Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#465 – Wir «Alten» Zeugen von Veränderungen

Die KI-Revolution erreicht die nächste Stufe
In seiner zweieinhalbstündigen Eröffnungsrede zur Entwicklerkonferenz in San Jose, Kalifornien, erklärte der CEO von Nvidia, Jensen Huang (63), wie er mit neuen Produkten und Kooperationen die KI-Revolution weiter befeuern will. Marie-Astrid Langer, war zugegen und berichtet in der NZZ vom 17. März 2026 darüber. Aus Sicht von Huang erreicht die KI nun ein entscheidendes neues Stadium: nämlich die Anwendung des Gelernten, die sogenannte Inferenz. Bildlich gesprochen, bedeutet das: Wenn die KI bisher zur Schule ging, dann hat sie jetzt den Abschluss in der Tasche und wendet das Wissen eigenständig an. «Wir sind am Anfang einer neuen Plattform-Umwälzung», wiederholte er mehrmals. Man könne der KI nun nicht mehr nur Fragen stellen, sondern Aufträge erteilen. KI-Agenten wie die Programmierplattform Claude Code von Anthropic hätten dieses Zeitalter eingeläutet. «Wir sind am Wendepunkt der Inferenz angekommen.» Diese Anwendungen brauchten viel Rechenleistung, zu hoch sei der Energieverbrauch, zu gering der Arbeitsspeicher, hört man immer wieder. Das Resultat sind hohe Stromkosten und eine zu grosse Verzögerung der KI-Agenten. Für eine Zukunft aber, in der diese für uns programmieren, Einkäufe tätigen und andere Aufträge erledigen, muss die sogenannte Latenz möglichst gering sein. Nvidias Antwort darauf: Ein neues ultraschnelles KI-Rack speziell für Inferenz, kombiniert aus 256 Stück des Groq-Chips mit 72 Stück der wassergekühlten Rubin-Chips. Gemäss Huang kann dieses Hochleistungssystem pro Sekunde 700 Millionen Token generieren; ein Token ist die kleinste Texteinheit, die ein Sprachmodell verarbeitet.

Die österreichische Plattform Open Claw
Der aus Österreich stammende Informatiker Peter Steinberger hatte vor wenigen Monaten als Erster eine Open-Source-Plattform namens Open Claw entwickelt, die jedermann auf dem eigenen Computer kostenlos installieren kann und auf der KI-Agenten eigenständig Aufträge ausführen: etwa im Internet Einkäufe tätigen, E-Mails für den Nutzer beantworten oder diesen für einen Flug einchecken. Trotz Sicherheitsbedenken erreichte die Plattform innnert kürzester Zeit eine enorme Gefolgschaft und gilt als Durchbruch im KI-Zeitalter. «Die Bedeutung des Aufkommens von Open Claw kann man gar nicht genug betonen», sagte Huang. Es handle sich um ein Ereignis von ebenso grosser Tragweite wie die Erfindung des Betriebssystems Linux oder des Website-Standards HTTPS. So, wie Firmen früher eine Strategie für Websites oder mobile Applikationen brauchten, würden sie künftig eine für Open Claw und KI-Agenten brauchen. Kurzum: In Huangs Weltsicht ist die KI-Zukunft rosig und steht erst ganz am Anfang.

«Dresdener Frauen» des deutschen Künstlers Georg Baselitz (1938 – 2026) in einer Ausstellung in Dresden im Jahr 2009. Foto: Ralf Hirschberger / EPA

Technologie verändert unsere Arbeitswelt
Weltweit wird jeder dritte Arbeitnehmer respektive Arbeitnehmende in diesem Jahrzehnt mit Veränderungen ihres Arbeitsplatzes durch künstliche Intelligenz KI und technologische Fortschritte konfrontiert sein – doch es gibt Möglichkeiten, sich darauf einzustellen. Der Strategieberater für Kompetenzentwicklung, Sagar Goel (49), Boston Consulting Group Singapur, erklärt anhand praktischer Beispiele aus seiner Partnerschaft mit der singapurischen Regierung, wie Tausenden von Arbeitnehmenden der Übergang in neue Karrieren ermöglicht wurde. In seinem Beitrag auf TED@BCG • November 2023 (09:40) verdeutlichte er damit die Bedeutung von Umschulung und lebenslangem Lernen. Die Veränderung unserer Arbeitswelt durch Technologie ist die neue Realität, in der Welt in der wir leben. Gerade wir «Alten» dürfen dieser Entwicklung nicht mit Angst und Skepsis begegnen. Wir müssen unsere Fähigkeiten und Kompetenzen mit Neugier und Optimismus immer wieder weiterentwickeln.

Lebenslanges Lernen
Dabei wollen viele von uns nicht mehr studieren, wir fühlen uns zu alt um Neues zu lernen, wir wissen es besser. Doch Arbeiten die uns früher Tage, manchmal sogar Wochen gekostet haben, können dank KI heute immer häufiger in wenigen Stunden erledigt werden. Und diese Entwicklung findet in der gesamten Wirtschaft statt. Jobveränderungen betreffen nicht nur Bankangestellte, Fabrikarbeiter:innen und Lagerist:innen, sondern auch Führungskräfte und Büroangestellte. Unternehmen können dieses Problem auch nicht durch Neueinstellungen lösen, denn selbst wenn es ihnen gelänge, ihre absolut besten Talente zu gewinnen, werden in fünf Jahren die Hälfte deren Fähigkeiten überflüssig sein. Zweieinhalb Jahre, wenn man im Technologiebereich arbeitet, ist die sogenannte Halbwertszeit von Fähigkeiten. Die einzige Lösung besteht darin, jedes Jahr Millionen von Menschen weiterzubilden um ihnen zu ermöglichen, neue Fähigkeiten für den Übergang in neue Berufe zu nutzen. Zusammen mit der Regierung Singapurs arbeitete Sagar Goel an der Einführung eines gross angelegten, sechsmonatigen Programms namens «Rise», um Tausende von Menschen aus traditionellen, rückläufigen Berufen in Positionen wie Data Scientist, Digital Product Owner und Digital Marketer umzuschulen. Eine nationale Jobdatenbank bot Unternehmen Anreize, solche umgeschulten Fachkräfte einzustellen. Sie lenkt sogar die Hochschulen in Richtung lebenslanges Lernen nach der akademischen Ausbildung.

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Blog, Industrie 4.0

#377 – Strategien jenseits Bedienkompetenz

Zuviel Erfahrung kann auch schaden
Unbekümmertheit lässt das Denken frei drehen. Armut an Erfahrung begründet den visionären Reichtum. Unwissenheit ist ein Segen. Alles gute Gründe um die Entwicklung neuer Technologien den Jungen zu überlassen. Für uns «Alte» gibt es darin einiges zu bedenken. Während unser Wissen oft mangels Weiterbildung die Vergangenheit abbildet, befähigt uns die Erfahrung, neue Erkenntnisse differenzierter einzuordnen. Als Mentoren und Sparringspartner in KMUs sind deshalb engagierte und wissbegierige «Alte» gerne gesehen im Team mit den «jungen Wilden».

Mehr als Bedienkompetenz
Viele «Alte» nutzen digitale Technologien jenseits simpler Bedienkompetenz in ihrer Arbeit zu Strategieüberlegungen für KMUs. Wir wurden als «nicht digital natives» in einer analogen Welt sozialisiert und erlernten unser Basiswissen anhand von physischen, greifbaren Beispielen. Trotz Digitalisierung wird handwerkliches Geschick noch heute von Generation zu Generation als Erfahrung weitergegeben. Analoge Prozesse und lineares Denken folgen dabei einer «sichtbaren» Logik. Seit den 1960er Jahren werden diese Modelle immer mehr abstrahiert. Computer übernehmen komplexe Tätigkeiten in einer vernetzten digitalen Welt. Beispielsweise erscheint die Aussentemperatur nicht mehr nur auf dem Thermometer vor unserem Fenster. Lokale Wetterstationen übermitteln ihre Daten zeitnah ins amerikanische Silikon Valley, um diese wiederum aufbereitet und ortsunabhängig auf unseren mobilen Geräten anzuzeigen. Eine Abstraktion sondergleichen von physischen Vorgängen, die sich nicht mehr umkehren lassen.

Die Verbindung von physischer mit der digitalen Welt
Als Generation mit analoger Erfahrung können wir kompetenten «Alten» unser Wissen dazu nutzen, im Team mit den «Jungen», die physische und die digitale Welt miteinander zu verbinden. Anima Anandkumar ist eine Indische Informatikerin, die seit 2017 als Bren Professor of Computing am California Institute of Technology lehrt und seit 2018 für Nvidia als Director of Machine Learning tätig ist. In ihrem Beitrag auf TED2024 Vancouver BC • April 2024 (9:53), erzählt sie über diesen Vorgang. Sie ist bei Eltern aufgewachsen, die Ingenieure sind und zu den Ersten gehörten, die computergestützte Fertigung in ihrer Heimatstadt Mysore in Indien anwendeten. Als junges Mädchen war sie fasziniert davon, wie diese Programme nicht nur in einem Computer vorhanden waren, sondern die physische Welt berührten und diese schönen und präzisen Metallteile produzierten. Diese Faszination inspirierte sie während der vergangenen zwei Jahrzehnte der künstlichen Intelligenz KI-Forschung. Ihre Arbeit auf dem Gebiet verändert unsere Art, Wissenschaft und Technik zu betreiben und beinhaltet derzeit viel Versuch und Irrtum (trial and error).

Seven Magic Mountains 2016, Las Vegas Nevada, USA, Ugo Rondinone (60) Schweizer Künstler aus New York City, Bild: Nevada Museum of Art

Kulturwandel
Es sind also nicht nur die grossartigen Ideen, welche die Wissenschaft voranbringen. Sprachmodelle wie ChatGPT können Vorschläge machen und sogar etwas zeichnen. Aber ohne Erfahrung wissen wir nicht, ob das auch gut ist. Sprachmodelle halluzinieren, weil sie keine physikalische Grundlage haben. Während sie dabei helfen können, neue Ideen zu generieren, können sie den schwierigen Teil der Wissenschaft nicht angehen, der darin besteht, die notwendige Physik zu simulieren. Um wissenschaftliche und physikalische Phänomene zu modellieren, reicht Text allein nicht aus. Das Team um Anima Anandkumar arbeitet deshalb an einer Alternative zum Standard-Deep-Learning welches eine feste Anzahl von Pixeln verwendet, die beim Hineinzoomen unscharf werden. Mittels einer KI-Technologie namens neuronale Operatoren, welche die Daten als kontinuierliche Funktionen oder Formen darstellt wird es möglich, unbegrenzt auf jede Auflösung oder Skala hineinzuzoomen. Neuronale Operatoren ermöglichen es, Daten in mehreren Massstäben oder Auflösungen zu trainieren. Während in der Vergangenheit physikalische Phänomene durch Ausprobieren erreicht wurden, schlägt das neuronale Operatormodell direkt ein optimiertes Design vor, das in der Folge im 3D-Druckverfahren zur Überprüfung hergestellt wird.

Das ist erst der Anfang
Im Vortrag präsentierte Anima Anandkumar neurale Operatoren und KI im Allgemeinen, die es ermöglichen, schwierige wissenschaftliche Herausforderungen anzugehen, darunter Wettervorhersage, Arzneimittelforschung, wissenschaftliche Simulationen und technisches Design. Bisher sind KI-Modelle auf die engen Bereiche beschränkt, auf die sie trainiert wurden. Deshalb ihre Frage: Was wäre, wenn wir ein KI-Modell hätten, das jedes wissenschaftliche Problem lösen könnte? Vom Entwerfen besserer Drohnen, Flugzeuge oder Raketen bis hin zu besseren Medikamenten und medizinischen Geräten? Ein solches KI-Modell würde der Menschheit enorm zugutekommen und daran arbeitet ihr Team. Ein generalistisches KI-Modell mit emergenten Fähigkeiten, das alle physikalischen Phänomene simulieren und neuartige Designs generieren kann, die bisher unerreichbar waren. Ihr Team skaliert neuronale Operatoren, um allgemeine Intelligenz mit universellem physikalischen Verständnis zu ermöglichen. Was früher einen grossen Supercomputer erforderte, kann heute auf unserem Spiele-PC laufen, den wir zu Hause haben. Wenn wir «Alten», neben einfacher Bedienkompetenz und ohne Programmierungskenntnisse bereit sind, die Tragweite solcher Technologien zu verstehen, ist unsere Erfahrung aus der analogen Welt von enormer Wichtigkeit bei der Entwicklung dieser KI-Modelle.

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