Plädoyer eines «Alten» für uns «Alte»
Ein Kollege machte mich auf den Beitrag von Klaus Stöhlker (84), deutsch-schweizerischer PR-Berater, Publizist, Unternehmer und Autor, vom 4. Juli 2025 auf Inside Paradeplatz-online aufmerksam. Es ist das Plädoyer eines «Alten» für uns «Alte». Alte Männer und Frauen, die noch geistig beweglich und auch sonst körperlich fit sind, bilden die grosse, stille Reserve für unser Land. Ihm ist aufgefallen, mit welcher Verbissenheit die jüngeren Mitglieder der Gesellschaft auf ihre Vorgänger, die noch lebenden «Alten», einhacken. Viele alte Männer verstummen deshalb, sei es, dass sie eine Diskussion mit den nachwachsenden Generationen als wenig fruchtbar empfinden, weil sie dort kein Gehör mehr finden oder sie den Unterschied zwischen ihrer Welt und der Welt der Jungen zu gross finden.
Verlassen die «Jungen» die ausgetretenen Schuhe von uns «Alten»?
Weil Politiker und Unternehmer aber mehr denn je nach den «Alten» rufen, die jenseits der Pensionierungsgrenze noch anpacken möchten, vergönnt sich Stöhlker ein Lob auf die «Alten», die dem Land über die AHV-Grenze hinaus dienen. Aber nicht nur die «Jungen», auch die Frauen hat der alte weisse Mann gegen sich, hält er doch jene Positionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft besetzt, die es einzunehmen gilt. Der wohl mächtigste Mann der Welt, der amerikanische Präsident Donald Trump, ist gerade 79 Jahre alt geworden. Er setzte sich in den Wahlen klar gegen die 60-jährige Kamala Harris durch. Dazu ein aktueller Einschub meinerseits: «Was wir von Donald Trump lernen können – auch hier in der Schweiz», schreibt Michael Hermann (53), Politikwissenschafter, im Gastkommentar der NZZ vom 12. Juli 2025. Weiter mit Klaus Stöhlker: In der Schweiz, wo die eingeborene Bevölkerung in mehr als 12 Kantonen durch Todesfälle und mangels eigener Geburten laufend sinkt, müssen vielerorts wir «Alten» in die Ställe, in die Montagehallen und in die Redaktionsstuben einrücken, denn unsere Erfahrung ist Gold wert. Stöhlker präsentiert eine Auswahl von «Alten» schweizer Unternehmerpersönlichkeiten und stellt die rhetorische Frage ob bei uns die «Jugend», wie alt sie immer sein mag, Kraft genug hat, die ausgetretenen Schuhe ihrer Vorgänger zu verlassen. Diese Jugend ist nur so viel wert, wie sie in der Lage ist, Neues zu schaffen. Ob unser Nachwuchs jemals ein neues Silicon Valley in der Schweiz aufbauen wird, ist bisher nicht erwiesen. Bei allem Verständnis für den Hunger der Jungen nach Neuem, mögen sie es aber bitte vermeiden, uns «Alte», dabei aufzufressen.

Trend zu kürzerer Arbeitsdauer
Ein neuer OECD-Bericht (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) warnt vor «beispiellosem Einbruch»: Die tiefe Geburtenrate gefährdet den Wohlstand, schrieb Albert Steck in der NZZ vom 9. Juli 2025. Das wirtschaftliche Wachstum droht in den westlichen Ländern um 40 Prozent zurückzugehen. In der Schweiz könnte die Demografie zu einem noch stärkeren Rückgang führen. Eigentlich ist es eine Binsenwahrheit: «Damit die Wirtschaft wachsen kann, braucht es Arbeitskräfte, welche die nötige Wertschöpfung erbringen.» Statt eines Mangels an Jobs wie früher, erlebe die westliche Welt zunehmend einen Mangel an Arbeitskräften, hält die OECD fest – und warnt vor den tiefgreifenden Folgen dieses Wandels. Dieser hat zwei Gründe: In der Schweiz kommen pro Frau gerade noch 1,3 Kinder auf die Welt. Gleichzeitig findet eine Welle an Pensionierungen bei den geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation statt. Gemäss OECD wirkt sich dies direkt auf unseren Wohlstand aus, indem wir mit einem beispiellosen Einbruch des Pro-Kopf-BIP-Wachstums konfrontiert werden, was die Fähigkeit, den Lebensstandard zu verbessern, erheblich beeinträchtigen wird.
Potenzial der älteren Beschäftigten nutzen
Dank den Fortschritten der künstlichen Intelligenz KI könnte sich diese Voraussage jedoch als zu pessimistisch erweisen. KI kann viel. Sie verändert unser Denken, die Sprache, den Stellenwert von Arbeit. In den vergangenen Jahren haben digitale Technologien und die Automatisierung vor allem Routinetätigkeiten ersetzt – Aufgaben, welche nach klaren Vorschriften ausgeführt werden können. Vermehrt sind Leute gefragt, die Probleme analysieren und Entscheidungen treffen. Um dem Rückgang der Produktivität entgegenzusteuern müssten andererseits die Beschäftigten mehr Arbeitsstunden leisten. Die OECD empfiehlt deshalb, den bestehenden Pool an Arbeitskräften umfassender auszuschöpfen. Als mögliche Massnahmen nennt sie unter anderen eine fortschrittlichere Beschäftigungspolitik für uns «Alte». Zumal wir von einer besseren Gesundheit profitieren und auch der Anteil der körperlich anstrengenden Jobs zurückgeht. Zu diesem Zweck müssen die berufliche Mobilität und das lebenslange Lernen gefördert werden. Damit hilft man auch den Jungen, welche sonst die zusätzlichen Lasten aufgrund einer stagnierenden Wirtschaft zu tragen hätten. Gerade die Kombination aus «jugendlichem Wissen» und gereifter Erfahrung der «Alten», führt oft zu den besten Lösungen. Die «Alten» bringen Kontextualisierung, Risikoeinschätzung und langfristiges Denken mit – Fähigkeiten, die in unserer schnelllebigen Zeit besonders wertvoll sind. Anstatt Wissen und Erfahrung gegeneinander auszuspielen, müssen wir Synergien nutzen. Um das Potenzial einer ganzen Gesellschaftsschicht zu würdigen, müssen wir über reine Arbeitsmarktbetrachtungen hinausgehen.
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