Blog, Industrie 4.0

#272 – «Alte» müssen mitwirken

Aufforderung zum Mitwirken
Ein mir nahestehendes Startup, das sich mit den beruflichen Möglichkeiten für Menschen nach der gesetzlichen Pensionierung oder dem regulären Arbeitsleben befasst, schrieb neulich diese Mail: «Lieber Werner, wir sind von der Messe zurück und werten jetzt all die Informationen aus. Die HR-Welt ist ernüchternd. Das Fachkräfteproblem ist in den Köpfen noch nicht ganz da, ausser bei vereinzelten Branchen, wo es schon sehr präsent ist.» Die Gruppe fokussiert sich auf den Lebensabschnitt, den viele Menschen bei guter Gesundheit, viel Elan und voller Motivation verbringen. Eine sinnstiftende Tätigkeit, die Planung eigener Projekte, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Berufsfeld und die Konzeption der Zukunft stehen dabei im Zentrum. Eine Herausforderung bleibt jedoch, denn Erfahrung und Fachwissen beziehen sich auf Vergangenes: Wie können sie beim Gestalten von Künftigem förderlich und nicht hinderlich sein? Wir «Alten» müssen deutlich selbstbewusster auftreten, ohne Standesdünkel oder Besserwisserei, nicht gegen alles sein und mehr Mut haben für neue Ideen – kurz: aus unserer Komfortzone heraustreten und offen sein für Ungewohntes. Wir müssen Mitwirken und das Vertrauen der potenziellen Arbeitgebenden durch aktive Partizipation gewinnen.

Platinum Jubilee Parade, anlässlich des 70. Thronjubiläums von Queen Elizabeth II (96), Morris Minor   5. Juni 2022

Prestige ist nicht zentral
Im Interview in der NZZ vom 2.Juni 2022 von Thomas Fuster und André Müller mit Martin Scholl (60), dem scheidenden CEO der ZKB Zürcher Kantonalbank, auf die Pläne nach seinem Rücktritt angesprochen, äussert dieser sich gegen den Wechsel in den Verwaltungsrat einer grossen börsenkotierten Firma. Da hat man kaum Gestaltungsspielraum, findet er. Spannend ist hingegen die Startup-Szene. Da ist viel in Bewegung, mit intelligenten Menschen und sehr guten – und teilweise auch absurden – Ideen. Dort als Investor und Sparring-Partner aktiv zu sein, hält einen jung und fit. Sollte jemand deshalb in zwei oder drei Jahren fragen, was eigentlich Martin Scholl macht, wird ihn das nicht kümmern. Er ist nicht auf der Suche nach Prestige.

«Reaching out» Vernetzung am SEF
Auch in diesem Jahr fand kurz nach dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos, das Swiss Economic Forum (SEF) als führende Wirtschaftskonferenz der Schweiz, in Interlaken statt. Unter dem Motto «Reaching out» wurden Möglichkeiten zur Vernetzung diskutiert und der «Beitrag von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zur Schaffung eines stärkeren transnationalen Wir-Gefühls» besprochen. Im Vorfeld publizierte Christoph Ruckstuhl das neue NZZ-KMU-Barometer in der NZZ vom 2. Juni 2022. Es handelt sich um die Resultate aus einer Befragung von Wirtschaftsführer:innen, in Zusammenarbeit mit der Kalaidos Fachhochschule Zürich, zur allgemeinen Lage der Wirtschaft. Geantwortet haben insgesamt 616 Wirtschaftsführer:innen, 415 von ihnen aus KMU.

Die Sorge um den Fachkräftemangel ist hausgemacht
Viele von ihnen erwarten für 2022 noch mehr Schwierigkeiten bei den Lieferketten, der Suche nach Fachkräften und den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als 2021. Doch eine Mehrheit der mittelständischen Schweizer Firmen (KMU mit weniger als 250 Mitarbeitenden) sind gut aufgestellt und bleiben deshalb optimistisch. Die Kader sorgen sich vor allem um die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal, wobei sich die Erwartungen auf Besserung seit der letzten Umfrage verdüstert haben. Bleibt die Frage nach den Gründen, weshalb nicht mehr «Alte» zur Überbrückung dieser Verknappung beitragen sollen. Die Schulen machen dies angesichts der hohen Kinderzahl und dem Lehrermangel vor, indem sie Quereinsteiger oder Pensionierte mit Erfolg einsetzen. Ganz offensichtlich eine Win-Win-Situation, die andernorts ebenfalls Anwendung finden könnte.

«kompetenz60plus.ch»
Mit unserer Erfahrung aus der analogen, zusammen mit Erkenntnissen aus der digitalen Welt, sind wir «Alten» gerne bereit, diese mit KMU’s oder im Team mit jungen Forschenden und Wissenschaftern auf Augenhöhe zu teilen. Suchen Sie einen Mentor, eine Mentorin oder Coach, «kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
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Plädoyer für ein tätigeres Alter

Der 75-Jährige Philosoph Ludwig Hasler beschäftigt sich noch immer als Autor und Redner. Siehe auch meinen Blog vom 22. August 2019. Für seine Sichtweise zum Arbeiten im Alter wird er immer wieder angefeindet. Darüber schrieb er in seinem Beitrag: «Sie Klugscheisser!» in der NZZ vom 19.10.2019  wie vor allem «Alte» sich angegriffen fühlen. Tatsache ist jedoch, dass wir uns nach dem heute gültigen Pensionierungsalter 64/65 bei guter Gesundheit auf 25 weitere Jahre aktiven Lebens freuen dürfen.

25 Jahre Passivmitgliedschaft in der Gesellschaft?
Fast alle fordern «Respekt». Respekt – wofür? Für das Geleistete? Okay. Aber ist die Welt rundum picobello, die wir den Jungen übergeben? Respekt – für 25 Jahre Passivmitgliedschaft in der Gesellschaft? Warum verdienen wir uns diesen Respekt nicht? Eine Generation, die nur Rechte beansprucht, Pflichten ablehnt, verspielt auf Dauer die Anerkennung.

An der Zukunft mitwirken
Im Alter haben wir immer weniger vor, unsere Zukunft schrumpft, das Leben wird zur Galgenfrist. Für dieses Dilemma plädiert Hasler, noch etwas mehr in Bewegung zu bringen als nur sich selbst. Er nennt es an einer Zukunft mitzuwirken, selbst wenn die nicht mehr die seine sein wird. An einer Zukunft, die ihn überdauern wird, der Zukunft der Jungen, der Ingenieurskunst, der Bienen, der Poesie, der Musik – an der Zukunft unserer Menschenwelt.

Flughafensicherheit

Sinnkrise der «Alten»
Im Kern schlägt Ludwig Hasler vor, die neue Dramaturgie des Alterns nicht zu ignorieren. Was ist neu? Fast alles. Bis eben dauerte das Alter kurz und war meist mühsam. Dabei hatte es allerlei Beschäftigung; unsere Vorfahren waren keine buddhistischen Mönche, sie träumten nicht vom Nirwana, sie waren Bauern und Handwerker, in Haus und Hof gab es jederzeit zu tun, auch für die Alten, die sich nie ausgemustert vorkamen, darum nicht in Sinnkrisen fielen, sie gehörten dazu, machten sich nützlich, wurden gebraucht. Wir mögen es noch so «schön haben» – Sinn ergibt das noch nicht. Wir sind «exzentrische» Wesen, wir müssen aus uns hinaus, wollen wir nicht vereinsamen. Wir müssen etwas vorhaben, an etwas mitwirken, das grösser ist als das eigene «Ich».

Alle können sich nützlich machen, irgendwie
Wer sich nützlich macht, gehört dazu. Wer dazugehört, bleibt im Spiel, ist Akteur, wird nicht überflüssig. Hasler redet dabei von «Mitwirken», nicht von «Arbeiten». Mitwirken statt ausklinken im Alter. Das bedarf keiner tiefsinnigen Theorie, Beobachtung genügt: Die bestgelaunten «Alten», sind beschäftigt – nicht allein mit sich, sondern mit Dingen, die auch für andere etwas bedeuten. Eine 82-Jährige hilft im Blumenladen aus, ein 76-jähriger Arzt arbeitet weiter in der Gemeinschaftspraxis, drei 75-Jährige beleben die Quartierbeiz.

Es braucht einen Mentalitätswandel
Wie Hasler schwebt auch mir ein Mentalitätswandel vor, ein Appetit auf eine aktive Lebensart im Alter – nach der Devise: Hey, wir sind frei, wir haben Zeit, sind noch bei Kräften, einige von uns finanziell unabhängig, also nutzen wir die feudale Chance, wirken wir im eigenen Auftrag mit, engagieren wir uns, statt abzuhängen, werden wir Mitspieler statt Endverbraucher unserer Lebenschance, spielen wir eine Rolle auch für andere, nicht aus Altruismus, eher aus reziprokem Egoismus, die Resonanz der andern wird uns reich entschädigen. Natürlich gibt es «Alte», die passen nicht in die Schablone aktiver Senioren. Sie haben kaum Geld zu reisen, keine Kraft mitzuwirken. In meinen Gesprächen zeigt sich deren Resignation, eine Abwärtsspirale die nur sie selbst, oder unter Mithilfe von Dritten stoppen können. Haslers Gedanken gehen an die Adresse derer, die noch die Chance haben, ihre Kräfte zu gebrauchen.

Kompetente «Alte» gesucht
Genaueres zur Plattform «kompetenz60plus.ch» erfahren Sie im doppelseitigen Beitrag von Anfang Jahr in der Schweizerischen Gewerbezeitung oder im Videoclip (3:43′) «FokusKMU» für das Lokalfernsehen vom vergangenen Februar.

Bitte machen Sie mit, wir freuen uns über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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