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Blog, Industrie 4.0

#160 – «Alte» im Krisenmodus

Krisenerfahrung
Bei allem Verständnis für die ausserordentliche Situation bezüglich des Coronavirus entsteht der falsche Eindruck, dass wir «Alten» als Risikogruppe aus Sicherheitsgründen nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen sollen. Im Gegenteil, wir sind krisenerprobt und gerne bereit dort auszuhelfen wo Engpässe entstehen. Die sogenannte Spanische Grippe forderte zwischen 1918 und 1920 weltweit schätzungsweise bis zu 50 Millionen Todesopfer. Soweit wird es hundert Jahre später hoffentlich nicht kommen, doch niemand weiss das ganz bestimmt. Auf Grund der Globalisierung sind die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie hingegen bereits schmerzlich spürbar. Als Segen präsentiert sich da das Internet mit seinen Möglichkeiten der orts- und zeitunabhängigen Teilhabe. Die erzwungene «Entschleunigung» ist sicher ein guter Moment, sich auch Gedanken zur rasanten Verbreitung von ebenfalls gefährlichen Computerviren im Netz zu machen.

Hier noch ein lesenswerter Einschub aus der NZZ vom 10. März 2020:
Der Stadtstaat Singapur hat viel aus der Sars-Krise gelernt und lässt sich vom Coronavirus nicht unterkriegen. Nicht alle Rezepte sind auf andere Länder übertragbar, einige aber schon. Und zwecks Kohäsion der Gesellschaft greift man zu ungewöhnlichen Mitteln.

Soldaten an der Spanischen Grippe erkrankt im Notspital von Camp Funston, Kansas USA ca. 1919

Arbeiten von zuhause
An dieser Stelle ist es auch wichtig anzuerkennen, dass die Arbeit von zuhause in erster Linie ein Luxus ist. Viele Menschen haben diese Option nicht, was in Zeiten prekärer Gesundheitsversorgung und sich schnell ausbreitender Krankheiten besonders besorgniserregend ist. Dazu haben die Behörden «soziale Distanzierung» (Abstand halten) als einen Weg zur Bekämpfung der Weiterverbreitung empfohlen. Bisher bedeutete dies für viele Firmen die Absage von Konferenzen oder Geschäftsreisen. Unternehmen haben nun den nächsten logischen Schritt unternommen und bitten die Mitarbeitenden, wann immer möglich von zuhause aus zu arbeiten. Arbeiten von zuhause bedingt von den Betrieben jedoch klare Vorgaben, eine entsprechende Firmenkultur, flache Hierarchien und Vertrauen in die Mitarbeitenden. Für uns «Alte» ist «Home-Office» auch ohne Katastrophenszenario ein Glücksfall. Unkompliziert und kurzfristig greifen wir dort wo wir gebraucht werden unter die Arme. Beim Arbeiten von zuhause gilt es jedoch einige Regeln zu beachten.

Arbeiten Sie nicht im Pyjama
Brian Barett, Redaktor des amerikanischen Magazins «Wired», beschreibt in seinem Essay vom 3. März 2020, welche Vorteile Home-Office hat. Und welche Nachteile. Einer der Tipps, die Barett denjenigen gibt, die sich mit Arbeiten in Wohn- und Schlafzimmer noch nicht auskennen, lautet: «Arbeiten Sie nicht im Pyjama.» Brian Baret, der fast ein Jahrzehnt lang «aus der Ferne» arbeitet sagt: Es ist nicht einfach. Man muss sich einige Grenzen setzen, auch um sein Selbstbewusstsein nicht zu verlieren. Zwar kann man in seinen eigenen vier Wänden jede gewünschte Musik so laut abspielen wie man möchte und muss sich nicht über die störenden Telefonate seiner Mitmenschen ärgern. Auch fällt das ebenfalls als gefährlich eingestufte Pendeln zum Arbeitsort mit dem öffentlichen Verkehr weg. Doch gerade wegen dieser Privilegien gilt es, einen gewissen Grad an Professionalität zu wahren. Es ist eine Falle, aus dem Bett zu rollen und sich im Schlafanzug zum Laptop zu begeben oder vielleicht gar nicht erst aufzustehen. Damit verletzt man eine Grundregel: Grenzen setzen. Auch zuhause gilt: Sich zur Arbeit anziehen und somit auf den Tag vorzubereiten, sonst beginnt der Tag nie wirklich.

An der Spanischen Grippe erkrankte in einem Notspital, USA, ca. 1919

Heimbüro
Daneben muss man sich wie jeden anderen Tag im Büro verhalten, abzüglich des Büroteils, dann ist man auch jederzeit für Videokonferenzen oder Besuche vorbereitet. Dazu gehört auch ein dedizierter Arbeitsplatz der aufgeräumt sein sollte, nicht die Couch oder ein Futon. Ein abgeschlossenes Büro ist nicht zwingend, aber ein Tisch, wo der Laptop und die Unterlagen ihren Platz finden, das hilft beim Fokussieren. Auch ich arbeite seit vielen Jahren mit dem Laptop am übergrossen Küchentisch meiner Industrieloft. Das macht es wahrscheinlicher, tatsächlich Dinge zu erledigen, wenn ich anwesend bin, aber genauso wichtig ist, dass die Verbindung getrennt ist, wenn ich nicht zuhause bin. Vollzeit-Remote-Arbeitende können in Ihrer Steuererklärung einen Betrag äquivalent der Quadratmeter benutzter Bürofläche für Heimarbeit von der Miete abziehen.

Rituale, Abwechslung und Spielraum
Langes Sitzen ist für unsere Gesundheit schädlich und für den Geist betäubend, wenn man die ganze Zeit auf dieselbe Wand oder dasselbe Fenster starrt, trotz Musik im Hintergrund. Bei Heimarbeit fehlt eine gewisse Zeit zum Dekomprimieren, Pendeln übernimmt normalerweise diese Funktion. Jeden Tag verbringe ich deshalb mindestens zwei Stunden draussen, respektive in einem Café. Es ist ein Szenenwechsel, eine gute Ausrede, um frische Luft zu schnappen, und bietet ein kleines Stück menschlicher Interaktion oder, aus Coronavirus-Abstands-Gründen, die Möglichkeit in anderer Umgebung die (Papier-)Zeitung zu lesen. Auch beim Arbeiten zuhause sind gewisse Rituale wichtig, wie das Einhalten von Ruhezeiten, der Besuch im Yogastudio oder die Verabredung mit Freunden, für die man an bestimmten Wochentagen zu einer bestimmten Zeit das Haus verlassen muss. Alltagsstrukturen sind wichtig für unser Selbstbewusstsein.

Vergessen in der Leere
In Tat und Wahrheit besteht die grössere Sorge bei der Fernarbeit darin, dass man vergessen wird. Man verpasst unweigerlich die spontanen Besprechungen und Nebengespräche, die aus kleinen Ideen grosse Projekte machen. Ich kommuniziere deshalb gerne und oft über Email und nutze die sozialen Medien um meine Interessen zu verfolgen. Das hat den Vorteil, dass ich das Gegenüber nicht, wie beim Telefonieren, bei der Arbeit störe. Das Niederschreiben von Gedanken hat zwar seine Grenzen, zwingt aber auch zur Reflexion. Es wird nie dasselbe sein wie nach der Arbeit ein Bier zu trinken, aber es hilft, die Leute daran zu erinnern, dass ich nicht nur draussen in der Leere bin. Und wenn sich aus dieser Kommunikation ein Projekt entwickelt, greife ich gerne zum Telefon oder verabrede mich persönlich zum Kaffee.

Wir «Alten»
«kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. «Alte» Frauen und Männer im Team, auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden», stellen ihre Erfahrung zur Verfügung. Bitte bringen Sie sich ein, wir freuen uns über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch I Mail: werner@kompetenz60plus.ch I
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: wernerkruegger

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#159 – Das Leben beginnt mit 80!

In Presse und Politik werden wir «Alten» nur allzu oft auf rein numerische Faktoren reduziert und Stereotypen zum Alter werden munter weiterverbreitet. Dabei machen 60-Jährige Dinge, die früher den 40-Jährigen vorbehalten waren. Es ist nicht mehr überraschend, von Menschen in den Achtzigern zu hören, die noch produktiv arbeiten. Ein Beispiel dafür sind die «noch verbleibenden Alten» kandidierenden Demokraten bei den Vorwahlen zur Präsidentschaft in den USA.

Mythen über das Altern
In einer Studie, publiziert in Dailymail online vom 2. März 2020 erreichen, laut dem Neurowissenschafter Dr. Daniel Levitin, die Menschen mit 82 Jahren ihr glücklichstes Alter und Teile des Gehirns verbessern sich sogar mit zunehmendem Alter. Dr. Levitin führte die Studie durch, um Mythen über das Altern zu zerstören, einschliesslich Gedächtnisverlust und Schwierigkeiten beim Erlernen neuer Fähigkeiten. Die Forschung war Teil für sein neues Buch «The Changing Mind: Ein Leitfaden für Neurowissenschafter zum Altern». Levitin sagt im Interview: «Die Neurowissenschaften haben in den letzten zehn Jahren festgestellt, dass unser Gedächtnis mit zunehmendem Alter nicht unbedingt beeinträchtigt wird». Ein weiterer grosser Mythos ist, dass ältere Erwachsene depressiv sind. Das durchschnittliche Höchstalter für Glück in 72 Ländern liegt jedoch bei 82 Jahren, und Levitin denkt, wir können das mittels Altersmedizin noch um zehn Jahre hinausschieben. Die Mehrheit von uns «Alten» wird einfühlsamer und ist besser gerüstet für die Bewältigung von Herausforderungen im Leben – sowohl für uns selbst als auch für andere.

Architekt Dayong Sun, 2020 Penda China, «Be a Batman», Schutz vor Coronavirus mit UV-Strahlen

Ein kleines Gespräch von zehn Sekunden hier und da
Der Wissenschafter Daniel Levitin arbeitete im Rahmen seiner Forschungen auch mit hochkarätigen Mitgliedern der älteren Gemeinschaft zusammen, darunter Clint Eastwood (89), der Dalai Lama (84) und Stevie Wonder (69). Clint Eastwoods’ Geheimnis für das Glück im Alter ist, dass er den alten Mann einfach aussen vor lässt. Der Dalai Lama, sagte Levitin, sei einer der glücklichsten Menschen der viel lacht. Er hat 125 Bücher veröffentlicht – eines davon im letzten Jahr. Ganz allgemein darf man sich nicht zurückziehen um sicherzustellen, dass unser Geist durch etwas Sinnvolles angeregt wird. Wir müssen neue Dinge ausprobieren, um die kognitive Aktivität zu fördern, dazu gehört natürlich, den sozialen Kreis laufend neu zu pflegen. Selbst der kürzeste Kontakt mit Fremden jeden Tag ist für den Geist von Vorteil, da solche Treffen jeden Teil des Gehirns einbeziehen, wie die Entschlüsselung von Gesichtsbewegungen, Sprache und Tonfall bis hin zu dem, wie man auf einen Fremden reagiert und sich ihm präsentiert.

Intelligenz, Erfahrung, Weisheit
Stimmungsstörungen, Angstzustände und Verhaltensprobleme nehmen nach 60 ab, und das spätere Auftreten dieser Regungen ist sehr selten. Bei gewissen Formen der mentalen Verarbeitung werden wir besser – und schneller. Beispielsweise verbessert sich das abstrakte Denken mit zunehmendem Alter. Dies ist die Art der Verarbeitung, die den mathematischen Fähigkeiten, der Sprache und der Problemlösung zugrunde liegt und in höheren Gehirnzentren stattfindet. Das gilt auch für die praktische Intelligenz, die nach 50 oder 60 ansteigt. Traditionell nannte man diese Art der mentalen Verarbeitung Weisheit. Unter neurokognitiven Gesichtspunkten ist Weisheit die Fähigkeit, Muster zu erkennen, in denen andere nicht zu erkennen sind, verallgemeinerte gemeinsame Punkte aus früheren Erfahrungen zu extrahieren und diese zu verwenden, um vorherzusagen, was als nächstes wahrscheinlich passieren wird. Und was ist Intelligenz, wenn nicht das?

Wir «Alten»
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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#158 – Babyboomer im Team von Startups

In der Startup-Szene bemerke ich seit einiger Zeit einen Trend, sich mit uns «Alten» auszutauschen. Die «jungen Wilden» sehen positives in gemischten Teams von Jung und Alt, Männern und Frauen. In seinem Blog, veröffentlicht am 6. Oktober 2019 auf LinkedIn, schreibt Michael Grampp warum Babyboomer (geboren zwischen 1945 und 1964) mit in den Gründerprozess von Startups gehören.

Erfahrung und Risikobereitschaft
Von all den Generationen: Silent Generation, Babyboomer, Generation X, Generation Y / Millennials und Centennials, scheinen seiner Ansicht nach vor allem die Babyboomer Eigenschaften zu haben, die für die Gründung von Unternehmen und den Start einer unternehmerischen Karriere erforderlich sind. Dazu gehören Erfahrung und Risikobereitschaft, ein grosses Netzwerk und die hohe Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit. Es lohne sich, jemanden mit viel Erfahrung zu beschäftigen, der zum Beispiel bei der Verwaltung des Personals oder in der Produktion eine hervorragende Leistung für das Unternehmen bringt. «Alte» ergänzen aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen mit dem Eingehen von Risiken das Team bestens. Sie bauten über viele Jahre hinweg grosse professionelle Netzwerke, die es einfacher machen, sich im Wettbewerb zu behaupten. Nicht zu unterschätzen ist auch die Tatsache, dass viele Babyboomer über die finanziellen Mittel verfügen, um sich als Investoren im Startup zu beteiligen, finanziell oder durch kostenlose Beratungsleistungen.

SBCZ Schweizer Baumuster-Centrale Zürich, Fläche bereit für Werkstattgespräche, Januar 2020

Hohe Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit
Wenn es um Kommunikationsfähigkeiten geht, sind die Boomer ebenfalls im Vorteil. Sie wissen genau, wie sie mit Kunden in Kontakt treten müssen, und geben diesen die Gewissheit, dass es sich hier um ein «seriöses» Unternehmen handelt. Wie Untersuchungen zeigen, sind altersunterschiedliche Teams erfolgreicher und innovativer als gleichaltrige Teams. Die «Alten» geben dem Startup ein Gefühl von Sicherheit und Weisheit. Der Mythos, wonach ältere Menschen die Technologie nicht verstehen oder von deren Wandel überwältigt sind, beruht auf einem falschen Vorurteil. Natürlich gibt es ältere Menschen, die technisch nicht affin sind. Aber auch unter der jüngeren Generation gibt es viele, deren Verständnis für Technologie aufhört, wenn mehr gefragt ist, als nur über Apps zu wischen. Entscheidend ist vielmehr der Wille, neue Dinge zu lernen.

Gerontopsychologie
Wir lieben es, uns zu erinnern um anderen dies mitzuteilen. Ganz besonders ältere Menschen erzählen gerne, oft und (zu) ausführlich von ihren Erfolgen im Berufsleben. Diese Erzählungen werden über die Jahre auch immer «farbiger», da wir uns gerne an die Höhenpunkte erinnern und viel Negatives ausblenden. Doch ist dieser Austausch gemäss meinem kürzlichen Gespräch mit Frau Dr. Burcu Demiray, spezialisiert auf Gerontopsychologie (Alterspsychologie) vom psychologischen Institut der Universität Zürich, für das Wohlbefinden von uns «Alten» ganz wichtig. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) hat das laufende Jahrzehnt dem Thema «gesundes Altern» gewidmet. Gemäss Dr. Demiray ist es auch wichtig die eigene Lebensgeschichte zu dokumentieren um diese für unsere Nachkommen zu erhalten.

Reminiszenz, nicht Nostalgie
Solches Erinnerungsvermögen dürfen wir allerdings nicht mit Nostalgie oder einer allgemeinen Verklärung verwechseln. Vielmehr geht es darum, die Erfahrung der älteren Generation für die Zukunft nutzbar zu machen. Tatsache ist, dass wir uns nach dem heute gültigen Pensionierungsalter 64/65 bei guter Gesundheit auf 25 weitere Jahre aktiven Lebens freuen dürfen. In meinem Blogbeitrag vom 24. Oktober 20219 beschreibt der heute 76-Jährigen Philosoph Ludwig Hasler dies folgendermassen: Wir sind «exzentrische» Wesen, wir müssen aus uns hinaus, wollen wir nicht vereinsamen. Wir müssen etwas vorhaben, an etwas mitwirken, das grösser ist als das eigene «Ich». Wir müssen an einer Zukunft mitzuwirken, selbst wenn die nicht mehr die unsere sein wird – an der Zukunft unserer Menschenwelt. Gepaart mit einer umfassenden Erfahrung, unserem Netzwerk und unseren Beziehungsfähigkeiten werden wir Babyboomer damit zum entscheidenden Faktor für den Aufbau eines erfolgreichen Startups.

Wir «Alten»
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