Blog, Industrie 4.0

#345 – Harte Arbeit, kein Privileg der «Alten»

Weiterarbeiten trotz Automatisierung
Wie oft kritisieren wir «Alten» die junge Generation für deren vermeintliches Nichtstun. Ohne gewisse Werte zu hinterfragen, wurden wir im Glauben sozialisiert, dass wir es dank harter Arbeit weit bringen können. Wir haben eine Kultur aufgebaut, die das Falsche verlangt, haben falsche Anreize geschaffen. Moralischer wäre es, statt harte Arbeit zu verlangen, etwas Sinnvolles zu schaffen für eine Welt voller Bedeutung. Macht uns harte Arbeit wirklich zu einem guten Menschen? Azim Shariff, Psychologieprofessor an der University of British Columbia, forscht zum Thema Arbeitsmoral. Seinen Vortrag vom Februar 2023 auf TED@DestinationCanada beginnt er mit einer Frage:
Stellen Sie sich für eine Sekunde vor, dass sie ihren Job wegen einer fortschrittlichen Software verlieren, die ihre Arbeit kostenlos in gleicher Qualität erledigen könnte. Aber zufällig haben sie noch einen garantierten Arbeitsvertrag über drei Jahre. Daher bietet Ihnen die Firma zwei Möglichkeiten an. Entweder erhalten sie weiterhin Ihr vertragliches Gehalt, bleiben aber zu Hause während die Software Ihre Arbeit erledigt. Oder Sie können für das gleiche Geld weitermachen und die Arbeit erledigen, die hätte automatisiert werden können. Was würden Sie tun?
Auch wenn die meisten von uns das Geld nehmen und zuhause bleiben würden, gibt es immer einige, die sich dafür entscheiden, weiterzuarbeiten. Was sagt dies über deren Charakter aus? Sind diejenigen die weiter arbeiten weniger kompetent, oder sogar die Trottel unter uns

Arbeit, die Moralisierung von Anstrengung
Die Studierenden von Azim Shariff sahen im Beispiel aber auch wärmere und moralischere Menschen, auf die man vertrauen kann, dass sie das Richtige tun. Auch wenn durch das Weitermachen kein Mehrwert geschaffen wird, sahen sie darin etwas Tugendhaftes, die blosse Anstrengung als moralisch. Azim Shariff hat in letzter Zeit zusammen mit seinen Mitarbeitenden an der «Arbeit» selbst geforscht und dabei festgestellt, dass Menschen der Anstrengung einen moralischen Wert beimessen, unabhängig davon, was diese Anstrengung hervorbringt. In einer hypothetischen Studie produzieren zwei Hersteller die gleiche Anzahl Geräte, in der gleichen Zeit und auf dem gleichen Qualitätsniveau. Aber für einen von ihnen ist es viel aufwändiger, dies zu tun. Die Leute sehen diesen fleissigeren Geräte-Hersteller als weniger kompetent, aber wiederum moralischer. Und auf die Frager, welchen der beiden man als Kooperationspartner auswählen müsste, würde derjenige gewählt, der Schwierigkeiten hat. Wir nennen diese Anstrengung «Moralisierung», denn der fleissigere Mensch galt als moralischer und deshalb als besserer Kooperationspartner, obwohl seine Leistung keinen Mehrwert darstellt. Auf die Frage, welche Eigenschaften zu einem guten Charakter beitragen, war die Antwort Grosszügigkeit und harte Arbeit.

OOF. 1962 (überarbeitet 1963) © Edward Ruscha (85), 2023 – The Museum of Modern Art, New York, Department of Imaging Services. Foto: Denis Doorly

Menschen, die hart arbeiten, sind gut
Menschen die bereit sind zu zeigen, dass sie selbst in bedeutungslosen, ja sogar in besonders sinnlosen Aufgaben bereit sind, sich anzustrengen, sind diejenigen die uns eher helfen können und die wir in unserer Nähe haben möchten. Wir alle versuchen auf dem Markt die besten Mitarbeitenden zu finden. Und wir versuchen anderen zu zeigen, dass auch wir diese Person sind. Die Evolutionspsychologen nennen das Partnerwahl. Wir alle versuchen, uns mit Menschen zu umgeben, die uns im Notfall helfen und die Dinge fair teilen würden. Qualitäten wie Grosszügigkeit oder Selbstbeherrschung oder harte Arbeit, werden als moralische Eigenschaften angesehen, die uns zu besseren Kooperationspartnern macht.

Arbeitssucht als Ehrenzeichen
Auf die gesellschaftliche Ebene übertragen kann dies aber sehr problematisch werden. Unsere Intuition, dass Anstrengung um ihrer selbst willen gut ist, unabhängig davon, was diese produziert, hat ein Arbeitsumfeld mit perversen Anreizen geschaffen. Wir haben anfangen, der Aktivität einen höheren Wert beizumessen als der Produktivität. Wenn wir uns mehr darum kümmern, ob jemand hart arbeitet statt um das, was diese Arbeit erreichen sollte, kann dies mit sehr hohen, auch menschlichen Kosten verbunden sein. Arbeitssucht ist eine Möglichkeit, unserem Umfeld zu versichern, dass wir ein guter Mensch sind und reden uns dies auch noch selbst ein. Der Anthropologe David Graeber (1961-2020) fragte sich deshalb, wie der Kapitalismus so viele der, wie er es unverblümt nannte, Bullshit-Jobs aufrechterhalten konnte. Das sind Jobs, bei denen selbst die Leute, welche die Arbeit verrichten, diese für sinnlos halten und damit nichts von gesellschaftlichem Wert erreichen. (Siehe auch Blog #318 – Arbeit an der Produktivität vom 15. Mai 2023: https://kompetenz60plus.ch/318-arbeit-an-der-produktivitaet ). Weshalb das aber nie angefochten wurde, ortet Azim Shariff im «Workismus», gemäss dem amerikanische Journalist und Podcaster Derek Thompson (37).

Workismus dient der Identifizierung
Beim Workismus geht es darum, dass unser Job nicht nur die Quelle eines Gehaltsschecks ist, sondern die Quelle unserer Identität und ein Weg zur Selbstverwirklichung. Um ein besserer Kooperationspartner als der nächste zu sein, genügt es nicht mehr nur hart zu arbeiten, sondern noch härter zu arbeiten. Und das kann zu diesem Wettrüsten des Arbeitsismus führen. Harte Arbeit kann äusserst sinnvoll sein, wenn sie einem Zweck dient. Harte Arbeit baute die Zivilisation auf. Leider verwenden wir oft zu viel Mühe darauf, nichts aufzubauen, ausser unseren eigenen moralischer Ruf. Um andere Menschen einfach davon zu überzeugen, dass wir hart Arbeitende sind. Und wie viel von dem, was wir an anderen bewundern, ist nur Anstrengungsporno? Einer von Azim Shariff’s Doktoranden stellte fest, wie der Professor zu jeder Tageszeit E-Mails verschickte, 1 Uhr morgens, 2 Uhr morgens, 3 Uhr morgens. Worauf er sich eine App besorgte, die seine Antworten so anordnete, dass sie um ein oder zwei Uhr morgens bei Shariff eintrafen und so den Eindruck erweckten, dass auch er rund um die Uhr arbeite. Doch es geht ja nicht um die Zurschaustellung der Arbeit, sondern darum was wir tatsächlich produzieren.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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#178 – Gedanken für die Sommerpause

Es mangelt am Willen zu verstehen
Wenn der älteste von sieben Bundesrät*innen «nicht drauskommt» und sich öffentlich äussert, die SwissCovid-19 App auf seinem Smartphone deswegen nicht zu installieren, läuft etwas falsch. Eigentlich müsste der Strukturwandel von oben vorgelebt werden um in der breiten Bevölkerung Akzeptanz zu finden. Wir «Alten» disqualifizieren uns selbst durch ständige Ablehnung des Neuen. Es geht dabei auch nicht nur um einzelne «Verweigerer», sondern um eine «(Alters-)Kultur» der fehlenden Konzepte, Weitsicht und Strategien, als Folge von Wohlstand und lückenhafter (Weiter-)Bildung. Seit Jahrzehnten wird zum Beispiel an der IT-Struktur des Bundes «geflickt», ohne wirklichen Fortschritt. Mit der Corona-Krise wurde deutlich, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) immer noch zur Übermittlung von Excel-Tabellen auf Faxgeräte angewiesen ist. Im Jahr 2020 werden demzufolge Statistiken händisch und damit fehleranfällig ins Internet gestellt. Eine kluge Nutzung der Digitalisierung sieht anders aus. Siehe dazu auch den Beitrag von Larissa Rhyn, NZZ vom 10.Juli 2020: «Teile der öffentlichen Verwaltung sind in den 1990er Jahren stehengeblieben». Der internationale Konkurrenzdruck ist viel zu gross als dass sich die Privatwirtschaft solchen «Heimatschutz» am Arbeitsplatz leisten könnte. Daraus erklärt sich weshalb viele ältere Mitarbeitende in den vergangenen 10 Jahren ihre Stelle verloren und Leute über 50, ohne relevante Weiterbildung, arbeitslos bleiben.

Mumbai, India. Bild: © Johnny Miller Photography

Künstliche Intelligenz dank analoger Erfahrung
In ihrem Beitrag «Künstliche Intelligenz (KI): Die Corona-Krise bringt den nächsten Technologieschub» beschreibt Nicole Rütti, NZZ vom 7. Juli 2020, wie die Privatwirtschaft verstärkt auf Automatisierung setzt. Videokonferenzen, Home-Office und intelligente Assistenten: Die Corona-Krise habe zu einem Technologieschub geführt, der zu einer Umwälzung der Arbeitswelt führen werde, frohlocken Ökonomen. «Wir haben in den zurückliegenden Wochen die Digitalisierung light kennengelernt und gemerkt, dass damit neue Organisationsformen möglich sind», sagt Rafael Lalive, Professor für Arbeitsmarktökonomie und technologische Transformation an der Universität Lausanne. Roboterassistenten übernehmen immer mehr Routinearbeiten, in Krisenphasen gehen vor allem Arbeitsplätze in Berufen mit einem hohen Automatisierungspotenzial verloren. Der schon nach der Finanzkrise vor über 10 Jahren prophezeite Strukturwandel erhält nun einen weiteren Schub, auch für KMU. Bedroht sind vor allem Stellen, für die ein mittleres Qualifikationsniveau – beziehungsweise eine Lehre ohne anschliessende Weiterbildung – erforderlich ist. Ältere Mitarbeitende, mit ihrer Resistenz gegenüber digitalen Technologien, sind ebenfalls betroffen. Im Gegenzug ist der Anteil an Jobs für Hochqualifizierte in den zurückliegenden Jahren stark gestiegen. Auch aufgeschlossene und agile «Alte», dank ihrer breiten analogen Erfahrung, sind involviert bei der Umsetzung digitaler Projekte.

Sind Firmen für den nächsten Digitalisierungsschritt bereit?
Die Zurückhaltung der Firmen gegenüber der künstlichen Intelligenz scheint derzeit noch gross zu sein. Die meisten haben erst vage Vorstellungen davon, wie sich entsprechende Lösungen in profitable Geschäftsmodelle umsetzen lassen. Experten schätzen, dass sich der Anteil der Schweizer Unternehmen, die auf KI-Technologie setzen, gerade einmal im einstelligen Prozentbereich bewegt. Selbstlernende Maschinen brauchten derzeit noch zu viele Daten, verbrauchten viel Energie und verstünden im Grund nicht, was sie täten. Klar ist, dass die Diskrepanz zwischen den angeblich unbeschränkten Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz und ihrem tatsächlichen Anwendungsgebiet gross ist. Insgesamt zeichnet sich eher ein Miteinander von Maschinen und Mensch ab. «Langweilige Tätigkeiten werden automatisiert, während der Mensch mehr Zeit für kreative, intellektuelle und emotionale Arbeit erhält», erläutert Rafael Lalive. Er räumt ein, dass künstliche Intelligenz derzeit wenige Arbeitsplätze verändert. Ob und in welchen Bereichen sich daraus Produktivitätsfortschritte ergeben, muss sich erst noch zeigen. Was nicht heisst, dass wir uns zurücklehnen dürfen.

Das Wissen der «Jungen» und die Erfahrung der «Alten» nutzen
In ihrem Beitrag in der NZZ vom 13.Januar 2020, beschreibt Nicole Rütti wie mangelndes Vertrauen in die Technologie und fehlende Erfahrung der Entscheidungsträger notwendige Fortschritte verhindern. Ein aktuelles Beispiel dafür ist für mich die fehlende Unterstützung der zuständigen Bundesrätin beim Ausbau des G5-Netzes. Laut einer Erhebung der Management-Consulting-Gruppe MSM Research ist für beinahe die Hälfte der Ende 2018 befragten Unternehmen in der Schweiz der konkrete Nutzen von KI-Lösungen nach wie vor nicht ersichtlich. Eine Knacknuss ist hierbei nicht zuletzt der Wissensmangel: 58% der Firmen nennen fehlendes internes Know-how (Bildungslücken) als Hemmfaktor für die Einführung von KI-Technologien – noch vor hohen Kosten (33%) oder Sicherheitsaspekten (33%). Das Thema KI in seiner ganzen Tiefe und Bandbreite sei bei der Mehrheit der Unternehmen noch nicht wirklich angekommen, stellen die Autoren etwas konsterniert fest.

Künstliche Intelligenz braucht menschliches Urteilsvermögen
Eine weitere Hürde für den Einsatz künstlicher Intelligenz sei das (auch kulturbedingte) Misstrauen der Menschen gegenüber der Technik. Wenn es zu Fehlern komme, verlören Betroffene schneller das Vertrauen in Algorithmen als in Menschen. Berater von McKinsey kamen anhand der Analyse von mehr als 2000 Arbeitstätigkeiten in über 800 Berufen zwar ebenfalls zur Erkenntnis, dass ungefähr die Hälfte der von den Arbeitnehmern ausgeführten Tätigkeiten von der Automatisierung betroffen sein könnten. Dies heisst aber nicht, dass in absehbarer Zeit ganze Berufsgruppen verschwinden werden. Wie die Experten einräumen, könnten mit den derzeitigen Technologien nur etwa 5% der Berufe vollständig automatisiert werden. Mit anderen Worten: Die Automatisierung von Routinetätigkeiten ist in vollem Gange, und sie wird sich auf die Arbeitsweise zahlreicher Berufsgruppen auswirken – vom Schweisser über den Hypothekenmakler bis hin zum CEO. Beim Erstellen von Prognosen wird die Technik des maschinellen Lernens den Menschen voraussichtlich ersetzen. Dort aber, wo menschliches Urteilsvermögen gefragt ist, ergänzt sie ihn. Überflüssig macht sie den Menschen nicht.

Kompetente Senioren denken mit
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Neustart ohne Kravatte

«Mit 50 Jahren höre ich auf» Das schwören vor allem Menschen, die in ihrem Beruf viel Geld verdient haben. Sie wollen endlich das Leben geniessen. Kann das gut gehen? Beitrag von Anne-Ev Ustorf, #12, 8. August 2018, Zusammenfassung WKR

Vorruhestand wird Jahr für Jahr beliebter
Rente mit fünfzig – davon träumen viele Menschen. Tatsächlich wird der Vorruhestand auch hierzulande Jahr für Jahr beliebter: Eine Studie des Pensionskassenberaters Swisscanto zeigte kürzlich, dass sich 58 Prozent der Schweizer Bevölkerung früh pensionieren lassen. Nur 32 Prozent arbeiten demnach bis zum gesetzlichen Rentenalter, 10 Prozent darüber hinaus. Doch die Rente mit 50 ist noch eine Seltenheit, sicher auch aus finanziellen Gründen. Ganz zu schweigen davon, dass der Wirtschaft wertvolles Wissen verloren geht.

Frühpensionierung macht nur selten glücklich
Wie fühlt es sich an, in der Mitte des Lebens den Job an den Nagel zu hängen? Wer heute fünfzig ist, hat normalerweise noch ein knappes Drittel seines Arbeitslebens vor sich, manche starten in dieser Phase sogar beruflich noch neu durch. Sich um den Garten kümmern und vormittags ins Museum gehen füllt den Tag nur bedingt aus. Es ist gemäss Studien sogar ungesund, ohne eine sinnstiftende Tätigkeit zu leben: Frühpensionierte haben demnach sogar eine unterdurchschnittliche Lebenserwartung. Regelmässige körperliche und geistige Aktivität ausserhalb bezahlter Arbeit herzustellen ist nicht so einfach wie man glaubt.

Neustart ohne Kravatte
Nach einer anfänglichen Phase des «Nichtstuns» bemühen sich deshalb viele um eine Teilzeitstelle. Es ist befriedigend, wieder «gebraucht» zu werden und an den aktuellen Diskussionen teilzuhaben. Dass man nicht mehr der «Chef» ist und auf Augenhöhe im jüngeren Team funktionieren muss ist ein erfrischender Nebeneffekt. Anstatt sich um die Details im Tagesgeschäft zu kümmern ist Kompetenz und Erfahrung gefragt. Diese weiterzugeben garantiert die notwendige Kontinuität und hilft im viel diskutierten Fachkräftemangel. Auch für die Partnerschaft ist es besser, wenn beide ihre eigenen Aufgaben haben um sich darüber auszutauschen. Eine angemessene finanzielle Entschädigung käme dann einfach zur regulären Altersvorsorge dazu, insgesamt sehr komfortabel.

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