Blog, Industrie 4.0

#340 – Veraltetes Wissen – Erfahrene «Alte»

Zusammenarbeit mit KI künstlicher Intelligenz
Das Gelernte veraltet immer schneller: Die durchschnittliche Halbwertszeit von Qualifikationen liegt heute bei weniger als fünf Jahren, im digitalen Bereich sind es sogar nur ein bis zwei Jahre. Die für den «Future of Jobs Report 2023» des World Economic Forum befragten Firmen prognostizieren, dass 44 Prozent der Fähigkeiten ihrer Angestellten in den nächsten fünf Jahren Disruptionen unterworfen sein würden. Und weil künftig immer mehr Menschen mit KI-Modellen zusammenarbeiten werden, nimmt die Bedeutung bestimmter Fähigkeiten wie kritisches Urteilsvermögen, ein ethischer und moralischer Kompass sowie Freude am Denken zu. Neugierige und erfahrene «Alte» auf Augenhöhe im Team mit den «jungen Wilden» und ihrem Wissen scheint mir dabei ein logischer Ansatz. Neugier bedeutet auch: Fehler machen zu dürfen, unvoreingenommen zu sein, neuartige Fragen zu stellen, Dinge kritisch zu hinterfragen, thematisch tiefer zu gehen, über den Tellerrand hinauszuschauen, Spass am Lernen haben und sich auf Neues einzulassen, unabhängig vom biologischen Alter.

Der Imperativ der generativen KI-Änderung
«Wie Menschen mit generativer KI Werte schaffen oder auch zerstören können» ist der Titel des Beitrags vom 21. September 2023, BCG Boston Consulting Group, zum Umgang mit KI künstlicher Intelligenz von François Candelon, Lisa Krayer, Saran Rajendran, and David Zuluaga Martínez. Wir haben noch keine Daten, schreiben die Autoren, um die Wahrnehmungen unserer Teilnehmenden am Experiment zu bestätigen, dazu braucht es weitere Untersuchungen. Es zeigte sich jedoch, wie ungefähr 70% von ihnen glauben, dass die umfassende Nutzung von GPT-4 (die Weiterentwicklung von ChatGPT) ihre kreativen Fähigkeiten mit der Zeit beeinträchtigen könnten. Wenn Menschen sich zu sehr auf eine Technologie verlassen, verlieren sie Fähigkeiten, die sie einmal hatten. Als GPS erstmals auf den Markt kam, half es der Navigation immens, aber heute können wir uns fast nicht mehr ohne GPS orientieren. Unternehmen müssen sich darüber im Klaren sein, welche Wahrnehmungen und Einstellungen ihre Mitarbeitenden zur generativen KI haben und wie sich diese auf ihre Fähigkeit auswirken könnten, Innovationen voranzutreiben und Mehrwert zu schaffen.

Installation «Mailchimp’s Email is Dead»: The Design Museum, London, Oktober 2023. Bild: Richard Heald.

Verfeinerte Datenstrategie zur Differenzierung
Die Stärke von GenKI liegt oft in der Identifizierung unerwarteter – sogar kontraintuitiver – Muster und Zusammenhängen. Um von diesen Vorteilen zu profitieren, benötigen Unternehmen eine umfassende Datenpipeline, mit Fokus auf die Entwicklung interner Data-Engineering-Fähigkeiten, um diese zu erstellen. Denn wenn mehrere Unternehmen die Technologie auf ähnliche Aufgabenbereiche anwenden, kann dies zu einem Nivellierungseffekt zwischen den Organisationen führen. Die Muster ähneln sich. Um sich zu Differenzieren braucht es die Fähigkeit, generative KI-Modelle mit grossen Mengen an hochwertigen, unternehmensspezifischen Daten zu verfeinern, folgern die Autoren.

Rollen und Arbeitsabläufe
Für Aufgaben, die von generativen KI-Systemen beherrscht werden, müssen Menschen ihre Denkweise und ihre Arbeitsweise radikal verändern. Statt der Standardannahme, dass die Technologie einen hilfreichen ersten Entwurf erstellt, der überarbeitet werden muss, sollten die Menschen das Ergebnis als einen plausiblen endgültigen Entwurf betrachten, den sie anhand fest etablierter Leitplanken prüfen, ansonsten aber weitgehend so belassen sollten. Anstatt Recherchen manuell zusammenzufassen oder Folien zu polieren, entsteht mehr Zeit für wichtige Aufgaben, die jenseits der Grenzen dieser Technologie verbleiben. Das bedingt auch Gedanken zu den benötigten Fähigkeiten für die Auswahl der Mitarbeitenden. Die viel zitierten «Prompt-Ingenieure» werden möglicherweise nicht mehr benötigt, sobald die generative KI selbst die Aufgabe gemeistert hat, komplexe Probleme in optimale Prompts zu zerlegen. Was derzeit nicht der Fall ist, könnte in naher Zukunft an KI-Systeme selbst ausgelagert werden, spekulieren die Autoren der Studie.

KI künstliche Intelligenz – StableDiffusion/ by https://www.reddit.com/user/screean/, 6. Oktober 2023 reddit

Kompetenz hilft den Talenten
Talent allein ist möglicherweise nicht der einzige Indikator für hohe Leistung in einer Welt weit verbreiteter GenKI-Nutzung. Beispielsweise Menschen, die über eine geringere Grundkompetenz für gewisse Aufgaben verfügen, werden in der Zusammenarbeit mit generativer KI befähigt, bestimmte Anforderungen zu übertreffen. Das Ziel zukünftiger Talentstrategien ist es, solche Personen zu finden, selbst wenn die jeweiligen Stellenbeschriebe noch nicht klar definiert sind. Auch wenn bestimmte Aufgaben vollständig an GenKI übergeben werden, braucht es ein gewisses Mass an menschlicher Aufsicht. Speziell wenn jüngere Mitarbeitende eine Technologie für Aufgaben verwalten müssen, die sie selbst nie erlernt haben, hilft die Kompetenz von uns «Alten».

Weniger kollektive Kreativität, grösserer Ideenkreis
Die Ergebnisse der BCG-Studie deuten darauf hin, dass GenKI die kollektive Kreativität beeinträchtigt, indem sie die Bandbreite von Perspektiven einschränkt, welche Einzelpersonen einbringen, auch wegen mangelndem Vorstellungsvermögen. Die gute Nachricht ist, dass die Ideen, die Menschen selbst generieren, und die Ideen, die sie mithilfe generativer KI generieren, sehr unterschiedlich sind und in der Kombination zu einem noch grösseren Ideenkreis führen. Generative KI wird wahrscheinlich einiges von dem, was wir tun und wie wir es tun, verändern, und zwar auf eine Weise, die niemand vorhersehen kann. Der Erfolg im Zeitalter von GenKI wird weitgehend von der Fähigkeit eines Unternehmens abhängen, schneller als je zuvor zu lernen und sich zu verändern.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

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#223 – Alleswissen oder Alleslernen

Warum wir einen neuen Lernansatz brauchen
Microsoft-Chef Satya Nadella’s erfolgreicher Turnaround des Technologieriesen beruht zum Teil auf dem Wechsel von einer «Alleswisser» – zu einer »Alles lernen» – Kultur. In ihrem Beitrag vom 3. Juni 2020 beschreiben Jens Baier, Elena Barybkina, Vinciane Beauchene, Sagar Goel, Deborah Lovich, and Elizabeth Lyle von BCG Boston Consulting Group, weshalb das Lernen in den Fokus der Unternehmensstrategie rücken muss. Denn Unternehmen konkurrieren heute mehr denn je darum, wie schnell sie innovativ sein und ihren Mitarbeitern helfen können, neue Fähigkeiten zu erwerben – insbesondere digitale Fähigkeiten. Aber die Leute lernen nicht nur, indem sie Online-Kurse besuchen oder Artikel lesen. Und sie nehmen kein neues Material an einem Tag oder sogar in einer Woche mit an Bord. Der Aufbau von Wissen erfordert Konzentration, Übung, Coaching und die Bildung neuer Einstellungen, die Monate dauern. Wenn Organisationen beim Lernen gewinnen wollen, müssen sie ihre Bemühungen um den Aufbau von Fähigkeiten in die tägliche Arbeit der Mitarbeiter einfliessen lassen. Und sie müssen Fähigkeiten auf allen Ebenen des Unternehmens – von oben bis unten – als integrierten Teil des Unternehmens aufbauen und regelmässig Geschäftsziele konsultieren, um die Auswirkungen zu messen.

«Life» von Olafur Eliasson, 2021 Fondation Beyeler, Basel. Gebäude und Landschaft werden eins

Feste Bürotage für gezielte Zusammenarbeit
Apple-Chef Tim Cook will, dass seine Mitarbeitenden ab September 2021 wieder mindestens an drei Tagen, Montag, Dienstag und Donnerstag, im Büro anwesend sind. Man habe feste Bürotage gewählt, um die Zeit für die persönliche Zusammenarbeit zu «optimieren», so Cook. Videokonferenzen hätten zwar die Distanz verringert, aber es «gibt Dinge, die sie einfach nicht nachbilden können». Längere Homeoffice-Phasen sollen bei Apple aber eine Option für bis zu zwei Wochen pro Jahr bleiben, nach Absprache mit Vorgesetzten. Die Rückkehr ins Büro gilt bei Apple vorerst als Pilotphase, man wolle dies 2022 neu bewerten. Apple galt gegenüber dem Homeoffice lange als besonders abgeneigt, für die Hardware-Entwicklung ist die persönliche Zusammenarbeit kleiner Teams entscheidend, auch in Hinblick auf Geheimhaltung ist Apple nur eingeschränkt Homeoffice-fähig. Die Heimarbeit führe zu einem «gemischten» Ergebnis, erläuterte der Apple-Chef im vergangenen Jahr, in manchen Bereichen sei man im Homeoffice produktiver, in anderen hingegen «nicht so produktiv».

Halbwertszeit einer Fertigkeit
Arbeit ist nicht nur ein sozialer Prozess, sondern auch ein sozialisierender. Arbeit gibt uns das Gefühl des Dazugehörens und Gebrauchtwerdens. Das ist an Orte gebunden, weshalb es keine gute Idee wäre, nach der Pandemie weiterhin auf Home-Office zu setzen, bemerkt Reinhard K. Sprenger, Philosoph, Managementberater und Autor, im Gastkommentar von Selina Haberland, NZZ vom 7. Juni 2021. Die durchschnittliche Halbwertszeit einer Fertigkeit beträgt gemäss einem Beitrag von Andrew Dyer, Susanne Dyrchs, Allison Bailey, Hans-Paul Bürkner, and J. Puckett, BCG 14. Juli 2020 nur noch fünf Jahre. Daher rechnen die Autoren damit, dass in den nächsten zehn Jahren 1 Milliarde Arbeitsplätze umgestaltet werden müssen. Das ist eine gewaltige Aufgabe. In den letzten Jahren haben Verhaltensökonom_innen, Neurowissenschafter_innen und Kognitionspsycholog_innen grosse Durchbrüche im Verständnis des Lernens von Menschen erzielt. Sie haben festgestellt, dass die Menschen am besten lernen, wenn das Training personalisiert, in mundgerechte Formate verpackt, in den Arbeitsalltag integriert und durch rechtzeitige Anstösse und Erinnerungen unterstützt wird. Diese neue Wissenschaft des Lernens ist noch nicht vollständig am Arbeitsplatz angekommen – aber wenn sie dies tut, verspricht sie, die Art und Weise, wie Unternehmen arbeiten, zu revolutionieren.

«Life» von Olafur Eliasson, 2021 Fondation Beyeler, Basel. Gebäude und Landschaft werden eins

«Alte» in die Lernsituation einbinden
In meinem letzten Blog zum Thema Mentoring beschreibe ich, wie wir «Alten» Lernsituationen dank unserer Biografie nachhaltig unterstützen können. Auf Augenhöhe im Team mit den «jungen Wilden» geben wir Ratschläge, führen in Netzwerke ein und helfen, die Mechanismen und ungeschriebenen Regeln der Berufswelt zu verstehen. Wir selbst profitieren von solchen «Tandems», da beide Parteien die Möglichkeit erhalten, ihre Perspektive zu wechseln. Auch wenn unser Gehirn mit zunehmendem Alter mehr und mehr selektiv arbeitet, sind unsere Erfahrungen ein wichtiger Teil von uns, die wir weitergeben müssen. Zwar werden wir gegenüber dem Offensichtlichen eher blind und darüber hinaus blind für unsere Blindheit. In ihrem Artikel in der NZZ vom 5. Juni 2021 unter dem Titel «Wie wir uns laufend neu erfinden» beschreibt Anja Jardine wie wir unsere Informationen besser speichern und auch später abrufen, die unserer Stimmung entsprechen. Das Phänomen nennt sich «Stimmungskongruenz». Das semantische Gedächtnis ist das, was wir anklagen, wenn uns Namen, Zahlen, Fakten nicht einfallen. Zusammen mit dem episodischen Gedächtnis gehört es zur High-End-Ausstattung unserer Software. Und hier nun, als Teil des episodischen Gedächtnisses, findet sich das autobiografische. Es speichert lebensgeschichtlich relevante Erfahrungen. Und es scheint, als sei seine Funktion nicht die, eine objektive Wahrheit abzubilden, sondern vielmehr uns unsere Geschichte so erzählen zu lassen, dass wir heute und morgen zurechtkommen.

«kompetenz60plus.ch»
Mit unserer Erfahrung und Engagement aus der analogen Welt sind wir «Alten» gerüstet, im Team zusammen mit dem digitalen Wissen der «jungen Wilden», Prioritäten und Ideen mit Engagement in Ergebnisse umzusetzen. «kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch I Mail: werner@kompetenz60plus.ch I
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: wernerkruegger