Blog, Industrie 4.0

#387 – Digitalisierung: der Mensch im Fokus

Digitalisierung im KMU
Die Digitalisierung betrifft Privatpersonen wie Unternehmen und wird viel diskutiert. Und das nicht ohne Grund: Digitale Technologien schaffen neue Geschäftsmodelle und bieten das Potenzial, komplexe Geschäftsprozesse zu automatisieren, neue Kundensegmente zu erschliessen und die Bindung zur Bestandeskundschaft zu erhöhen. Die Entwicklung zum KMU 4.0 ist ein mehrstufiger Prozess und muss an die individuellen Gegebenheiten eines Unternehmens angepasst werden. Sie setzt jedoch eine offene Einstellung zur Technologie, Durchhaltewillen und Weitsicht voraus, denn die Transformation eines KMU geschieht nicht von heute auf morgen. Als «Alter» Mentor in Jungunternehmen der Architekturbranche erlebe ich aktuell das Gegenteil. Denn die Digitalisierung ist nicht ohne Herausforderungen. Es braucht Investitionen, sowohl in Technologie als auch in die Weiterbildung der Firmengründer und deren Mitarbeitenden. Deshalb ist es wichtig, dass KMU eine klare Strategie für ihre digitale Transformation entwickeln, weg von «so haben wir das immer gemacht». Sie ermöglicht es, Geschäftsprozesse effizienter zu gestalten und neue Geschäftsfelder zu erschliessen. KMU, die eine digitale Transformation durchlaufen, sind wettbewerbsfähiger. Sie können schneller auf Marktveränderungen reagieren und ihre Produkte und Dienstleistungen besser an die Bedürfnisse ihrer Kundinnen und Kunden anpassen.

Herausforderungen und Chancen digitaler Transformation
Jennifer Bächtold, Content & Advertising Managerin bei der AXA, beschreibt in KMU Today vom 3. Januar 2024 wie automatisierte und effizientere Prozesse, Innovationsfähigkeit und Kosteneinsparungen bringen. Und wem das noch nicht reicht, der positioniert sich dank Digitalisierung als attraktivere, zeitgemässe Unternehmung in den Augen von Mitarbeitenden, Geschäftspartnern und Kund:innen. Doch gerade bei kleinen Betrieben besteht die Herausforderung im mangelnden Know-How der Gründer oder den limitierenden finanziellen Ressourcen und kann damit eine grosse Hürde darstellen. Diese muss man jedoch überkommen und Prioritäten setzen um weiterhin am Markt bestehen zu können. Zu den Chancen, welche die Digitalisierung bietet, sollten KMUs aber auch die damit einhergehenden Herausforderungen nicht unterschätzen. Dazu gehören beispielsweise die Aktualisierung von Webseiten oder Fragen zur IT-Sicherheit, des Datenschutzes und der Anpassung der Unternehmenskultur an die digitalen Veränderungen. Um diese Herausforderungen zu meistern, ist es wichtig, eine klare digitale Strategie zu entwickeln, die von allen Beteiligten gelebt werden muss.

Konzentrieren Sie sich auf die Menschen, nicht auf die Technologie
Image: Adobe Stock/Who Is Dannyß

Wichtige Bereiche der Digitalisierung
Buchhaltung, Vertragswesen oder Marketingaktivitäten, lassen sich wie nahezu jeder Bereich durch Digitalisierung optimieren. Die Einführung entsprechender Systeme erfordert zwar zunächst eine finanzielle und zeitliche Investition, die langfristigen Einsparungen machen diese aber mehr als wett, gerade wenn das KMU einen Wachstumsprozess durchläuft, sind doch die Systeme bereits darauf vorbereitet. Webseiten sind für potenzielle Kund:innen das Fenster zur Unternehmung und beeinflussen unsere Wahrnehmung derselben. Unübersichtliche und wenig ansprechende Webseiten, mangelhafte Navigation oder schwer auffindbare Informationen sind deshalb kontraproduktiv. Cloud Computing ermöglicht die Nutzung von IT-Ressourcen über das Internet, Orts-, Geräte- und Zeitunabhängig, ohne in teure Hardware investieren zu müssen. Zudem ermöglichen Cloud-Computing-Lösungen wie Microsoft Sharepoint oder Google Drive, dass mehrere Personen gleichzeitig an einem Dokument arbeiten können. In der Vermarktung seiner Dienstleistungen bietet die Digitalisierung viele Möglichkeiten, wie erhöhte Sichtbarkeit in den sozialen Medien und automatisierter Versand von Newslettern mittels künstlicher Intelligenz. Dabei darf die Sichtweise von Geschäftspartnern und Kund:innen nicht vergessen gehen, auch bei Rückfragen oder Kontaktmöglichkeiten, die eine Vertrauensbasis schaffen. Digitale Lösungen müssen ohne grossen Aufwand, auch kurzfristig intern, angepasst werden können und die Daten müssen geschützt sein. Digitalisierung ist kein IT-Projekt, sondern ein ganzheitlicher Prozess, der die Unternehmensstrategie, die Mitarbeitenden und die Art und Weise, wie Geschäfte abgewickelt werden, umfasst.

Andy Warhols «Campbell‘s Soup Cans» mit 32 Dosen, eine für jedes Aroma, Museum of Modern Art in New York. Bild: Thinkstock

Die leeren Versprechen zur Digitalisierung
Im ECO-Talk mit Reto Lipp vom 16. September 2024 mit Nicole Burth, Leiterin Kommunikations-Services bei der Post, wurde auch das elektronische Patientendossier EPD erwähnt. Ich habe meines mittels SwissID eröffnet, doch es bleibt leer, eine Kommunikation ist unmöglich. So erging es mir in der Vergangenheit immer wieder. Wir installieren SwissPass, SwissCard, Covid-19 und ähnliche Apps, um nach Monaten herauszufinden, dass einige nicht mehr weiter verfolgt werden und deshalb vom Netz genommen wurden. Bundesnahe Betriebe digitalisieren auf Vorrat, weil das Geld gesprochen wurde, ohne ein Gesamtkonzept, einen Plan oder Überblick zum zukünftigen Einsatz und dessen Folgen. Das ist ärgerlich. Die Post, die ihre Stellung in der Gesellschaft verteidigt, bei gleichzeitigem Abbau ihres Angebots. Ein Betrieb, der die mit Steuergeldern teuer erstellten Filialen wie Gemischtwarenläden betreibt. Eine Post-Bank, die keine «wirkliche» Bank ist, sich am Kreditmarkt aber als Konkurrentin zu privaten Unternehmen positioniert. Ein «Softwareunternehmen», das für unser Vertrauen wirbt und dann zugeben muss, dass vieles noch nicht marktreif ist. Versuchen Sie einmal, über unzählige «Hürden», die Tarife zum Postversand herauszufinden. Das ist ermüdend.

NotebookLM
Wohin die technologische Entwicklung führt, zeigt ein neues Werkzeug von Google: «NotebookLM». Die Plattform erstellt aus Textdokumenten kurzweilige Audio-Files, die tönen wie professionell erstellte Podcasts. Speist man beispielsweise den obigen Kommentar über die leeren Versprechen zur Digitalisierung zum ECO-Talk mit Reto Lipp auf Deutsch ein, erscheint umgehend eine Zusammenfassung in Englisch (hier in der Übersetzung mit «Google translate»):

Der Text drückt Frustration über den Stand der Digitalisierung in der Schweiz aus und nennt dabei insbesondere das Beispiel des elektronischen Patientendossiers (EPD). Der Autor kritisiert den Ansatz der Regierung zur Digitalisierung und argumentiert, dass dieser von mangelnder Planung und Fokussierung auf kurzfristige Gewinne geprägt sei. Der Autor kritisiert auch die Schweizerische Post und hebt ihre widersprüchliche Haltung zur Digitalisierung bei gleichzeitiger Reduzierung ihrer Dienstleistungen hervor. Der Text legt nahe, dass die Digitalisierungsbemühungen in der Schweiz ihre Versprechen nicht einhalten und die Bürger desillusioniert zurücklassen.

Das Audio-File (3:51, nur englische Version verfügbar)

Auf Wunsch erstellt das Programm in einigen Minuten ein Audio-File. Zwei maschinengenerierte «Stimmen», eine weibliche und eine männliche, erläutern den Inhalt während rund vier Minuten auf unterhaltsame Weise. Die Technologie, welche sich noch im Anfangsstadium befindet und in der Testphase noch Fehler und Halluzinationen produziert, wird auf absehbare Zeit Geschäftsprozesse in KMUs vereinfachen um die Fokussierung auf Kernkompetenzen zu ermöglichen.

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#361 – KI-Panik: Wir ersetzen uns selbst

Panik in der obersten Führung
Auslöser für den Beitrag von Madison Mohns auf TEDxWrigleyville im Juli 2023, mit dem Titel «Drei Möglichkeiten, KI zu nutzen, ohne seine Kolleg:innen zu ersetzen» war eine interne Mail des Managers ihres Managers (dritte Hierarchiestufe?). Bis am Ende des Tages wünschte er ein Dokument auf seinem Pult mit allen Angaben, woran ihr Team im Zusammenhang mit KI gearbeitet hat. Da herrschen grosse Wissenslücken. Der Vorstand eines grossen Unternehmens hat offensichtlich Gerüchte über dieses neue Ding namens ChatGPT vernommen und wollte wissen, was die «Untergebenen» dagegen tun. Die oberste Führungsebene hat Angst vor der Zukunft und will wissen, wie man dieses «technische Problem» löst.

Das Paradoxon im Umgang mit künstlicher Intelligenz
Madison Mohns, die jeden Tag mit Modellen des maschinellen Lernens arbeitet, weiss aus erster Hand, wie rasant sich die Technologie entwickelt und welche endlosen Möglichkeiten für Innovationen diese bietet. Sie weiss auch, wie die exponentielle Verbesserung bei KI-Systemen zu einer existenziellen Bedrohung für ihr Team wird. Dank einfacher Zugänglichkeit und unheimlich menschenähnlichen Ergebnissen, setzen Unternehmen auf Automatisierung, um die Effizienz zu steigern. Doch was oberflächlich betrachtet als grosse Vision erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als unangenehmes Paradoxon. Um die Leistungsfähigkeit von KI-Systemen zu nutzen, müssen diese trainiert und um den hohen Qualitätsstandards gerecht zu werden, fein abgestimmt sein. Aber wer definiert die Qualität und wer trainiert diese Systeme überhaupt? Das sind echte Fachexpert:innen und meist genau dieselben Leute, welche gerade diese Arbeit erledigen. Wie erklärt man also einem Team, die Systeme zu trainieren, die einem selbst ersetzen könnten. Uns «Alten» kommt dabei eine nicht zu unterschätzende Aufgabe zu, haben wir doch unsere Karriere meist abgeschlossen und müssen nicht mehr um unsere Stelle bangen. Dank unserer Erfahrung sind wir prädestiniert, im Team zusammen mit den «jungen Wilden» die Systeme auf ihre Robustheit zu prüfen.

Ersetzt künstliche Intelligenz uns Menschen? Illustration Simon Tanner / NZZ

Wenn Menschen sich selbst ersetzen
Forschungsergebnisse aus dem Jahr 2023 von OpenAI zeigen, dass bei etwa 80 Prozent der US-Arbeitskräften, durch die Einführung von GPTs (Generative Pre-trained Transformer) bis zu 10 Prozent ihrer Tätigkeiten gefährdet sind, während rund 19 Prozent von Belegschaften bis zu 50 Prozent ihrer Aufgaben beeinträchtigt sehen könnten. Bei der Auslagerung von Tätigkeiten, diskriminiert die KI auch nicht zwischen dem immensen Ausbildungsaufwand oder dem Bildungsstand der Menschen. Berichte des Pew Research Center und der Brookings Institution haben ergeben, dass viele Hochschulabsolventen in besser bezahlten Bereichen stärker von KI-Auslagerungen betroffen sind. Treffen kann es uns alle und Aufhalten lassen sich solche Trends sowieso nicht. Aus der Geschichte wissen wir, wie sich während der industriellen Revolution ähnliche Situationen ergaben. Madison Mohns erwähnt dazu beispielsweise Henry Fords legendäre Automobilproduktionslinie für das Modell T, wo Arbeiter und Maschinen einen synchronen Tanz mit bestimmten und sich wiederholenden Aufgaben aufführen, während sich das Produkt entlang der Linie bewegte. Nicht unähnlich ist die Lage heute, wenn die Menschen selbst eine entscheidende Rolle bei der Schulung der Systeme spielen und so schliesslich ihre einst vielseitigen Rollen selbst ersetzen.

KI-In-Business

Drei ethische Prinzipien zur Einführung von KI
Der Mensch hat immer wieder Wege gefunden, sich anzupassen und zu innovieren. Während einige Rollen tatsächlich ersetzt wurden, entstanden neue Tätigkeiten mit erhöhten Fähigkeiten, wie Kreativität und kreative Problemlösung, welche die Maschinen einfach nicht reproduzieren konnten. Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine war schon immer ein heikler Balanceakt. Wir trainieren Maschinen darauf, uns zu ersetzen, während wir gleichzeitig für uns neue Möglichkeiten entdecken, um als Unternehmer nicht ins Hintertreffen zu geraten. Madison Mohns verlässt sich dabei auf drei von ihr definierten ethischen Prinzipien, um sicherzustellen dass Manager mit den Auswirkungen einer sich selbst ersetzenden Belegschaft klarkommen. Zuallererst muss die KI-Transformation transparent sein. Führungskräfte müssen den Dialog fördern und auf zentrale Anliegen eingehen. Zweck und potenzielle Herausforderungen bei der Implementierung von KI müssen erläutert werden, auch im Hinblick auf die Gestaltung seines eigenen beruflichen Schicksals. Zweitens muss darüber diskutiert werden, wie die KI als «Erweiterungswerkzeug» genutzt wird. Welche ungeliebten Tätigkeiten oder Routinearbeiten können an die Maschine delegiert werden, um das Potenzial und die Produktivität der Mitarbeitenden zu steigern. Schlussendlich müssen wir uns umschulen und weiterbilden um nicht ersetzt zu werden. Wir müssen mit entsprechenden Fähigkeiten und Kenntnissen ausgestattet sein um in einer KI-gestützten Zukunft erfolgreich zu sein. Dazu müssen wir die Technologie akzeptieren. Die KI zwingt uns in eine Kultur des kontinuierlichen Lernens, in der Umschulung von grösster Bedeutung ist. Die rasante Entwicklung der KI-Technologie birgt sowohl Chancen als auch Herausforderungen an Mitarbeitende und Führungskräfte. Wir müssen eine gemeinsam Zukunft gestalten, die den menschlichen Einfallsreichtum und den technischen Fortschritt harmonisch vereint und wo KI das menschliche Potenzial steigert, anstatt es zu ersetzen.

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#298 – Innovation im demografischen Wandel

«Alte» im Betrieb
Vor vier Jahren durfte ich ein Impulsreferat zum Thema: «Ältere Mitarbeitende, Gewinn oder Last?» über die Generation 60 plus halten. Eingeladen hat mich Jean-Philippe Hagmann und seine Agentur für radikale Innovation. Hagmann ist Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW und Buchautor. Nach eigenen Angaben unangenehmer Berater für radikale Innovation, der ausschliesslich mit mutigen und weitsichtigen Unternehmen zusammen arbeitet. Denn alles andere ist für ihn Innovationstheater. Hagmann beschäftigt sich mittlerweile über 10 Jahre praktisch täglich mit dem Thema der Innovation – und je länger er sich damit beschäftigt, desto schwieriger ist es für ihn, die Frage zu beantworten, was Innovation ist. Für mich stand damals wie heute die Digitalisierung im Fokus, mit deren Vorteilen sich viele «Alten» immer noch schwer tun. Dies führt zu unnötigen Spannungen im Arbeitsverhältnis mit den «jungen Wilden».

Mut zur Transformation
Im Beitrag von David Torcasso, BILANZ 12.10.2018 mit dem Titel: Digitalisierung: «Das Eigenlob der Schweiz ist unangebracht» beschreibt der Autor diesen Zustand. Die Schweiz lobt sich gerne als digitalisiertes Land. Technisch gesehen mag das stimmen, aber wie sieht es mit digitalen Geschäftsmodellen aus? Spätestens seit Corona, dem Krieg in der Ukraine und der Energiekrise, kennen wir die Antwort darauf. Persönlich stelle ich ein komplettes Versagen der Beteiligten fest, trotz Milliardeninvestitionen in die Technologie. Experten äussern sich im Beitrag über das mangelnde Verständnis der Digitalisierung. Man habe zu viel über Software und Technologie nachgedacht und zu wenig über die Interaktion mit den Kunden und die internen Prozesse und Arbeitsweisen. Man muss die ganze Organisation neu denken. So braucht es neben den älteren Vertretern in den Schweizer Verwaltungsräten auch neue, jüngere und agile Köpfe, die offen sind für Veränderungen und den Mut haben die Transformation voranzutreiben.

Bild: Dr. Madanmohan Rao, Research Director, YourStory Media Plattform für Startups und Investoren, Bangalore, Indien

Neugierde ist der Grundstein jeglicher Kreativität
«Stellen Sie Fragen, und lassen Sie dem Tüftlergeist Ihrer Mitarbeitenden freien Lauf!» schreibt Nicole Rütti in der NZZ vom 27. November 2022. Laut Spencer Harrison, Professor für Organisational Behaviour an der französischen Kaderschmiede Insead, ist Neugierde für Unternehmen (über-) lebenswichtig: «Sie ist es, die uns dazu antreibt, nach Mustern zu suchen, nach Informationen und neuen Erkenntnissen.» Neugierde sei der Grundstein jeglicher Kreativität. Ohne Neugierde sind Firmen im Urteil des Insead-Forschers aufgrund des ständigen Wandels dem Untergang geweiht. Neugierde habe viel mit Veränderungsbereitschaft und Transformationsintelligenz zu tun, und diese gelte es in Unternehmen zu fördern. «Wenn wir neugierig sind, betrachten wir Situationen auf kreativere Art und Weise. Wir suchen nach Alternativen», erklärt auch Francesca Gino, Professorin an der Harvard Business School. «Wir sind auch eher bereit, uns in andere einzufühlen und andere Ideen zu erörtern, anstatt nur die eigene Perspektive einzunehmen.»

Das Wissen über das nicht Wissen
Vier Jahre nach meinem ersten Kontakt mit Jean-Philippe Hagmann, verfolgte ich im vergangenen Monat November auf LinkedIn seine täglichen Beiträge zum Thema Innovation. Hier eine Zusammenfassung dieser Veröffentlichungen: Hagmann weiss immer noch nicht, was Innovation ist, und das ist gut so. Für ihn ist das Wissen über das Nicht-Wissen einer der stärksten Motoren für die Innovation. Mit dem Wissen ist es nämlich etwas paradox. Das Streben nach Wissen ist gut. Wissen hingegen nicht. Wer nämlich etwas weiss, braucht nicht mehr zu lernen. Und wer nicht mehr lernt, bleibt stehen. Wer eingesteht, fast nichts zu Wissen, aber nicht aufhört, nach Wissen zu streben, entdeckt Neues. So werden Innovationen geboren. Eine Innovation ist immer etwas Neues. Schliesslich liegt dem Begriff das lateinische «innovare», also «erneuern» zugrunde.

Killer Innovations, Phil McKinney, CEO bei CableLabs, Amerikanisches Innovations- Forschungs- und Entwicklungslabor

Innovationskultur fördern
Doch Innovation ist nicht automatisch gut oder besser, sie sollte einen Mehrwert bringen und auch erfolgreich sein. Sie muss überraschend sein und mit den Erwartungen der Zielgruppe brechen, und das Risiko des Scheiterns ist gross. Innovation lässt sich nicht auf morgen verschieben, der Denkfehler liegt darin, dass Innovation für viele Unternehmen wichtig, aber nicht dringend ist. Hagmann sieht Innovation als Disziplin, bei der bereits Diskussionen und Denkmuster zu Beginn eines Innovationsprozesses einen wesentlichen Einfluss auf das Ergebnis haben. Nicht die Idee (wir alle haben gute Ideen) steht für ihn im Zentrum, sondern die Frage nach dem Problem. In frühen Phasen des Prozesses kann niemand gute Ideen von schlechten unterscheiden. Auch ist die Liebe zur Idee oft immun gegen Kritik, weshalb man sich in das Problem verlieben sollte. Da sich die Konkurrenz mit Standardfragen über dasselbe Problem den Kopf zerbricht, ist es einfacher Fragen zu beantworten, welche sich so kaum jemand zuvor gestellt hat.

Vertrauen in die Fähigkeiten und Erfahrungen der «richtigen» Personen
Deshalb schlägt Hagmann vor, nicht nach Ideen, sondern nach interessanten Fragen zu suchen und diese zu hinterfragen. Wenn auf eine Frage oder ein Problem eine schnelle Antwort bereits genügen würde, dann wäre es bestimmt bereits umgesetzt worden. Suchen wir also nicht nach schnellen Antworten. Wirklich innovative Ideen und Konzepte lassen oft ungute Gefühle in der Magengegend aufkommen. Niemand kann wissen, ob eine Idee erfolgversprechend ist oder nicht. Weder der Ideengeber, noch die Geschäftsführerin. Ein gängiger Reflex in solchen unsicheren Situationen ist der Ruf nach Steuerung, nach Methoden und Rezepten, nach Kennzahlen. Doch all das nimmt der Kreativität den Atem. In unsicheren und neuartigen Situationen braucht es vor allem eins: Vertrauen in die Fähigkeiten und Erfahrungen der richtigen Personen. Mit unserer Erfahrung, Neugierde, Ausdauer und neutralen Aussensicht sind wir «Alten» als Sparringspartner oder Mentoren ideale Gesprächspartner.

Kritik an der Idee. Kritik am Vorgang
Kritik ist immer eine Einladung zum Nachdenken. Kritik kann wichtige Schwachstellen aufdecken und damit zu besseren Ergebnissen führen. Um etwas kritisch beurteilen zu können, brauchen wir einen Massstab. Also eine Referenz, Erfahrungswerte oder Wissen. Eine neuartige Idee zu kritisieren fällt vielen Menschen leicht. Anders sieht es mit der Kritik am Vorgang aus. Sind dort Erfahrungswerte und Wissen vorhanden? Lebenserfahrung kann nicht erlernt werden, diese ist das Resultat eines langen und ereignisreichen Lebens. «Alte» in gemischten Teams sind deshalb wichtig, denn hier gilt es auf die Kritik von erfahrenen Innovatorinnen und Innovatoren zu hören. Bekanntlich gibt es viel mehr Wege, die nachweislich schwierig, riskant oder schlicht und einfach schlecht sind. Es gibt nicht viele Menschen, die sowohl leidenschaftlich an einer bahnbrechenden Idee arbeiten, als auch über Kenntnisse und Erfahrungen mit den Tücken des Innovierens verfügen.

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