Blog, Industrie 4.0

#433 – Handwerk, Lehre, Bildung: Wir «Alten»

Ein Volk von Bürolisten
Unter dem Titel: «Die Schweiz braucht nicht nur Akademiker, sondern auch Handwerker und diese verdienen mehr Anerkennung» beleuchtet Dominik Feldges (54), in der NZZ vom 8. Juli 2025 einige Gründe für den Mangel an Handwerkern in der Schweiz. Zur Zeit der Hochkonjunktur Ende der 1960er Jahre, arbeitete noch rund ein Viertel der hiesigen Beschäftigten in einem Handwerksberuf. 2000 waren es knapp 15 Prozent. Mittlerweile ist der Anteil der Handwerker unter den Berufstätigen auf unter 10 Prozent gefallen. Ein grosser Teil des Rückgangs ist mit strukturellen Veränderungen der Wirtschaft zu erklären. Diese hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark in Richtung einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft gewandelt. Auch die starke Automatisierung in der Industrie ist mitverantwortlich dafür, dass heutige Fabriken weniger Logistiker oder Mechaniker beschäftigen.

«Handwerker» mit Hochschulabschluss
Wer heute noch in einer Fabrik arbeitet, hat sich nach der Berufslehre oft zum Techniker weiterbilden lassen oder besitzt gar einen Hochschulabschluss. Ohne solche zusätzlichen Qualifikationen wären Beschäftigte gar nicht in der Lage, die Roboter und anderen Anlagen in hochautomatisierten Schweizer Produktionsstätten zu beaufsichtigen, geschweige denn ihren Einsatz zu planen. Knapp die Hälfte der Erwerbsbevölkerung verfügt heute über einen tertiären Abschluss. Wenig überraschend bilden mit einem Anteil von fast 27 Prozent intellektuelle und wissenschaftliche Berufe mittlerweile die grösste Gruppe unter den Erwerbstätigen.

Aufwertung des Handwerks dank künstlicher Intelligenz KI
Wer als Lehrbetrieb schon Schüler:innen einhämmert, dass die Lehre nur ein Anfang ist, muss sich nicht wundern, wenn er seine besten Absolvent:innen rasch an weiterführende Schulen verliert. Dabei würden erfahrene Handwerker nicht nur die Qualität und die Innovationsfähigkeit eines Betriebs steigern helfen. Sie sind auch am besten geeignet, um junge Mitarbeitende anzuleiten und sie täglich für ihre Tätigkeit zu begeistern. Um Handwerker:innen länger in einem Betrieb zu halten, müssen Unternehmen aber für eine wertschätzende Kultur sorgen. In der zunehmend partizipativen Arbeitswelt kommt es schlecht an, wenn sich Chefs als allwissend aufspielen und Lernende oder Angestellte nicht mit dem nötigen Respekt behandeln. Vor allem in kleineren Handwerks- und Industriebetrieben kommt solches noch allzu häufig vor. Das Problem liegt meist daran, dass Kaderangestellte in Führungsfragen zu wenig geschult sind. Eine unerwartete Aufwertung könnten handwerkliche Berufe im Zuge des rasanten technologischen Wandels erfahren. Wer sich um sanitäre Anlagen kümmert, Böden verlegt oder in der Backstube steht, muss auf absehbare Zeit kaum damit rechnen, seinen Job wegen des zunehmenden Einsatzes künstlicher Intelligenz zu verlieren. Bei Büroangestellten, auch solchen mit akademischem Abschluss, sind die Unsicherheiten diesbezüglich viel grösser.

Leonardo da Vinci (1452-1519) und sein Verhälnis zu seinen Studenten und Lehrlingen

Der Anspruch auf eine sinnstiftende Arbeit
Unter dem Titel «Fitnessabo, bessere Löhne und mehr Ferien: So wollen Betriebe die Berufslehre retten» schreiben Jan Bolliger und Fabienne Riklin im Tagesanzeiger vom 22. Juni 2025 über das duale Bildungssystem als «Erfolgsmodell» in der Krise. Betriebe beklagen zunehmend Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Lehrstellen und Fachmittelschulen verzeichnen steigende Beliebtheit gegenüber der klassischen Berufslehre. Mehr als jede vierte Lehre wurde 2023 abgebrochen – ein neuer Rekord. Lehrmeister:innen klagen über verweichlichten Nachwuchs mit überrissenen Ansprüchen. Derweil geben 60 Prozent der Lernenden an, psychische Probleme zu haben, und die Gewerkschaften fordern in einem offenen Brief acht Wochen Ferien für alle Lehrlinge. Firmeninhaber:innen von KMUs haben Mühe, junge Leute für eine Lehrstelle zu begeistern. Doch wie schlecht steht es um die Generation Z? Ist sie tatsächlich so verweichlicht und hat keine Disziplin mehr? Dr. Thomas Bolli, Dozent an der ZHAW in Zürich, sagt: «Lernende schneiden beim Durchhaltewillen besser ab als Gymnasiasten.» Das zeige der nationale Bildungsbericht. Und dass Jugendliche eher eine Lehre abbrechen, als diese um jeden Preis zu Ende zu bringen, wertet der Bildungsforscher auch positiv. «Vor allem, wenn Jugendliche in einen Beruf oder eine Firma wechseln, die besser passen.»

Wir «Alten sind stehen in der Verantwortung
Zwar entscheiden sich noch immer 66 Prozent der Schulabgängerinnen nach der 9. Klasse für eine Lehre, doch der Anteil sinkt. Viele Lehren werden immer akademischer, verlangen zum Beispiel zunehmend Computerkenntnisse. Gerade für Jugendliche, die lieber mit den Händen arbeiten, würde die Lehre so einen Teil ihrer DNA und einen ihrer grössten Vorteile verlieren. Auch Branchen mit Abend- und Wochenendschichten und tiefen Löhnen kämpften jedes Jahr damit, alle Ausbildungsplätze zu besetzen. «Die Arbeitsbedingungen der Lernenden sind in manchen Unternehmen sehr hart. Wehren können sie sich oft nicht.» Die Jugendlichen beschäftige das stark, sagt Urban Hodel vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Besonders die vom Lehrlingsmangel betroffenen Branchen stehen unter Druck, etwas zu verändern. Anstelle von mehr Ferien oder gratis Fitnessabo um die Lehre wieder attraktiver zu machen, muss bessere Kommunikation im Fokus stehen. Wir «Alten» haben die Möglichkeit, unsere wertvolle Erfahrung an die nächste Generation weiter zu geben. Man muss sich Zeit nehmen für die Jungen und sie nicht einfach nur als billige Arbeitskraft behandeln. Gerade der Generation Z ist es wichtig, dass ihre Arbeit einen Sinn hat und sie diesen auch kennt. Und nicht zuletzt ist für die meisten 15-jährigen der Zeitpunkt für eine Berufsentscheidung noch viel zu früh, weshalb sich viele Junge für das Gymnasium entscheiden, um mehr Zeit zum Überlegen zu haben.

Leonardo da Vinci (1452-1519) als Lehrling, 14. Jahrhundert im Studio des Lehrmeisters Andrea del Verrocchio (Andrea di Michele di Francesco de‘ Cioni) in Florenz, Italien.

Viele Junge haben wenig Biss
«Heute erleben Kinder sehr viel Zuneigung, aber sie werden dauerkontrolliert», findet Margrit Stamm (75), Erziehungswissenschafterin, im Interview mit Samuel Tanner NZZ vom 12. August 2025, über die Lektionen ihres Lebens. In Studien zur Berufsbildung sehen wir, dass es nicht unbedingt die Gescheitesten an die Spitze schaffen, sondern jene, die sich durchbeissen können. Ihre Kritik am Bildungssystem ist: Wir betonen viel zu sehr Noten und Zertifikate – und zu wenig das, worauf es ankommt, überfachliche Kompetenzen. Am wichtigsten im Leben ist es, eine Leidenschaft zu finden und dieser nachzugehen. Margrit Stamm ist froh, eine Spätzünderin zu sein. So hatte sie länger Zeit, ihre Leidenschaft zu finden. Genauso wichtig ist das Scheitern. Sie ist vier Mal gescheitert in ihrem Leben und ist überzeugt, dass das Scheitern in der Schule zu wenig wertgeschätzt wird. Man darf nicht immer das Endziel anschauen, man muss einen Fuss nach dem nächsten setzen. Und plötzlich sieht man, dass Spuren hinter einem liegen. Alles andere ist eine Überforderung. Mit 75 arbeitet sie weiter, weil es sie glücklich macht und es ihr dabei nicht langweilig wird.

Gestalten wir die Zukunft mit KI
Aus dem BCG Boston Consulting Group Newsletter vom 12. August 2025: Die Möglichkeiten für den Einsatz von KI scheinen bereits heute grenzenlos. Stellen wir uns vor, wie der Einsatz von KI zur Gestaltung von morgen aussehen wird. Deshalb müssen Unternehmensleiter zu «Vordenkern» werden, welche die Breite und Tiefe des transformativen Potenzials von KI begreifen. Sie müssen bereit und in der Lage sein, ein Unternehmen der Zukunft zu erschaffen, das es heute noch gar nicht gibt. Kompetente «Alte» mit ihrem grossen Erfahrungsschatz dienen dabei als Sparringspartner. Ein Weg in eine KI-gesteuerte Zukunft besteht darin, bestehende Strukturen wie Arbeitsabläufe neu zu gestalten. Dabei sollten Teammitglieder grösser Denken, über inkrementelle Verbesserungen hinausdenken und ganze Prozesse neu konzipieren, disruptives Denken einführen und neue Modelle erforschen. Die Auseinandersetzung mit der Frage, was geschieht wenn wir alle traditionellen Engpässe beseitigen, eröffnet einen zweiten Ansatz, bei dem Teams den neuen Mehrwert erkunden, den ein Unternehmen auf den Markt bringen könnte.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch | Mail: werner@kompetenz60plus.ch |
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: kompetenz60plus
X: wernerkruegger | Instagram: wernerkruegger

Blog, Industrie 4.0

#393 – «Alte» treffen auf die Generation Z

Wohlstand
Trotz geopolitischer und wirtschaftlicher Veränderungen bestehen in der Schweiz nach wie vor paradiesische Zustände auf dem Arbeitsmarkt. Unser Reichtum und die freie Wahl lässt uns beinahe vergessen, wie sich eine grosse Anzahl von Menschen, täglich Sorgen über die Zukunft machen müssen. Wir «Alten» sind zu grossen Teilen für diese Situation verantwortlich, haben wir nach dem zweiten Weltkrieg doch massgeblich zum «bürgerlichen» Geschäftsmodell beigetragen. Durch unseren Einsatz, Innovationskraft, Zukunftsglaube und günstige Rahmenbedingungen sind wir Teil eines Systems geworden, um das uns viele beneiden. Als Folge der gegenwärtigen Digitalisierung, dem Einfluss künstlicher Intelligenz und dem gestiegenen Umweltbewusstsein, zeichnet sich auch bei uns ein Trend zur Deindustrialisierung ab. Bildung und Berufslehre erhalten einen neuen Stellenwert. Trotzdem waren die Möglichkeiten sich selbst zu verwirklichen noch nie so gross wie heute. Im Bericht auf KMU_today vom 24. Oktober 2024, wechselte gemäss Auswertung des Bundesamts für Statistik zum Geschäftsjahr 2023 jede siebte Person ihre Arbeitsstelle. Bei den Erwerbstätigen zwischen 15 und 24 Jahren war es nahezu jede vierte Person. Über 38% von ihnen erhielten in der neuen Funktion mindestens 10 Prozent mehr Lohn und 34,5 Prozent orientierten sich beruflich neu.

Wie es dazu kam
Andreas Rödder (57), Professor für neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, schrieb in der NZZ Pro vom 29. Oktober 2024 unter dem Titel «Die drei zentralen Herausforderungen der Gegenwart bedrohen die bürgerliche Gesellschaft. Was sie jetzt tun müsste» in seinem Beitrag, wie die liberale Ordnung des Westens von innen wie von aussen bedrängt wird. Die bürgerliche Gesellschaft war ein historischer Game-Changer. Im Kern: Nicht mehr Geburt und Stand, keine vorgegebene Hierarchie sollte über die Position der Einzelnen in der Gesellschaft entscheiden, sondern individuelle Qualifikation, Bildung, Leistung und der freie Wille. Dass die Einzelnen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen konnten, statt es in Empfang zu nehmen, setzte eine nie gekannte Dynamik und soziale Mobilität in Gang. Die Konsequenz waren gesellschaftliche Auseinandersetzungen und schliesslich die Emanzipation von Sklaven, Arbeitern, Frauen, Homosexuellen. Die bürgerliche Gesellschaft und die liberale Demokratie waren fähig zur Selbstkorrektur – wie es autoritäre oder totalitäre, autokratische Systeme nicht sind. Dynamik und Mobilität also ist die erste, Selbstkritik und Selbstkorrektur die zweite Charaktereigenschaft des bürgerlichen Gesellschaftsmodells.

Gen Z and Technology Lifestyle Art | Premium AI-generated vector 2024

Small talk, leichte beiläufige Konversation
«Was machst du beruflich? – Unterlassen Sie diese Frage besser. Sie könnte Ihr Gegenüber verletzen». Unter diesem Titel schrieb Birgit Schmid (50), Journalistin und Autorin, in der NZZ vom 7. Januar 2024 über die Generation Z, geboren seit dem Jahr 2000, welche in der Arbeit weniger Sinnerfüllung sieht. Neben der Frage nach der Herkunft und dem Alter ist deshalb auch jene nach dem Beruf tabu. Die Frage könnte das Gegenüber verletzen, indem sie es auf seinen Beruf reduziert. Ein Mensch, wird man belehrt, sei viel mehr als sein Beruf. Wer da in einem Vollzeitjob Sinnerfüllung findet, blamiert sich. Smalltalk wird damit zum Hindernislauf. Tatsächlich raten Business-Coachs, statt nach dem Job nach den Hobbys einer fremden Person zu fragen, um diese «wirklich» kennenzulernen. So stelle man eine gute Work-Life-Balance an erste Stelle bei sich und bei den anderen. Man beweist also Sensibilität, wenn man sein Gegenüber nach dem letzten Reiseziel oder dem Lieblingsessen fragt. Man bietet damit eine «sichere Umgebung». Denn das Gegenüber könnte im Job unglücklich sein, oder sich darüber schämen. Oder ist arbeitslos. Dabei wird verkannt, dass man sich immer ein Bild seines Gegenübers macht allein durch den äusseren Eindruck. Was jemand beruflich macht, bestimmt mit, wer er oder sie ist. Arbeit und Leben sind miteinander verschränkt.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch | Mail: werner@kompetenz60plus.ch |
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: kompetenz60plus
X: wernerkruegger | Instagram: wernerkruegger

Blog, Industrie 4.0

#179 – Arbeit und Lohn

Was nichts kostet ist nichts wert?
In der Schweiz wären ältere Mitmenschen durchaus in der Lage, eine gute Gesundheit vorausgesetzt, auch ausserhalb ihres angestammten «Berufs» weiterhin tätig zu sein, zum Beispiel als Sparringspartner im Team mit Jüngeren. Nicht das biologische Alter, Standesdünkel oder bei finanzieller Unabhängigkeit die Honorierung, sollen den Entscheid beeinflussen. Wichtig ist vielmehr der Wille sich weiterzubilden und seine Offenheit für Neues. Wie das geht, lesen Sie im Beitrag des Tages-Anzeigers vom 13. Juli 2020: Überalterung in Asien – In Japan müssen die Rentner ran. Seniorinnen und Senioren sind dort gefragte Arbeitskräfte, denn in Zeiten des Fachkräftemangels braucht es jeden Kopf und jede Hand. Die Erfahrung mit der Plattform «kompetenz60plus» zeigt jedoch, wie wir «Alten» in der Schweiz den Job mehrheitlich noch mit einem Diplom oder einem erlernten Beruf mit entsprechender Entlöhnung gleichsetzen. Obwohl der eigene Lebenslauf das Abbild einer sich schnell verändernden Vergangenheit darstellt, definieren wir uns vielfach über unseren (einstigen) Status. Klammern wir uns also aus falscher Angst um die eigene Existenz an bewährte Muster und verkennen dabei alternative Beschäftigungen als willkommenen Befreiungsschlag für ein erfülltes Leben im Alter?

Nachdenken über den Wert von Arbeit
Im Interview von Philipp Loser und Christian Zürcher, Tages-Anzeiger vom 23. Juli 2020, mit der Zukunftsforscherin Karin Frick, Geschäftsleitung GDI Gottlieb Duttweiler Institut, mit dem Titel: «Wer wird denn heute noch tatsächlich für seine Arbeit bezahlt?» macht sich Frau Frick Gedanken zum Thema. Schon im Alter von 15 oder 16 Jahren, nach der (viel zu kurzen) Grundschule, müssen sich 80% der hiesigen Teenager bereits für einen möglichst zukunftsträchtigen Beruf entscheiden. Karin Frick fragt sich deshalb: Ist ein Job überhaupt noch die richtige Kategorie? Können wir uns nicht davon befreien, statt uns ewig daran festzuhalten? Viele Jobs machen wir nicht gerne, wir machen sie nur des Geldes wegen. Sie findet: Wir müssen Arbeit und Lohn entkoppeln – dann werden wir alle viel entspannter – und können uns auf Aufgaben konzentrieren, die uns wirklich interessieren.

EINBLICKE: «Holzverbindungen – Ausdruck tektonischer Kultur», Ausstellung bis 11. September 2020 in der Schweizer Baumuster-Centrale Zürich. Bild: WKR

Roboterluxuskapitalismus
Schon heute kann man viele Dinge automatisieren, Routinejobs, die sich relativ einfach in kleinere Schritte zerlegen lassen, weiss Karin Frick. Als junger Mensch sucht man natürlich eine Perspektive; etwas, das man gerne macht und nicht einfach nur zum Geldverdienen. Junge haben höhere Ambitionen, und es gibt sehr viele ungelöste Probleme: Produkte, die ersetzt und neu erfunden werden müssen. Kommt hinzu: Zuerst muss ja jemand all die Roboter bauen. Die Implementation dieser neuen Technik braucht extrem viel Kopfarbeit und Verständnis. Ist das erst einmal geschafft, wird es darum gehen, sich selber eine neue Aufgabe zu suchen. Jede neue Antwort bringt in der Regel auch mindestens zwei neue Fragen hervor. Neue Erkenntnisse über das menschliche Immunsystem eröffnen neue Perspektiven für bessere Behandlungsmöglichkeiten, stellen aber gleichzeitig viele neue Fragen, an die bisher noch niemand gedacht hat. Klar ist: Aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive wird Arbeitskraft als Produktionsfaktor immer unbedeutender und Kapital und Technik/Wissen immer wichtiger.

Kurzarbeit oder Grundeinkommen
Heute ist Arbeit eine Religion, konstatiert Karin Frick. Arbeit gibt Status, Identität. Wenn die Leute ihren Vater beschreiben, dann wird zuerst sein Job genannt. Bei der Mutter heisst es dann, sie sei nur Hausfrau. Das müssen wir brechen. Viele Menschen können sich bestens beschäftigen, auch ohne Erwerbsarbeit. Das gilt für gut ausgebildete Leute in gehobenen Positionen, und das gilt für Menschen, die heute in Routinejobs arbeiten. Wer wird denn heute noch – im Kontext der Kurzarbeit – tatsächlich für seine Arbeit bezahlt? Im Fokus steht das Modell des Grundeinkommens. Im Grunde: Was heisst ein gutes Leben? Was bedeutet Wohlstand, wenn alle Grundbedürfnisse gedeckt sind? Wenn wir uns in der Gesellschaft nicht mehr über den Beruf definieren würden, würden wir vielleicht alle sehr entspannt, ohne den Stress bedingt durch die Vergleichbarkeit. Die Corona-Krise zeigte uns den Weg. Alles, was im Forschungsfeld des GDI zum Teil seit Jahrzehnten Thema ist, wurde plötzlich Realität. Homeoffice, Onlineshopping, Telemedizin. Ganz simple Fragen werden neu gestellt: Warum gehen wir eigentlich ins Büro? Wieso ist das überhaupt nötig? Oft: gar nicht. Dabei wäre die Aufgabe des Staates eigentlich die Entkoppelung von Job und Einkommen institutionell zu begleiten. Im Moment zerfällt vieles, verändert sich, verschiebt sich. Das ist eine grosse Aufgabe – für uns alle sagt Karin Frick.

Kassiererin oder Manager
Es gibt einfach Jobs, die das Ende ihres Lebenszyklus erreicht haben. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man schaut, dass sich ein fairer, anständiger Onlinehandel entwickelt, bei dem auch wieder jene Leute gebraucht werden, die heute an der Kasse arbeiten. Oder man stellt fest, dass gewisse Branchen Heimatschutz verdienen und entsprechend mit Subventionen gestützt werden müssen. Auch der Job der Manager steht auf dem Spiel. Einen Grossteil von ihnen wird es nicht mehr brauchen, denn ein Management-Job besteht im Grundsatz darin, Ressourcen zu verteilen. Das kann eine Maschine viel besser. Gerade bei Managern hängt jedoch sehr viel Identität am Beruf, weil auch die Ausbildung länger dauert, sagt Frick. Wie man mit dieser gefährdeten Spezies umgeht, wird tatsächlich zur Herausforderung. Je mehr Routinearbeiten automatisiert werden, umso weniger Arbeitskräfte müssen gemanagt werden. Eine Flotte von selbstfahrenden Fahrzeugen braucht höchstens einen Flotten-Manager für den Unterhalt.

Die Erfahrung von uns «Alten»
Die Krise zeigt auch, dass ältere Mitmenschen oft viel weniger Mühe haben, sich mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren. Anstatt zu versuchen, unseren «Erfolgen» aus früheren Zeiten nachzutrauern, besinnen wir uns auf Fähigkeiten die uns wirklich Spass machen und packen dort an wo wir gebraucht werden. Unsere Aufgabe ist nicht mehr die Führung einer Unternehmung, sondern das Weitergeben unserer breiten (Lebens-)Erfahrung an eine jüngere Generation. Unabhängig vom angestammten Beruf und losgelöst vom Karrieredenken entdecken wir neue Formen in der Zusammenarbeit im Team auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden» und entdecken neu den Sinn des Lebens.

Kompetente Senioren denken mit
«kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Wir «Alten», Frauen und Männer, im Team auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden», stellen unsere Erfahrung mit Leidenschaft zur Verfügung. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch I Mail: werner@kompetenz60plus.ch I
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: wernerkruegger