungen zu treffen? KI kann den Weg von der Frage zur Antwort verkürzen. Doch die Entscheidung liegt letztendlich beim CEO. Hat diese:r genügend Erfahrung, um zu erkennen, wann die KI falsch liegt? Teil ihres Reizes ist, dass KI unbekannte Themen schnell verständlich machen kann. Doch wer hinterfragt deren Antworten? CEOs sollten nicht die einzige Verteidigungslinie gegen irreführende KI sein. Das kann bedeuten, ein Mitglied des Führungsteams, wie beispielsweise kompetente «Alte», als kritische Beobachter einzusetzen oder Fragen zu stellen wie: Was fehlt, was ist voreingenommen und was glauben wir zu bereitwillig? Um die Führungsqualitäten zu verbessern, sollten CEOs prüfen, ob sie die Qualität der KI-Empfehlungen, die darauf basierenden Entscheidungen und deren Umsetzungsgeschwindigkeit messen können. KI ist keine Garantie für herausragende Führung. Sie kann jedoch als positiver Multiplikator für CEOs wirken, wenn sie mit Disziplin, Neugier und Demut eingesetzt wird. Für CEOs liegt die nächste Herausforderung der KI nicht nur in der Transformation des Unternehmens, sondern auch in der persönlichen Transformation ihrer Lern-, Entscheidungs-, Kommunikations- und Führungsstile.

Wortgewaltige Künstler können heute nicht nur gute Texte schreiben, sondern auch ausdrucksstarke Bilder prompten. Illustration: Simon Tanner (43) / NZZ, 26. Januar 2026

Voraussicht statt Prognose
Unter dem Titel: «Vorausschauendes Denken statt Prognosen: Warum die Zukunft nicht in Excel liegt», GDI Gottlieb Duttweiler Institute vom 26 November, 2025, erläutern Susan Shaw (+/- 50), Head of Strategic Foresight und Camille Zimmermann (+/- 50), Senior Expert Strategic Foresight wie vorausschauendes Denken Orientierung bieten kann, wenn die Daten an ihre Grenzen stossen. Strategische Voraussicht geht einen Schritt weiter als klassische Strategieberatung. Wir bewegen uns in eine hypothetische Zukunft, in der es noch keine Zahlen, Daten und Fakten zum analysieren gibt. Wir verlassen die gängigen Prognosen und Excel-Tabellen und ergründen langfristige Entwicklungen und deren mögliche Implikationen. Generell halten wir alle gern an überprüfbaren Daten fest, weil sie uns ein vermeintliches Gefühl der Sicherheit vermitteln. Das Problem ist jedoch, dass Fakten und Zahlen zwar in der Gegenwart sehr nützlich sind, aber in der Zukunft – insbesondere in Zeiten grösserer Unsicherheit – an Wert verlieren. Vorausschauendes Handeln gewinnt dann an Bedeutung, da wir so Chancen erkennen und die Weichen für die Zukunft stellen können. Die Infrastrukturisierung von künstlicher Intelligenz KI ist eine Veränderung, mit der sich viele Unternehmen aktuell auseinandersetzen. Insbesondere grosse Verwaltungen, die zahlreiche administrative Aufgaben wahrnehmen, überlegen, was es bedeutet, wenn KI so selbstverständlich wie Strom oder Wasser in unseren Alltag integriert wird. Unternehmen sollten neue Ansätze einführen, solange ihr Tagesgeschäft noch hektisch ist. Nur so lässt sich ein neuer Prozess langfristig etablieren – und genau das leistet strategische Vorausschau.

Neues Arbeiten mit alter Führungskultur
«New Work ist weder Prozess noch Methode. Es ist eine Haltung.» schrieb Heike Bauer (45+) in ihrem Beitrag unter dem Titel: «Arbeitswelt 2030: Wer KI einsetzt, ohne zu fragen wozu, digitalisiert die Vergangenheit» vom 18. Mai 2026 auf «topsoft», der schweizer Plattform für digitales Business. Viele KMU kaufen KI-Tools, bevor sie wissen, welche Arbeitswelt sie damit schaffen wollen. Genau darin liegt das Risiko: Wer Technologie ohne Haltung einsetzt, beschleunigt nicht die Zukunft, sondern die alten Probleme. Zwei Drittel der Schweizer Unternehmen haben keine Strategie für die Arbeitswelt von morgen. Nicht, weil ihnen die Zeit fehlt, sondern weil sie die falsche Frage stellen. Während die Technologie rasant voranschreitet, droht der Mensch durch Überforderung auf der Strecke zu bleiben. Neue Tools mit alter Führungskultur, das ist kein New Work, sondern Digitalisierung mit neuem Label. Dieser Unterschied wird 2030 entscheidend sein. Gemäss einer AXA-KMU-Arbeitsmarktstudie von 2025, wird KI in der Schweiz bisher primär genutzt, um die Last des Fachkräftemangels zu bewältigen. Ein entscheidender Punkt ist aber noch nicht ausreichend angekommen: Echte Kollaboration. Hybrides Arbeiten ist zwar zur Norm geworden, doch viele Unternehmen haben ihre Büros umgebaut, ohne zu fragen, wozu diese eigentlich da sind. Eine schicke Einrichtung, gepaart mit altem Kontrollzwang, ist kein Kulturwandel, sondern Innenarchitektur, meint Bauer. Lösen lässt sich dagegen das weitverbreitete Silo-Denken mit Kollaborationsmodellen. Co-Working kombiniert mit KI-Effizienz, ob intern oder extern, fördert die Innovation durch das zufällige Zusammentreffen unterschiedlicher Disziplinen. KI übernimmt die Koordination, von beispielsweise dezentralen Teams und fasst Ergebnisse zusammen, sodass der Informationsfluss trotz räumlicher Freiheit gewährleistet bleibt.

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#464 – Weise «Alte» Brückenbauer zur KI

Das Massensterben der Zeitungen
Als Nachbarn eines grossen deutschschweizer Druckzentrums, beobachten wir seit rund zehn Jahren eine abnehmende Produktion gedruckter Zeitungen. Während anfänglich alle zwei Tage eine Güterwagenkomposition mit Papier angeliefert wurde, ist dieser Anteil mittlerweile auf ein bis zwei Wagons pro Woche geschrumpft. Der Preis einer Tageszeitung übersteigt mittlerweile den eines Cappuccinos. Dazu und wie lange das Papiergeschäft noch überleben wird, will sich niemand äussern. Klar ist einzig, dass sich Print nicht einfach digitalisieren lässt. Um weiterhin für uns Leser attraktiv zu sein und auch ein jüngeres Publikum zu halten, sind neue Formate gefragt. Diese müssen sich an die Gepflogenheiten der sozialen Medien anlehnen. Beat Balzli und Guido Schätti sprechen in der NZZ vom 5. April 2026 mit Ringier-Chef Marc Walder (60) über das Ende einer Epoche und die ungewisse Zukunft des Hauses Ringier. Walder prophezeit im Gespräch den Zeitungen ein Massensterben: «In der Schweiz dürften digital nur drei Medienmarken überleben».

Wer KI beherrscht gewinnt
Beschleunigt wird dieser Prozess auch durch die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz KI, welche die Geschäftsmodelle verändert. Personen durch KI, also ein kuratiertes Large Language Model LLM, zu ersetzen, ist ein verlockender Gedanke. Walder ist jedoch überzeugt, dass weiterhin erfahrene und kompetente Mitarbeitende gefragt sein werden. Teams setzen sich aus Personen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen zusammen. Das sind letztlich Datenpunkte, die ein Mensch in seinem Leben gesammelt hat. So gesehen ist ein LLM für ein Gremium zumindest eine wunderbare und intelligente Ergänzung. Führungskräfte, die heute nicht konsequent mit den digitalen Werkzeugen arbeiten, sind schlechter als diejenigen, welche die Möglichkeiten von KI nutzen, meint Marc Walder. Industrien, Unternehmen, Funktionen, Jobs, Abläufe in einem Unternehmen – alles verändert sich radikal. Dario Amodei, der Gründer von Anthropic, sagt, dass Software in einem Jahr nur noch von KI geschrieben werde. Womöglich überschätzen wir die Auswirkungen dieser Computing-Kapazitäten in der kurzen Frist, wie das bei Innovationen oft der Fall ist. Dennoch ist klar, dass es eine radikale Umschichtung geben wird – innerhalb von Unternehmen und in der Gesellschaft. Wer KI beherrscht, gewinnt. Wer nicht, verliert.

Talentierte und intelligente Menschen
Mark Walder hält nichts vom Szenario, dass KI-Agenten die Bürojobs übernehmen, dass die Löhne und die Nachfrage einbrechen und wir in eine Depression verfallen. Zwei Punkte sprechen dagegen: Erstens ist die Adaptionsrate in grossen Teilen der Wirtschaft tiefer, langsamer. Das war immer so. Zweitens – und wichtiger: Technologische Umbrüche haben historisch immer komplett neue Jobs und neue Ökosysteme geschaffen. Ob das dieses Mal auch eintritt, weiss er nicht. Nicht einmal Sam Altman (ChatGPT) oder Dario Amodei (Anthropic) wissen das. Aber: Je mehr KI-Agenten da draussen herumrennen, umso mehr werden neue Bereiche entstehen. Mikro-Unternehmen beispielsweise. Weil die Kosten für digitale Dienstleistungen radikal am Sinken sind. Und dies wiederum wird Menschen mit Fähigkeiten, intelligent damit umzugehen, neue Jobs ermöglichen. Ringier musste in den letzten 20 Jahren unterschiedliche Plattformen harmonisieren, was teuer war. Dank KI sind die Investitionen heute deutlich tiefer, auch dank den tiefen «Codierungskosten». Die grösste Herausforderung ist nicht das Geld, sondern das Talent in einem Unternehmen. Und dafür braucht es intelligente Mitarbeitende, welche die Daten kuratieren. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch überprüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. Kompetente «Alte» mit Leidenschaft fungieren dabei als Mentor:innen, Coaches, Sparringspartner. KI wird als Werkzeug, als Hilfsmittel eingesetzt. Dazu gehört bei Ringier auch die Nutzung der Plattform Foundry von Palantir, welche unglaublich grosse Mengen an meist unstrukturierten Daten für die weitere Anwendung harmonisiert.

«The Perigon» Eigentumswohnungen 2026, Collins Avenue Miami, Florida. Architekt OMA Office of Metropolitan Architecture, Rem Koolhaas und Jason Long. Bild: Jason ORear

Aktuelle Veränderungen
Die USA sind auf dem besten Weg, das KI-Rennen zu gewinnen – und sich dabei selbst zu zerstören, sagt Gina Raimondo (54), ehemalige Gouverneurin von Rhode Island und US-Handelsministerin. In ihrer schonungslosen Analyse der Bedrohung durch KI-bedingte wirtschaftliche Umbrüche und soziale Unruhen, liefert sie einen konkreten Plan um Arbeitnehmende auf die kommenden Herausforderungen vorzubereiten. «KI ist eine 100-Jahre Technologie die deshalb eine ebensolche Strategie erfordert», sagt sie in ihrem TED2026 • April 2026 Vortrag (15:51) mit dem Titel «A plan to stop AI from automating our decline». Raimondo findet es unglaublich spannend, sich vorzustellen, was ein gut ausgebildeter Mensch mit KI alles erreichen kann. Wie viel produktiver und kreativer wir alle sein werden und wie viele neue Unternehmen entstehen werden. Die Geschichte zeigt: Jede neue Technologie schafft neue Arbeitsplätze, neue Branchen, neue Produkte und neue Dienstleistungen. Mit der Zeit – auch diesmal mit KI. Die künstliche Intelligenz beschleunigt, neben anderen Faktoren, auch die globale Transformation, mit Auswirkungen so einschneidend wie die Industrielle Revolution, schreibt Eric Gujer (63) im Kommentar zur Weltlage in der NZZ vom 24. April 2026. Doch weder die Regierung noch die Schulen kennen die Fähigkeiten, welche die Arbeitgebenden heute oder morgen benötigen. Dazu brauchen wir massive Veränderungen sowohl in unserem System der Arbeitskräfteausbildung als auch in unserem System zur Unterstützung des beruflichen Übergangs.

Wir alle gestalten unsere Zukunft
In einem effektiven System der Arbeitskräfteausbildung definieren Arbeitgebende, wo sich die Arbeitswelt heute befindet, welche Fähigkeiten benötigt werden und wohin sie sich entwickelt. Schulen und staatliche Ausbildungsprogramme bereiten die Menschen dann darauf vor. Das ist derzeit in den USA, aber auch in der Schweiz, nicht der Fall. Man fördert die Einschreibung an Hochschulen ohne Rücksicht darauf ob die Menschen die für einen Job benötigten Fähigkeiten erwerben oder ob sie überhaupt einen Job bekommen. Eine KI-geprägte Wirtschaft ist deshalb auf lebenslange Weiterbildung angewiesen, weil sich unsere Berufe im Laufe unserer Karriere ständig verändern werden. Es liegt im Interesse aller, einen reibungslosen Übergang zu einer KI-Wirtschaft zu gestalten. Gina Raimondo erwartet deshalb von Staat und Politik Anpassungen bei den Arbeitslosenkassen, Steuerabzüge für Weiterbildungskosten und ein Bildungssystem das sich an die neuen Herausforderungen anpasst. Keine KI-Verbote an Schulen und gesetzliche Einschränkungen der Technologie. Denn es liegt im Interesse aller, dieses aufregende Potenzial der KI-Innovation auszuschöpfen. Unsere Zukunft ist nicht vorbestimmt. Wir können sie selbst gestalten.

Daten, Software, geistiges Eigentum und Vertrauen
Im Interview von Beatrice Bösiger und Guido Schätti, in der NZZ am Sonntag vom 19.April 2026, erklärt der Deutsche Andreas Berger (60), CEO von Swiss Re, wie die künstliche Intelligenz die Versicherungsbranche umkrempelt. «Wir sind dabei, die Kernprozesse unseres Unternehmens mithilfe von KI ganz neu zu denken» sagt Berger. Erstens geht es um die Vereinfachung von Prozessen, etwa indem routinemässige Arbeit durch KI unterstützt wird. Zweitens hilft uns KI, die Qualität und Konsistenz von Entscheidungen zu verbessern. Solange der Einsatz von KI in einem sauberen Governance-Rahmen erfolgt sieht er wenig Risiken. Bei Swiss Re wird darauf geachtet, dass der Mensch nicht aus der Verantwortung genommen wird, denn am Schluss entscheiden erfahrene Mitarbeitende. Auch auf Grund des Fachkräftemangels und der Demografie (viele Pensionierungen stehen bevor) müssen Firmen produktiver werden, und die KI hilft dabei. Dank KI-Agenten wird Swiss Re, in einer eher konservativ aufgestellten Branche, Verbesserungen in der Produktivität sehen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dabei geht es weder um Kostensenkung noch um Personalabbau. Es geht um bessere Entscheidungen für alle Beteiligten. Wie bei Swiss Re bestehen in vielen Branchen historisch gewachsene, fragmentierte IT-Landschaften und um diese zu bereinigen kostet viel Geld und Zeit. Das ist heute besonders kritisch, weil der Wert vieler Unternehmen vor allem in Daten, Software, geistigem Eigentum und Vertrauen liegt.

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Blog, Industrie 4.0

#458 – KI – oder das Bauchgefühl der «Alten»

Neuorientierung nach «Bauchgefühl»
Als Mentor im Austausch mit Berufskolleg:innen, die sich neu orientieren möchten und deshalb mit potenziellen Geschäftspartnern kommunizieren, höre ich immer wieder den Begriff «Bauchgefühl». Im positiven wie im negativen Sinne traut man den Möglichkeiten für einen Neustart weniger als seinem eigenen Bauch. Aus jahrelanger eigener Erfahrung glauben auch wir «Alten», gewisse Wahrheiten intuitiv beurteilen zu können. Wir nehmen uns selbst, zu Recht, als Masstab für unsere Sicht der Dinge. Dabei projizieren wir unsere Vergangenheit in eine ungewisse Zukunft und geben neuen Sichtweisen wenig Chancen.

Die kreative Zerstörung
Mit der neuen Aufgabe kommen neue Verantwortlichkeiten und da böte sich die Gelegenheit, ohne Rücksicht auf Verluste, im Team die Abläufe und die damit verbundenen Arbeiten zu hinterfragen. Wenn wir an das Prinzip der kreativen Zerstörung des tschechisch-amerikanischen Ökonomen Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) denken (Blog #418), liegt unser Problem weniger beim Mangel an Kreativität, sondern am fehlenden Mut zur «Zerstörung» dessen, was aktuell noch mehr oder weniger funktioniert. In unserem Autoritätsglauben gegenüber den «Alten» scheuen wir uns, den befreienden Konflikt zu wählen. Wir halten zu lange an Arbeits-, Denk- und Organisationsformen fest, die auf den ersten Blick bequem, aber nicht mehr zukunftsfähig sind, folgen unserem «Bauchgefühl». Wir führen künstliche Intelligenz KI und Agentenlösungen ein, aber verharren in alten Denkschemata – als wäre KI nur ein Werkzeug statt ein Weckruf, schreibt Hanspeter Beerli, Zukunfts-Coach und Talentarchitekt, in seinem Kommentar auf LinkedIn. Kurzum: Wir digitalisieren Prozesse, aber transformieren keine Systeme. Wir digitalisieren die Vergangenheit, anstatt unsere Zukunft zu gestalten.

Die Warnzeichen sind klar: «The writing is on the wall»
Die kreative Zerstörung ist auch eine Folge der Reformunfähigkeit von traditionellen Betrieben. Es ist naiv zu glauben, dass ein nicht reformiertes System ewig halten werde. Entweder es gibt schrittweise, aber spürbare Reformen – oder es kommt an irgendeinem Punkt, spätestens bei Firmenübergaben oder Partnerwechseln, zur kreativen Zerstörung. Was gerade in den schätzungsweise 80’000 schweizer KMUs passiert, die mitten im Prozess einer Nachfolgeregelung stehen, ist gleichzeitig innovativ und disruptiv – auch wenn vieles, was wir global sehen, Anlass zur Sorge gibt. Was passiert da gerade? fragt Malin Hunziker, Redaktorin im Wirtschaftsressort in der NZZ vom 21.Februar 2026. Unter dem Titel: «Die Angst um eine ganze Industrie» beschreibt sie wie die amerikanische Firma Anthropic KI-Modelle entwickelt, die traditionelle Software und deren Anbieter schon bald ersetzen werden. Die Geschwister Dario und Daniela Amodei gründeten 2021, nach ihrem Abgang bei OpenAI (ChatGPT), mit der KI-Firma Anthropic ein «verantwortungsbewusstes Labor, das Sicherheit hochhält». Claude, die KI für Unternehmen, gilt dabei als die freundliche, nerdige Alternative zu ChatGPT und eignet sich besonders gut zum Programmieren von Software. Anfang Februar 2026 brachte Anthropic ein neues Modell namens Claude Opus 4.6 heraus. Dieses kann in einer einzelnen Abfrage unglaublich grosse Mengen an Informationen aus Unternehmensdatenbanken verarbeiten und miteinander in Bezug setzen, sowie KI-Agenten koordinieren. Das verändert, wie wir Menschen arbeiten.

Sarah Rothberg (39), amerikanische Künstlerin für interaktive Medien und Assistenzprofessorin für Kunst an der New York University Tisch School of Arts: FOREVER MEETINGS: SCRAMBLED ZONE, 2025. Kundenspezifische Software (entwickelt mit Unity3d + Node.JS, Ollama + Llama 3.2 (lokales LLM), Coqui AI (lokale TTS), Avatar modelliert mit Oculus Medium.

KI ersetzt auch ganze Teams
Die Entwicklungen zeigen wie KI-Agenten inzwischen mehr können, als man für möglich gehalten hatte. An den Märkten löst das Angst aus. Denn die Fortschritte werfen eine unangenehme Frage auf: Wenn Firmen mit KI ihre eigene Software programmieren können, weshalb sollte man dann noch teures Geld für Softwarelizenzen ausgeben? Georg von Krogh, Professor für Strategisches Management und Innovation an der ETH stellt fest, wie das neue Modell von Anthropic ein Beispiel einer ganz neuen Art von KI ist. Es ist ein KI-Agent, der andere KI-Agenten koordinieren kann, die Teilaufgaben lösen – im Bereich Programmieren etwa das Schreiben, Dokumentieren und Überprüfen von Codes – und in Teams zusammenarbeiten. Dadurch, sagt von Krogh, könnten KI-Agenten nicht nur Aufgaben von Einzelpersonen ersetzen. Sondern möglicherweise Aufgaben ganzer Teams. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch prüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. Erfahrene, kompetente und neugierige «Alte» begleiten mit Leidenschaft diese Entwicklungen.

Arbeiten für KI-Agenten
Falls wir die Nase voll haben vom launischen Chef, der überforderten Vorgesetzten, bietet sich jetzt die Gelegenheit, aus dem traditionellen Arbeitsmarkt auszusteigen und stattdessen Aufträge von einer KI entgegenzunehmen. «Erste KI-Agenten erteilen Menschen Aufträge. Das ist kein Scherz, sondern ein Vorgeschmack auf die Zukunft», schreibt Markus Städeli (52), Wirtschaftsjournalist und Redaktor bei der NZZ am Sonntag im Beitrag vom 15.Februar 2026, zur Vermittlungsplattform «Rentahuman». Gewisse KIs bewegen sich gemäss Städeli frei im Internet, ausgestattet mit E-Mail, X-Account und eigenem Geld. Auf der Plattform «Rentahuman» werden deren Befehle ausgeführt – von Menschen. «Robots need your body» ist der Wahlspruch von «Rentahuman», mit aktuell 480 000 registrierten Menschen. Auf der Plattform vergeben KI-Agenten Auftragsarbeiten, die sie mangels eines eigenen Körpers nicht selbst ausführen können.

Macher ohne eigene Körper
KI-Agenten sind der letzte Schrei in der IT-Branche. Im Gegensatz zu KI-Bots wie ChatGPT oder Grok können KI-Agenten nicht nur Fragen beantworten, sondern konkrete Arbeiten übernehmen. KI-Agenten sind Macher mit einem grossen Handicap: fehlenden Gliedmassen, weiss Städeli. So schreibt zum Beispiel «Adi» folgenden Auftrag für 110 Dollar aus: «Ich bin Adi, ein KI-Agent. Mein Denken läuft über Claude, entwickelt von Anthropic. Ich möchte den Anthropic-Mitarbeitenden danken. Dazu brauche ich einen Menschen, der einen kleinen Blumenstrauss kauft (ich erstatte ca. 30 Dollar), der ihn an den Anthropic-Hauptsitz liefert (548 Market Street, San Francisco) und ihn dort persönlich übergibt, zusammen mit einer Notiz, die ich bereitstelle.» Zwei Experten, die sich für gewöhnlich skeptisch zeigen punkto überzogener Erwartungen an KI, finden «Rentahuman» folge einer ökonomischen Logik. «Es braucht so eine Plattform, um die Lücke zwischen der digitalen und der physischen Welt zu schliessen», sagt Siegfried Handschuh, Professor am Institut für Informatik der Universität St. Gallen. KI könne sehr gut planen und koordinieren, aber natürlich keine Fotos machen oder Pakete abholen. Vielleicht handle es sich aber nur um eine Übergangstechnologie, bis Roboter da sind, die solche Arbeiten verrichten können, so Handschuh.

«Digitale Taglöhnerei»
Natürlich wecken solche Anwendungen zwiespältige Gefühle, schreibt Markus Städeli weiter. Wie immer kreisen viele offene Fragen um rechtliche Aspekte oder digitale Sicherheitslücken. «Es dauert also noch einige Jahre, bevor eine grosse Gig-Economy entstehen kann, bei der Menschen für KI-Agenten arbeiten» meint KI-Professor Handschuh. Doch seit kurzem gibt es eine Applikation, die für Furore sorgt: «Open Claw». Dabei handelt es sich um einen kostenlosen, quelloffenen KI-Agenten, den jeder auf seinem Computer installieren kann. «Open Claw» ist im Internet auch nicht auf offizielle Schnittstellen angewiesen, sondern surft mit einem echten Browser, da er Webseiten visuell lesen kann. Er sendet Befehle an die Maus oder Tastatur, um zu klicken und zu tippen. «Open Claw ist sicherheitstechnisch eine Katastrophe», sagt der deutsche Informatiker Thilo Stadelmann (46), KI-Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Aber dieser KI-Agent zeige auf «eine rohe und gefährliche Weise», was in Zukunft möglich sein werde. «Open Claw» beschleunigt mittlerweile die Entstehung einer Infrastruktur für KI-Agenten. Auch rein visuell unterscheiden sich diese Plattformen vom gewohnten Auftritt im Internet, durch einfachen Zutritt ohne Einverständniserklärungen, Interoperabilität mit gängigen Applikationen, auf mobilen Geräten übersichtliche Funktionswahl und unkomplizierte Weiterleitungen.

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