Blog, Industrie 4.0

#276 – «Alte» im Arbeitsmarkt?

Eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz
Dieser Tage wird viel über das Potenzial der «Alten» als Ausweg aus dem Fachkräftemangel diskutiert. Doch wie sieht dies in Wirklichkeit aus? Sind wir «Alten» bereit oder fähig, auf die schnellen Veränderungen in der Wirtschaft einzugehen? So einfach ist es eben nicht. Vieles was wir in der Vergangenheit gelernt und jahrelang ausgeübt haben, ist heute automatisiert. Prozesse verändern sich dauernd, gewisse Schritte werden nicht mehr gebraucht, Geschäftsmodelle werden von der Folgegeneration hinterfragt. Tröstlich zu wissen, dass kreative Menschen mit genügend Sozialkompetenz durch digitale Technologien nicht so schnell ersetzt werden, was denjenigen unter uns, die neugierig genug geblieben sind einen Vorteil verschafft. Falls es unsere Gesundheit zulässt und wir weiterhin vertrauensvolle, kommunikative und verlässliche Partner sind, passen wir ins Team. KI künstliche Intelligenz wird die Menschen nicht überflüssig machen, ausser jene, die sich weigern, den Umgang mit KI (beispielsweise im Datenmanagement) zu lernen. Doch es ist auch eine gesellschaftliche Frage, denn oft sind Alter, Herkunft und Geschlecht im Anforderungsprofil der Stellensuchenden wichtiger als Flexibilität, breite Erfahrung und vorhandenes Potenzial.

«Alte» im Arbeitsmarkt: Wunschdenken oder Realität
Wie realistisch ist es, dem Fachkräftemangel durch ein erhöhtes Rentenalter oder durch den Rückgriff auf bereits Pensionierte «Alte» zu begegnen? Der Beitrag «Mitarbeiter verzweifelt gesucht» von David Vonplon, NZZ vom 29. Juni 2022, widmet sich dem Thema. Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), sieht die Schwierigkeiten, ältere Arbeitskräfte länger im Arbeitsmarkt zu halten den Umständen geschuldet. «Die Schweiz hat eine sehr grosszügige Altersvorsorge. Darum sehen die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer keinen Grund, über das Pensionsalter hinaus weiterzuarbeiten.» In anderen Ländern sei dies anders: Dort brauchten viele Menschen in Rente ein «Jöbli», um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Meine Erfahrung mit der Plattform «kompetenz60plus.ch» zeigt ein Bild von durchaus interessierten «Alten», solange damit wenig oder kein Aufwand verbunden ist. Das ist verständlich, denn mit dem Alter verlieren wir etwas an (jugendlicher) Energie und wünschen uns eine Situation mit weniger Risiken und Verantwortlichkeiten. Auch die Fittesten unter uns sehen sich demzufolge weniger als Velokuriere, sondern unterstützen lieber teilzeitlich das Backoffice. Unsere Kompetenzen beruhen auf gemachten Erfahrungen, die wir als Coachs oder Mentor:innen gerne an die nächste Generation weitergeben.

Eva Aeppli (1925-2015), Groupe de 13 (Hommage à Amnesty International), 1968, Centre Pompidou
Foto: © Philippe Migeat – Centre Pompidou

Stellenangebot übertrifft aktuell die Zahl der Arbeitslosen
Seit 2003 erhebt das Bundesamt für Statistik quartalsweise die offenen Stellen. Doch das hat es noch nie gegeben: Ende Mai lag die Zahl in der Schweiz erstmals über 100’000. Und noch bemerkenswerter: Erstmals übertraf das Stellenangebot die Zahl der Arbeitslosen. So standen 114’000 unbesetzte Stellen 98’000 Personen gegenüber, die bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren als erwerbslos registriert waren. Gemäss Boris Zürcher verliessen in den Pandemiejahren viele Arbeitskräfte ihren Beruf, haben sich umorientiert oder gingen in Pension. Entsprechend ist in gewissen Branchen nun der Personal- und Fachkräftemangel gross. In früheren Zeiten konnte die Schweiz offene Stellen jeweils problemlos durch Arbeitskräfte aus dem Ausland besetzen. Doch heute ist das schwieriger. Hauptgrund dafür ist, dass in vielen anderen Ländern Europas gegenwärtig ebenfalls Vollbeschäftigung herrscht.

Hilfe für KMU
Dass das Personal an allen Ecken und Enden fehlt, bekommen vor allem Gewerbebetriebe und KMU schmerzhaft zu spüren: Hotels und Restaurants müssen tageweise oder ganz geschlossen werden. Installateure müssen Aufträge ablehnen, Spitex-Organisationen können nur einen Teil der Dienstleistungen ausführen, Verkehrsbetriebe und Schulen müssen Studierende anstellen. Wie eine Auswertung der Jobbörse Indeed für AWP kürzlich ergab, fehlen passende Bewerberinnen und Bewerber insbesondere für Führungsfunktionen. Neugierige und agile «Alte», die sich weiterbilden und am Puls der Zeit sind, wären hier ideale Kandidaten, auch als Unterstützung auf Teilzeitbasis.

Neue Arbeitsmodelle für ältere Mitarbeiter gefordert
Mit dem ausgetrockneten Arbeitsmarkt beschäftigt sich auch Simon Wey, Chefökonom beim Schweizerischen Arbeitgeberverband. Dass die erwähnten Arbeitskräfte zurückkehrten, beurteilt er als unwahrscheinlich. Tiefe Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen, sowie ein während der Pandemie verschlechtertes Image gewisser Branchen nennt er als Gründe. Priorität im Kampf gegen den Personalmangel muss laut Wey allerdings sein, das Potenzial an Arbeitskräften im Inland besser auszuschöpfen. Neben den bekannten Rezepten macht sich der Ökonom für die Einführung neuer Arbeitsmodelle für ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stark. «Nicht wenige ältere Arbeitskräfte haben Mühe, im Alter mitzuhalten, und bekommen Existenzängste», sagt Wey. Biete man diesen Leuten ein Teilzeitpensum mit etwas weniger Verantwortung an, so trage dies zu einem gefestigteren Arbeitsverhältnis und einer grösseren Zufriedenheit bei. Das erhöhe die Bereitschaft, über das Pensionsalter hinaus zu arbeiten. Boris Zürcher ist skeptischer, was das ungenutzte Potenzial an Arbeitskräften im Inland betrifft. Im internationalen Vergleich sei die Beschäftigungsquote hierzulande bereits rekordhoch. Vielmehr zeige sich, dass auch viele Frauen, die keine Familie hätten, bloss Teilzeit arbeiteten. Es handle sich dabei um einen Wohlstandseffekt: Schliesslich könne man in vielen Berufen auch mit einem Pensum von 60 oder 80 Prozent ein gutes Einkommen erwirtschaften.

Firmen müssen sich bewegen
Während sich die geburtenstarken Babyboomer also gerade massenweise in die Pension verabschieden, bleibt den Unternehmen nichts anderes übrig, als ihre Attraktivität als Arbeitgebende zu steigern, wenn sie ihre offenen Stellen besetzen wollen. Und dabei geht es nicht nur um die Löhne. «Genauso wichtig ist, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit erhalten, ihre Arbeitszeiten und ihren Arbeitsort selber wählen können und es Regelungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gibt», sagt Wey. Gemäss Daniel Lampart, Chefökonom beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, habe sich der Anstellungsprozess bereits verändert: Auch Bewerber, die nicht alle Qualifikationen für eine Stelle mitbrächten, könnten sich Chancen auf einen Job ausrechnen. «Erkennen die Firmen Potenzial in den Arbeitskräften, sind sie auch vermehrt bereit, diese Personen zu unterstützen und fortlaufend ‹on the job› auszubilden.»

Kraft des Wandels erkennen
Nicole Rütti, schreibt in der NZZ vom 19. Juni 2022 wie Firmen um die Gunst der Generation Z, die Altersgruppe der zwischen 1997 und 2012 geborenen, buhlen. Etwa 1,4 Millionen Schweizerinnen und Schweizer gehören zur Generation Z. Inzwischen bilden die nach 1996 Geborenen schon knapp 12 Prozent der Erwerbstätigen. Die jungen Leute sind schliesslich die Berufseinsteiger von heute und die Kunden von morgen. Wie man diese Kraft des Wandels einbindet, um Erkenntnisse und Ideen zu gewinnen, die uns in eine bessere Zukunft führen, müssen auch wir «Alten» verstehen. Für die junge Generation sind vor allem Nachhaltigkeit, Ethik, Gerechtigkeit, flache Hierarchien und flexiblere Arbeitsmodelle wichtig. Die Jungen sind oft gut ausgebildet, wissbegierig und digitalaffin und Firmen die auf der Suche nach Geschäftsmodellen der Zukunft sind, erhoffen sich von der Generation Z neue Impulse. Dazu müssen sie offener kommunizieren, ein neues Führungsverständnis entwickeln und den Jungen mehr Verantwortung übertragen.. Auch ein umgekehrtes Mentoring ist denkbar. Dabei schlüpft eine ältere Person in die Rolle des Mentee und lernt – beispielsweise bei digitalen Themen – von einer jungen Person. Bei all diesen Anpassungen steht allerdings nicht nur die Generationenfrage im Vordergrund. Der Wandel der Arbeitswelt geht weit darüber hinaus. Mit Blick auf die anstehenden Herausforderungen ist es wenig ratsam, Babyboomer, Millennials und Generation Z gegeneinander auszuspielen, sondern ein gemischtes Team an Bord zu haben, das ein Unternehmen vorantreibt. Erfahrung und Ideen, Kreativität und Strukturen sowie die gegenseitige Anerkennung der unterschiedlichen Stärken und Perspektiven, gehören ebenso dazu, wie die richtigen Fragen zu stellen.

«kompetenz60plus.ch»
Mit unserer Erfahrung aus der analogen, zusammen mit Erkenntnissen aus der digitalen Welt, sind wir «Alten» gerne bereit, diese mit KMU’s oder im Team mit jungen Forschenden und Wissenschaftern auf Augenhöhe zu teilen. Suchen Sie einen Mentor, eine Mentorin oder Coach, «kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch I Mail: werner@kompetenz60plus.ch I
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: wernerkruegger

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#182 – Flexibles Arbeiten im Alter

Home-Office, neue Möglichkeiten für uns «Alte»
Gerade für ältere Menschen sind die Vorzüge des digitalen Arbeitens aus der Ferne (Home-Office) offensichtlich. Keine Maskentragpflicht, flexible Arbeitszeiten ohne tägliches Pendeln, Arbeiten ohne Zeitdruck oder Aufteilen der Aufgaben gemäss persönlichen Präferenzen sind nur einige Vorteile. Wenn da nur nicht die Vorurteile wären, die flexibles Arbeiten mit Mangel an Zugehörigkeit oder Loyalität gleichsetzen. Für uns Babyboomer ist eine «Festanstellung» mit Pult und Stuhl in einem (Einzel-) Büro immer noch oberstes Ziel, gepaart mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Standesdünkel.

Unkomplizierte Hilfe für KMU und Startups
Oft wird das Amerikanische Modell des Hire and Fire, Einstellen und Entlassen, im negativen Sinn als Beispiel herbeigezogen, wenn es sich um schwierige Situationen am Arbeitsmarkt handelt. Natürlich ist unser System, das Angestellte mit Verträgen, Kündigungsterminen und finanziellen Absicherungen schützt, eine grosse Errungenschaft der Gewerkschaften. Geregelte Ferienguthaben, freie Tage bei Geburt, Krankheit oder Todesfall in der Familie und viele weitere Regelungen bestimmen das Verhältnis zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden. Gleichzeitig bremst der Sozialstaat aber auch Innovationen und sorgt vielerorts für eine gewisse Trägheit. Geschäftsideen haben es in diesem Umfeld nicht leicht, manches Startup scheitert an solchen Überregulierungen.

Marilyn Diptych, Andy Warhol 1962: Collection of the Tate Modern, London

Freelancer
Während es in der Vergangenheit als tugendhaft galt, wenn jemand jahrzehntelang im gleichen Betrieb angestellt war, sieht man dies heute auch in der Schweiz etwas differenzierter. Im Beitrag von Nicole Rütti, und Natalie Gratwohl , NZZ vom 20. August 2020, mit dem Titel «Ein Corona-Effekt: Unternehmen könnten verstärkt auf Freelancer setzen – und die müssen nicht unbedingt in der Schweiz sein» weisen die Autorinnen auf diese Entwicklung hin. Sie vertreten die Ansicht, wonach in der Krise sich der Trend zu flexiblem Arbeiten deutlich akzentuiert hat. Nachdem viele Unternehmen gute Erfahrungen mit Home-Office gemacht haben, wird nun befürchtet, dass sie Arbeitsplätze vermehrt auslagern werden.

Weniger Festangestellte
Gezwungenermassen haben sich die Unternehmen nach dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie in einem ersten Schritt vor allem von den temporär Angestellten und teuren Beratern getrennt. Die Krise hat aber deutlich gemacht, um Nachfragespitzen kurzfristig abzudecken, müssen Unternehmen personell flexibel aufgestellt sein. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, braucht es weniger Festangestellte und dafür mehr flexible Arbeitskräfte für temporäre Einsätze und zeitlich befristete Projekte sowie Freelancer. Viele Firmen haben die letzten Monate genutzt, um Restrukturierungen und Effizienzprogramme vorzubereiten. Corona hat zwar nicht den Arbeitsmarkt auf den Kopf gestellt. Aber seit längerem beobachtbare Tendenzen – vermehrte Flexibilisierung, Effizienzsteigerung, Unverbindlichkeit und abnehmende Loyalität – haben einen beachtlichen Schub erhalten.

Positive Erfahrungen beim Home-Office
Die positiven Erfahrungen beim Home-Office werden ausserdem dazu beitragen, dass Unternehmen Tätigkeiten vermehrt auslagern, auch ins Ausland. Von Auslagerungen betroffen dürften gemäss wissenschaftlichen Experten in Zukunft vor allem auch Berufe im hochqualifizierten Bereich sein. Beispielsweise müssen «Expats» in Zukunft nicht mehr unbedingt in die Schweiz reisen, sie können ihre Arbeit auch vom Ausland aus wahrnehmen. Viele Betriebe haben aber auch die Kehrseite solcher Massnahmen kennengelernt – von höheren Fluktuationsraten beim externen Personal über kulturelle Schwierigkeiten und Missverständnisse bis zu rasch steigenden Löhnen im Ausland, erhöhter Komplexität und Qualitätsproblemen. Hier bietet sich eine Chance für uns «Alte», die wir ergreifen müssen. Wir sind mit der schweizerischen «Mentalität» vertraut und teilen gemeinsame Werte. Wir sind begeisterungsfähig, packen an und benötigen meist nur eine kurze Einarbeitungszeit. Unsere Erfahrung, im Team auf Augenhöhe mit dem Wissen der Jungunternehmer, steht derweil auch kostengünstig zur Verfügung.

Erfahrung Teilen
«kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Wir «Alten», Frauen und Männer, im Team auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden», stellen unsere Erfahrung mit Leidenschaft zur Verfügung. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


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#180 – Vertrauensverlust ohne Perspektive

Leben mit COVID-19
Jungunternehmer haben scheinbar Mühe mit der Rekrutierung von Mitarbeitenden, auch angesichts der beschränkten Finanzen. Senioren-Talente sind dank Erfahrung, Leidenschaft für eine Sache, moderaten Kosten und zeitlicher Flexibilität die perfekte Ergänzung für StartUps, insbesondere in Krisenzeiten. Was seit dem «verlorenen» Frühjahr 2020 deshalb ganz besonders irritiert, ist die völlig undifferenzierte und immer noch anhaltende Diskriminierung von uns «Alten», hochoffiziell durch Bund und Kantone. Leute über 65 sollen sich isolieren, für Gesellschaft und Unternehmen stellen wir ein Gesundheitsrisiko dar. Kein Wort über unsere Kompetenzen, den Verlust von erfahrenen Fachkräften oder die Folgen der demographischen Entwicklung für die Wirtschaft in naher Zukunft. Deshalb brauchen wir statt Verboten und Einschränkungen neue Konzepte, eine Perspektive für das Leben mit COVID-19. Zu den akzeptierten Schutzhelmen, Brillen, Hörgeräten, Sicherheitsgurten oder seit 9/11 den Einschränkungen im Flugverkehr, müssen wir uns neu an das Tragen von Gesichtsmasken gewöhnen, auch das schaffen wir.

80 Prozent der 65- bis 74-Jährigen fühlen sich gesund
Im Interview mit dem Generationenforscher Prof. Dr. François Höpflinger (72) schreibt Adrian Baer, NZZ vom 17.7.2020, unter dem Titel «Das Alter allein darf kein Kriterium sein, um Risikogruppen zu definieren», wie sich sozialpolitisch die Spannungen zwischen Alt und Jung durch die Corona-Krise verschärfen. Auf einen Schlag wurde das Bild von den aktiven «Alten» zerstört. Aufgrund von verschiedenen Befragungen weiss man, dass sich rund 80 Prozent der 65- bis 74-Jährigen gesund fühlen. Diese aktiven «Alten» betrachten sich keineswegs als alt, sondern als gesund und ebenso innovativ und kreativ wie die 15- bis 24-Jährigen. Die Altersgrenze, die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) definiert wurde, steht also im Gegensatz zu neuen Forschungsergebnissen der Gerontologie und Geriatrie. Höpflinger war während vieler Jahre als Professor für Soziologie an der Universität Zürich tätig und ist immer noch Mitglied der akademischen Leitung des Zentrums für Gerontologie.

NZZ, Bild: Goran Basic

Aktive Babyboomer sind brüskiert
Die vom Bund vorgenommene Definition hat bei uns aktiven, engagierten Babyboomern im Rentenalter richtiggehend Empörung ausgelöst, weil diese Einteilung unserem Selbstverständnis widerspricht. Plötzlich sind wir von allen Aktivitäten ausgeschlossen, die sonst zu unserem Alltag gehören. Die vom BAG veröffentlichten Statistiken und Empfehlungen schüren vorhandene Stigmatisierungen (auch von Jungen). Während sich Softwarefirmen seit Jahren neben Finanz- und Dienstleistungen stark auf Biotechnologie konzentrieren, leistet sich die Bundesverwaltung die händische Auswertung von Tabellen und Fragebogen, übermittelt via Faxmaschine an unterschiedliche Stellen. Man arbeitet noch wie in den 1990er Jahren, Echtzeit ist dabei ein Fremdwort. Um die Risikogruppen differenzierter zu erfassen, müsste man seitens des BAG einen Automatismus entwickeln, der massgebende Vorerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Asthma und andere Faktoren berücksichtigt. Das Alter allein darf dabei kein Kriterium sein. Die viel gepriesene Corona-Warn-App erfordert alle paar Tage meine «manuelle» Synchronisation (öffnen der App), obwohl ich mein Smartphone nie ausschalte. Allem Anschein nach sind auch eine Mehrzahl der Testlabors nicht digital eingebunden. Mit einer zeitnahen (automatischen) Übermittlung der Testresultate steht oder fällt hingegen die Wirksamkeit solcher Massnahmen.

Strukturerhaltung und Innovation
Auf die möglichen wirtschaftliche Konsequenzen im Verhältnis zwischen Alt und Jung angesprochen findet Höpflinger, dass sozialpolitisch durchaus Konfliktpotenzial besteht. Die ältere Bevölkerung ist epidemiologisch stärker bedroht, aber durch die Renten wirtschaftlich abgesichert. Das Risiko für eine schlecht laufende Wirtschaft tragen deshalb die Jungen. Probleme sieht er auch im Zusammenleben. Es könnte sein, dass zwischen der organisierten Spasskultur und der etablierten Sinnkultur eine Kluft aufbricht. Doch dies muss nicht unbedingt zwischen Jung und Alt sein, sondern kann sich zwischen globalen und lokalen Anbietern oder zwischen Stadt und Land abspielen. Letztlich geht es um die Auseinandersetzung zwischen Strukturerhaltung und Innovation. Über digitale Kanäle wie Skype oder Zoom kann man bestehende Kontakte gut pflegen. Das gilt vor allem für Freunde im Ausland, die man normalerweise nur einmal im Jahr trifft. Schwieriger wird es, wenn die Bekanntschaften nicht so eng sind oder um neue Menschen kennenzulernen.

Kompetente Senioren sind bereit
«kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Wir «Alten», Frauen und Männer, im Team auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden», stellen unsere Erfahrung mit Leidenschaft zur Verfügung. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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