Blog, Industrie 4.0

#189 – Altersweisheit!

Wo bleibt die Weisheit der «Alten»
Seit Monaten agieren wir wie gelähmt im Banne der Corona-Pandemie. Westeuropa wurde glücklicherweise in den letzten 75 Jahren von Kriegen und grösseren Naturkatastrophen verschont. Junge Genrationen sind es gewohnt, Probleme per «Knopfdruck» zu lösen und kennen Entbehrungen nur aus der Erzählung. Eigentlich wäre es an der älteren Generation, in dieser Situation einen klaren Kopf zu behalten und sich dank reicher Erfahrung in die Diskussion einzubringen.

In der Pandemie zeigt sich die moderne Angst vor der Freiheit
Die Dramatisierung öffentlichen Lebens angesichts der Pandemie führt zu einem neuen Gemeinschaftsgefühl. Aber wo bleibt der nachdenkliche, abwägende und gebildete Mensch, der nach seinem Gewissen Entscheidungen fällt? Im Gastkommentar von Rudolf Brandner, NZZ vom 8.10.2020, schreibt der deutsche Philosoph: Was sich die Menschen angesichts der Dramatisierung öffentlichen Lebens an absurden Regelungen, widersprüchlichen Verordnungen und puren Schikanen gefallen lassen, ist schon erstaunlich. Es ist die moderne Angst vor der Freiheit, die alle Selbstverantwortung von sich abwirft und auf anonyme Kollektive und Instanzen überträgt, in denen der nachdenkliche, besinnliche, abwägende und gebildete Mensch, der im Angesicht seines Wissens und Gewissens Entscheidungen fällt, fehlt.

Axel Springer Verlag Berlin, Rem Koolhaas (76), Office for Metropolitan Architecture, 2020, Photo © Laurian Ghinitoiu, Courtesy OMA

Was ist «wahr», was ist «falsch»?
Im Beitrag von Felix Graf, CEO der NZZ Mediengruppe und Doktor der Physik, versucht der Frage durch Analogien zwischen Journalismus und Grundlagenphysik nachzugehen. Konformismus und Gruppendynamik behindern das kritische Denken. Ohne Innovation aber stagniert jede Entwicklung, in der Grundlagenphysik wie im Journalismus, stellt er fest. Die Journalistin Bari Weiss zum Beispiel behauptet, wie bei der «New York Times» intellektuelle Neugierde und thematische Risikobereitschaft zum Risikofaktor für Journalist*innen geworden sei. Der liberale Gedanke im Sinne der Meinungsvielfalt sei nicht mehr opportun; als ob es nur eine Wahrheit gäbe – und als ob es einen Konsens zu dieser einen Wahrheit geben müsse. Die Wahrheit wird damit zur Glaubensfrage. Wie mehrere wissenschaftliche Autoren in den letzten Jahren dargelegt haben, wird selbst in der Grundlagenphysik die Wahrheit manchmal zur Glaubensfrage, und die Überprüfung ist auch nicht mehr überall einfach gegeben. Einige der historischen Theorien erwiesen sich auch je nach dem Geist der Zeit als nicht adäquat. Die Wahrheitsfindung wird zusätzlich erschwert durch ein weiteres Grundproblem in der Grundlagenphysik: das System der Fördermechanismen und der Herdenbildung.

Wissens- und Meinungsbildung – die Experten-Elite
Felix Graf schreibt weiter: Der als Querdenker bekannte theoretische Physiker Lee Smolin beschreibt eindrücklich sieben Muster eines solchen Herdenverhaltens am Beispiel der Stringtheoretiker – diese Muster lassen sich auch auf andere Zweige der Wissens- und Meinungsbildung übertragen: Erstens ein enormes Selbstvertrauen und, darauf aufbauend, eine Anspruchshaltung und ein Gefühl der Gruppenzugehörigkeit zu einer Experten-Elite. Zweitens eine ungewöhnlich monolithische Gemeinschaft mit einem ausgeprägten Sinn für Konsens unabhängig von der Beweislage. Drittens eine hohe Einigkeit der Ansichten über offene Fragen; diese Haltung scheint mit der Existenz einer hierarchischen Struktur einherzugehen, in der Ideen, Strategie und Ausrichtung von oben diktiert werden. Dabei gibt es die Tendenz, Beweise optimistisch zu interpretieren, übertriebenen oder falschen Aussagen Glauben zu schenken und Theorien nie infrage zu stellen – kombiniert mit der Annahme, Ergebnisse seien richtig, nur weil sie als «allgemein akzeptiert» gelten, selbst wenn man den Beweis selbst nie gesehen oder überprüft hat. Treiber solcher Trends sind vermehrt die sozialen Medien.

Querdenker sind gefragt
Diese Herausforderungen sind auch für unsere Gesellschaft ganz allgemein relevant. Denn der Zeitgeist selektiver «Wahrheit» und Wahrnehmung führt dazu, dass gewisse Wissensbereiche und Innovationsfelder weniger gefördert und kaum weiterentwickelt werden. Das Resultat ist ein Aussterben des Ideen-Wettbewerbs nicht nur in der Forschung, sondern auch überall, wo es um Lösungsvorschläge für die vielfältigen Herausforderungen unserer Zeit geht. Allerdings: Viele solcher Querdenker werden heute sowohl in der Gesellschaft wie auch in der Grundlagenforschung nicht mehr gehört, geschweige denn eingestellt. Können wir uns dies leisten? Felix Graf findet: Nein. Die Probleme und Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind so vielfältig, dass wir die innovativsten Köpfe und Ideen brauchen, um diese zu lösen. Denn wir befinden uns in vielen Bereichen in einer revolutionären Phase.

Kompetente «Alte» stellen ihre Erfahrung zur Verfügung
«kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Wir «Alten», Frauen und Männer, im Team auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden», stellen unsere Erfahrung mit Leidenschaft zur Verfügung. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch I Mail: werner@kompetenz60plus.ch I
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: wernerkruegger

 

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#188 – Es braucht ein neues ’68

Alter als Hypothek?
Die Corona-Pandemie hat etwas sichtbar gemacht, was bereits latent vorhanden war: Wir «Alten» werden zusehends zur Hypothek. So entschied zum Beispiel der Kanton Uri im März 2020, alle über 65-jährigen wegzusperren, ungeachtet ihrer individuellen Situation. Während dem Spitalaufenthalt des Präsidenten wurde sich Amerika wohl stärker denn je bewusst, dass nicht nur das Präsidentenamt, sondern ein wesentlicher Teil der Staatsführung in den Händen älterer Männer und Frauen liegt, die dadurch einem überdurchschnittlichen Risiko der Covid-19-Seuche ausgesetzt sind. Donald Trump ist 74, sein demokratischer Rivale Joe Biden 77. Dieser wäre bei einem Wahlerfolg am Ende seiner ersten Amtszeit 82 Jahre alt. Die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi, die nach dem Vizepräsidenten Mike Pence (61) die geordnete Nachfolge des Präsidentenamts garantieren müsste, ist 80. Der Nächste in der Kette der Amtsnachfolger wäre der Interimspräsident des Senats, Chuck Grassley, der 87 Jahre alt ist. Nicht die Erfahrung von uns «Alten» ist im Zentrum dieser Diskussion, sondern unser biologisches Alter als potenzielle Gefahr. Ganz unschuldig sind wir nicht an diesem Zustand. Zulange haben wir Alt-68er zum Beispiel die digitale Entwicklung verdrängt und klammern uns immer wieder an die Illusion, den Fortschritt aufhalten zu können. Es geht uns soweit gut. Stichwort: hartnäckige Sesselkleber.

Herdenimmunität? NZZ, Bild: Yuichi Yamazaki / Getty

Offenheit, Diversität und Multikulturalität
In seinem Beitrag in der NZZ vom 5.10.2020 philosophiert Alexander Grau unter dem Titel «Der autoritäre Charakter ist zurück: warum es ein neues (und anderes) 68 braucht» über die Toleranten, die sich als intolerant erweisen. Wir leben in einer antiautoritären Gesellschaft, und wir sind stolz darauf. Institutionen wie Universitäten, Kirchen oder Parlamente, die noch vor wenigen Jahrzehnten Ehrfurcht einflössten, werden heute müde belächelt. Lehrer, Pfarrer und Polizisten haben ihre Aura als Respektsperson schon lange verloren. Hierarchien werden flacher. Solide Manager gefallen sich inzwischen in sportiven Tennisschuhen, Theaterintendanten sind mit dem Kapuzenpullover unterwegs, altehrwürdige Unternehmen schmeissen sich mit einem platten «Du» an ihre Kundschaft heran. Was einmal gute Manieren waren, empfinden die meisten Zeitgenossen als Einschränkung ihrer persönlichen Autonomie. Je lauter man seine Meinung vertritt, umso wahrer wird sie. Stichwort SRF «Arena». Der autoritäre Charakter vergangener Zeiten, er scheint endgültig ausgedient zu haben. Nie, so scheint es, lebten wir in einer freieren Gesellschaft.

Die antiautoritäre Gesellschaft zeigt ihr autoritäres Gesicht
Auf der anderen Seite erleben wir eine Sehnsucht nach Verboten, Vorschriften und Autorität. Rauchen, Trinkverhalten und Ernährung sind seit Jahren in das Visier von Regulierungsfanatikern geraten. Fernreisen und Kreuzfahrten gelten zunehmend als moralisch verdächtig, vom Autofahren (im beliebten SUV) ganz zu schweigen. Mehr noch stehen aber die freie Rede, der offene Meinungsaustausch und das unkuratierte Denken am Pranger, auch in den traditionellen Medien, in der Politik und im Kulturbereich. Stichwort: «inklusive Sprache».

Das platte «Du» als Identifikation
Da aber auch egalitäre Gesellschaften Fachleute für das richtige Verhalten brauchen, bilden sie neue Autoritäten aus. Autorität hat nun nicht mehr der Professor, der Meister oder der Polizist, sondern die Diversity-Beauftragte und die Antidiskriminierungsstelle. Ihre Macht liegt nicht in der Tradition eines Berufsstandes oder gar einer fachlichen Qualifikation, sondern in ihrer ideologischen Gesinnung. Der autoritäre Charakter, einst Feindbild der 68er-Bewegung, ist wiederauferstanden, nicht wie sein biederer Vorgänger prüde oder verklemmt, sondern spassorientiert und scheinbar weltoffen. Auf «Du» mit der restlichen Gesellschaft. Gegen diesen Ungeist von Neopuritanismus und Neoautoritarismus helfen nur Mut, Neugier und die Anarchie des freien und unvoreingenommenen Denkens. So paradox es klingt: Es braucht ein neues 68, nur diesmal andersherum. Wir «Alten» müssen unsere (Lebens-)Erfahrung souverän in die Diskussion werfen, nicht Rechthaberisch sondern bestimmt.

Erfahrung Teilen für zukunftsfähige Lösungen
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#184 – kompetenz60plus.ch

«Alte» tragen den Wandel mit
Kleine und mittelgrosse Firmen (KMU) nutzen die aktuelle Situation, um bereits laufende Anpassungsprozesse und Innovationen zu beschleunigen und somit wettbewerbsfähiger zu werden. Durch die Corona-Krise entstehen Chancen, besonders im Bereich der Digitalisierung, für den Einsatz kollaborativer Werkzeuge und die Flexibilisierung von Arbeitsprozessen. Die Zusammenarbeit über Internet bietet Möglichkeiten zur Vernetzung von Wissen und Erfahrung, um schnelle und kostengünstige Lösungen für anstehende Probleme zu finden. Wir «Alten» verfügen dazu über ein breites Spektrum von Kompetenzen, welche wir Teilen und anderen zugänglich machen müssen. Dass wir dabei nicht zwingend unseren (vermeintlichen) Führungsanspruch behalten, tut der Sache keinen Abbruch. Massgeblich ist auch nicht unser biologisches Alter, sondern unsere (Lebens-)Einstellung und der Wille die verbleibenden Jahre sinnstiftend zu verbringen. Anstatt auf älteren Methoden zu bestehen, weil sie für uns «komfortabler» sind, dürfen wir mit gutem Gewissen die Programmierung den «jungen Wilden» überlassen. In einem sich ständig verändernden Marktumfeld müssen wir hinter den Schlagwörtern wie «digital» oder «Technologie» deren Vorteile erkennen, nicht unbedingt als Technologen, sondern als lernwillige Navigatoren und fortgeschrittene Nutzer.

Apple Store im Hafen von Singapur: Architekten Foster + Partners 2020 (Lord Norman Foster (85) Architekt für die Reichstagskuppel in Berlin, 1999)

Veränderung bestehender Systeme
Im Beitrag von Matthias Sander, Taipeh, NZZ Global vom 31.08.2020, beschreibt der Autor das Wirken von Audrey Tang, der 39-jährigen «Digitalministerin» von Taiwan. Audrey Tang arbeitet nicht für die Regierung. Auch nicht für Taiwan oder die Taiwaner. Sondern mit der Regierung. Mit Taiwan und den Taiwanern. Mit dem Ziel, die Regierung (Altersdurchschnitt 60+Jahre) obsolet zu machen. Als ihre zentrale Aufgabe sieht sie es an, verschiedene Leute zusammenzubringen – Bürger mit Ideen, Experten, Unternehmer und Regierungsbeamte. So soll die Weisheit der Masse die beste Lösung für Probleme hervorbringen. Konsequenterweise behauptet Tang, dass sie nichts verändere. «Ich habe einfach Spass», sagt sie lapidar. Diese Haltung will sie vorleben, um andere Leute anzustecken und für den Einsatz in öffentlichen Angelegenheiten zu begeistern – «per Osmose». Ihre Philosophie ist definitiv anwendbar auf gemischte Teams, Ökosysteme wo «Alte» ihre (Lebens-)Erfahrung, auf Augenhöhe mit dem Wissen der «Jungen», überzeugend zur Verfügung stellen.

Vertrauen der «Alten» in die «Jungen»
Audrey Tang ist Schulabbrecherin, Autodidaktin und Hackerin. Sie hat einen IQ von 160, mehr können die meisten Tests nicht messen. Sie war Softwareunternehmerin und IT-Beraterin. Das Porträt im Magazin «Wired» vom 23. Juli 2020 beschreibt ihren Umgang mit der Corona-Pandemie, Open Data, Open Governance und die Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft und Regierung. Taiwan mit einer Bevölkerung von 24 Millionen auf einer Fläche kleiner als die Schweiz, bekämpft die Corona-Pandemie höchst erfolgreich – seit Januar 2020 gibt es nur knapp 500 Infizierte und sieben Tote, nicht pro Tag oder Woche, sondern insgesamt. Die Regierung verknüpfte dabei diverse Datenbanken miteinander, etwa der Grenzkontrolle, des nationalen Gesundheitssystems und der Mobilfunkanbieter. Datenschutzprobleme nimmt die Bevölkerung in Kauf um sich weitestgehend zu schützen. Dazu braucht es das Vertrauen der «Alten» in die «Jungen».

Erfahrung Teilen
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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