Blog, Industrie 4.0

#287 – Fachkräftemangel und Allgemeinbildung

Prämisse
Viele von uns «Alten» möchten nach der Pensionierung nochmals etwas Neues anpacken, auch einen Job ausserhalb des gelernten Berufs, etwas was Freude bereitet. Eine gute Allgemeinbildung, kombiniert mit Erfahrung, Kompetenz, Offenheit und Neugierde sind Voraussetzung beim Verlassen seiner Komfortzone. Gelegenheiten ergeben sich dank dem aktuellen Fachkräftemangel.

Ein Job fürs Leben?
Da stellt sich auch die Frage, weshalb wir im deutschsprachigen Raum einen «Job» fast immer mit einem erlernten Beruf verbinden. Im jungen Alter von 14 Jahren müssen wir uns entscheiden, welche Tätigkeit wir für den Rest unseres Lebens ausüben sollten. Doch um Erfolg zu haben muss nicht alles bis ins letzte Detail (ver-)plant sein, schrieb kürzlich ein Kollege und brachte Hans-Ulrich Gumbrecht (74), deutsch-amerikanischer Romanist, Literaturwissenschaftler, Publizist und Buchautor in die Diskussion. Dieser plädierte 2018 unter dem Titel «Weltgeist im Silicon Valley» für mehr Gelassenheit, dass es für den Erfolg (des Programmierens) wichtig ist, der jeweils gegenwärtigen Intuition zu folgen, noch bevor man sie durchdacht hat, mit anderen Worten: einer strukturellen Nicht-Simultaneität zwischen Intuition und ihrer reflexiven Erfassung zu vertrauen. Obwohl der eigene Lebenslauf das Abbild einer sich schnell verändernden Vergangenheit darstellt, definieren wir uns im Alter allzu oft über unseren (einstigen) Status.

Arbeit und Lohn entkoppeln
Karin Frick, Geschäftsleitung GDI Gottlieb Duttweiler Institut, fragt, ob ein Job überhaupt noch die richtige Kategorie sei. Schon heute kann man viele Dinge automatisieren, Routinejobs, die sich relativ einfach in kleinere Schritte zerlegen lassen. Viele Jobs machen wir nicht gerne, wir machen sie nur des Geldes wegen. Sie findet: Wir müssen Arbeit und Lohn entkoppeln – dann werden wir alle viel entspannter – und können uns auf Aufgaben konzentrieren, die uns wirklich interessieren. Klammern wir uns also nicht aus falscher Angst um die eigene Existenz an bewährte Muster und verkennen dabei alternative Beschäftigungen als willkommenen Befreiungsschlag für ein erfülltes Leben im Alter. Wichtig ist vielmehr noch gebraucht zu werden, mit dem Willen sich weiterzubilden und eine Offenheit für Neues.

Tanztheater CONTRA-TIEMPO Los Angeles, Demonstration Performance 2022, UCLA Royce Hall

Jobs, die das Ende ihres Lebenszyklus erreicht haben
Mit dem Erreichen des «offiziellen» Pensionsalters verschwinden wir «Alten» viel zu oft von der Lohnliste. Dabei wären ältere Menschen durchaus in der Lage, eine gute Gesundheit vorausgesetzt, auch ausserhalb ihres angestammten «Berufs» weiterhin tätig zu sein, zum Beispiel als Sparringspartner im Team mit Jüngeren. Nicht das biologische Alter, Standesdünkel oder bei finanzieller Unabhängigkeit die Honorierung, sollen diesen Entscheid beeinflussen. In Zeiten des Fachkräftemangels braucht es jeden Kopf und jede Hand. Die Erfahrung zeigt jedoch, wie wir «Alten» in der Schweiz den Job mehrheitlich noch mit einem Diplom oder einem erlernten Beruf und entsprechender Entlöhnung gleichsetzen. Wenn die Leute ihren Vater beschreiben, dann wird zuerst sein Job genannt. (Bei der Mutter heisst es dann, sie sei nur Hausfrau.) Wenn wir uns in der Gesellschaft nicht mehr über den Beruf definieren würden, wären wir vielleicht alle mehr entspannt, ohne den Stress bedingt durch die Vergleichbarkeit. Daneben gibt es einfach auch Jobs, die das Ende ihres Lebenszyklus erreicht haben.

Berufsbildung basiert auf Allgemeinbildung
Im Kommentar, NZZ vom 12. September 2022, schreibt Sven Titz angesichts der aktuellen Polarisierung an den Hochschulen, was Friedrich Wilhelm Christian Karl Ferdinand von Humboldt (1767-1835), preussischer Gelehrter, Schriftsteller und Staatsmann, heute zur Freiheit von Wissenschaft und Bildung zu sagen hätte. Berufsbildung basierte für Humboldt auf Allgemeinbildung. So gründete er 1809 die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Sein praktisches Wirken als Bildungsreformer in Preussen im «Humboldtschen Bildungsideal» war wegweisend für die Entwicklung der modernen Schulen und Hochschulen des Westens. Er plädierte dafür, sich mit einer grossen Vielfalt der Charaktere und Meinungen zu konfrontieren, um die Mündigkeit der Urteilsbildung zu fördern. «Auch der freieste und unabhängigste Mensch, in einförmige Lagen versetzt, bildet sich minder aus», hielt er einmal fest.

Fachkräftemangel und der «Diversity-Streit»
Neben dem demografischen Wandel werden für den Mangel an Fachkräften wahlweise die Jungen verantwortlich gemacht, die nicht mehr vollen Einsatz leisten würden, oder die Frauen, welche die Verantwortung scheuten. Die wahren Gründe versucht der Gender Intelligence Report 2022 von ADVANCE zusammen mit der HSG zu analysieren. Esther-Mirjam de Boer, Unternehmerin, Verwaltungsrätin, Politikerin und CEO von GetDiversity in Zürich schreibt in ihrer Kolumne KMU_today online vom 14. September 2022 mit dem Titel: «Fach- und Führungskräftemangel bereits an vielen Orten schmerzhaft spürbar», wie der gefühlte Mangel auch vom Management selbst verschuldet ist. Dieses erkennt nämlich die geeigneten Talente zu wenig klar und zieht sie nicht an, beziehungsweise befördert sie nicht. Die Talente sind nämlich da: gut ausgebildet und arbeitsfähig. Jung und Alt – Männer und Frauen.

«kompetenz60plus.ch»
Mit unserer Erfahrung aus der analogen, zusammen mit Erkenntnissen aus der digitalen Welt, sind wir «Alten» gerne bereit, diese mit KMU’s oder im Team mit jungen Forschenden und Wissenschaftern auf Augenhöhe zu teilen. «kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch I Mail: werner@kompetenz60plus.ch I
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: wernerkruegger

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#179 – Arbeit und Lohn

Was nichts kostet ist nichts wert?
In der Schweiz wären ältere Mitmenschen durchaus in der Lage, eine gute Gesundheit vorausgesetzt, auch ausserhalb ihres angestammten «Berufs» weiterhin tätig zu sein, zum Beispiel als Sparringspartner im Team mit Jüngeren. Nicht das biologische Alter, Standesdünkel oder bei finanzieller Unabhängigkeit die Honorierung, sollen den Entscheid beeinflussen. Wichtig ist vielmehr der Wille sich weiterzubilden und seine Offenheit für Neues. Wie das geht, lesen Sie im Beitrag des Tages-Anzeigers vom 13. Juli 2020: Überalterung in Asien – In Japan müssen die Rentner ran. Seniorinnen und Senioren sind dort gefragte Arbeitskräfte, denn in Zeiten des Fachkräftemangels braucht es jeden Kopf und jede Hand. Die Erfahrung mit der Plattform «kompetenz60plus» zeigt jedoch, wie wir «Alten» in der Schweiz den Job mehrheitlich noch mit einem Diplom oder einem erlernten Beruf mit entsprechender Entlöhnung gleichsetzen. Obwohl der eigene Lebenslauf das Abbild einer sich schnell verändernden Vergangenheit darstellt, definieren wir uns vielfach über unseren (einstigen) Status. Klammern wir uns also aus falscher Angst um die eigene Existenz an bewährte Muster und verkennen dabei alternative Beschäftigungen als willkommenen Befreiungsschlag für ein erfülltes Leben im Alter?

Nachdenken über den Wert von Arbeit
Im Interview von Philipp Loser und Christian Zürcher, Tages-Anzeiger vom 23. Juli 2020, mit der Zukunftsforscherin Karin Frick, Geschäftsleitung GDI Gottlieb Duttweiler Institut, mit dem Titel: «Wer wird denn heute noch tatsächlich für seine Arbeit bezahlt?» macht sich Frau Frick Gedanken zum Thema. Schon im Alter von 15 oder 16 Jahren, nach der (viel zu kurzen) Grundschule, müssen sich 80% der hiesigen Teenager bereits für einen möglichst zukunftsträchtigen Beruf entscheiden. Karin Frick fragt sich deshalb: Ist ein Job überhaupt noch die richtige Kategorie? Können wir uns nicht davon befreien, statt uns ewig daran festzuhalten? Viele Jobs machen wir nicht gerne, wir machen sie nur des Geldes wegen. Sie findet: Wir müssen Arbeit und Lohn entkoppeln – dann werden wir alle viel entspannter – und können uns auf Aufgaben konzentrieren, die uns wirklich interessieren.

EINBLICKE: «Holzverbindungen – Ausdruck tektonischer Kultur», Ausstellung bis 11. September 2020 in der Schweizer Baumuster-Centrale Zürich. Bild: WKR

Roboterluxuskapitalismus
Schon heute kann man viele Dinge automatisieren, Routinejobs, die sich relativ einfach in kleinere Schritte zerlegen lassen, weiss Karin Frick. Als junger Mensch sucht man natürlich eine Perspektive; etwas, das man gerne macht und nicht einfach nur zum Geldverdienen. Junge haben höhere Ambitionen, und es gibt sehr viele ungelöste Probleme: Produkte, die ersetzt und neu erfunden werden müssen. Kommt hinzu: Zuerst muss ja jemand all die Roboter bauen. Die Implementation dieser neuen Technik braucht extrem viel Kopfarbeit und Verständnis. Ist das erst einmal geschafft, wird es darum gehen, sich selber eine neue Aufgabe zu suchen. Jede neue Antwort bringt in der Regel auch mindestens zwei neue Fragen hervor. Neue Erkenntnisse über das menschliche Immunsystem eröffnen neue Perspektiven für bessere Behandlungsmöglichkeiten, stellen aber gleichzeitig viele neue Fragen, an die bisher noch niemand gedacht hat. Klar ist: Aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive wird Arbeitskraft als Produktionsfaktor immer unbedeutender und Kapital und Technik/Wissen immer wichtiger.

Kurzarbeit oder Grundeinkommen
Heute ist Arbeit eine Religion, konstatiert Karin Frick. Arbeit gibt Status, Identität. Wenn die Leute ihren Vater beschreiben, dann wird zuerst sein Job genannt. Bei der Mutter heisst es dann, sie sei nur Hausfrau. Das müssen wir brechen. Viele Menschen können sich bestens beschäftigen, auch ohne Erwerbsarbeit. Das gilt für gut ausgebildete Leute in gehobenen Positionen, und das gilt für Menschen, die heute in Routinejobs arbeiten. Wer wird denn heute noch – im Kontext der Kurzarbeit – tatsächlich für seine Arbeit bezahlt? Im Fokus steht das Modell des Grundeinkommens. Im Grunde: Was heisst ein gutes Leben? Was bedeutet Wohlstand, wenn alle Grundbedürfnisse gedeckt sind? Wenn wir uns in der Gesellschaft nicht mehr über den Beruf definieren würden, würden wir vielleicht alle sehr entspannt, ohne den Stress bedingt durch die Vergleichbarkeit. Die Corona-Krise zeigte uns den Weg. Alles, was im Forschungsfeld des GDI zum Teil seit Jahrzehnten Thema ist, wurde plötzlich Realität. Homeoffice, Onlineshopping, Telemedizin. Ganz simple Fragen werden neu gestellt: Warum gehen wir eigentlich ins Büro? Wieso ist das überhaupt nötig? Oft: gar nicht. Dabei wäre die Aufgabe des Staates eigentlich die Entkoppelung von Job und Einkommen institutionell zu begleiten. Im Moment zerfällt vieles, verändert sich, verschiebt sich. Das ist eine grosse Aufgabe – für uns alle sagt Karin Frick.

Kassiererin oder Manager
Es gibt einfach Jobs, die das Ende ihres Lebenszyklus erreicht haben. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man schaut, dass sich ein fairer, anständiger Onlinehandel entwickelt, bei dem auch wieder jene Leute gebraucht werden, die heute an der Kasse arbeiten. Oder man stellt fest, dass gewisse Branchen Heimatschutz verdienen und entsprechend mit Subventionen gestützt werden müssen. Auch der Job der Manager steht auf dem Spiel. Einen Grossteil von ihnen wird es nicht mehr brauchen, denn ein Management-Job besteht im Grundsatz darin, Ressourcen zu verteilen. Das kann eine Maschine viel besser. Gerade bei Managern hängt jedoch sehr viel Identität am Beruf, weil auch die Ausbildung länger dauert, sagt Frick. Wie man mit dieser gefährdeten Spezies umgeht, wird tatsächlich zur Herausforderung. Je mehr Routinearbeiten automatisiert werden, umso weniger Arbeitskräfte müssen gemanagt werden. Eine Flotte von selbstfahrenden Fahrzeugen braucht höchstens einen Flotten-Manager für den Unterhalt.

Die Erfahrung von uns «Alten»
Die Krise zeigt auch, dass ältere Mitmenschen oft viel weniger Mühe haben, sich mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren. Anstatt zu versuchen, unseren «Erfolgen» aus früheren Zeiten nachzutrauern, besinnen wir uns auf Fähigkeiten die uns wirklich Spass machen und packen dort an wo wir gebraucht werden. Unsere Aufgabe ist nicht mehr die Führung einer Unternehmung, sondern das Weitergeben unserer breiten (Lebens-)Erfahrung an eine jüngere Generation. Unabhängig vom angestammten Beruf und losgelöst vom Karrieredenken entdecken wir neue Formen in der Zusammenarbeit im Team auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden» und entdecken neu den Sinn des Lebens.

Kompetente Senioren denken mit
«kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Wir «Alten», Frauen und Männer, im Team auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden», stellen unsere Erfahrung mit Leidenschaft zur Verfügung. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch I Mail: werner@kompetenz60plus.ch I
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: wernerkruegger