Blog, Industrie 4.0

#232 – Glauben statt Wissen

Handwerk zur Digitalisierung
Wir «Alten» besitzen aus unserer Erfahrung, das Wissen über die Mechanik. Mit Interesse verfolgen wir analoge Vorgänge und sind begeistert wenn es raucht, stinkt und kracht. Viel Lärm gilt als Zeichen harter Arbeit und wird vom Umfeld entsprechend wahrgenommen. Ganz anders verhält es sich beim Zugang zur digitalen Welt, die für viele, auch mangels Interesse, eine mysteriöse Blackbox bleibt und trotz ähnlicher Prinzipien unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Stunden verbrachte ich in der Werkstatt meines Vaters, wo ich lernte, welches Werkzeug für welches Material und dessen Bearbeitung geeignet ist. Materialien und Werkzeuge haben sich zwischenzeitlich verändert und Handwerk wird immer mehr durch digitalisierte Prozesse ersetzt. Jüngeren Generationen fehlt demzufolge der Bezug zur «analogen» Praxis. Kulturen werden vermischt, Algorithmen beschreiben alternative Lösungsansätze, die Erfahrung beschränkt sich oft auf die Nutzung digitaler Anwendungen. Doch mit Hilfe des technologischen Wissens und der Begeisterung von «jungen Wilden», arbeiten gemischte Teams zusammen mit «Alten», erfolgreich am Brückenschlag zwischen dem analogen und dem digitalen Handwerk.

Selbstbildnis «Man with a Feather», 1943, Lucian Michael Freud (1922-2011)

Glaube als die Ohnmacht des Wissens
Dazu müssen auch wir «Alten» uns aktiv mit den neuen Technologien befassen, versuchen im Fachjargon zu kommunizieren. Ansonsten vertrauen wir in unserem Alltag blind den technischen Geräten, ohne deren Funktionieren zu verstehen: im Flugzeug, im Auto, im Operationssaal. Wir vertrauen den Technologien, weil wir sie nicht kontrollieren können; aber wir vertrauen ihnen auch, weil sie unser Leben erleichtern und bisweilen auch retten. In seinem Gastkommentar in der NZZ vom 2. August 2021, beschreibt Manfred Schneider (77), emeritierter Professor für deutsche Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, wie wir uns zusehends in eine selbstverschuldete Unmündigkeit begeben. In Anlehnung an die Zeit der Aufklärung im Mittelalter, stellt er fest, wie sich heute die Epoche der «Entzauberung», im Zeichen der KI künstlichen Intelligenz, wieder zu schliessen beginnt. Wo dem Wissen die Zugänge versperrt sind, bleibt nur das Glauben. Wir benötigten eigentlich täglich neue Aufklärung über das, was die KI in der Blackbox-Tiefe der Hochleistungsrechner vollbringt, sinniert er. Denn das Wissen über die ungeheure und stets wachsende Menge von Big Data, die im sogenannten Deep Learning der KI verarbeitet wird, verwalten nur noch Spezialisten. Er beschreibt den Glauben als die Ohnmacht des Wissens. In seiner positiven Spielart heisst das Glauben Vertrauen. Die von Algorithmen gesteuerte Hypermoderne beginnt auf diese Weise jenem Mittelalter ähnlich zu werden, das man das «dunkle Zeitalter» nannte. Vor den neuen Wundern der künstlichen Intelligenz stehen wir mit der gleichen frommen Ergebenheit wie der mittelalterliche Mensch vor Gottes unbegreiflicher Schöpfung.

Blackbox der beraubten Freiheit
Schneider beschreibt, wie wir fasziniert vor den Leistungen dieser hypermodernen Blackbox der künstlichen Intelligenz stehen, bezaubert und ratlos, vor allem jedoch im Gefühl der Unausweichlichkeit. Wir müssen uns auf diese hochkomplexen Berechnungen verlassen: Börsenkurse, Märkte, Wetter, Krankheitsdiagnosen, Navigationssysteme, Spracherkennung – das Leben stützt sich auf immer mehr Automaten und Applikationen. Längst sind unsere eigenen Computer oder Mobiltelefone Blackboxes. Ihr Funktionieren ist für uns eher rätselhaft, oft unerwünscht, auf jeden Fall wenig zugänglich, wir wissen nicht, was mit den Daten geschieht, die unsere elektronischen Geräte liefern. Erst recht wissen wir nicht, was in Zukunft daraus wird. Er konstatiert, wie rasant die technisch hervorgebrachten Zonen des Unbeobachtbaren in den sogenannten Darknets oder im Cyberspace wachsen und klärt auf, wie das griechische Wort für das Unbeobachtbare und Verborgene «kryptos» lautet. Dieses Dunkel-Wort läuft in vielen Varianten durch die Jargons des Digitalen, man denke an Kryptografie, an Kryptowährungen und nicht zuletzt an den Kryptokrieg um den Zugang zu verschlüsselten Daten, der zwischen Geheimdiensten und Internetanbietern tobt. Der Maschinenpark der Entlastungen, der durch die KI ständig wächst, beschert uns Bequemlichkeit, aber raubt uns Freiheit. Die Erzählung vom Wohl der «algorithmischen Systeme» unterschlägt, dass wir mit dem Verzicht auf Autonomie, auf kritische Überprüfung und auf Wissen die grossen, wichtigen, mühsam errungenen Freiheiten der Aufklärung dahingeben.

«kompetenz60plus.ch»
Mit unserer Erfahrung und Engagement aus der analogen Welt sind wir «Alten» gerüstet, im Team zusammen mit dem digitalen Wissen der «jungen Wilden», Prioritäten und Ideen mit Engagement und auf Augenhöhe in Ergebnisse umzusetzen. «kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch I Mail: werner@kompetenz60plus.ch I
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: wernerkruegger

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