Blog, Industrie 4.0

#193 – «Alte» und das DU

Wir «Alten» sind oft verunsichert
Wie halten Sie es mit der Du-Form im Geschäftsleben. «Wir brauchen dich zur Ergänzung unseres Teams.» Fühlen Sie sich angesprochen? Darf man sich da als ältere Person überhaupt noch bewerben, oder richten sich solche Angebote nur an Junge? Obwohl wir «Alten» uns durchaus jung fühlen, voller Temperament und ausgerüstet mit lebenslanger Erfahrung sind, darf der noch so «lockere» Umgangston im Zeitalter der Digitalisierung die professionelle Verantwortung nicht ausblenden. Das Du gehört für mich, als schweizerisch-amerikanischem Doppelbürger, zum Alltag. Aber es kommt immer wieder vor, dass Menschen in unserem Kulturkreis auf Grund meines Alters verunsichert sind. Es zeigt, wie das Du in dieser Gesellschaft eigentlich noch nicht angekommen ist und weiter erklärt werden muss. Denn der Umgang per Du (auf Augenhöhe) hat nichts zu tun mit Respektlosigkeit. Der familiäre «Chuck» unterscheidet sich nämlich vom Kunden «Charles». Im angelsächsischen Sprachgebrauch gibt es eine ganze Menge solcher «Nuancen». So wäre es zum Beispiel undenkbar, auch unter seinen engsten Beratern, den amerikanischen Präsidenten einfach mit seinem Vornamen anzusprechen.

Schweizer Baumuster-Centrale Zürich: Simultanübertragung von Anlässen auf Youtube. Bild: SBCZ

Auf Augenhöhe mit den Kunden
In seinem Beitrag in der NZZ vom 12. Mai 2020 beschreibt Daniel Imwinkelried, wie einige Unternehmen im Dienstleistungs-, Hotel- oder Gastrobereich im Kontakt mit den Kunden konsequent auf die Du-Anrede umgestellt haben. Ein Grund, warum sich Firmen trotz fehlender Du-Kultur überlegen, ihre Kunden nicht mehr zu siezen, sind laut Umfrage die sozialen Netzwerke und die Online-Unternehmen. Diese sind darauf erpicht, die Nutzer in ihre Firmenwelt einzubinden, und dafür eignet sich scheinbar (?) die Distanziertheit des Siezens nicht. Viele KMU übernehmen deshalb die auf den sozialen Netzwerken herrschenden Gebräuche und verwenden diese auch für andere Kanäle, im Glauben, sich damit ein frisches Image geben. Doch auch ihnen sind die Risiken der jovialen Anrede bewusst.

Wir sind halt noch keine Amerikaner
Allerdings nähern sich in der Schweiz selbst Internetfirmen der Du-Form nur vorsichtig an. Der Online-Händler Digitec Galaxus beispielsweise nutzt sie zwar für die sozialen Netzwerke, auf der eigenen Website und in der Werbung. «Dadurch sind wird näher beim Kunden», sagt Marketing-Chef Martin Walthert. In den Läden und im Kundendienst gilt beim Erstkontakt aber offiziell nach wie vor die Sie-Form. Und bei Mahnungen und Betreibungen ist diese ohnehin angebracht. Und genau dort zeigt sich die Doppelmoral dieses Trends: Die Du-Form scheint grundsätzlich die falsche Form zu sein, um im Geschäftsleben Konflikte zu regeln. Wer sich sprachlich nahekommt, lässt einen Streit wahrscheinlich rascher eskalieren. Davor schrecken beide Parteien aber in der Regel zurück. Bei Reklamationen kippt das Gespräch oft zurück zum formellen Sie. Gewisse Unternehmen geben sich im Zeitalter der sozialen Netzwerke zwar gerne als Freunde ihrer Kunden aus, mit der Freundschaft ist es aber nicht mehr weit her, wenn ein Konflikt eskaliert. Die Verwendung des Sie offeriert eine Rückzugsmöglichkeit aus einem Verhältnis, das eben nicht freundschaftlich, sondern geschäftlich ist.

Der Anwalt duzt nicht
Niemand wünscht sich wohl, vom Arzt oder Anwalt geduzt zu werden. Was je nach Ansicht einer «coolen» Hotelkette oder den Jugendherbergen einen frischen Anstrich verleiht, wirkt bei sehr spezialisierten Berufsgruppen inkompetent und unseriös. So wagen es selbst Hotelketten nicht, grosse Firmenkunden oder Reisebüros zu duzen: Man bleibt häufig bei der traditionellen Sie-Form. Bei Digitec Galaxus werden die Kunden nur in der Deutschschweiz mit Du angesprochen. In der Romandie gilt weiterhin die Höflichkeitsform «vous».

Kompetente «Alte» stellen ihre Erfahrung zur Verfügung
«kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Wir «Alten», Frauen und Männer, im Team auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden», stellen unsere Erfahrung mit Leidenschaft zur Verfügung. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch I Mail: werner@kompetenz60plus.ch I
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#192 – Systemrelevante «Alte»

Machen Sie das Beste aus Ihrer Beziehung zur KI?
20. Oktober 2020
Eine neue Studie von BCG Boston Consulting Group GAMMA, dem BCG Henderson Institute und dem MIT Sloan Management Review legt nahe, dass Unternehmen eine mehrdimensionale, komplexe Beziehung zur KI künstlichen Intelligenz benötigen, die mehrere Lernmethoden und verschiedene Arten der Interaktion umfasst, um signifikante finanzielle Renditen zu erzielen .

Erfahrungen von uns «Alten» wird wenig respektiert
Die weltweite Umfrage unter mehr als 3’000 Führungskräften ergab, dass mehr als die Hälfte der Befragten KI künstliche Intelligenz einsetzt: Sechs von zehn haben 2020 eine KI-Strategie, gegenüber vier von zehn im Jahr 2018. Unternehmen setzen auf das Potenzial von KI, um Prozesse zu verbessern, Kundenbedürfnisse zu erfüllen, neue Räume zu betreten und vor allem nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu erzielen. KI-Lösungen sind heute produktiver und einfacher zu implementieren als je zuvor. Doch um eine signifikante Rendite zu erwirtschaften braucht es noch Geduld. Datenwissenschafter einzustellen, Algorithmen zu entwickeln und Prozesse und Entscheidungen zu optimieren braucht eben Zeit. Eigentlich hätten ältere Mitarbeitende hier eine Aufgabe. Sie können von ihrer reichen Erfahrung profitieren und ohne Karrierezwang, mit Geduld solche Projekte begleiten und zum Erfolg führen. Einer aktuellen Studie zum Altersmanagement von «die Plattform.ch» zufolge, sehen jedoch über 50-Jährige oft keinen Bedarf für eine Weiterbildung und werden deshalb von allen Altersgruppen als weniger lernfähig eingestuft. Das führt dazu, dass die Erfahrungen von uns «Alten» zu wenig respektiert wird um in Arbeitsabläufe und Prozesse mit eingebracht zu werden.

Kohlenmine in Ohio USA, NZZ vom 31.10.2020, Bild: Joshua Roberts / Reuters

Eine symbiotische Beziehung
KI künstliche Intelligenz basiert grundsätzlich auf dem Wissen und der Erfahrung von uns Menschen. Uns «Alten» kommt dabei die Aufgabe zu, Werte wie Verantwortung, Vernunft, Ethik oder Moral im digitalen Bereich einzubringen. KMU setzen jene Mensch-Maschine-Interaktion ein, die eine Situation erfordert und passt sie nach Bedarf an veränderte Kontexte, Umstände und Szenarien an. Wichtig ist es zu erkennen, was KI kann und was nicht – und welche Arbeit am besten dem Menschen überlassen bleibt. Führende Unternehmen wissen, dass Mensch und Maschine zusammenarbeiten und voneinander lernen müssen. In diesen Unternehmen lernen KI-Technologien autonom und aus menschlichem Feedback, genauso wie Menschen aus KI lernen. Am wichtigsten ist jedoch, dass alle Arten des Lernens stattfinden.

Eine positive Einstellung hilft
Der wohl wichtigste Aspekt ist das Vorhandensein einer umfassenden Datenbank, die als KI-Grundlage dient. Firmen lernen, sich im Zeitalter der KI zu verändern. Sie verschreiben sich neue Organisationsarchitekturen, Prozesse, Verhaltensweisen und Einstellungen. Solche Änderungen sind anspruchsvoll und können unangenehm und schwierig umzusetzen sein. Dies erfordert Geduld und Flexibilität sowie die Fähigkeit, sich an neue Kontexte und Informationen anzupassen. Mitarbeitende ohne permanente Weiterbildung werden Mühe haben, im neuen Kontext zu bestehen. Bei ihnen geht es vor allem um die innere Einstellung, sich auf «Neues» einzulassen.

Vorteile der KI-Implementierung
Für diese KMU ist KI nicht nur ein Weg zur Automatisierung. Es ist ein integraler strategischer Bestandteil ihres Geschäfts. Unternehmen müssen über die anfänglichen, wenn auch grundlegenden Schritte der KI-Einführung hinausblicken – um die richtigen Daten, Technologien und Talente zu haben und diese Elemente um eine Unternehmensstrategie herum zu organisieren. Es ist die erfolgreiche Orchestrierung der Makro- und Mikrointeraktionen zwischen Mensch und Maschine, die wirklich Wert freisetzt. Die Fähigkeit, als Organisation zu lernen, indem das menschliche Gehirn und die Logik von Maschinen zusammengeführt werden, gibt Unternehmen eine hohe Chance, auch die finanziellen Vorteile der KI-Implementierung zu nutzen.

Kompetente «Alte» stellen ihre Erfahrung zur Verfügung
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#191 – Der Mensch als Zwischenwirt

Erfahrung und Vernunft beim Programmieren
Wir «Alten» wünschen uns, wenn wir unsere Erfahrung an die nächste Generation weitergeben, dass wir damit die Zukunft sichern. Während vor 50 Jahren traditionsgemäss handwerkliche Fertigkeiten an die Jüngeren weitergegeben wurden, besteht heute der Wunsch nach Verantwortung, Vernunft, Ethik und Moral im digitalen Bereich. Zunehmend gewinnt die KI künstliche Intelligenz und folglich die Qualität der damit verbundenen Daten an Wichtigkeit. Diese Programmierungen erfolgen heute noch grossmehrheitlich im englischsprachigen Kulturraum, mit teilweise sperrigem Ergebnis. Applikationen müssten daher auch nationale oder regionale Eigenheiten berücksichtigen. Einfach alles auf Deutsch zu übersetzen und damit teils fremde Wertvorstellungen zu übernehmen, greift zu kurz. Zur künstlichen Intelligenz stellt der Schweizer Physiker und Philosoph Eduard Kaeser (72) in der NZZ vom 10. Oktober 2020 die Frage, wessen Intelligenz wir meinen. Ist es das vertiefte Denken, das unter anderem auch Erfahrung voraussetzt, oder ist es einfach das (maschinelle) «Lernen» nach dem Prinzip: immer mehr vom Gleichen. Die (Lebens-)Erfahrung und Vernunft von uns «Alten», gepaart mit dem aktualisierten Wissen der «Jungen», eignen sich hervorragend zur Programmierung von künstlicher Intelligenz. Dabei spekuliert der deutsche Kultur- und Medienwissenschafter Roberto Simanowski (57), dass der Mensch vielleicht nur ein Zwischenwirt dieser Vernunft ist und nicht der «Endpunkt der Schöpfung». Sein Beitrag vom 16. Oktober 2020 im NZZ-Feuilleton befasst sich deshalb mit dem Menschen der immerzu das Verborgene entdecken will – auch wenn er dabei an Dingen bastelt, die unkontrollierbar zu werden drohen.

NZZ Feuilleton vom 16. Oktober 2020, Bild: Kim Cheung / AP

Die Zukunft liegt in den Händen der Computerwissenschaft
Simanowski bezieht sich unter Anderen auf den deutsch-amerikanische Literaturwissenschafter Hans Ulrich Gumbrecht (72) und dessen Buch «Weltgeist im Silicon Valley» (2018): Die geopolitische Verschiebung von Mitteleuropa an die Westküste der USA bedeutet zugleich den Wechsel vom Politischen zum Wissenschaftlichen. Es sind Menschen wie der Amazon-Chef Jeff Bezos oder der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, die Tag für Tag, mit jedem neuen Projekt und jedem neuen Datensatz ein bisschen mehr die Zukunft bestimmen. Die Frage der Ethik des Technischen stellt sich gemäss Auffassung des Stanford-Studenten Sam Ginn anders als in der Vergangenheit, weil im Falle der KI künstlichen Intelligenz die Gefahr gar nicht mehr nur von einer verantwortungslosen Nutzung der Erfindung ausgeht, sondern von der Erfindung selbst. Es ist möglich, dass diese ihren Schöpfern nicht wie geplant als Sklave dient, sondern diese selbst versklavt.

Vom Sklaven zum Partner
Die Frage nach dem Verhältnis der KI zum Menschen zielt darauf, mit welchen moralischen Grundsätzen man Technik ausstattet, damit sie, sobald der Mensch sie nicht mehr kontrollieren kann, diesen nicht als Sklaven, sondern als Partner betrachtet. Je mehr die Algorithmen uns helfen, umso hilfloser werden wir. Wer sich plötzlich ohne Navi allein nach Karte orientieren muss, spürt das. Man könnte deshalb die Macht nicht im Menschen sehen, der das Medium so oder so benutzen kann, sondern im Medium, das dem Menschen seine eigenen Dispositive aufdrängt. Die Macintosh-Computerplattform mit den heute üblichen Menübefehlen wurde erstmals 1984 von Apple vorgestellt. 1985 war die Geburtsstunde für Desktop-Publishing mit dem Apple LaserWriter-Drucker. Plötzlich verfügten wir per «Mausklick» über noch nie dagewesene Optionen zu den einzelnen Arbeitsschritten. Diese Programmierung hat eine ganze Industrie verändert und bildete den Anfang einer über bald vier Jahrzehnte andauernden «Konvention» im digitalen Arbeiten. Dazu Roberto Simanowski: «Klar, es degradiert den Menschen, wenn er sich am Ende nur als Zwischenwirt der Vernunft herausstellt, ein Zwischenwirt der Vernunft nicht nur für seine Schöpfung, die künstliche Intelligenz, sondern auch für seinen Schöpfer, den absoluten Geist, der als allwissende, allmächtige künstliche Intelligenz im Internet aller Dinge und Ereignisse auf höchster Prozess-Stufe in Echtzeit endlich ganz zu sich selbst kommt. Aber ist es nicht auch beruhigend, sich – als «Geschäftsführer des Weltgeistes» – wieder eingebunden zu sehen in eine Geschichte, die weiss, wo sie hinwill?»

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