Blog, Industrie 4.0

#385 – Echokammern, die Blasen der «Alten»

«Alte» als Konkurrenz der Jungen
Die Reaktionen auf meinen Blog «#384 – Lebenserfahrung der «Alten» nutzen» vom 2. September überraschte in gewisser Weise. Scheinbar wird der Wunsch von uns «Alten», weiterhin im Bereich Konzeption oder Mitarbeit bei der Umsetzung von Projekten, zusammen mit jüngeren Teams von Fachleuten tätig zu sein, nicht von allen begrüsst. Unsere Erfahrung und der Wille weiterhin zu arbeiten, mit zu Gestalten, Einfluss zu nehmen und Fragen zu stellen, scheint trotz Fachkräftemangel auf wenig Verständnis zu stossen. Im Zusammenhang mit der Diskussion um Sozialleistungen und den Aufbau des eigenen Alterskapitals, werden wir «Alten» als Konkurrenz wahrgenommen. Oft ist es so, dass auch jüngere Leute beispielsweise Lehr- und Beratungsaufträge anstreben, welche hart umkämpft sind. Und so stellt sich die Frage, ob wir «Alten» den jüngeren Talenten eine Chance geben oder einen Schritt zurück treten wollen? Die Weitergabe von Lebens- und Betriebserfahrungen sei in der Zeit von künstlichen Intelligenz KI schwieriger geworden, schreibt eine Leserin. Doch gerade wegen der KI braucht es erst recht die Erfahrung von uns «Alten», um Halluzinationen als solche zu erkennen. Im Team mit den «jungen Wilden» stellen wir diese auch gerne zur Verfügung.

Herausforderung «Altersblase»
Die Schweiz rühmt sich gerne ihrer Vielfalt – vier Landessprachen, 26 Kantone, unterschiedliche Dialekte. Das Schweizer Volk soll «ihre Vielfalt in der Einheit leben», hält die Präambel der Bundesverfassung fest. Doch im Alltag von Schweizerinnen und Schweizern sieht die Vielfalt anders aus. Eine repräsentative Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) zeigt: Schweizerinnen und Schweizer gestalten ihr soziales Umfeld nach dem Motto «Gleich und Gleich gesellt sich gern». Die Bekanntenkreise und Milieus sind nämlich kaum durchmischt – beispielsweise was Bildung, Einkommensschicht oder politische Ansichten betrifft. Eine geringe Durchmischung zeigt sich auch beim Alter: Die Hälfte der unter 25-Jährigen hat wenig oder keine Bekannten über 65, umgekehrt ist es ähnlich. Der Grund für den mangelnden Kontakt zwischen den Bevölkerungsgruppen lokalisiert die Studie in fehlenden Gemeinsamkeiten oder bei fehlenden Begegnungsmöglichkeiten. Menschen, die häufiger mit unterschiedlichen Personengruppen in Kontakt stehen, haben eine positivere Einstellung gegenüber diesen Gruppen. Zudem glauben 69 Prozent, dass vielfältige Perspektiven und Lebenserfahrungen zu besseren Entscheidungen führen.

Bild: Musée Visionnaire Zürich, September 2024

Erfahrung schlägt Wissen
Als Mentor für jüngere Berufsleute, steht nicht mein aktuelles Wissen, sondern die Erfahrung im Zentrum. Wir «Alten» müssen uns bemühen, nicht als abgehobene Besserwisser wahrgenommen zu werden, sondern uns mit einer gewissen Bescheidenheit auf die Themen der Jungen einzulassen. Laut der GDI-Studie ist das Interesse an mehr Vielfalt vorhanden: Die Mehrheit der Befragten sieht ein durchmischtes Umfeld als persönliche Bereicherung. Dass die meisten Menschen in einer Blase lebten, sei keine Absicht, erklärt GDI-Studienleiter Jakub Samochowiec. Vieles passiere automatisch. «Man wird mit ähnlichen Menschen in eine Schulstufe eingeteilt oder man wohnt in einer Nachbarschaft, wo gewisse Ähnlichkeiten in Bezug auf Herkunft oder finanzielle Situation vorherrschen», sagt Samochowiec. Um aus diesen komfortablen «Bubbles» auszutreten, müsse man aktiv etwas tun. Als häufigste Begegnungsorte mit «anderen» Menschen haben die Befragten Arbeit, Ausbildung und Freundeskreis genannt. Wir Mentor:innen profitieren vom Kontakt mit jüngere Berufskolleg:innen.

KMUs haben Aufholbedarf bei der künstlichen Intelligenz KI
Die eingangs erwähnte Furcht, durch die KI ersetzt zu werden ist unbegründet, denn Erfahrung kann man nicht lernen. Diese ist das Resultat eines langen Lebens und vieler durchgestandenen Herausforderungen. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch prüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. KMU-Experte Philippe Obrist hat in seiner Beratungspraxis einen merklichen Unterschied zwischen grossen Unternehmen und KMU festgestellt. Die Grossen hätten häufig bereits Schritte unternommen, um generative künstliche Intelligenz in ihre Arbeitsabläufe zu integrieren. Dagegen seien viele KMU noch auf der Suche nach effektiven Möglichkeiten. Oft fehle es an Wissen, wie diese Technologie genutzt werden kann, aber auch, welche Risiken damit verbunden sind. Doch generative KI wie ChatGPT eröffnet eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten, wie auch die aktuelle Integration des KI-Tools Co-Pilot ins Microsoft 365 Office Paket. Dieses vereinfacht beispielsweise Routinearbeiten im Büroalltag und damit auch die Arbeitsabläufe, wie das Verfassen von Texten, Präsentationen oder Marketingaktivitäten. Wir «Alten» besitzen diesbezüglich eine neutrale Aussensicht und stehen als Sparringspartner gerne zur Verfügung.

Burn-out Serien: Ernie Smith, April 2022

Die neue Pandemie: «Burn-out»
Zu denken geben muss uns vielmehr, dass gemäss einer Studienreihe der Krankenkasse CSS über zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung sich müde und erschöpft fühlen. Laut dem Bericht auf SwissInfo-online vom 3. September 2024 handelt es sich dabei um den höchsten Wert seit März 2020. Über alle Altersgruppen hinweg betrachtet gaben 68 Prozent der Befragten an, häufig erschöpft und müde zu sein. Für CSS sei dies sozusagen die «neue Pandemie». Auffallend sei, dass die Altersgruppe der 18- bis 35-Jährigen den Leistungsdruck am stärksten negativ wahrnehme und immer mehr Menschen eine Burn-out-Erfahrung hätten. Das Schweizer Volk fühle sich insgesamt noch immer weniger gesund als vor der Covid-Pandemie, so die Ergebnisse der Studie. Das zeigt auch die zunehmende Wahrnehmung von Leistungsdruck bei der Arbeit, der auf das Privatleben übergreife. Meiner Meinung nach, hat sich seit der Pandemie die Arbeitsmoral generell verändert. KMU müssen heute bei der Suche nach Fachkräften, soziale Komponenten, Teilzeitarbeit, Viertagewoche bei gleichem Lohn, oder zusätzliche Ferien, höher gewichten als die notwendigen Fähigkeiten zur Ausübung der Berufe. Da kann man ihnen den Einsatz von KI, wo immer sinnvoll, wohl nicht verübeln.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

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#346 – Wir «Alten» müssen uns anpassen

Das Jahr 2023 nach der Pandemie
Seit der Corona-Pandemie (2020-2022) wurden bereits früher feststellbare Veränderungen in Produktion, Gewerbe und Gesellschaft umgesetzt. Das Jahr 2023 durchlebten wir als eine Art «Übergangsjahr» in eine neue Weltordnung mit einem neuen Verständnis von Arbeit. Das zeigt sich teilweise im Wandel der Anforderungen an Bewerbende, auch an uns «Alte». Kriegshandlungen, Fortschritte in der Entwicklung von Robotik oder die Veröffentlichung von KI künstlichen Intelligenzanwendungen wie ChatGPT im November letzten Jahres, sind nur einige der wichtigsten Treiber dieser Veränderungen. Die Neuausrichtung ganzer Industrien, die schrittweise Umstellung von Print auf digital oder deren Auswirkungen auf unser Konsumverhalten wurden im zu Ende gehenden Jahr nochmals beschleunigt. Am Arbeitsmarkt entstanden «neue» Berufsfelder und Verantwortlichkeiten. Auch für uns «Alte» genügt der Versand unseres Lebenslaufs zur Bewerbung um eine neue Stelle, trotz viel Erfahrung, nicht mehr. Schon darum nicht, weil sich die Stellenprofile und entsprechenden Anforderungen verändert haben. Einmal erlerntes hat oft an Relevanz verloren, ganze Berufszweige verschwinden. Diese Umstellungen geschehen auch schleichend und bis wir es merken ist es oft zu spät.

Industriestadt Shenyang China, 1986. Bild: Forrest Anderson / The Chronicle Collection / Getty images

KI in Design und «Weltbau»
Das Beispiel aus einem Masterlehrgang an der UCLA AUD Universität von Kalifornien in Los Angeles, Departement für Architektur und Städtebau (meiner Alma Mater), soll diese Veränderung illustrieren. Im Interview von Niall Patrick Walsh mit der ausserordentlichen Professorin Natasha Sandmeier in der Online-Publikation «Archinect» vom 6. November 2023, spricht diese über KI-Anwendungen zur Repräsentation von Architekturkonzepten. Seit seinem letzten Interview in 2019 über Themen wie visuelle Medien und narratives Storytelling, hat sich vieles verändert, stellt Walsh fest. Damals konnten sich nur wenige vorstellen, welche seismischen Auswirkungen generative KI auf diese Bereiche haben würden. Sandmeier, vor kurzem zur Geschäftsführerin des A+D Museum in Los Angeles ernannt, ist seit ihren früheren Positionen an der Spitze einer akademischen Architekturlandschaft. Unter anderem war sie Projektarchitektin für OMA (Office of Metropolitan Architecture – Rem Koolhaas) in Rotterdam und später Dozentin an der Architectural Association School of Architecture in London (eine weitere Alma Mater). Sie fragt sich bereits, was die jüngste populäre Einführung von KI in Design und Weltbau für Autorenschaft, Ethik, Repräsentation, Lernkriterien und die Rolle der Architekt:innen bedeutet.

Architektur im Entertainment Studio an der UCLA AUD
Im Entertainment Studio der UCLA AUD arbeitet sie hauptsächlich im Visualisierungsbereich und denkt mit den Studierenden über Möglichkeiten nach, Geschichten zu entwickeln, die sich auf die gebaute Umwelt konzentrieren. Wie wir in unserer Welt leben und wie diese sich im nächsten Vierteljahrhundert verändern könnte. Im A+D Museum arbeitet sie mit ihrem Team daran, die nächste Generation von Museumsprogrammen für die Gemeinschaft voranzutreiben. Während der Pandemie war das Museum auf ein virtuelles Programmformat umgestiegen, daher besteht die gegenwärtige Mission darin, den Wiedereintritt in die physische Museumswelt zu begleiten.

KI -Visualisierung: Pixel Tide by Chiayu Chen, Kimia Mohammadi, Jingjing Fang (UCLA AUD Entertainment Studio 2022)

Architektur im Zeitalter von YouTube
Ihr Interesse an der Repräsentation von Ideen als Narrative geht auf ihre Zeit als Architektin bei OMA zurück. Selbst in den 1990er Jahren produzierte die Firma oft unglaublich schnelle und grobe Collagen, die es ermöglichten, wesentliche Qualitäten der von OMA entworfenen Räume zu erforschen und zu kommunizieren, zusammen mit der Art und Weise, wie man sie bewohnt. Ihr wurde dabei klar, wie wichtig das Bild als Kommunikationsmedium ist. Später, an der Architectural Association, war die Idee des Bildes ein zentraler Bestandteil des Weltaufbaus und des räumlichen Geschichtenerzählens sowie eine vorherrschende Form der Kommunikation. Gemäss Sandmeier leben wir in einer Welt, in der die Grenze zwischen Fiktion und Realität fliessend ist (Stichwort Metaversum). Linearität weicht abgestufter Zonierung. Bilderzeugungstechnologien – von Generative Adversarial Networks (GANs) bis hin zu Echtzeit-Raytracing-Game-Engines – machen fotorealistische synthetische Bilder für alle verfügbar, die einen anständigen Laptop und etwas Zeit für YouTube-Tutorials haben.

Neue Wege im Beruf
Im gegenwärtigen Kontext stellt sich immer noch die Frage: «Was bedeutet es, Architekt:in zu sein?», was genau sind die Aufgaben? Sandmeier glaubt ich nicht, dass es viele Kreative gibt, die drei Monate lang Türdetails zeichnen oder endlos Zeichnungen mit roten Linien (Korrekturexemplare) aufräumen möchten. Obwohl die meisten Architekturstudierenden im Herzen Träumer und Weltveränderer sein wollen, stellen solche Tätigkeiten für viele Architekt:innen den Grossteil ihrer Aufgaben dar. Was stattdessen neue Technologien wie ChatGPT gezeigt haben, ist unsere Bereitschaft gross, leichte oder sich wiederholende Arbeiten auszulagern. Wenn wir solch langweilige Arbeiten delegieren können, egal ob Türdetails oder Protokollschreiben, hat KI das Potenzial, unseren Arbeitsablauf positiv zu beeinflussen und gleichzeitig neue Wege der Erkundung für den Beruf eröffnen.

Mittels KI visualisiertes Flugzeug – Cyberplane: r/weirddalle, 25. November 2023 reddit, cool_architect

Kriterien aus der Vergangenheit sind oft nicht mehr relevant
Natasha Sandmeier ortet viel Panikmache in Bezug auf KI und unsere Arbeit. Sie vergleicht diese Kritik mit der Zeit vor 20 Jahren als viele besorgt waren, dass Skripte oder parametrisches Design Jobs vernichten könnten. Dystopie ist viel einfacher darzustellen als Optimismus. Sie sieht jedoch das Potenzial der Technologie, produktive Veränderungen im Beruf herbeizuführen Wir müssen weniger Zeit in das Erlernen von Software investieren und haben mehr Zeit für die Konzeption und Entwicklung von Projekten. Einige zufällige Eingabeaufforderungen (Prompts) ermöglicht uns, hochkomplexe Konzepte mit unglaublicher Leichtigkeit zu visualisieren. Wann immer diese grossen technologischen Veränderungen stattfinden, müssen wir unsere Kriterien für die Bewertung von Resultaten anpassen. Sind Kriterien, die in der Vergangenheit relevant waren, noch anwendbar oder braucht es die Entwicklung eines neuen Kriterienkatalogs (oder Stellenbeschriebs). Mit der Frage, ob die Arbeit von der KI oder vom Menschen geleitet wird, sollten wir deshalb experimentieren. Dazu gehört auch das Thema Voreingenommenheit in der künstlichen Intelligenz und die Risiken der Verbreitung von Stereotypen durch KI-Systeme.

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#168 – Neustart nach der Krise, die Zeit ist reif

Rückkehr in ein weniger restriktives Leben
«Bald laufen alle Menschen mit Masken herum, aber in Wahrheit erleben wir die grosse Demaskierung: Alle Behauptungen, Berechnungen, Manöver, Dynamiken, Abläufe sind in der Krise sichtbar geworden. Dafür brauchte es den sozusagen unsichtbaren Hauch eines Virus, das wie ein Gespenst herumspukt und uns im Wahn technokratischer Unverwundbarkeit unerwartet getroffen hat. Wir sind keine Biocomputer, sondern unberechenbare geistbegabte Tiere, die grosser Unsicherheit ausgesetzt sind.» Sagte der 1980 geborene Markus Gabriel, Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn und ständiger Gastprofessor an der Sorbonne in Paris im Interview mit Christoph Hardt auf Skype, NZZ vom 28.April 2020.

Nach der Krise die Ernüchterung
Es ist Zeit sich einige Gedanken zum Erlebten zu machen: Aus jeder Krise lassen sich Lehren ziehen, bemerkt Christof Forster im Kommentar aus Bern, NZZ vom 30.April.2020. Parlamentarier loben in Sonntagsreden gerne die Segnungen der Digitalisierung für die Wirtschaft und für alle anderen möglichen Lebensbereiche. Doch ihr eigenes Haus haben sie dabei offensichtlich vergessen. Das Parlament muss jetzt virtuell aufrüsten. Eric Gujer, in der Deutschlandausgabe der NZZ vom 1.Mai 2020, kommentiert «Armin Laschet und die Virologen: Die Corona-Krise ist viel zu ernst, um sie den Experten zu überlassen.» Der Zwilling der Wissenschaftsgläubigkeit ist die Angst vor der Technologie: vor Gentechnik, modifizierten Lebensmitteln oder angeblich krank machenden G5-Strahlen. Unser Verhältnis zu Forschung und Technik wird von Extremen bestimmt, und dies ist ein weiterer Grund, weshalb die Wissenschaft nur gefiltert in die Entscheidungsprozesse einfliessen sollte.

Bild: Carl Court, Getty Images

Von gesunden «Alten» zu gefährdeten Spezies
Im Beitrag von Andrea Bornhauser, 2. Mai 2020 in der NZZ am Sonntag, erzählen Paare aus ihrem Beziehungsalltag in den Quarantänewochen. Maria und Hannes aus Basel sind über 75 Jahre alt und verbringen in den Wochen des Lockdown so viel Zeit zusammen wie noch nie in den 29 Jahren ihrer Beziehung. Vor der Quarantäne arbeitete Maria in ihrer Physio-Praxis und Hannes programmierte von zu Hause aus Webseiten. Nun ist er traurig darüber, dass er seine Enkelkinder nur noch über Facetime sehen kann. Sowieso mache ihm zu schaffen, dass er nun zum ersten Mal offiziell höre, er sei alt. «Bisher habe ich mich fit und unternehmungslustig gefühlt.» Dieses Gefühl habe in den letzten Wochen einen Dämpfer abbekommen. «Ja, das war schon bizarr, wie wir von einem Tag auf den anderen von gesunden Alten zu einer gefährdeten Spezies wurden», wundert sich auch Maria. Und gesteht, dass es damit verbunden natürlich auch Momente der Sorge und Unsicherheit gebe.

Festklammern am Vertrauten
Büchergestelle erhalten in Zeiten von Corona-Videokonferenzen Symbolcharakter. Als Hintergrund für virtuelle Gespräche suggerieren sie Seriosität, Glaubwürdigkeit und Vertrautheit. Trotz Quarantäne scheinen wir alles im Griff zu haben. Auch die unzähligen Behauptungen in den sozialen Medien, wonach Projekte trotz der Gefahr einer Infektion mit dem Corona-Virus weiterhin auf Kurs sind, sollen uns beruhigen. Doch eigentlich wissen wir, dass diese Pandemie eine einschneidende Zäsur darstellt und wir erst ganz am Anfang einer grundlegenden Neuausrichtung stehen. Die gegenwärtige Ausnahmesituation muss uns dazu anspornen, Abläufe neu zu definieren. Auch die vielen «Berater» sind gefordert, über neue Geschäftsmodelle nachzudenken.

«Alte» als Brückenbauer
Vor 75 Jahren endete der zweite Weltkrieg, der folgende Marshallplan von 1948 ist ein Meilenstein in der Geschichte Europas mit Auswirkung bis in die Gegenwart. Ähnlich tiefgreifend sehen viele von uns den wirtschaftlichen «Neustart» nach der Corona-Krise. Am kommenden Montag werden die ersten Cafés und Restaurants wieder öffnen. Wie die Schulen, sind Gaststätten wichtige Referenzpunkte im Leben von uns Menschen. Der soziale Austausch, ursprünglich ein Hauptgrund für die Entstehung unserer Städte, fördert die Entwicklung von Ideen zu Wirtschaft und Gesellschaft. «Alte» als Brückenbauer zwischen analoger Erfahrung und dem digitalen Wissen und den Träumen der Jungen schaffen es, die Erkenntnisse aus der aktuellen Vergangenheit nachhaltig umzusetzen.Die sträfliche Vernachlässigung der Digitalisierung ist dabei nur ein Themenkreis.

Krisen machen Veränderungen erst möglich
Der Nachholbedarf ist gewaltig und wird uns in den kommenden Jahren beschäftigen. Dazu einige wenige Beispiele: Anstatt zu Jammern müssen Tourismusorte, wie Wengen im Berner Oberland (Winter 2020, beschrieben von Zarko Jerkic-Schaad), Bezahlungen mit Kreditkarte oder Smartphone ermöglichen. Gemeinden sollen geplante elektronische Dienstleistungen, darunter auch das e-Voting, zeitnah verwirklichen. Spitäler und Arztpraxen müssen endlich die Einführung digitaler Patientendossiers umsetzen, KMU ihre Kommunikation und Verträge internettauglich ausgestalten oder Zeitungsverlage den Übergang vom Druck ins Internet ohne Blattlayout-Denken anpacken. Mit der Lockerung der Pandemiemassnahmen ergeben sich folglich unzählige Chancen, bestehende Systeme zu hinterfragen und auf ihre Krisentauglichkeit zu prüfen. Kompetente und gesunde «Alte» stellen dazu ihre Erfahrung gerne zur Verfügung.

Leidenschaft und Erfahrung von «Alten» hilft
«kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. «Alte» Frauen und Männer im Team, auf Augenhöhe mit den «jungen Wilden», stellen ihre Erfahrung, auch in der Krise, mit Leidenschaft zur Verfügung. Bitte bringen Sie sich ein, wir freuen uns über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

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