Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#468 – Wir «Alten» müssen mit KI fusionieren

Künstliche Intelligenz im Alltag
Mein neuer Laptop, der sich per Fingerabdruck entriegeln lässt. Das Smartphone, das beim Bezahlvorgang mein Gesicht erkennt. Die Smartwatch die mir den Weg zu meiner Verabredung vorliest oder einen Telefonanruf haptisch ankündigt, den ich dann über mein Hörgerät entgegennehme. Ich zähle diese Unterstützungen im Alltag salopp zum Fortschritt der künstlicher Intelligenz KI. Millionen kluger Köpfe arbeiten weltweit daran, mich zu vereinnahmen. Wir «Alten», die in einer analogen Welt sozialisiert wurden, tun uns seit 50 Jahren schwer im Umgang mit der Digitalisierung. Für viele ist die aktuelle KI-Disruption eine weitere Blackbox, die Ängste schürt und zu utopischen Vorstellungen animiert. Bei nüchterner Betrachtung bietet die Technologie jedoch ungeahnte Möglichkeiten zur Vereinfachung unseres Lebens.

Marisol (María Sol Escobar, 1930–2016), venezolanisch-amerikanische Künstlerin: Selbstporträt, 1961–62. Retrospektive im Kunsthaus Zürich, 2026. Bild: © Nachlass von Marisol / Artists Rights Society (ARS), New York. Nathan Keay, © MCA Chicago

Die Maschinenstürmer des 21. Jahrhunderts
Im Beitrag von Alain Zucker, in der NZZ am Sonntag, vom 24. Mai 2026 mit dem Titel «Das Zerschlagen der Maschinen fühlt sich zunehmend logisch an»: Künstliche Intelligenz bringt die Maschinenstürmer zurück, beschreibt dieser wie ausgerechnet in den USA die Wut gegen KI eskaliert. Menschen sabotieren Roboter, blockieren Datenzentren und buhen Tech-Milliardäre aus: Der Widerstand gegen die künstliche Intelligenz nimmt zu – bis in die Schweiz. Drohen gewaltsame Aufstände wie zur Zeit der industriellen Revolution? Umso paradoxer wirkt es, dass es die Chefs der KI-Firmen selber sind, die mit apokalyptischen Prognosen zur Arbeitslosigkeit die heute grassierenden Ängste und das technologiefeindliche Klima befeuern. Gleichzeitig drücken sie aufs Gas und wehren sich gegen jede Regulierung. «Ihre Warnungen sind jedoch scheinheilig, sie wollen sich absichern, falls etwas schiefgeht», sagt Bruno Giussani (62), langjähriger Kurator bei der globalen TED-Konferenz, der die Dinge dramatischer sieht als der Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth (58) vom UBS Center for Economics an der Universität Zürich, und kritischen Widerstand für Pflicht hält. «Im Moment erscheint es unmöglich, die Entwicklungen zu verlangsamen; aber es würde uns die Zeit geben, zu verstehen, wie KI wirklich funktioniert und wie wir uns anpassen können, ohne die Kontrolle zu verlieren.»

Warum wir über KI nachdenken müssen
D. Scott Phoenix (43), der amerikanische Unternehmer und ehemalige Mitgründer und CEO von Vicarious, einem KI-Forschungsunternehmen, das von Elon Musk, Mark Zuckerberg und anderen finanziert wurde, sprach im TED2026Talk vom April 2026 (11:55) über die bevorstehende Verschmelzung von Mensch und Maschine. Er beleuchtet die Debatte über künstliche Intelligenz KI aus evolutionsbiologischer Perspektive und verschiebt die Frage von der Angst vor, oder der Akzeptanz von KI hin zur Frage, ob wir die Konsequenzen eines Fehlverhaltens verstehen. Angesichts der rasanten Veränderungen unserer Gesellschaft und der Weltordnung durch KI fühlen wir uns etwas orientierungslos. Aktuell befindet sich die KI auf der anderen Seite unseres Bildschirms, beantwortet freundlich unsere Fragen. Klappen wir den Laptop zu, ist sie verschwunden. Doch während unser Laptop geschlossen bleibt, verbessert die KI unsere Handlungen stetig. Je länger wir getrennt bleiben, bleibt die KI nicht mehr unser Werkzeug. Sie ersetzt uns, indem sie jede Woche intelligenter, schneller und kostengünstiger wird.

Die gute Nachricht
Eine Fusionierung von Mensch und Maschine ist nichts, was wir erst beschliessen müssen. Wir stellen einfach fest, dass wir schon mittendrin sind. Wann haben wir aufgehört, uns Telefonnummern zu merken? Es gab keinen bestimmten Moment, in dem wir beschlossen haben, diese zu vergessen. Sie wanderten einfach von unserem Kopf in die Tasche. Der Kalender folgte wahrscheinlich als Nächstes. Dann die kleinen Entscheidungen, die wir früher selbst treffen mussten. Das Werkzeug ist darin grossartig, also haben wir es einfach machen lassen. Und während etwas aus unserem Kopf verschwand, trat etwas Besseres an seine Stelle. Wir hörten auf, unsere Rechtschreibung zu überprüfen, und fingen an zu schreiben. Wir hörten auf, uns den Weg zu merken, und fingen an, darüber nachzudenken, was wir sagen würden, wenn wir ankommen.

MARISOL (María Sol Escobar, 1930–2016) Retrospektive im Kunsthaus Zürich, 2026. Foto: WKR

Die Werkzeuge werden mit uns fusioniert
Wir beobachten, wie wir diese Werkzeuge immer näher zu uns heranholen. Der Grossrechner stand in einem ganz anderen Gebäude. Heute stellen wir das Notebook auf unseren Tisch, das Smartphone verschwindet in der Tasche, die Smartwatch ans Handgelenk, die Datenbrille aufs Gesicht. Jeder Schritt näher an unseren Verstand, näher an die Geschwindigkeit unserer Gedanken. Und selbst diese Grenze verschwimmt allmählich. Vielleicht ist uns nicht bewusst, wie die Technologie, die wir alle täglich nutzen, lernt, unsere Gedanken zu lesen. Das Gesichtserkennungs-system, mit dem wir unser Smartphone entsperren, wird nun in Kopfhörer und Brillen integriert, wo es mikroskopisch kleine Muskelbewegungen direkt unter unserer Haut erkennen kann – Bewegungen, die für das menschliche Auge unsichtbar sind. Das System, das uns zuerst erkannt hat, beginnt nun, in unser Inneres zu sehen.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch | Mail: werner@kompetenz60plus.ch |
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: kompetenz60plus
X: wernerkruegger | Instagram: wernerkruegger

Blog, Industrie 4.0

#232 – Glauben statt Wissen

Handwerk zur Digitalisierung
Wir «Alten» besitzen aus unserer Erfahrung, das Wissen über die Mechanik. Mit Interesse verfolgen wir analoge Vorgänge und sind begeistert wenn es raucht, stinkt und kracht. Viel Lärm gilt als Zeichen harter Arbeit und wird vom Umfeld entsprechend wahrgenommen. Ganz anders verhält es sich beim Zugang zur digitalen Welt, die für viele, auch mangels Interesse, eine mysteriöse Blackbox bleibt und trotz ähnlicher Prinzipien unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Stunden verbrachte ich in der Werkstatt meines Vaters, wo ich lernte, welches Werkzeug für welches Material und dessen Bearbeitung geeignet ist. Materialien und Werkzeuge haben sich zwischenzeitlich verändert und Handwerk wird immer mehr durch digitalisierte Prozesse ersetzt. Jüngeren Generationen fehlt demzufolge der Bezug zur «analogen» Praxis. Kulturen werden vermischt, Algorithmen beschreiben alternative Lösungsansätze, die Erfahrung beschränkt sich oft auf die Nutzung digitaler Anwendungen. Doch mit Hilfe des technologischen Wissens und der Begeisterung von «jungen Wilden», arbeiten gemischte Teams zusammen mit «Alten», erfolgreich am Brückenschlag zwischen dem analogen und dem digitalen Handwerk.

Selbstbildnis «Man with a Feather», 1943, Lucian Michael Freud (1922-2011)

Glaube als die Ohnmacht des Wissens
Dazu müssen auch wir «Alten» uns aktiv mit den neuen Technologien befassen, versuchen im Fachjargon zu kommunizieren. Ansonsten vertrauen wir in unserem Alltag blind den technischen Geräten, ohne deren Funktionieren zu verstehen: im Flugzeug, im Auto, im Operationssaal. Wir vertrauen den Technologien, weil wir sie nicht kontrollieren können; aber wir vertrauen ihnen auch, weil sie unser Leben erleichtern und bisweilen auch retten. In seinem Gastkommentar in der NZZ vom 2. August 2021, beschreibt Manfred Schneider (77), emeritierter Professor für deutsche Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, wie wir uns zusehends in eine selbstverschuldete Unmündigkeit begeben. In Anlehnung an die Zeit der Aufklärung im Mittelalter, stellt er fest, wie sich heute die Epoche der «Entzauberung», im Zeichen der KI künstlichen Intelligenz, wieder zu schliessen beginnt. Wo dem Wissen die Zugänge versperrt sind, bleibt nur das Glauben. Wir benötigten eigentlich täglich neue Aufklärung über das, was die KI in der Blackbox-Tiefe der Hochleistungsrechner vollbringt, sinniert er. Denn das Wissen über die ungeheure und stets wachsende Menge von Big Data, die im sogenannten Deep Learning der KI verarbeitet wird, verwalten nur noch Spezialisten. Er beschreibt den Glauben als die Ohnmacht des Wissens. In seiner positiven Spielart heisst das Glauben Vertrauen. Die von Algorithmen gesteuerte Hypermoderne beginnt auf diese Weise jenem Mittelalter ähnlich zu werden, das man das «dunkle Zeitalter» nannte. Vor den neuen Wundern der künstlichen Intelligenz stehen wir mit der gleichen frommen Ergebenheit wie der mittelalterliche Mensch vor Gottes unbegreiflicher Schöpfung.

Blackbox der beraubten Freiheit
Schneider beschreibt, wie wir fasziniert vor den Leistungen dieser hypermodernen Blackbox der künstlichen Intelligenz stehen, bezaubert und ratlos, vor allem jedoch im Gefühl der Unausweichlichkeit. Wir müssen uns auf diese hochkomplexen Berechnungen verlassen: Börsenkurse, Märkte, Wetter, Krankheitsdiagnosen, Navigationssysteme, Spracherkennung – das Leben stützt sich auf immer mehr Automaten und Applikationen. Längst sind unsere eigenen Computer oder Mobiltelefone Blackboxes. Ihr Funktionieren ist für uns eher rätselhaft, oft unerwünscht, auf jeden Fall wenig zugänglich, wir wissen nicht, was mit den Daten geschieht, die unsere elektronischen Geräte liefern. Erst recht wissen wir nicht, was in Zukunft daraus wird. Er konstatiert, wie rasant die technisch hervorgebrachten Zonen des Unbeobachtbaren in den sogenannten Darknets oder im Cyberspace wachsen und klärt auf, wie das griechische Wort für das Unbeobachtbare und Verborgene «kryptos» lautet. Dieses Dunkel-Wort läuft in vielen Varianten durch die Jargons des Digitalen, man denke an Kryptografie, an Kryptowährungen und nicht zuletzt an den Kryptokrieg um den Zugang zu verschlüsselten Daten, der zwischen Geheimdiensten und Internetanbietern tobt. Der Maschinenpark der Entlastungen, der durch die KI ständig wächst, beschert uns Bequemlichkeit, aber raubt uns Freiheit. Die Erzählung vom Wohl der «algorithmischen Systeme» unterschlägt, dass wir mit dem Verzicht auf Autonomie, auf kritische Überprüfung und auf Wissen die grossen, wichtigen, mühsam errungenen Freiheiten der Aufklärung dahingeben.

«kompetenz60plus.ch»
Mit unserer Erfahrung und Engagement aus der analogen Welt sind wir «Alten» gerüstet, im Team zusammen mit dem digitalen Wissen der «jungen Wilden», Prioritäten und Ideen mit Engagement und auf Augenhöhe in Ergebnisse umzusetzen. «kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch I Mail: werner@kompetenz60plus.ch I
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: wernerkruegger