Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#478 – Dampfmaschinen der «Alten» und KI

Künstliche Intelligenz KI im Vergleich zur Dampfmaschine
Bildung mithilfe künstlicher Intelligenz: Im TED2026 • April 2026 Interview (16:24) von Sal Khan mit dem Netflix-Mitgründer, Anthropic Verwaltungsrat und Philanthrop Wilmot Reed Hastings Jr. (65), unter dem Titel «Warum künstliche Intelligenz KI eine noch grössere Rolle spielt, als wir denken», sprechen die beiden darüber, wie die Technologie die Bildung beschleunigen könnte – einschliesslich der Möglichkeit eines KI-Tutors für jeden Schüler, jede Schülerin – und die Wirtschaft schneller umgestalten könnte, als irgendjemand erwartet. Reed Hastings illustriert dies in einem Vergleich, wie im 18. Jahrhundert die meisten Fabriken mit Dampfmaschinen betrieben wurden. Sie hatten eine grosse Dampfmaschine mit rotierenden Stangen, Riemenscheiben und Riemen, und trieben damit die Fabrik an – sehr effizient. Dann kam der Strom, und sie ersetzten die Dampfmaschine durch eine elektrische, in der Annahme, das würde viel bringen. Aber die Produktivität stieg überhaupt nicht. Dann erkannten sie, dass der limitierende Faktor das Energieverteilsystem war und ersetzten alle diese rotierenden Stangen mit überflüssiger mechanischer Kraft, durch einfache kleine Elektromotoren an jedem Gerät. Damit konnte man die Maschinen besser verschieben und anordnen, weil sie nicht mehr an die Rotation gekoppelt waren. Sie konnten die Drehzahl variabel einstellen und verschiedene Motoren ein- und ausschalten. Und damit stieg die Produktivität dramatisch. Eine klassisch wirtschaftliche, überraschende Lektion an die Hastings denkt, wenn er die heutige Situation im Bildungsbereich beobachtet: Wir tun ständig etwas, um den Unterricht zu verbessern. Aber die grundlegende Machtverteilung ist, dass 25 Kinder auf demselben Niveau feststecken.

Grösser als die industrielle Revolution
Die meisten Vorhersagen über die Zukunft der künstlichen Intelligenz liefern keinen Erkenntnisgewinn, sorgen aber für kollektive Verunsicherung. Mit dem Titel « «Grösser als die industrielle Revolution»: 200 Ökonomen und Tech-Bosse warnen vor massiven Arbeitsplatzverlusten durch KI. Selbst frühere Skeptiker sind nun alarmiert», schreibt Janique Weder (36) in der NZZ vom 14. Juli 2026, wie sich führende Wissenschafter besorgt über die möglichen wirtschaftlichen Folgen der künstlichen Intelligenz äussern. «Es findet eine Entwicklung statt, die wir nicht verstehen und nicht mehr wirklich kontrollieren können», sagt Beatrice Weder di Mauro (60), die schweizerisch-italienische Ökonomin und Präsidentin des Centre for Economic Policy Research (CEPR). Beispielsweise besonders leistungsfähige KI-Modelle, die von ihren Entwicklern nur eingeschränkt freigegeben werden. Wer keinen Zugang zu den fortschrittlichsten Systemen habe, könne rasch abgehängt werden. Michael Siegenthaler (41), Leiter des Forschungsbereichs Schweizer Arbeitsmarkt an der Konjunkturforschungsstelle (KOF), ist vorsichtiger. Ob KI zu Massenarbeitslosigkeit führen werde, sei «sehr umstritten», meint er. Tatsächlich sind gewisse Berufe mit einer hohen KI-Exposition bereits unter Druck geraten. Das sind etwa Teile der IT-Branche sowie Stellen im Marketing und in der Kommunikation. In diesen Berufen ist die Arbeitslosigkeit in der Schweiz bereits deutlich gestiegen. Trotzdem, von einem flächendeckenden Beschäftigungsabbau könne deshalb keine Rede sein. Das bedeutet jedoch nicht, dass KI kein Risiko darstellt. Siegenthaler hält sie für mächtiger als frühere Technologien, weil sie potenziell einen grossen Teil der Arbeitswelt betreffe. Generative KI könne nicht nur einzelne Tätigkeiten ausführen, sondern zunehmend selbständig komplexe Computeranwendungen bedienen. In manchen Bereichen erreiche oder übertreffe sie die menschlichen kognitiven Fähigkeiten bereits. «Deshalb ist das Potenzial für Disruption höher als bei anderen Technologien.»

Joseph Mallord William Turner (1775 – 1851), britischer Maler und Romantisierer der industriellen Revolution. Die Temeraire wurde zu ihrem letzten Liegeplatz geschleppt, um abgewrackt zu werden, 1838-1839. Bild: Nationalgalerie London.

Alternative KI aus China
Das neue Top-KI-Modell heisst Kimi K3 von der chinesischen Firma Moonshot AI. Es arbeitet zuverlässig, ist leistungsfähig und lässt sich flexibler auf gewisse Anwendungen zuschneiden als die Modelle aus den USA wie Claude oder ChatGPT. Und es ist günstiger. Gemäss dem Bericht von Malin Hunziker (29), Wirtschaftsredaktorin in der NZZ vom 22. Juli 2026, wurde das chinesischen Topmodell aufgrund der amerikanischen Exportrestriktionen gegenüber China mit weniger leistungsfähigen KI-Chips trainiert. Es ist kostengünstiger, und es soll sich um ein Open-Weight-Modell handeln, einem KI-System, bei dem die trainierten Parameter (Modellgewichte) öffentlich zugänglich sind, Im Gegensatz zu geschlossenen KI-Modellen wie ChatGPT oder Claude. Kimi K3 Parameter können heruntergeladen, auf lokalen Servern betrieben und auf spezifische Anwendungen angepasst werden. Dadurch liessen sich («theoretisch», denn das Internet ist ein Netzwerk mit Milliarden redundanten Verbindungen) auch Datenabflüsse nach China verhindern. Leandro von Werra (34), Forschungschef der Open-Source-KI-Plattform Hugging Face, einer künstlichen Intelligenz bei der die Modellarchitektur, der Quellcode und oft die Trainingsdaten öffentlich zugänglich sind, sagt auf Anfrage, dass es bisher keine Fälle gebe, in denen in chinesischen Open-Weight-Modellen Hintertüren eingebaut gewesen seien. Er rät aber im Allgemeinen, den Internetzugriff von Modellen mit Zugriff auf heikle Daten zu beschränken und etwa nur die Internetsuche zu erlauben. Sonst bestehe ein Restrisiko, dass das Modell Daten abgreife und ins Internet hochlade. Für Raphael Tobler (39), Präsident der Swiss Startup Association, ist die Veröffentlichung von Kimi K3 eine gute Nachricht. «Sie heizt den Markt an und zwingt andere KI-Firmen, ebenfalls günstigere Modelle zu bauen.» Das sei gerade für Startups ein Vorteil. Manuel Winter (34), CEO von Oxygen at Work, welcher derzeit mit Kimi experimentiert warnt: In allen Backend-Bereichen, also dort, wo sich die Software mit internen Datenbanken verbindet, dürfe Kimi jedoch nicht zum Einsatz kommen. Das gilt für Passwörter, Personen- oder Adressdaten.

Innovation ist ein Teamthema, am Beispiel Bauwirtschaft
In vielen meiner Gespräche der letzten Monate geht es um die digitale Transformation der Bauwirtschaft. Als Architekt, ehemaliger Dozent und Leiter verschiedenster Teams, oder aktuell als Berater von Start-ups, beschäftigt mich dieses Thema seit über 50 Jahren. Dazu fand ich das Interview von Thomas Staffelbach (65), Chefredaktor Schweizerischer Baumeisterverband vom 9. März 2026 mit Prof. Dr. Adrian Wildenauer (40+), Leiter des Center Digital Building & Real Estate an der Hochschule für Wirtschaft Zürich erfrischend. Wer glaubt, dass neue Software allein die Branche voranbringt, digitalisiert am Ende nur bestehende Probleme. Erst wenn Prozesse verstanden und kritisch hinterfragt werden, entsteht Raum für wirkliche Verbesserungen: Oft pragmatisch, manchmal so simpel wie ein Excel-Makro. Damit meint Wildenauer aber nicht die berühmte Excelliste von Herrn Schmitt, die nur er kennt, sondern übergreifende, offene, jederzeit und allen verfügbare Tools. Die Baubranche braucht weniger neue Konzepte und mehr Umsetzung, findet der Professor. Am Ende entscheidet nicht die Software, sondern der Mut, Prozesse zu verändern und die Menschen mitzunehmen. Innovation beginnt nicht mit Technologie – sie beginnt im Kopf und im Team. Mit den Menschen im Betrieb, auf der Baustelle, im Büro, im Baucontainer. Innovation muss nicht Hightech sein, sondern wirksam im Alltag. Digitalisierung sollte immer das Ziel haben, Abläufe zu vereinfachen, Fehlerquellen zu reduzieren und Informationen durchgängig verfügbar zu machen. Die Technologie ist Mittel zum Zweck, nicht der Ausgangspunkt. Als Firmenchef geht es weniger darum, selbst der innovativste Kopf zu sein, sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem Mitarbeitende ihre Ideen einbringen können. Junge Fachkräfte bringen digitale Kompetenzen und neue Denkweisen mit. Erfahrene «Alte» verfügen über enormes Praxiswissen und kennen die Abläufe auf der Baustelle. Entscheidend ist, dass beide Seiten auf Augenhöhe kommunizieren und voneinander lernen. Innovation ist kein Generationenthema, sondern ein Teamthema. Der Druck zur Veränderung ist hoch und wird weiter steigen, aber in allen Branchen, nicht nur auf dem Bau. Viele erfahrene Fachkräfte gehen in den nächsten Jahren in Pension, gleichzeitig nimmt die Zahl der Nachwuchskräfte stetig ab. Ohne Produktivitätssteigerungen durch bessere Prozesse, mehr Automatisierung und digitale Unterstützung wird es für viele Branchen zunehmend unmöglich, diese Lücke zu schliessen.

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#459 – Auch KI ist für uns «Alte» kein Ersatz

KI kann Muster erkennen, nur wir Menschen verstehen den Kontext
Künstliche Intelligenz KI ist hervorragend darin, Muster zu erkennen. Sie versteht Daten. Wir Menschen sind hervorragend darin, zu verstehen, was diese Muster in der komplexen Welt menschlichen Verhaltens bedeuten. Und selbst wenn diese Modelle und Algorithmen mit der Zeit immer leistungsfähiger werden, wird dies weiterhin gelten. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch prüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert deshalb mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. Neugierige, weise, aufgeschlossene und kompetente «Alte» sind deshalb ideale Entwicklungspartner in gemischten Teams. Dabei ist das biologische Alter eines Menschen nicht wirklich ausschlaggebend. Im Gegenteil, gerade wenn es um ethische Fragen geht ist die Erfahrung von uns «Alten» ausserordentlich wichtig, weil wir Dinge verstehen, die sich nicht quantifizieren lassen. Das tiefe Verständnis über Kontext, Absicht, unausgesprochene Emotionen oder kulturelle Nuancen entspringt gelebten Erfahrungen, welche die KI nicht nachbilden kann.

Unsere Fähigkeit, Emotionen zu deuten ist unersetzlich
Unter dem Titel «Was die künstliche Intelligenz nicht weiss» präsentierte Priyanka Vergadia (39), Senior Director of Global Developer Engagement bei Microsoft, ihren Beitrag im November 2025 auf der TEDNext 2025 Plattform. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, nicht mit der KI zu konkurrieren, sondern mit ihr zusammenzuarbeiten und dabei unersetzlich menschlich zu bleiben. Wir müssen die Antworten und die Empfehlungen der KI hinterfragen um erfolgreich zu sein. Wenn die KI Aktivitäten identifiziert, ohne Gewichtung und Hintergrundwissen, muss jemand die Bedeutung dieser Aktivitäten analysieren. Nur der Mensch kann die Atmosphäre im Raum erfassen, über den Bildschirm hinaus. Man muss die Mikroexpressionen, die sozialen Signale im Raum verstehen, was die Leute sagen, wie sie nicken. Wir alle kennen Meetings, in denen jemand sagt: «Das ist interessant.» Ist dies höflich, abweisend oder wirklich neugierig gemeint? Unser emotionales Gespür erkennt das. Die KI nicht. Die KI erkennt die Qualität von Produkten nicht. Sie versteht die Inhalte unserer Geschichten über deren Entstehungsprozess oder Nachhaltigkeit nicht, nur wir Menschen können das. Die Zukunft gehört weder den Menschen noch der KI. Sie gehört den Menschen, die eng mit der KI zusammenarbeiten und dabei unentbehrlich menschlich bleiben. Unsere Fähigkeit, die Stimmung zu erfassen und die Fähigkeit, Emotionen zu deuten ist unersetzlich. Unsere Fähigkeit, uns in andere Menschen hineinzuversetzen, ist unverzichtbar.

John Howe (68), Illustrator und Konzeptdesigner aus Vancouver, British Columbia, Canada: Der grosse Seedrache Tintaglia aus dem Roman «Ship of Destiny», 2000, der amerikanischen Schriftstellerin Robin Hobbs (73).

Der grösste Nutzen der KI erschliesst sich durch den Menschen
«Die Transformation durch KI ist eine Transformation der Belegschaft» ist der Titel des Beitrags auf der Boston Consulting Group BCG Plattform vom Februar 2026 von Julie Bedard, Managing Director & Partner; BCG Henderson Institute Fellow, Boston und Vinciane Beauchene, Managing Director & Partner, Paris. In der aktuellen globalen Studie «Build for the Future x AI 2025» von BCG, in der Führungskräfte der obersten Ebene den KI-Reifegrad ihrer Unternehmen bewerten, konnten nur etwa 5% der Organisationen substanzielle finanzielle Vorteile aus KI nachweisen. Diese zukunftsorientierten Unternehmen ziehen den Wert nicht nur aus der Technologie selbst, sondern auch daraus, wie sie ihre Mitarbeitenden befähigen, diese optimal zu nutzen. In den Fallstudien von BCG mit Hunderten von Unternehmen stammen etwa 10% des KI-Wertes aus den Algorithmen selbst und weitere 20% aus der für deren Implementierung erforderlichen Technologie. Die verbleibenden 70% ergeben sich aus der Neuausrichtung der Mitarbeitenden.

Führungskräfte und Manager einbeziehen
Das Engagement der Führungskräfte ist einer der stärksten Indikatoren für ein ausgereiftes KI-Umfeld. Unternehmen, die KI als Priorität auf CEO-Ebene behandeln – und nicht nur als Technologieinitiative –, wachsen schneller und generieren mehr Wert. Mitarbeitende in diesen Unternehmen sehen KI als etwas, das ihre direkten Vorgesetzten täglich nutzen. Führungskräfte müssen den Mitarbeitenden die Gründe für den Einsatz von KI konsequent und inspirierend vermitteln, um ihre Rolle in diesem Wandel zu klären. Die transformative Wirkung von KI auf die Arbeitswelt ist gut dokumentiert. Routineaufgaben in vielen Bereichen werden automatisiert, wodurch sich die Anforderungen vieler Einstiegspositionen verändern. Dieser Wandel erfordert von Unternehmen innovative Karrierewege und Ausbildungsmodelle für Hochschulabsolventen, die zunehmend für die Verwaltung KI-gestützter Systeme benötigt werden. Insgesamt werden sich Arbeitsplätze weiterentwickeln und durch effektive Mensch-KI-Partnerschaften neue Möglichkeiten geschaffen. Solche grundlegenden Veränderungen erfordern sorgfältige Voraussicht und Planung, nicht zuletzt, weil sich die Technologie rasant weiterentwickelt, während Verhaltensänderungen Zeit brauchen. Erfahrene und aufgeschlossene «Alte» finden sich in der Rolle als Mentoren.

Einen ganzheitlichen Weiterbildungsansatz verfolgen
Die Vermittlung dieser wichtigen KI-Kompetenzen im grossen Umfang gelingt nur, wenn beispielsweise das Lernen im Arbeitsalltag integriert ist. Mitarbeitende lernen am besten, wenn neue Fähigkeiten in den Arbeitsablauf eingebunden werden. Mitarbeitende müssen sich auf Führungskräfte verlassen, die Veränderungen vorleben und die Gründe dafür vermitteln um frühzeitig Erfolge erleben. Nicht nur der Erwerb von «Weiterbildungsdiplomen», sondern die Fortschritte bei der Entwicklung neuer Kernkompetenzen, die für zukünftige Aufgaben unerlässlich sind, sollen berücksichtigt werden. Weiterbildung soll mehr als nur eine Lernmassnahme sein, sondern integraler Bestandteil der Unternehmensentwicklung. Indem Unternehmen ihre Mitarbeitenden in den Mittelpunkt stellen, können sie ihnen die Fähigkeiten und das Selbstvertrauen vermitteln, die Technologie zu nutzen und ihre Arbeitsweise – und damit letztendlich auch die Wertschöpfung des Unternehmens – zu verändern.

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#345 – Harte Arbeit, kein Privileg der «Alten»

Weiterarbeiten trotz Automatisierung
Wie oft kritisieren wir «Alten» die junge Generation für deren vermeintliches Nichtstun. Ohne gewisse Werte zu hinterfragen, wurden wir im Glauben sozialisiert, dass wir es dank harter Arbeit weit bringen können. Wir haben eine Kultur aufgebaut, die das Falsche verlangt, haben falsche Anreize geschaffen. Moralischer wäre es, statt harte Arbeit zu verlangen, etwas Sinnvolles zu schaffen für eine Welt voller Bedeutung. Macht uns harte Arbeit wirklich zu einem guten Menschen? Azim Shariff, Psychologieprofessor an der University of British Columbia, forscht zum Thema Arbeitsmoral. Seinen Vortrag vom Februar 2023 auf TED@DestinationCanada beginnt er mit einer Frage:
Stellen Sie sich für eine Sekunde vor, dass sie ihren Job wegen einer fortschrittlichen Software verlieren, die ihre Arbeit kostenlos in gleicher Qualität erledigen könnte. Aber zufällig haben sie noch einen garantierten Arbeitsvertrag über drei Jahre. Daher bietet Ihnen die Firma zwei Möglichkeiten an. Entweder erhalten sie weiterhin Ihr vertragliches Gehalt, bleiben aber zu Hause während die Software Ihre Arbeit erledigt. Oder Sie können für das gleiche Geld weitermachen und die Arbeit erledigen, die hätte automatisiert werden können. Was würden Sie tun?
Auch wenn die meisten von uns das Geld nehmen und zuhause bleiben würden, gibt es immer einige, die sich dafür entscheiden, weiterzuarbeiten. Was sagt dies über deren Charakter aus? Sind diejenigen die weiter arbeiten weniger kompetent, oder sogar die Trottel unter uns

Arbeit, die Moralisierung von Anstrengung
Die Studierenden von Azim Shariff sahen im Beispiel aber auch wärmere und moralischere Menschen, auf die man vertrauen kann, dass sie das Richtige tun. Auch wenn durch das Weitermachen kein Mehrwert geschaffen wird, sahen sie darin etwas Tugendhaftes, die blosse Anstrengung als moralisch. Azim Shariff hat in letzter Zeit zusammen mit seinen Mitarbeitenden an der «Arbeit» selbst geforscht und dabei festgestellt, dass Menschen der Anstrengung einen moralischen Wert beimessen, unabhängig davon, was diese Anstrengung hervorbringt. In einer hypothetischen Studie produzieren zwei Hersteller die gleiche Anzahl Geräte, in der gleichen Zeit und auf dem gleichen Qualitätsniveau. Aber für einen von ihnen ist es viel aufwändiger, dies zu tun. Die Leute sehen diesen fleissigeren Geräte-Hersteller als weniger kompetent, aber wiederum moralischer. Und auf die Frager, welchen der beiden man als Kooperationspartner auswählen müsste, würde derjenige gewählt, der Schwierigkeiten hat. Wir nennen diese Anstrengung «Moralisierung», denn der fleissigere Mensch galt als moralischer und deshalb als besserer Kooperationspartner, obwohl seine Leistung keinen Mehrwert darstellt. Auf die Frage, welche Eigenschaften zu einem guten Charakter beitragen, war die Antwort Grosszügigkeit und harte Arbeit.

OOF. 1962 (überarbeitet 1963) © Edward Ruscha (85), 2023 – The Museum of Modern Art, New York, Department of Imaging Services. Foto: Denis Doorly

Menschen, die hart arbeiten, sind gut
Menschen die bereit sind zu zeigen, dass sie selbst in bedeutungslosen, ja sogar in besonders sinnlosen Aufgaben bereit sind, sich anzustrengen, sind diejenigen die uns eher helfen können und die wir in unserer Nähe haben möchten. Wir alle versuchen auf dem Markt die besten Mitarbeitenden zu finden. Und wir versuchen anderen zu zeigen, dass auch wir diese Person sind. Die Evolutionspsychologen nennen das Partnerwahl. Wir alle versuchen, uns mit Menschen zu umgeben, die uns im Notfall helfen und die Dinge fair teilen würden. Qualitäten wie Grosszügigkeit oder Selbstbeherrschung oder harte Arbeit, werden als moralische Eigenschaften angesehen, die uns zu besseren Kooperationspartnern macht.

Arbeitssucht als Ehrenzeichen
Auf die gesellschaftliche Ebene übertragen kann dies aber sehr problematisch werden. Unsere Intuition, dass Anstrengung um ihrer selbst willen gut ist, unabhängig davon, was diese produziert, hat ein Arbeitsumfeld mit perversen Anreizen geschaffen. Wir haben anfangen, der Aktivität einen höheren Wert beizumessen als der Produktivität. Wenn wir uns mehr darum kümmern, ob jemand hart arbeitet statt um das, was diese Arbeit erreichen sollte, kann dies mit sehr hohen, auch menschlichen Kosten verbunden sein. Arbeitssucht ist eine Möglichkeit, unserem Umfeld zu versichern, dass wir ein guter Mensch sind und reden uns dies auch noch selbst ein. Der Anthropologe David Graeber (1961-2020) fragte sich deshalb, wie der Kapitalismus so viele der, wie er es unverblümt nannte, Bullshit-Jobs aufrechterhalten konnte. Das sind Jobs, bei denen selbst die Leute, welche die Arbeit verrichten, diese für sinnlos halten und damit nichts von gesellschaftlichem Wert erreichen. (Siehe auch Blog #318 – Arbeit an der Produktivität vom 15. Mai 2023: https://kompetenz60plus.ch/318-arbeit-an-der-produktivitaet ). Weshalb das aber nie angefochten wurde, ortet Azim Shariff im «Workismus», gemäss dem amerikanische Journalist und Podcaster Derek Thompson (37).

Workismus dient der Identifizierung
Beim Workismus geht es darum, dass unser Job nicht nur die Quelle eines Gehaltsschecks ist, sondern die Quelle unserer Identität und ein Weg zur Selbstverwirklichung. Um ein besserer Kooperationspartner als der nächste zu sein, genügt es nicht mehr nur hart zu arbeiten, sondern noch härter zu arbeiten. Und das kann zu diesem Wettrüsten des Arbeitsismus führen. Harte Arbeit kann äusserst sinnvoll sein, wenn sie einem Zweck dient. Harte Arbeit baute die Zivilisation auf. Leider verwenden wir oft zu viel Mühe darauf, nichts aufzubauen, ausser unseren eigenen moralischer Ruf. Um andere Menschen einfach davon zu überzeugen, dass wir hart Arbeitende sind. Und wie viel von dem, was wir an anderen bewundern, ist nur Anstrengungsporno? Einer von Azim Shariff’s Doktoranden stellte fest, wie der Professor zu jeder Tageszeit E-Mails verschickte, 1 Uhr morgens, 2 Uhr morgens, 3 Uhr morgens. Worauf er sich eine App besorgte, die seine Antworten so anordnete, dass sie um ein oder zwei Uhr morgens bei Shariff eintrafen und so den Eindruck erweckten, dass auch er rund um die Uhr arbeite. Doch es geht ja nicht um die Zurschaustellung der Arbeit, sondern darum was wir tatsächlich produzieren.

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