Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#471 – Die kraftvolle Kompetenz der «Alten»

Erfahrene «Alte» profitieren von KI
Künstliche Intelligenz KI war ein Thema unter vielen beim kürzlichen Abendessen mit Alumni meiner Alma Mater. Erstaunt haben mich die Ängste vor der Technologie, die ich auch unter den jüngeren Teilnehmenden, der Generation Y (Millenials, geboren zwischen 1981 und 1995), spürte. Viele von ihnen arbeiten in der Forschung, im Bankensektor oder als Anwält:innen. Dabei sprachen wir nicht über die Zukunft, sondern wie gewollt oder ungewollt wir bereits mit den Auswirkungen der KI auf unseren Alltag leben. Wir erleben einen besonderen Moment in der Technologiegeschichte, eine «grüne Wiese» voller neuer Rollen, neuer «heissen Themen» und neuen Chancen für unsere Karrieren, schrieb Prof. Dr. Yasmin Weiß (46) auf LinkedIn am 3. Juni 2026. Vieles spricht dafür, dass gerade Berufserfahrene von den KI-Chancen besonders profitieren können. Entgegen der Intuition: Aktuelle Zahlen zeigen, dass ausgerechnet die Jüngeren derzeit nicht zu den Profiteuren der KI-Transformation zählen.

KI Verstehen
Wenn ich mit Leuten über künstliche Intelligenz spreche, höre ich oft von Laien: «Ich verstehe KI nicht». Auch Experten sagen: «Ich verstehe KI nicht, und niemand sonst auch». Mit dieser Feststellung begann Helen Toner (34) ihren TED April 2024 Vortrag (11:16) mit dem Titel «Wie man KI steuert – auch wenn Vorhersagen schwierig sind». Eine grosse Herausforderung beim Aufbau künstlicher «Intelligenz» besteht darin, dass sich niemand darüber einigen kann, was es eigentlich bedeutet, intelligent zu sein. Aber lassen wir uns zunächst nicht einschüchtern. Weder von der Technologie selbst, noch von den Menschen und Unternehmen, die sie entwickeln. Meine Lieblings-KI «Claude» von Anthropic weiss dazu: KI ist Software, die Aufgaben übernehmen kann, die wir normalerweise menschlicher Intelligenz zuschreiben – wie Sprachverständnis, Bilderkennung oder Entscheidungsfindung. Sie kann programmieren, Gedichte schreiben, Geschäftsprobleme analysieren und uns bei der Autoreparatur helfen. Die drei Stärken der KI sind die Mustererkennung, trainiert mit millionenfachen Beispielfbildern, Textgenerierung aus Milliarden von Sprachsätzen oder die Entscheidungsfindung durch Vergleichen von Möglichkeiten. KI ist ein System, das aus Beispielen lernt, um Vorhersagen zu treffen oder Ergebnisse zu generieren – sie findet Muster in Daten, so wie Menschen Muster in ihren Erfahrungen finden. Aber sie ist keine Magie, sie hat kein Bewusstsein – sie versteht Dinge nicht wie Menschen, besitzt keinen gesunden Menschenverstand oder Gefühle und kann sich irren. Doch das Potenzial der KI reicht weit darüber hinaus. KI ermöglicht es uns bereits, Sprachbarrieren zu überwinden oder Proteinstrukturen vorherzusagen.

KI generiert, der Mensch kreiert
Menschen werden auch weiterhin relevant bleiben. Denn da geht es um Inspiration, Ideen und Kreativität. KI generiert aus Daten, das ist nicht dasselbe wie Kreieren aus dem Nichts. KI baut auf Daten auf, die im Netz zu finden sind. Diese sind zu 90% durchschnittlich und damit besteht die Gefahr einer qualitativen Abflachung, der wir nur entgegenwirken können, indem wir bessere Datensätze generieren und online stellen. Wir müssen mit der KI über Ästhetik, Qualität, Wirkung und Wahrnehmung kommunizieren. Das ist eine Sisyphusarbeit, aber auch sehr spannend. Für uns «Alte» tun sich hier Möglichkeiten auf, unsere Erfahrung als Mentor:innen, Coaches, oder Sparringspartner in solchen Projekten einzubringen.

Bild: Boston Consulting Group Newsletter vom 3. Juni 2026

Zukunft der Arbeit, Zukunftskompetenzen
Yasmin Weiß erwähnt eine aktuelle Studie der Universität Stanford, in der Millionen US-amerikanische Beschäftigungs- und Gehaltsdaten analysiert worden sind, die zeigt: In sogenannten «KI-exponierten Berufen» ist die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen seit Ende 2022 um rund 13 Prozent gesunken. Diese signifikante Reduktion der Beschäftigung betrifft damit genau die Altersgruppe der Hochschulabsolventen. Gleichzeitig bleiben die Zahlen älterer Beschäftigter recht stabil. Die Forscher erklären das damit, dass frisch erlerntes Wissen (kodifiziertes Wissen) leichter durch KI ersetzt werden kann als langjährige praktische Erfahrung und Intuition (nicht kodifiziertes Wissen). Erfahrung sticht kodifiziertes Wissen. Wenn diese Erfahrung auf Neugierde, Veränderungsbereitschaft und Technologieaffinität trifft, entstehen für uns «Alte» besonders wertvolle Qualifikationsprofile. Diese sind per se auch nicht an eine Alterskohorte gekoppelt, sondern an Denkweisen, Fähigkeiten und gesammelten Erkenntnissen. In der Kombination aus Kompetenz mit Offenheit und Veränderungsbereitschaft liegt grosses Potenzial für beruflichen Erfolg.

Menschliches Handeln als kraftvolle Kompetenz
Yasmin Weiß ist überzeugt, dass auch wir «Alten» die KI-Transformation als grösstes berufliches Geschenk werden nutzen können. Unsere Berufserfahrung ermöglicht die Kombination von menschlichem Handeln mit KI, wo wir das KI-agentische Zeitalter betreten und immer mehr mit autonom agierenden KI-Assistenten konfrontiert werden. Menschliches Handeln zählt zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen und beschreibt die Kontrollfähigkeit in unserer Zusammenarbeit mit KI. Die Professorin unterscheidet dabei drei Bereiche: Problemformulierung, KI-Steuerung und menschliches Urteilsvermögen. Viele Menschen scheitern bereits an der einfachen Regel «Denken vor dem Prompten» und definieren das Problem nicht klar.

Kritisches Denken lässt sich nicht überspringen
Bei der KI-Steuerung geht es um die Definition eines klugen Zusammenarbeits-modells zwischen humaner und künstlicher Intelligenz. Dafür braucht es ein gutes Gespür für die eigenen Stärken und Schwächen und den Grenzen der KI. Viele Menschen lassen zu Beginn der Zusammenarbeit den Schritt der «Diskrepanzanalyse» aus, der aber wichtig ist: Damit ist gemeint, die zu delegierende Aufgabe, aus Erfahrung zunächst herkömmlich zu lösen, dann den Prozess durch Einsatz von KI zu automatisieren und schliesslich die Ergebnisse zu vergleichen. Erst durch diese Analyse lässt sich einschätzen, wie Leitplanken und Kontrollpunkte durch uns Menschen zu definieren sind. Das kritische Bewerten der Ergebnisse ist auch eine Aufgabe für uns «Alte» und beruht auf menschlichem Urteilsvermögen, Evaluierung, menschlichem Veredeln der Ergebnisse sowie die Übernahme der Gesamtverantwortung. Gerade hier wird die Bedeutung von Erfahrung besonders deutlich, die sich auch in menschlicher Intuition zeigt. Damit ist das Gespür gemeint, wo man als Mensch «nachfassen» und «aufpassen» muss, damit die Ergebnisse eine hohe Qualität haben.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

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#446 – «Alte» in einer neuen Arbeitswelt

Eine Arbeitswelt ohne Mitarbeitende
«Warum sich CEOs auf Konkurrenten vorbereiten müssen, die ausschliesslich auf künstliche Intelligenz KI setzen». Unter diesem Titel veröffentlichten Vladimir Lukic, Nina Kataeva, Nicolas de Bellefonds, Ulrich Pidun, Gabe Bouslov, und Adam Job der BCG Boston Consulting Group im Oktober 2025 ihren Beitrag zur aktuellen Geschäftslage. KI steht an einem Wendepunkt. Strategie trifft nun auf Umsetzung: Autonome Agenten und KI-gestützte Prozesse verändern die Arbeitswelt grundlegend. Die Vorreiter, die entschlossen handeln, werden den Takt für das nächste Jahrzehnt vorgeben. Auch KMUs aus jeder Branche werden sich bald Konkurrenten gegenübersehen, die keine Mitarbeiter haben. Mit fortschreitender Kapital-, Rechen- und Koordinationsfähigkeit entwickeln sich KI-basierte Unternehmen – die vollständig von spezialisierten KI-Agenten gesteuert werden – von einer blossen Idee zu einer ernstzunehmenden Bedrohung. Diese Unternehmen profitieren von strukturellen Kostenvorteilen, sofortiger Anpassungsfähigkeit und kontinuierlichen Lernprozessen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen etablierte Unternehmen von KI-Sensibilisierung zu KI-First-Strategien übergehen – KI als Kernbestandteil ihrer Geschäftsprozesse integrieren, nicht als blosses Zusatzmodul. Die Erfahrung von uns «Alten» ist ein wichtiger Faktor in dieser Herangehensweise. Im Team mit den «jungen Wilden» entstehen Arbeitsabläufe, werden Ziele vorgegeben und Visionen umgesetzt.

Digitalisierung in analoger Umgebung
Neulich durfte ich an der Abendveranstaltung eines befreundeten Software-unternehmens teilnehmen. Dabei präsentierten Vertreter des Bau- und Immobiliensektors verschiedenste Projekte, deren Umsetzung in der Praxis fehlschlugen. Auffallend war bei allen Beiträgen, wie wenig sich in den letzten Jahren, trotz technologischer Fortschritte, traditionelle Arbeitsweisen verändert haben. Erstaunlich war auch die Feststellung zu den Grenzen unserer Kommunikation und die Vorherrschaft vieler «Bauchentscheide». Trotz Datenlage und besseren Wissens entschied man sich wiederholt für die schlechteste Variante oder hoffte vergeblich auf das «Unmögliche». Beim anschliessenden Apéro ergab sich die Möglichkeit offene Fragen zu vertiefen. Mein Fazit des Abends: Der Erkenntnisgewinn aus gescheiterten Projekten ist für uns kompetente «Alte» wenig inspirierend. Lehrreicher wären positive Erfahrungen beim Einsatz entsprechender Technologien, als Grundlage für fundierte Entscheide. Kompetente «Alte» Mentor:innen oder Sparringspartner im Team mit den «jungen Wilden» sorgen dafür, die geeigneten digitale Hilfsmittel gewinnbringend einzusetzen.

Wallpaper Idee, Pinterst.com

Willkommen im Zeitalter des ausgelagerten Denkens
In einem aktuellen Beitrag auf der Plattform TEDAI aus Wien, spricht Advait Sarkar, Senior Researcher bei Microsoft (AI & Critical Thinking) zum Thema: «Wie Sie verhindern können, dass KI Ihr kritisches Denken zerstört». Auch wir «Alten» sind zu intellektuellen Touristen geworden, ist er überzeugt, denn unsere Beziehung zu unserer Arbeit wird vollständig von KI vermittelt, respektive entfremdet. Wir haben weniger Ideen, denken weniger kritisch darüber und erinnern uns schlechter an sie. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass KI-gestützte Arbeitsabläufe tiefgreifende Auswirkungen auf das menschliche Denken haben können, selbst für scheinbar triviale, alltägliche Aufgaben. Um für komplexe Aufgaben Höchstleistungen zu erbringen ist es unerlässlich, dass wir unser kritisches Denken und Gedächtnis trainieren um unsere kognitiven Fähigkeiten zu erhalten. Sarkar ist überzeugt, über ihre Rolle als Assistenz hinaus, muss die KI ein Werkzeug zum Denken sein, das hinterfragt und nicht gehorcht. An einem praktischen Beispiel zeigt er wie KI, über die reine Problemlösung hinaus uns hilft, im «Dialog» eine Aufgabe besser zu verstehen und besser zu erledigen. Als Werkzeug zum Denken soll sie uns die richtigen Fragen stellen, um über die Automatisierung bekannter Prozesse hinaus, das Unbekannte zu erforschen.

KI: Kleine Sprachmodelle für die Zukunft
In ihrer Präsentation vom September 2025 auf der Plattform TED sprach die ukrainische KI-Computerforscherin Sasha Luccioni (35) wie die KI zur Revolutionierung der Wissenschaft und Steigerung der Produktivität führt, bei gleichzeitiger Gefahr für die Umwelt. Soll KI die Zukunft der Menschheit verändern oder das Ende der Menschheit, wie wir sie kennen, herbeiführen? Anstatt wie kürzlich bekannt wurde, Rechenzentren so gross wie den Stadtteil von Manhattan zu bauen, um den Bedarf an Superintelligenz zu decken, sollten wir vielmehr in kleine, nachhaltige aber leistungsstarke KI-Modelle investieren. Heute nutzen wir KI, als würden wir alle Lichter eines Stadions einschalten, nur um einen Schlüsselbund zu finden. Grosse Sprachmodelle (Large Language Models LLMs) wie ChatGPT werden heute für alle möglichen Eventualitäten trainiert und verbrauchen jedesmal mehr Energie als Modelle, die jeweils nur eine bestimmte Aufgabe erledigen können. Diese kleinen Sprachmodelle (Small Language Models, SLMs), sind deshalb um Grössenordnungen kleiner. Das kleinste dieser Modelle hat etwa 135 Millionen Parameter und ist damit 5’000-mal kleiner als das Modell von DeepSeek. Sie stellen die Annahme «Grösser ist besser» auf den Kopf, indem sie mit weniger Daten, weniger Rechenleistung und mit weniger Energie auskommen und dennoch die gleichen Resultate erbringen. Sie sind so klein, dass sie buchstäblich auf unserem Smartphone oder im Webbrowser laufen. Zugriff auf modernste KI direkt in unserer Hand, ohne die Notwendigkeit für riesige Rechenzentren. Da sie kleiner und kostengünstiger zu trainieren sind, ermöglichen sie KMUs sich innerhalb ihres Biotops zu vernetzen um mit grossen KI-Unternehmen zu konkurrieren.

Die Sprache von Sprachmodellen
Michael Corballis (1936-2021), neuseeländischer und kanadischer Psychologe, referierte im August 2020 auf der TED-Plattform über «Das grosse Rätsel der Evolution: Sprache». Nicht nur wir Menschen haben Sprache, andere Spezies nutzen Rufe und Gesten zur Kommunikation. Doch bisher erreicht wohl keine tierische Kommunikation das Potenzial menschlicher Sprache. Es existieren etwa 7’000 verschiedene Sprachen und jedes Kind kann jede Sprache lernen. Demzufolge ist der biologische Mechanismus für Sprache uns allen gemeinsam. Das schient auch die Forschung an den Sprachmodellen anzutreiben. Die Abstraktion gestischer Kommunikation machte wohl das Visuelle überflüssig und schuf den Übergang zur gesprochenen Sprache. Das gesprochene Wort macht in der Entwicklungsgeschichte die Hände für Werkzeugnutzung und Transport frei. So hat wohl die Entstehung des Sprechens und nicht der Sprache an sich zur Dominanz unserer Spezies geführt. Sprache hängt nach Corballis so eng an komplexem Denken, Wahrnehmung und motorischen Funktionen, dass ihre biologischen Ursprünge schwer festzustellen sind. Inwieweit, so rätselt er, gestaltete das Sprachvermögen die Menschheit und inwieweit gestaltete die Menschheit die Sprache? Die Sprachmodelle der KI erweitern somit die grosse Zahl vorstellbarer Szenarien oder unsere Fähigkeit, sie mitzuteilen.

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#358 – Wir «Alten» gegen das Vergessen

Wozu Geschichte?
Auslöser für diesen Blogbeitrag war der Kommentar von Marc Tribelhorn in der NZZ am 29. Februar 2024: «Jugend ohne Geschichte: Vorwärts in die gedächtnisfreie Gesellschaft». Der Autor schreibt darüber, wie immer weniger junge Leute Geschichte studieren. Er sieht die Ursachen dafür in der bildungspolitischen Offensive bei den sogenannten Mint-Fächern. Die Logik des Arbeitsmarkts habe einen Einfluss, also die Forderung nach einer direkten ökonomischen Verwertbarkeit des erlernten Wissens, weshalb eher Medizin, Wirtschaft, Recht oder Informatik studiert würden. Für mich war es schon immer wichtig, Entwicklungen, wie beispielsweise die Anwendungen von KI künstlicher Intelligenz, in den geschichtlichen Kontext einer Gesellschaft einzuordnen. «Fortschritt» entsteht mehrheitlich durch iterative Weiterentwicklung bestehender Technologien. Wir «Alten» haben in unserem Leben vieles mitgestaltet und kennen die Geschichte aus Erfahrung, unser Vorsprung gegenüber den «Jungen». Oder wie es der Philosoph Ludwig Hasler (80) ausdrückt: «Das ist Erfahrung, und Erfahrung kann man nicht abkürzen. Es gibt keinen Bachelor in Erfahrung. Erfahrung ist realitätsgesättigtes Wissen.» Die Kulturpessimisten finden, dass die jungen Leute von heute immer weniger wissen, was nicht unbedingt mit dem neuen «kompetenzorientierten» Unterricht zu tun hat, denn auch dort braucht es Faktenwissen, schreibt Marc Tribelhorn. Deshalb liegt es an uns «Alten», diese «Wissenslücken» mit unserer Kompetenz, (Lebens-)Erfahrung und Reife schliessen. Unsere Seniorität erhebt den Anspruch unsere Handlungen als Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zu sehen.

Zukunft braucht Herkunft (Odo Marquard, deutscher Philosoph)
Geschichte ist die Schulung von Quellenkritik und Medienkompetenz, gerade angesichts von Fake News, Big Data und künstlicher Intelligenz, von Krieg und Antisemitismus. In ihrem 2024 erschienen Buch «Die sieben Weltwunder der Antike» beschreibt Bettany Hughes in ihrer Schlussfolgerung wie wir alle nach dem Sinn suchen. Für Geschichten mit Handlung. Für Veranstaltungen mit Muster. Wir lieben die Idee der sieben Wunder, weil es eine Gruppierung ist, die der Geschichte Zusammenhalt verleiht. Wunder erfüllen einen wichtigen dreifachen Zweck. Sie wurden teilweise gebaut, um unser Bedürfnis nach wundersamen Geschichten zu stillen – um das Grösste, das Beste, das Höchste, das Seltsamste, das Kühnste zu erleben und darüber zu sprechen. Sie erinnern uns an unseren überwältigenden Wunsch, zusammenzuarbeiten und etwas zu schaffen, das über die Möglichkeiten des Einzelnen hinausgeht. So wie die Zahl Sieben unteilbar ist, jede Sieben der anderen gleich ist und keiner ihrer Faktoren grösser ist als die anderen, so sagt uns jedes der sieben Wunder etwas gleichermassen Wichtiges über die menschliche Reise.

Lange lebe Max Headroom, Geeks and Beats Podcast von 2015

Geschichten schreiben
Daniel Perrin, Direktor des Departements Angewandte Linguistik, ZHAW und Beirat im Verein Edition Unik zum Thema die Geschichten der «Alten»: «Halten wir Sprache fest, können wir die Geschichten greifbar und begreifbar machen, die das Leben schreibt.» Die Edition Unik ist ein unabhängiges Schweizer Kulturprojekt. Ins Leben gerufen 2015 von Martin Heller (1952-2021) im Büro Heller Enterprises in Zürich und seit seinem Tod als Verein organisiert. Die Edition Unik begleitet uns interessierte «Alte» mit einem strukturierten Programm auf dem Weg zum eigenen Buch. Die Bücher werden professionell gestaltet, gedruckt und gebunden.

Max Headroom
Auch hier geht es um den Kampf gegen das Vergessen. Max Headroom ist eine satirische Cyberpunk-Science-Fiction-Fernsehserie, wo 1984 seine Figur als Ansager für Musikvideos des britischen Channel 4 fungierte. Produziert wurde die Serie von Lorimar Productions und spielt in einer futuristischen Dystopie, die von einer Oligarchie von Fernsehnetzwerken beherrscht wird, und beinhaltet eine digitale Medienpersönlichkeit, die von Matt Frewer dargestellte Figur «Max Headroom», welche der Hacker Bryce Lynch aus den Hirnströmen des im Koma liegenden Reporters Edison Carter generierte. Der Name erklärt sich daraus, dass Carter bei seinem Motorradunfall mit dem Kopf gegen eine Schranke mit der Aufschrift MAX. HEADROOM (englisch für lichte Höhe oder max. Durchfahrtshöhe) geprallt ist, und dieser Schriftzug das letzte war, was er sah, bevor er ins Koma fiel.

Max Headroom Animation GIF – Find & Share on GIPHY, 2015

Wir bringen Sand zum Denken
Ganz neue Möglichkeiten mit dem Umgang von Geschichte eröffnet die KI künstliche Intelligenz. Das gesamte Wissen der Welt lässt sich innert Sekunden nach unserem Gusto durchsuchen und gemäss unseren parametrisierten Wünschen abbilden. Der historische Materialismus der digitalen Sozialingenieure im Silicon Valley nimmt mystische Züge an, findet Adrian Lobe im Feuilletonbeitrag der NZZ vom 29. Februar 2024. Unter dem Titel: «Tech-Priester im Silicon Valley wollen nicht Gott sein, sie wollen Gott schaffen – und dann den perfekten Menschen». Während in den KI-Schmieden an neuen Sprachmodellen gewerkelt wird, läuft im Hintergrund ein Wettrennen um die nächste Entwicklungsstufe: Artificial General Intelligence (AGI). Eine Superintelligenz, die alles kann, was das menschliche Gehirn zu leisten vermag, wäre gewissermassen die Krone der Schöpfung, schreibt Lobe. Im «Techno-Optimist Manifesto», welches der Investor Marc Andreessen vor wenigen Monaten publiziert hat, bemerkt dieser: «Wir glauben, dass künstliche Intelligenz unsere Alchemie ist, unser Stein der Weisen – wir bringen buchstäblich Sand zum Denken.» Gemeint sind Computerchips, deren Basis Sand beziehungsweise Quarz ist und die KI-Systeme am Laufen halten. Google und Co. sind einst angetreten, das Wissen der Welt zur Verfügung zu stellen. Und jetzt kommt ein einflussreicher Investor, der Steine zum Denken bringen will? Das wirkt wie die Karikatur des Projekts der digitalen Moderne.

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