Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#485 – KI-Kompetenz mit souveränen «Alten»

Durchbruch in das Zeitalter der künstlichen allgemeinen Intelligenz AGI
Heute nutzen 1 Milliarde Menschen jede Woche den Chatbot ChatGPT. In einem Videotelefonat mit Journalisten pries OpenAIs Mitgründer und Präsident Greg Brockman (38) am 3. September 2026 das Modell GPT-6 Astra als das «derzeit intelligenteste der Welt» an. «Ist das der Durchbruch zur AGI?» fragt Marie-Astrid Langer (41), Korrespondentin von Silicon Valley, Kalifornien, im Bericht in der NZZ vom 3. September 2026. Brockman ging im Video-Gespräch sogar so weit, das neue Modell als Durchbruch in das Zeitalter der künstlichen allgemeinen Intelligenz (auf Englisch AGI, artificial general intelligence) zu feiern. Das bedeutet eine KI, die intellektuelle Aufgaben auf dem Niveau eines Menschen verstehen, lernen und ausführen kann. Die Debatte darum, wie AGI genau aussehen werde und wann sie erreicht wird, sei in letzter Zeit verschwommen, sagte Brockman, alle haben eine andere Definition davon. «Aber wenn wir in ein paar Jahren zurückschauen, werden wir feststellen», dass der Meilenstein der AGI «um diese Zeit herum und mit diesem Modell erreicht wurde».

KI als Leitbild und spirituelles Konzept
Anstelle eines genauen Zeitpunkts stehe heute AGI «eher für ein Leitbild oder ein spirituelles Konzept». Dennoch: Die erste Firma, die sich diesen Durchbruch glaubhaft auf die Fahnen schreiben kann, dürfte von Nutzern und auch Investoren viel Aufmerksamkeit bekommen. Anders als Open AI, bewertet mit 730 Milliarden Dollar, schreibt Anthropic mit einem Wert von 965 Milliarden Dollar seit einigen Monaten schwarze Zahlen, weil die KI-Firma vor allem bei Unternehmen sehr beliebt ist. OpenAI geht deshalb in die Offensive und zeigte ein kurzes Werbevideo zu GPT-6 Astra: Dieses hob besonders die agentischen Fähigkeiten hervor, also die Möglichkeiten der KI, Aktionen für einen Nutzer auszuführen und nicht nur Text zu formulieren. Dabei wird die Anwendung deutlich teurer sein als das bisher führende Modell der Firma, es soll die zweieinhalbfachen Token-Preise kosten. Brockman deutete aber auch an, dass Nutzer womöglich bald nicht mehr pro verwendeten Token zahlen müssten, sondern pro Aufgabe, welche die Modelle gelöst haben.

So wird Ethel aussehen – und du kannst mithelfen! 2026 Animation. Ethel ist ein Chatbot, der an der ETH Zürich vom Physiker Dr. Gerd Kortemeyer (-50) im Rektorat und KI-Zentrum entwickelt wurde.

Wenn die Karriere von der KI-Kompetenz abhängt
Wie der Beitrag der Wirtschaftsredaktorin Christin Severin (58) in der NZZ vom 6. September 2026 aufzeigt, wird KI-Kompetenz im Beruf immer wichtiger. Bei der UBS beispielsweise, hängt sogar die Karriere davon ab. Unternehmen fordern echte Souveränität im Umgang mit künstlicher Intelligenz. Mancherorts verleitet der Druck zu Alibiübungen. Sie fordern «AI-Fluency» (KI-Kompetenz), einen gewandten, souveränen Umgang mit künstlicher Intelligenz. AI-Fluency – das klingt kompetent. Aber auch wie ein Ausdruck zum Angeben. Dr. Stefan Seiler (52), Mitglied der Geschäftsleitung und oberster Personalchef der UBS Gruppe, sagt: «KI-Kompetenzen und praktische Erfahrungen sind ein wichtiger Faktor für den zukünftigen beruflichen Erfolg.» KI wird künftig bei sehr vielen Aufgaben der Bank eine Rolle spielen. Die UBS will die richtigen Menschen dafür. KI-Skeptiker und Ungeübte dürften kaum dazugehören. Die Mitarbeitenden sollen ihre KI-Kompetenzen entwickeln und einsetzen. Dafür hat sie Lernprogramme für alle eingeführt. In Bewerbungsprozessen wird konkret abgefragt: «Wissen Sie, wie man KI-Agenten einsetzen kann? Haben Sie selber welche gebaut? Können Sie aus dem Studium oder der Berufspraxis Beispiele nennen? Wie hat sich Ihre KI-Nutzung in den vergangenen sechs Monaten verändert?»

KI-Kompetenz relativiert
Obwohl AI- oder KI-Fluency wie ein Schlagwort tönt, lassen sich die Fähigkeiten empirisch analysieren. So hat gemäss Christin Severin der KI-Entwickler Anthropic knapp 10’000 reale Nutzerdialoge auf seiner Plattform untersucht. Der (durchaus eigennützige) Befund: Es gibt noch viel Luft nach oben. Nur in 15,8 Prozent der Chats hinterfragten die Nutzer die Logik der Maschine. Fakten wurden noch seltener überprüft. Das Verhalten spiegelt ein Dilemma: Gründliches Verifizieren sichert Qualität, kostet aber Zeit. Wo der Druck hoch ist, kann das zum Problem werden. Bei der UBS muss deshalb jeder Inhalt am Ende von einem Menschen autorisiert werden, der dafür die Verantwortung übernimmt. Auch wenn nicht alle programmieren können, entstehen hier Tätigkeitsfelder für uns erfahrene und kompetente «Alte» im Team. Wir können dafür sorgen, dass ein gesamtes Umfeld durch KI besser arbeitet und wie Mitarbeitende ihre KI-Workflows erfolgreich ins Team übertragen. Doch je experimentierfreudiger die Mitarbeitenden werden, desto leichter können sie an die Grenzen des Systems stossen. Viele Unternehmen fordern zwar KI-Fluency, blockierten aber aus Sicherheitsgründen den Zugang zu Tools und Daten. Mitarbeitende weichen dann auf private Zweitgeräte und Accounts aus. Dabei entsteht eine unkontrollierte Schatten-KI. Trotz hohen Investitionen vieler Unternehmen wächst derzeit in manchen Chefetagen die Ernüchterung. Die grossen Summen, die für KI-Lizenzen und Projekte ausgegeben werden, schlagen sich in den Bilanzen oft noch nicht im erhofften Masse nieder.

Souveränität mit individueller Anpassung
Irreführend ist auch die Bezeichnung «echte Souveränität». Was die UBS tatsächlich von Mitarbeitenden verlangt, ist KI-Kompetenz. Diese ist inzwischen karriererelevant und spielt bei Einstellungen, Beförderungen und Bezahlung eine Rolle. Sinngemäss: Wer sich KI-Fähigkeiten nicht aneignet, hat langfristig schlechtere Karten im Unternehmen. Auf Unternehmensebene verfolgt die UBS parallel eine Strategie der «kontrollierten» KI-Nutzung – das ist eher mit «Souveränität» gemeint: Der Zugriff auf öffentliches ChatGPT ist für UBS-Mitarbeitende gesperrt. Stattdessen gibt es mit «Red», dem hauseigenen von der UBS entwickelten KI-Assistenten, eine in der Schweiz gehostete «Intranet-ChatGPT»-Lösung, zusätzlich zu den rund 50’000 Microsoft-Copilot-Lizenzen, über die Mitarbeitende sicher auf interne und externe Informationen zugreifen können. Das ist eigentlich fast das Gegenteil von individueller Souveränität: Die UBS entscheidet zentral, welche KI-Werkzeuge genutzt werden dürfen (kontrollierte Umgebung statt freier ChatGPT-Zugang), verlangt aber gleichzeitig von den Mitarbeitenden, dass sie diese Werkzeuge kompetent einsetzen. Man könnte sagen: Die «organisatorische Souveränität» (Datenschutz, Kontrolle, eigene Infrastruktur) liegt bei der Bank – die «Verantwortung, sich anzupassen», liegt bei den Mitarbeitenden. Diese Betrachtung basiert auf meinem Austausch mit CLAUDE von Anthropic (Gratisversion).

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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#458 – KI – oder das Bauchgefühl der «Alten»

Neuorientierung nach «Bauchgefühl»
Als Mentor im Austausch mit Berufskolleg:innen, die sich neu orientieren möchten und deshalb mit potenziellen Geschäftspartnern kommunizieren, höre ich immer wieder den Begriff «Bauchgefühl». Im positiven wie im negativen Sinne traut man den Möglichkeiten für einen Neustart weniger als seinem eigenen Bauch. Aus jahrelanger eigener Erfahrung glauben auch wir «Alten», gewisse Wahrheiten intuitiv beurteilen zu können. Wir nehmen uns selbst, zu Recht, als Masstab für unsere Sicht der Dinge. Dabei projizieren wir unsere Vergangenheit in eine ungewisse Zukunft und geben neuen Sichtweisen wenig Chancen.

Die kreative Zerstörung
Mit der neuen Aufgabe kommen neue Verantwortlichkeiten und da böte sich die Gelegenheit, ohne Rücksicht auf Verluste, im Team die Abläufe und die damit verbundenen Arbeiten zu hinterfragen. Wenn wir an das Prinzip der kreativen Zerstörung des tschechisch-amerikanischen Ökonomen Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) denken (Blog #418), liegt unser Problem weniger beim Mangel an Kreativität, sondern am fehlenden Mut zur «Zerstörung» dessen, was aktuell noch mehr oder weniger funktioniert. In unserem Autoritätsglauben gegenüber den «Alten» scheuen wir uns, den befreienden Konflikt zu wählen. Wir halten zu lange an Arbeits-, Denk- und Organisationsformen fest, die auf den ersten Blick bequem, aber nicht mehr zukunftsfähig sind, folgen unserem «Bauchgefühl». Wir führen künstliche Intelligenz KI und Agentenlösungen ein, aber verharren in alten Denkschemata – als wäre KI nur ein Werkzeug statt ein Weckruf, schreibt Hanspeter Beerli, Zukunfts-Coach und Talentarchitekt, in seinem Kommentar auf LinkedIn. Kurzum: Wir digitalisieren Prozesse, aber transformieren keine Systeme. Wir digitalisieren die Vergangenheit, anstatt unsere Zukunft zu gestalten.

Die Warnzeichen sind klar: «The writing is on the wall»
Die kreative Zerstörung ist auch eine Folge der Reformunfähigkeit von traditionellen Betrieben. Es ist naiv zu glauben, dass ein nicht reformiertes System ewig halten werde. Entweder es gibt schrittweise, aber spürbare Reformen – oder es kommt an irgendeinem Punkt, spätestens bei Firmenübergaben oder Partnerwechseln, zur kreativen Zerstörung. Was gerade in den schätzungsweise 80’000 schweizer KMUs passiert, die mitten im Prozess einer Nachfolgeregelung stehen, ist gleichzeitig innovativ und disruptiv – auch wenn vieles, was wir global sehen, Anlass zur Sorge gibt. Was passiert da gerade? fragt Malin Hunziker, Redaktorin im Wirtschaftsressort in der NZZ vom 21.Februar 2026. Unter dem Titel: «Die Angst um eine ganze Industrie» beschreibt sie wie die amerikanische Firma Anthropic KI-Modelle entwickelt, die traditionelle Software und deren Anbieter schon bald ersetzen werden. Die Geschwister Dario und Daniela Amodei gründeten 2021, nach ihrem Abgang bei OpenAI (ChatGPT), mit der KI-Firma Anthropic ein «verantwortungsbewusstes Labor, das Sicherheit hochhält». Claude, die KI für Unternehmen, gilt dabei als die freundliche, nerdige Alternative zu ChatGPT und eignet sich besonders gut zum Programmieren von Software. Anfang Februar 2026 brachte Anthropic ein neues Modell namens Claude Opus 4.6 heraus. Dieses kann in einer einzelnen Abfrage unglaublich grosse Mengen an Informationen aus Unternehmensdatenbanken verarbeiten und miteinander in Bezug setzen, sowie KI-Agenten koordinieren. Das verändert, wie wir Menschen arbeiten.

Sarah Rothberg (39), amerikanische Künstlerin für interaktive Medien und Assistenzprofessorin für Kunst an der New York University Tisch School of Arts: FOREVER MEETINGS: SCRAMBLED ZONE, 2025. Kundenspezifische Software (entwickelt mit Unity3d + Node.JS, Ollama + Llama 3.2 (lokales LLM), Coqui AI (lokale TTS), Avatar modelliert mit Oculus Medium.

KI ersetzt auch ganze Teams
Die Entwicklungen zeigen wie KI-Agenten inzwischen mehr können, als man für möglich gehalten hatte. An den Märkten löst das Angst aus. Denn die Fortschritte werfen eine unangenehme Frage auf: Wenn Firmen mit KI ihre eigene Software programmieren können, weshalb sollte man dann noch teures Geld für Softwarelizenzen ausgeben? Georg von Krogh, Professor für Strategisches Management und Innovation an der ETH stellt fest, wie das neue Modell von Anthropic ein Beispiel einer ganz neuen Art von KI ist. Es ist ein KI-Agent, der andere KI-Agenten koordinieren kann, die Teilaufgaben lösen – im Bereich Programmieren etwa das Schreiben, Dokumentieren und Überprüfen von Codes – und in Teams zusammenarbeiten. Dadurch, sagt von Krogh, könnten KI-Agenten nicht nur Aufgaben von Einzelpersonen ersetzen. Sondern möglicherweise Aufgaben ganzer Teams. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch prüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. Erfahrene, kompetente und neugierige «Alte» begleiten mit Leidenschaft diese Entwicklungen.

Arbeiten für KI-Agenten
Falls wir die Nase voll haben vom launischen Chef, der überforderten Vorgesetzten, bietet sich jetzt die Gelegenheit, aus dem traditionellen Arbeitsmarkt auszusteigen und stattdessen Aufträge von einer KI entgegenzunehmen. «Erste KI-Agenten erteilen Menschen Aufträge. Das ist kein Scherz, sondern ein Vorgeschmack auf die Zukunft», schreibt Markus Städeli (52), Wirtschaftsjournalist und Redaktor bei der NZZ am Sonntag im Beitrag vom 15.Februar 2026, zur Vermittlungsplattform «Rentahuman». Gewisse KIs bewegen sich gemäss Städeli frei im Internet, ausgestattet mit E-Mail, X-Account und eigenem Geld. Auf der Plattform «Rentahuman» werden deren Befehle ausgeführt – von Menschen. «Robots need your body» ist der Wahlspruch von «Rentahuman», mit aktuell 480 000 registrierten Menschen. Auf der Plattform vergeben KI-Agenten Auftragsarbeiten, die sie mangels eines eigenen Körpers nicht selbst ausführen können.

Macher ohne eigene Körper
KI-Agenten sind der letzte Schrei in der IT-Branche. Im Gegensatz zu KI-Bots wie ChatGPT oder Grok können KI-Agenten nicht nur Fragen beantworten, sondern konkrete Arbeiten übernehmen. KI-Agenten sind Macher mit einem grossen Handicap: fehlenden Gliedmassen, weiss Städeli. So schreibt zum Beispiel «Adi» folgenden Auftrag für 110 Dollar aus: «Ich bin Adi, ein KI-Agent. Mein Denken läuft über Claude, entwickelt von Anthropic. Ich möchte den Anthropic-Mitarbeitenden danken. Dazu brauche ich einen Menschen, der einen kleinen Blumenstrauss kauft (ich erstatte ca. 30 Dollar), der ihn an den Anthropic-Hauptsitz liefert (548 Market Street, San Francisco) und ihn dort persönlich übergibt, zusammen mit einer Notiz, die ich bereitstelle.» Zwei Experten, die sich für gewöhnlich skeptisch zeigen punkto überzogener Erwartungen an KI, finden «Rentahuman» folge einer ökonomischen Logik. «Es braucht so eine Plattform, um die Lücke zwischen der digitalen und der physischen Welt zu schliessen», sagt Siegfried Handschuh, Professor am Institut für Informatik der Universität St. Gallen. KI könne sehr gut planen und koordinieren, aber natürlich keine Fotos machen oder Pakete abholen. Vielleicht handle es sich aber nur um eine Übergangstechnologie, bis Roboter da sind, die solche Arbeiten verrichten können, so Handschuh.

«Digitale Taglöhnerei»
Natürlich wecken solche Anwendungen zwiespältige Gefühle, schreibt Markus Städeli weiter. Wie immer kreisen viele offene Fragen um rechtliche Aspekte oder digitale Sicherheitslücken. «Es dauert also noch einige Jahre, bevor eine grosse Gig-Economy entstehen kann, bei der Menschen für KI-Agenten arbeiten» meint KI-Professor Handschuh. Doch seit kurzem gibt es eine Applikation, die für Furore sorgt: «Open Claw». Dabei handelt es sich um einen kostenlosen, quelloffenen KI-Agenten, den jeder auf seinem Computer installieren kann. «Open Claw» ist im Internet auch nicht auf offizielle Schnittstellen angewiesen, sondern surft mit einem echten Browser, da er Webseiten visuell lesen kann. Er sendet Befehle an die Maus oder Tastatur, um zu klicken und zu tippen. «Open Claw ist sicherheitstechnisch eine Katastrophe», sagt der deutsche Informatiker Thilo Stadelmann (46), KI-Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Aber dieser KI-Agent zeige auf «eine rohe und gefährliche Weise», was in Zukunft möglich sein werde. «Open Claw» beschleunigt mittlerweile die Entstehung einer Infrastruktur für KI-Agenten. Auch rein visuell unterscheiden sich diese Plattformen vom gewohnten Auftritt im Internet, durch einfachen Zutritt ohne Einverständniserklärungen, Interoperabilität mit gängigen Applikationen, auf mobilen Geräten übersichtliche Funktionswahl und unkomplizierte Weiterleitungen.

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#434 – Wir «Alten»: Original oder schon Kopie

Eigenständigkeit und Mut zur Differenzierung
Letzte Woche durfte ich am Sommerfest eines Startups aus der Softwarebranche teilnehmen. Die ambitionierte Firma präsentiert sich gegenüber ihren Kund:innen als reine Schweizer Plattform, mit Software entwickelt und gehostet in der Schweiz, schweizer Qualität als Gütezeichen für Vertraulichkeit beim Datenschutz. Der Anlass inspirierte den folgenden Beitrag mit Überlegungen zu Datenschutz, Autorenrechte, Abgrenzung und proprietären Applikationen im weltweiten Netz. Nicht jede Herausforderung lässt sich durch Gesetze und Technologien lösen, auch nicht vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Diskussionen über mögliche Zölle auf US-Dienstleistungen. Die vermeintlich sichere Verwaltung von Daten, die Rechenleistung, aber auch die Kontrolle digitaler Kanäle steht im Mittelpunkt der strategischen Planung von Unternehmen. Dazu braucht es Demut und eine hohe Leistungsbereitschaft – abseits von Phantasien wie der Vier-Tage-Woche oder der Selbstverwirklichung als Menschenrecht. Im Wettbewerb um Trainingsdaten für KI-Anwendungen sind wir auch auf die Erfahrung ausgewiesener «Alten» angewiesen. Die Stärkung von Kompetenzen, zu denen weiterhin Grundfähigkeiten wie Lesen, Rechnen oder Sprachen gehören, die aber auch ein kritisches Verständnis von Gesamtzusammenhängen umfassen, das es erlaubt, die Ergebnisse künstlicher Intelligenz zu hinterfragen. Wir «Alten» besitzen die Fähigkeit, die physische Umwelt durch Ideen und Handwerk zu gestalten. Im Kern gilt es, eine zentrale Tugend des Schweizer Erfolgsmodells ins 21. Jahrhundert zu übertragen: Eigenständigkeit und den Mut zur Differenzierung.

Das Problem mit der technischen Unmöglichkeit
Vor rund 30 Jahren bat sich mir die Gelegenheit, im Referat darauf hinzuweisen, wie mit der Digitalisierung der Begriff «Originaldokument» obsolet wurde und wir nur noch über (Original-)Kopien nachdenken sollten. Jede Kopie wird ohne Qualitätseinbussen zum Original. Trotz der Debatte über Regulierung und Sicherheit bezweifle ich, ob sich der weltweite Dokumentenfluss je kontrollieren lässt, denn das Internet kennt keine Territorial- oder Staatsgrenzen, sondern ist ein weltweites InformationsNETZ, das sich seinen Weg dort sucht, wo es am wenigsten Widerstand gibt. Das Internet wurde entwickelt, um Schäden und Zensur (im Kriegsfall) zu umgehen – diese Kernarchitektur macht es grundsätzlich resistent gegen zentrale Kontrolle. Innert Bruchteilsekunden entstehen unzählige Redundanzen. Daraus erklärt sich, wie technische Gegebenheiten wie Peer-to-Peer-Netzwerke, verteiltes Hosting und Verschlüsselung, die Durchsetzung unabhängig von rechtlichen Rahmenbedingungen praktisch unmöglich machen.

Geschichtliche Rückblende zur Entstehung des Internet
Das Internet ist das Ergebnis mehrerer technologischer Fortschritte. Seine Anfänge liegen im ARPANET, einem frühen Computernetzwerk, das 1969 während dem Kalten Krieg (1947 bis 1991) als Vorläufer des modernen Internets in den USA gegründet wurde, um eine dezentrale Kommunikation für militärische und wissenschaftliche Zwecke zu ermöglichen. Wichtige Meilensteine für das heutige Internet waren 1983 die Einführung von TCP/IP dem Transmission Control Protocol/Internet Protocol als «Satz» von Kommunikationsprotokollen die sicherstellen, dass Computer und Geräte Daten über Netzwerke, insbesondere das Internet, austauschen können. Sir Tim Berners-Lee erfand 1989 am CERN in Genf (Schweiz/Frankreich) das World Wide Web (WWW), um den Informationsaustausch zwischen Wissenschaftern zu vereinfachen, indem er die Grundlagen für Hypertext, das Protokoll HTTP, HTML zur Seitenbeschreibung und URLs für Adressen und Webbrowser schuf. 1993 machte das CERN den Code für das WWW der Öffentlichkeit zugänglich, was zu einem explosionsartigen Wachstum des Internets und dessen globaler Verbreitung führte. Der Lehrer meines Sohnes in der Sekundarschule Küsnacht war damals überzeugt, das Internet wird nie Erfolg haben.

Einstein auf dem Server: NZZ vom 14. August 2025. Illustration: Simon Tanner / NZZ

Kopie oder Original
Ich bat meine Lieblings-KI CLAUDE von Anthropic, mit mir zusammen die These: «Jede Kopie ist ein Original» weiterzuentwickeln, um über die Sinnhaftigkeit von Schutzmassnahmen für Inhalte nachzudenken.

CLAUDE:
Ihre Beobachtung zu digitalen Kopien und der grenzenlosen Natur des Internets berührt ein grundlegendes Spannungsfeld in der modernen Informationsverwaltung. Versuche, Inhalte zu blockieren, führen oft zu deren weiteren Verbreitung. Unterdrückungsversuche oder durchgesickerte Dokumente finden gerade aufgrund von Eindämmungsversuchen eine grössere Verbreitung. Wenn ein Land die Vorschriften verschärft, werden Server in ein anderes verlegt. Die globale Natur des Internets bedeutet, dass es immer einen Ort gibt, der Informationen entgegenkommt und ihnen mehr Raum gibt. Digitale Informationen verbreiten sich schneller als Rechtsverfahren. Bis Gerichte einstweilige Verfügungen erlassen oder Gesetzgeber Gesetze verabschieden, sind die Inhalte bereits weltweit verbreitet. Man vergleiche die Monate/Jahre, die Rechtsverfahren dauern, mit den Sekunden, die das Kopieren und Verteilen digitaler Dateien benötigt. Originale mit digitalen Wasserzeichen, Blockchain-Verifizierungen und andere Authentifizierungstechnologien verifizieren zwar die Herkunft, können aber das Kopieren oder Verteilen nicht verhindern.

Wirtschaftliche Realitäten – Die Revolution der Null-Grenzkosten
Die wirtschaftliche Realität der Informationsökonomie hat sich grundlegend verändert – die Grenzkosten für das Kopieren und Verteilen digitaler Inhalte nähern sich null, wodurch traditionelle, auf Knappheit basierende Schutzmodelle obsolet werden. Das traditionelle Modell des Inhaltsschutzes basierte auf physischer Knappheit – Bücher, Schallplatten und Filme waren teuer in der Reproduktion und Verbreitung. Urheberrechtsgesetze waren sinnvoll, solange für das Kopieren Druckpressen, Tonstudios oder Filmlabore benötigt wurden. Jedes Mal wurden neue Gesetze vorgeschlagen, aber die technologische Akzeptanz übertraf letztendlich die regulatorischen Reaktionen. Die Digitalisierung hat diese wirtschaftliche Grundlage erschüttert. Im Gegensatz zu analogen Kopien, die sich verschlechtern, sind digitale Kopien identisch mit den Originalen und ihre Erstellung kostet praktisch nichts. Wenn wir Inhalte empfangen, werden wir automatisch zu potenziellen Verteilern für das gesamte Netzwerk. Die Speicherkosten für diese Inhalte sind derart gesunken, was früher Lagerhallen erforderte, passt heute auf Geräte, die wir in der Hosentasche mitführen. Die globale Internet-Infrastruktur ermöglicht eine sofortige weltweite und kostengünstige Verbreitung. Dies führt zu einem wirtschaftlichen Paradoxon: Je wertvoller Informationen in unserer digitalen Wirtschaft werden, desto weniger wirtschaftlich ist es, ihren Fluss durch traditionelle Rechtsmechanismen zu kontrollieren.

Der Anpassungszwang führt zu neuen Geschäftsmodellen
CLAUDE stellt fest, dass wir aktuell das letzte Kapitel der Ära der «Inhaltskontrolle» erleben – nicht etwa, weil die Gesetze schlecht formuliert sind, sondern weil die wirtschaftlichen und technologischen Grundlagen, die diese Kontrolle ermöglichten, dauerhaft erodiert sind. Anstatt sich gegen die technologische Realität zu wehren, haben sich erfolgreiche Unternehmen in der Vergangenheit angepasst, indem sie neue Umsatzmodelle gefunden haben (Streaming versus Eigentum), Communities rund um Inhalte aufgebaut haben, anstatt den Zugriff zu kontrollieren oder sich auf schwer kopierbare Formate konzentriert haben, wie Live- oder personalisierte Erlebnisse die nicht effektiv raubkopiert werden können. Kreative, welche die Beziehungen zu ihren Zielgruppen aufbauen, anstatt nur Produkte zu verkaufen, sind erfolgreich. Beispiele sind unter anderen im Verlagswesen – vom Gatekeeping zum Plattformaufbau – zu finden. Traditionelle Verlage kontrollierten den Vertrieb durch physische Einschränkungen (Paywall), die jedoch leicht umgangen werden können, Inhalte erscheinen oft innerhalb weniger Stunden anderswo kostenlos. In der Autorenwirtschaft schafft das Medium direkte Beziehungen zwischen Autor und Leser und die Plattform erhält einen kleinen Anteil, anstatt Inhalte zu kontrollieren. Wir «Alten» agieren dabei als Mentoren oder Sparringspartner und erfüllen, dank unserer Seniorität, auch die Funktion des «sozialen Gewissens».

Software – Open-Source-Erfolgsgeschichten
Auf das anfangs erwähnte Startup bezogen, sind flexible und offene Geschäftsmodelle eine Möglichkeit zum Erfolg. Anstatt wie traditionell Softwarelizenzen verkaufen und Piraterie bekämpfen, wird die Software verschenkt um später den Support und die Services zu verkaufen. Das Hinzufügen von Diensten rund um kostenlose Inhalte schafft nachhaltige Einnahmen. Oder die Umstellung vom Verkauf von Box-Software (leicht raubkopierbar) auf Cloud-Abonnemente mit kontinuierlichen Updates, was die Piraterie weniger attraktiv macht. Der kostenlose Zugang zu Bildungsinhalten finanziert durch Spenden und Partnerschaften, ständig aktualisiert, anstelle dem traditionellen und teurem Lehrbuchmodell mit eingeschränktem Zugang und häufigen Neuauflagen. Seit das MIT Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA den gesamten Lehrplan kostenlos online veröffentlicht hat, verbesserte sich sein Ruf und gewann damit bessere Studierende und höherer Fördermittel. Ganz allgemein bröckelt das Monopol des Wissenschaftsverlagswesens, auch weil Universitäten sich zunehmend weigern, überhöhte Abonnementgebühren zu zahlen. Die Branche kämpft gegen die Realität, anstatt sich kreativ anzupassen. Beispiele zeigen, dass erfolgreiche Content-Ersteller nicht fragen: «Wie können wir das Kopieren stoppen?», sondern «Wie können wir unser offizielles Angebot attraktiver machen als die Kopien?» Die erfolgreichsten Adaptionen greifen oft genau die Kräfte auf, die traditionelle Schutzmodelle zu bekämpfen versuchen. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch prüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. Wir «Alten» übernehmen gerne die Rolle des Gewissens und der Verantwortlichkeit.

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