Blog, Industrie 4.0

#162 – Reflexion dank Isolation

Das Tagebuch der Anne Frank – eine Annäherung
Wir Schweizer der Nachkriegsgeneration kennen kaum den Verzicht und die Isolation aus eigener Erfahrung und sind deshalb schlecht vorbereitet auf die gegenwärtige Gefahr einer Infektion mit dem SARS-CoV-2 Virus. Was es heisst, auf kleinstem Raum über Monate in ständiger Angst und mit Entbehrungen angesichts einer ungewissen Zukunft auszuharren, wurde im Filmklassiker «The Diary of Anne Frank», USA 1959, von George Stevens hervorragend nachempfunden. Demut ist deshalb angebracht in der gegenwärtigen Lage. Im Gegensatz zu den Virologen und Epidemiologen, basiert mein Wissen über die Gefahren der aktuellen Pandemie auf Medienmitteilungen. Dass in der Presse Senioren und Rollatoren im gleichen Satz genannt werden, als ob der Denkprozess in den Beinen stattfindet, stört mich dabei sehr. Ich wehre mich gegen jegliche Stigmatisierung oder das Auseinanderdividieren von Jung und Alt. Speziell wenn die zahlreichen «Experten» ebenfalls der älteren Generation angehören.

Bild: Ricardo Rojas / Reuters

Die Schweiz ist für den Ernstfall schlecht vorbereitet
Die gegenwärtige Situation, einmal abgesehen von der Gefahr für unsere Gesundheit, zeigt wie wenig die reiche Schweiz auf den Notfall vorbereitet ist. Wie sträflich viele (Klein-)Unternehmen die Digitalisierung vernachlässigt hatten und wie schlecht die Volksschule ihre Lehrmittel für den sinnvollen digitalen Unterricht aus der Ferne vorbereitete. Wer dieser Tage versucht, seine Lebensmittel online zu bestellen um den Gang in die Läden zu vermeiden, wird enttäuscht. Viele Artikel sind nicht verfügbar und die Lieferfristen für Bestellungen dauern bis zu zwei Wochen. Die Corona-Krise legt offen, dass die Kantone die Prävention vernachlässigt haben. Abstimmungen, wie letztes Wochenende in Solothurn, müssen unter Einhaltung von Hygieneanforderungen von Hand ausgezählt werden und die Ausweise zur Personenkontrolle existieren hauptsächlich auf Papier. Diese Zettelwirtschaft rächt sich nun. Mangelhafte Strukturen blockieren auch die Wirtschaft und verursachen hohe finazielle Schäden. In seinem Beitrag unter dem Titel: «Mitten in der Pandemie kommt Kritik am Krisenmanagement auf», NZZ vom 25. März 2020, schreibt Simon Hehli: Beim Einsammeln der relevanten Daten zum Pandemieverlauf kommen beim Schweizer Bundesamt für Gesundheit auch Faxgeräte zum Einsatz. Schweizer Ärzte müssen laut Medienberichten in ein Formular, das sie aus dem Internet heruntergeladen und ausgedruckt haben, von Hand Werte von einem Computerbildschirm abschreiben und per Fax nach Bern melden, wo jemand die Daten dann wieder ab Papier in den Computer eintippt. Fehler sind natürlich unausweichlich.

Digitalisierung in den Unternehmen und Verwaltungen jetzt anpacken
Wenn die gegenwärtige Krise ihre positive Seite hat, dann der Ansporn, Unternehmen und Verwaltung endlich digital fit zu machen. Die Schweiz muss sicherstellen, dass die Verfügbarkeit von Strom und die entsprechenden Bandbreiten zur Datenübertragung im Internet auch in Zukunft vorhanden sind. Damit die Firmen auf Grund der Corona-Krise nicht auch noch in eine Home-Office-Krise verfallen, hat smino, eine Plattform der Baubranche, die 15 besten Tipps für effizientes Home-Office bereitgestellt. Diese lassen sich natürlich auch auf andere Dienstleistungsbranchen übertragen. Auch Cloud-Skeptiker müssen zugeben: Wenn Daten und Unterlagen ausserhalb des Büros nicht zugänglich sind, ist Home-Office schlicht unmöglich und die Firma verliert an Produktivität. Anstatt reihenweise Bundesordner mit Papierdokumenten braucht es für das Datenmanagement innerhalb der Firma Informationen und Dokumente die jederzeit geräte- und ortsunabhängig zugänglich sind. Die aktuelle Situation ermöglicht es den Unternehmen, alteingesessene Prozesse zu überdenken und gegebenenfalls zu ändern. Dazu gehören das Digitalisieren von Abläufen und Prozessen in den Projekten, oder Sitzungen problemlos in den virtuellen Raum verlegen. Die Nutzung digitaler Werkzeuge bringt endlich Struktur in das Aufgabenmanagement, welches idealerweise auf einer Kollaboratationsplattform mit anderen Personen im Team geteilt wird.

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser
In der Home-Office Situation kann das Problem entstehen, dass Führungskräfte die Produktivität der Mitarbeitenden anzweifeln. Andererseits können Mitarbeitende sich gestresst fühlen, weil sie denken, sie müssen das Doppelte erledigen als normal, damit kein falscher Eindruck entsteht. Deshalb der Appell an alle Führungskräfte: Vertrauen Sie Ihrem Team! Kontrollieren Sie nicht, ob Ihre Mitarbeitenden arbeiten, sondern Unterstützen Sie Ihre Mitarbeitenden bei ihren Zielen und richten Sie sich nach den Zielen, die erreicht wurden und nicht danach, wie viele Stunden die Mitarbeitenden online waren. Die aktuelle Krisensituation hilft uns Hierarchien abzubauen, Alt und Jung arbeiten zusammen auf Augenhöhe im Team. Auf humorvolle Weise beschreibt Stefan Betschon «Wie das Internet in der Corona-Krise neu erfunden wird», NZZ vom 25. März 2020.

Halten Sie sich gesund
Mit dem Home-Office fällt der Arbeitsweg, der Spaziergang zum Restaurant am Mittag und der tägliche Rundgang im Betrieb weg. Trotz der aktuell einzuhaltenden sozialen Distanzierung sollte man pro Tag mindestens 10’000 Schritte, am besten in der freien Natur zurücklegen. Und wenn einem die Decke auf den Kopf zu fallen droht, lohnt es sich an die Zeit nach der Krise zu denken. Dabei helfen soll der Beitrag von Matthias Horx vom Deutschen Zukunftsinstitut, Journal B vom 25. März 2020.

Wir «Alten»
«kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. «Alte» Frauen und Männer im Team, auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden», stellen ihre Erfahrung zur Verfügung. Bitte bringen Sie sich ein, wir freuen uns über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch I Mail: werner@kompetenz60plus.ch I
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: wernerkruegger

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#161 – COVID-19 als Chance

Positive Auswirkungen auf die Zeit nach der Pandemie
In der Schweiz sind wir geschätzte zwei Millionen «Alte» die sich über die nächsten Wochen und vielleicht Monate besonders «schützen» sollen. Als alter Mensch bin ich zwar gesund, muss aber Hemmungen haben, bei schönstem Frühlingswetter täglich an die frische Luft zu gehen. Die bundesrätlich suggerierte Trennung von Alt und Jung passt mir überhaupt nicht. Meine verschiedenen Projektpartner erreiche ich natürlich wie eh und je über Internet von zuhause dank fortschrittlicher Technologien. Internetbrowser wie wir sie heute noch nutzen, gibt es seit 1991 (Netscape – heute Firefox), dazugekommen ist der Austausch von Daten in der «Wolke». Aber erst die Pandemie eignet sich wohl, um die letzten Zweifler meiner Generation von deren Vorteilen zu überzeugen und Vorurteile abzubauen. Soziale Medien sind, wie es der Name sagt, äusserst geeignet um soziale Kontakte zu pflegen. Home-Office ist ebenfalls einfach umsetzbar, nur haben viele von uns den Umgang mit diesen Werkzeugen nie gelernt, darunter auch viele Lehrpersonen. Es braucht ein paar Tage Eingewöhnungszeit, etwas Hilfe von «alten Füchsen» und den Willen, Neues anzupacken – oder was machen wir sonst in dieser Quarantänezeit.

Bild: Aleksey Boyko/Shutterstock.com

Förderung der Digitalisierung
Auch Videokonferenzen funktionieren gut, sind aber auf lange Sicht kein Ersatz für den persönlichen Austausch im professionellen Umfeld. Für das Arbeiten im Team von zuhause gibt es unzählige Plattformen, die allermeisten basieren auf Vertrauen unter den Team-Mitgliedern, Information ist wichtiger als hierarchisches Denken. Natürlich riskiert man die Geheimhaltung (wie das Beispiel Apple zeigt, wo Mitarbeitende Insiderinformationen verbreiten), aber das scheint mir ganz allgemein eine Frage der Firmenkultur zu sein. Der Bundesrat müsste sich daher für die Förderung der Digitalisierung stark machen, die ausserordentliche Lage als Chance für die Zeit nach der Pandemie erkennen, nach vorne schauen anstatt nur zu reagieren. Leider fehlt es dort, wie auch an den meisten Schulen an digitaler Kompetenz und den entsprechenden Konzepten.

Mangel an Erfahrung
Luzi Bernet, Chefredaktor der NZZ am Sonntag, in seiner Mail vom 11. März 2020 zum Thema «Home-Office», dem Arbeiten von zuhause: «Zu Hause, daheim, in den eigenen vier Wänden: Das alles erhält in diesen Tagen eine neue Bedeutung. Oder eine alte – wie man’s nimmt!» Bis zur Industrialisierung gehörten Wohn- und Arbeitsort zusammen. Man lebte und arbeitete unter einem Dach, mit allen Vor- und Nachteilen. Dann trennten sich die Sphären auf. Die Väter machten sich morgens auf den Weg in die Fabrik und ins Kontor, zu Hause kümmerten sich die Mütter um Heim und Hof. In neuerer Zeit verlassen alle das Haus: Mutter und Vater ins Büro, Kleinkinder in die Kinderkrippe, die anderen in die Schule. Und nun, in Zeiten von Corona, kommt alles wieder zusammen. Home-Office ist angesagt, also daheim arbeiten – die räumliche Trennung fällt weitgehend dahin. In den meisten Situationen des Lebens hat man ja einen Referenzwert, entweder aus Erfahrung oder angelerntem Verhalten. Aber in diesem Fall haben viele absolut nichts, null. Wir sind gezwungen uns schnellstmöglich digital zu ertüchtigen.

Investitionen in die Digitalisierung zahlen sich aus
Jochen Christ & Simon Harrer erläutern in ihrem Beitrag auf heise.de vom 13. März 2020 wie man erfolgreich von zuhause arbeiten kann. In vielen Firmen arbeitet man seit Jahren von «unterwegs» und kennt die Fallstricke. Die relevanten Informationen und Unterlagen wie Verträge oder Pläne müssen elektronisch von überall jederzeit zugänglich sein und die Prozesse digitalisiert sein. Wenn wichtige Dokumente nur im Aktenordner abgeheftet sind, ist eine dauerhafte Arbeit im Home-Office nicht effizient möglich. Bisherige Investitionen in die Digitalisierung zahlen sich in Krisenzeiten zusätzlich aus. Letztlich gibt es zwei grundsätzliche Möglichkeiten der Zusammenarbeit: synchron und asynchron. Ein wichtiges Werkzeug für die synchrone Zusammenarbeit im Home-Office sind Videokonferenzen. Diese sind gegenüber Telefonkonferenzen unbedingt zu bevorzugen, da Präsenz, Gestik und Mimik zu einer effektiven Kommunikation dazu gehören – auch wenn die laufende Webcam für die Einzelnen anfangs gegebenenfalls als unangenehm empfunden wird. Wir «Alten» bevorzugen oft die asynchrone Arbeitsweise wie Email, welche situationsbedingt an unseren Tagesablauf angepasst werden kann. Der Wechsel zur Fern-Arbeit erfordert für alle ein Umdenken und lässt sich nicht eins zu eins von der bisherigen Arbeitsweise im Büro übertragen.

Homeoffice – das Büro der Zukunft
Die Arbeit im Home-Office kann, wenn sie richtig angegangen wird, produktiver sein als im Büro, selbst für Teams – jedoch nur mit einem geeigneten Arbeitsplatz, der richtigen Hard- und Software sowie der passenden Arbeitsweise. Sicher ist jetzt die Zeit, das Home-Office mit dem ganzen Team auszuprobieren. Und wer weiss, vielleicht läuft das Home-Office dem Büro in Zukunft den Rang ab. Es ist sicher eine Möglichkeit «Alte» weiterhin im Arbeitsprozess teilhaben zu lassen um in Krisensituationen auf einen grossen Schatz an Erfahrung zurückzugreifen zu können. Gewisse Teams planen für jeden Arbeitstag eine kurze virtuelle Kaffeerunde zum Beispiel via Adobe Connect Breakout-Rooms. Diese Applikation erlaubt es auch, Parallelgespräche zu führen, ohne einzelne Teilnehmende bei individuellen Gesprächen zu stören. Damit können Mitarbeitende welche von zuhause arbeiten sich mit Kollegen und Kolleginnen austauschen, die vor Ort für den Grundbetrieb in einer Firma notwendig sind.

Das Leben nach Corona
Slavoj Žižek, Philosoph und Psychoanalytiker stellt fest: «Der Mensch wird nicht mehr derselbe gewesen sein: Das ist die Lektion, die das Coronavirus für uns bereithält.» Aus dem Englischen übersetzt von Helmut Reuter. NZZ vom 13.03.2020. Vor allem linke und liberale Kommentatoren haben festgehalten, dass die Coronavirus-Epidemie staatliche Massnahmen zur Kontrolle und Lenkung der Menschen rechtfertige, die in einer demokratischen Gesellschaft des Westens bisher undenkbar waren. Die Herausforderung für Europa besteht darin, zu beweisen, dass das, was China gemacht hat, auf transparentere und demokratischere Art zu schaffen ist. Der Haken dabei ist, dass die Coronavirus-Epidemie unser Zusammenleben fundamental verändern wird. Das Leben wird, selbst wenn es am Ende wieder zur Normalität zurückkehrt, auf andere Weise normal sein, als wir es vor dem Ausbruch gewohnt waren. Wir werden um diese Erfahrung reicher sein.

Wir «Alten»
«kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. «Alte» Frauen und Männer im Team, auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden», stellen ihre Erfahrung zur Verfügung. Bitte bringen Sie sich ein, wir freuen uns über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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#160 – «Alte» im Krisenmodus

Krisenerfahrung
Bei allem Verständnis für die ausserordentliche Situation bezüglich des Coronavirus entsteht der falsche Eindruck, dass wir «Alten» als Risikogruppe aus Sicherheitsgründen nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen sollen. Im Gegenteil, wir sind krisenerprobt und gerne bereit dort auszuhelfen wo Engpässe entstehen. Die sogenannte Spanische Grippe forderte zwischen 1918 und 1920 weltweit schätzungsweise bis zu 50 Millionen Todesopfer. Soweit wird es hundert Jahre später hoffentlich nicht kommen, doch niemand weiss das ganz bestimmt. Auf Grund der Globalisierung sind die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie hingegen bereits schmerzlich spürbar. Als Segen präsentiert sich da das Internet mit seinen Möglichkeiten der orts- und zeitunabhängigen Teilhabe. Die erzwungene «Entschleunigung» ist sicher ein guter Moment, sich auch Gedanken zur rasanten Verbreitung von ebenfalls gefährlichen Computerviren im Netz zu machen.

Hier noch ein lesenswerter Einschub aus der NZZ vom 10. März 2020:
Der Stadtstaat Singapur hat viel aus der Sars-Krise gelernt und lässt sich vom Coronavirus nicht unterkriegen. Nicht alle Rezepte sind auf andere Länder übertragbar, einige aber schon. Und zwecks Kohäsion der Gesellschaft greift man zu ungewöhnlichen Mitteln.

Soldaten an der Spanischen Grippe erkrankt im Notspital von Camp Funston, Kansas USA ca. 1919

Arbeiten von zuhause
An dieser Stelle ist es auch wichtig anzuerkennen, dass die Arbeit von zuhause in erster Linie ein Luxus ist. Viele Menschen haben diese Option nicht, was in Zeiten prekärer Gesundheitsversorgung und sich schnell ausbreitender Krankheiten besonders besorgniserregend ist. Dazu haben die Behörden «soziale Distanzierung» (Abstand halten) als einen Weg zur Bekämpfung der Weiterverbreitung empfohlen. Bisher bedeutete dies für viele Firmen die Absage von Konferenzen oder Geschäftsreisen. Unternehmen haben nun den nächsten logischen Schritt unternommen und bitten die Mitarbeitenden, wann immer möglich von zuhause aus zu arbeiten. Arbeiten von zuhause bedingt von den Betrieben jedoch klare Vorgaben, eine entsprechende Firmenkultur, flache Hierarchien und Vertrauen in die Mitarbeitenden. Für uns «Alte» ist «Home-Office» auch ohne Katastrophenszenario ein Glücksfall. Unkompliziert und kurzfristig greifen wir dort wo wir gebraucht werden unter die Arme. Beim Arbeiten von zuhause gilt es jedoch einige Regeln zu beachten.

Arbeiten Sie nicht im Pyjama
Brian Barett, Redaktor des amerikanischen Magazins «Wired», beschreibt in seinem Essay vom 3. März 2020, welche Vorteile Home-Office hat. Und welche Nachteile. Einer der Tipps, die Barett denjenigen gibt, die sich mit Arbeiten in Wohn- und Schlafzimmer noch nicht auskennen, lautet: «Arbeiten Sie nicht im Pyjama.» Brian Baret, der fast ein Jahrzehnt lang «aus der Ferne» arbeitet sagt: Es ist nicht einfach. Man muss sich einige Grenzen setzen, auch um sein Selbstbewusstsein nicht zu verlieren. Zwar kann man in seinen eigenen vier Wänden jede gewünschte Musik so laut abspielen wie man möchte und muss sich nicht über die störenden Telefonate seiner Mitmenschen ärgern. Auch fällt das ebenfalls als gefährlich eingestufte Pendeln zum Arbeitsort mit dem öffentlichen Verkehr weg. Doch gerade wegen dieser Privilegien gilt es, einen gewissen Grad an Professionalität zu wahren. Es ist eine Falle, aus dem Bett zu rollen und sich im Schlafanzug zum Laptop zu begeben oder vielleicht gar nicht erst aufzustehen. Damit verletzt man eine Grundregel: Grenzen setzen. Auch zuhause gilt: Sich zur Arbeit anziehen und somit auf den Tag vorzubereiten, sonst beginnt der Tag nie wirklich.

An der Spanischen Grippe erkrankte in einem Notspital, USA, ca. 1919

Heimbüro
Daneben muss man sich wie jeden anderen Tag im Büro verhalten, abzüglich des Büroteils, dann ist man auch jederzeit für Videokonferenzen oder Besuche vorbereitet. Dazu gehört auch ein dedizierter Arbeitsplatz der aufgeräumt sein sollte, nicht die Couch oder ein Futon. Ein abgeschlossenes Büro ist nicht zwingend, aber ein Tisch, wo der Laptop und die Unterlagen ihren Platz finden, das hilft beim Fokussieren. Auch ich arbeite seit vielen Jahren mit dem Laptop am übergrossen Küchentisch meiner Industrieloft. Das macht es wahrscheinlicher, tatsächlich Dinge zu erledigen, wenn ich anwesend bin, aber genauso wichtig ist, dass die Verbindung getrennt ist, wenn ich nicht zuhause bin. Vollzeit-Remote-Arbeitende können in Ihrer Steuererklärung einen Betrag äquivalent der Quadratmeter benutzter Bürofläche für Heimarbeit von der Miete abziehen.

Rituale, Abwechslung und Spielraum
Langes Sitzen ist für unsere Gesundheit schädlich und für den Geist betäubend, wenn man die ganze Zeit auf dieselbe Wand oder dasselbe Fenster starrt, trotz Musik im Hintergrund. Bei Heimarbeit fehlt eine gewisse Zeit zum Dekomprimieren, Pendeln übernimmt normalerweise diese Funktion. Jeden Tag verbringe ich deshalb mindestens zwei Stunden draussen, respektive in einem Café. Es ist ein Szenenwechsel, eine gute Ausrede, um frische Luft zu schnappen, und bietet ein kleines Stück menschlicher Interaktion oder, aus Coronavirus-Abstands-Gründen, die Möglichkeit in anderer Umgebung die (Papier-)Zeitung zu lesen. Auch beim Arbeiten zuhause sind gewisse Rituale wichtig, wie das Einhalten von Ruhezeiten, der Besuch im Yogastudio oder die Verabredung mit Freunden, für die man an bestimmten Wochentagen zu einer bestimmten Zeit das Haus verlassen muss. Alltagsstrukturen sind wichtig für unser Selbstbewusstsein.

Vergessen in der Leere
In Tat und Wahrheit besteht die grössere Sorge bei der Fernarbeit darin, dass man vergessen wird. Man verpasst unweigerlich die spontanen Besprechungen und Nebengespräche, die aus kleinen Ideen grosse Projekte machen. Ich kommuniziere deshalb gerne und oft über Email und nutze die sozialen Medien um meine Interessen zu verfolgen. Das hat den Vorteil, dass ich das Gegenüber nicht, wie beim Telefonieren, bei der Arbeit störe. Das Niederschreiben von Gedanken hat zwar seine Grenzen, zwingt aber auch zur Reflexion. Es wird nie dasselbe sein wie nach der Arbeit ein Bier zu trinken, aber es hilft, die Leute daran zu erinnern, dass ich nicht nur draussen in der Leere bin. Und wenn sich aus dieser Kommunikation ein Projekt entwickelt, greife ich gerne zum Telefon oder verabrede mich persönlich zum Kaffee.

Wir «Alten»
«kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. «Alte» Frauen und Männer im Team, auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden», stellen ihre Erfahrung zur Verfügung. Bitte bringen Sie sich ein, wir freuen uns über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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