Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#482 – «Alte» verkennen oft die Macht von KI

Verkannte Auswirkungen durch KI
«Ab 55 Jahren ist man auf dem Arbeitsmarkt unerwünscht: Das ist die Erfahrung einer arbeitslosen Managerin und ihrer Personalberaterin». Im Beitrag von Katharina Fontana (61), in der NZZ vom 6. August 2026 geht die Inlandredaktorin der Frage nach, weshalb jemand der nach dem 50. Lebensjahr seine Stelle verliert, es auf dem Arbeitsmarkt schwer hat etwas Neues zu finden. Die Schweiz hat ein strukturelles Problem, über das niemand reden wolle: Die älteren Arbeitskräfte würden durch jüngere ausgetauscht. Gerade in international ausgerichteten Firmen stehe man in direkter Konkurrenz zu Bewerbern aus der ganzen EU. Auf Plattformen wie LinkedIn ist die Stellensuche von über 50-Jährigen ein riesiges Thema. Auf dem Arbeitsmarkt herrsche ein Jugendwahn, wer älter sei, habe keine Chance mehr. Doch es gibt auch Widerspruch: Die Älteren seien an ihrer Situation zum Teil auch selber schuld, wird in Kommentaren gekontert. Sie hätten häufig Vorstellungen von zu hohen Löhnen, was sie zusammen mit den hohen Beiträgen für die Pensionskasse für eine Firma unattraktiv mache. Trotz der Erfahrung, die es «Alten» erlaubt, die Arbeit schnell zu erledigen, was sich für die Arbeitgebenden auszahlt, suchen Unternehmen immer häufiger perfekte Kandidaten mit exakt passendem Profil, statt erfahrenen Menschen eine Chance zu bieten oder sie einzuarbeiten. Die «Alten» auf dem Schweizer Arbeitsmarkt würden nicht generell diskriminiert. Es sei einfach so, dass es enorm viele jüngere Leute gebe, die eine Topausbildung vorweisen könnten. Deshalb entstehe mehr Konkurrenz, was bei einer wirtschaftlichen Abkühlung zu mehr Arbeitslosen führe – auch bei der Gruppe der «Alten». Im Beitrag werden meiner Meinung nach die Auswirkungen durch KI-Anwendungen verkannt. Mit deren Einsatz werden viele Stellen künftig wegfallen, hauptsächlich sogenannte «Bullshit-Jobs». Der US-amerikanische Kulturanthropologe David Graeber (1961-2020) prägte den Begriff für Tätigkeiten, die selbst die Ausführenden für überflüssig halten. Im Kommentar von Sebastian Briellmann (34), in der NZZ vom 4. August 2026 nennt der Ökonom Mathias Binswanger (63) diese Arbeitenden in Anlehnung an den deutschen Soziologen und Ökonomen Max Weber (1864-1920) «Fachmenschen ohne Geist».

Schule im Museum: Musée Visionnaire Zürich 2025. Lernort, Atelier, Ausstellungsraum, Treffpunkt, Bild: Michèle Tratschin

Lernen mittels KI
Abkürzungen ersetzen unsere Arbeit nicht wirklich, sagt Priya Lakhani (45), Gründerin und CEO: Leads CENTURY Tech, einem Unternehmen für Bildungstechnologie im Bereich künstliche Intelligenz, in ihrer Präsentation auf TEDNext November 2025 (10:58). Aus ihrer Erfahrung im Bildungsbereich weiss sie, wie gefährlich es sein kann, wenn wir uns auf die ungefilterten Antworten grosser Sprachmodelle (LLMs) verlassen. Schüler:innen und Studierende lassen die KI die gesamte Arbeit für sie erledigen und nutzen die Intelligenz um das Lernen aktiv zu vermeiden. Nach der ursprüngliche Euphorie über die Möglichkeiten von ChatGPT sind wir letztendlich zur ernüchternden Erkenntnis gelangt, dass Abkürzungen unsere Arbeit nicht wirklich ersetzen. Künstliche Intelligenz KI ist sehr hilfreich, aber wir müssen noch lernen, selbst etwas zu leisten und nachzudenken. Die langen Antworten eines LLM-Chatbots lesen sich flüssig und vermitteln eine Art Illusion von Kompetenz, als wüssten sie alles. Lernen erfordert jedoch einen «produktiven Kampf», eine geistige Anstrengung, die Verständnis schafft. Lakhani erwähnt dazu vier Lerntechniken, die alle mit produktiver Anstrengung verbunden sind und die Lernergebnisse verbessern. Drei davon beziehen sich auf das Gedächtnis, respektive das Verständnis. Wenn wir über etwas nachdenken, greifen wir auf unsere Erinnerungen zurück, die unser Denken formen. Ohne diese Erinnerung wird Denken unmöglich. Die erste wichtige Technik ist also das Abrufen. Die zweite Technik ist, das Lernen über einen längeren Zeitraum zu verteilen, anstatt alles auf einmal pauken. Drittens geht es im Grunde um Generierung und schliesslich viertens um die Reflexion, wenn wir über unsere Arbeit nachdenken. Nachhaltiges Lernen entsteht nicht durch Abkürzungen, es erfordert gezielte Anstrengungen. Genau deshalb ist KI so wertvoll für die Bildung, denn sie kann Muster in unserem Lernverhalten erkennen, wie beispielsweise Zusammenhänge oder Lücken in unserem Wissensstand. KI soll unser Fachwissen nicht ersetzen, sie soll es erweitern. KI ist unsere Geschichte, die unsere Zukunft vorhersagt. Entwickeln wir sie gut, und nutzen wir sie, um die menschliche Kognition zu ergänzen oder zu ersetzen.

Schule im Museum: Musée Visionnaire Zürich 2025. Lernort, Atelier, Ausstellungsraum, Treffpunkt, Bild: Michèle Tratschin

Es gibt kein Zurück in die Vor-KI-Zeit
Christoph Drösser (67), deutscher Journalist, Autor, studierter Mathematiker und Philosoph berichtet vom Weltkongress der Mathematiker (ICM) in Philadelphia in der NZZ vom 15.August 2026, über die aktuelle Entwicklung künstlicher Intelligenz KI. Unter dem Titel: «KI-Systeme produzieren Beweise am Fliessband und stürzen die Mathematik in eine Jahrhundertkrise», zitiert er Terence Tao (51): «Wir stehen kurz davor, dass eine KI einen wichtigen mathematischen Satz beweist – und kein Mensch kann den Beweis verstehen». Der Mathematiker an meiner Alma Mater, der University of California in Los Angeles UCLA, ist ein Superstar der Mathematik. Über tausend Zuhörer standen Ende Juli Schlange, um seinen Vortrag mit dem Titel «Mathematik in Zeiten der KI» beim Kongress in Philadelphia zu hören. «Wenn die KI Mathematiker obsolet macht, dann macht sie das Denken obsolet», bemerkte ein junger Mathematikstudent aus Kanada am Rande der Konferenz. Die Technologie hat rasante Fortschritte gemacht in den vergangenen vier Jahren. Die erste Version von ChatGPT konnte nicht einmal richtig zählen. Dann begannen die Chatbots zunächst alle mathematischen Schulaufgaben zu bewältigen, dann die aus den ersten Semestern des Mathematikstudiums. Sie lösten alle Aufgaben der Mathematikolympiade. In diesem Jahr haben sie nun mathematische Rätsel gelöst, an denen sich die besten Forschenden der Welt lange Zeit die Zähne ausgebissen hatten. Der russische Mathematiker Jacob Tsimerman (38), dem gerade die mit dem Nobelpreis vergleichbare Fields-Medaille verliehen wurde, wendet sich auf dem Zenit seiner wissenschaftlichen Karriere von der akademischen Forschung an der University of Toronto ab und geht zu Open AI, um die Sicherheit von KI-Systemen zu verbessern. Über die Rolle der KI in der Mathematik macht er sich keine Illusionen. «In wenigen Jahren werden KI-Systeme bei der Lösung mathematischer Aufgaben deutlich übermenschliche Fähigkeiten besitzen». Mathematik ist viel mehr, erklärt Terence Tao. Sie ist ein Mittel, die Welt um uns herum zu verstehen. Sie besteht aus einer Gemeinschaft Gleichgesinnter, die Steinchen für Steinchen ein intellektuelles Gebäude errichten, das nicht leicht zu erschüttern ist.

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#440 – Verunsicherte Junge, erfahrene «Alte»

Desinteresse an einer historischen Identität der Gegenwart
Als Ausgangspunkt für die Identifikation der Gegenwart könnten sich Themen der «meistgelesenen» Beiträge in Tageszeitungen eignen, schreibt Hans Ulrich Gumbrecht, emeritierter Albert-Guérard-Professor für Literatur an der Stanford University und Distinguished Emeritus Professor an der Universität Bonn in der NZZ vom 17. Juli 2025. Die als meistgelesen ausgezeichneten Themen haben neben jeweils lokalen Ereignissen Tag für Tag beinahe ausschliesslich mit Donald Trump zu tun, und das «Phänomen Trump» scheint sich gegen ernsthafte historische Analysen zu sperren. Gerade in diesem Desinteresse an einer historischen Identität der Gegenwart und in der Oberflächlichkeit einschlägiger Meinungen kommt paradoxerweise ein übergreifendes Symptom für die Signatur des einundzwanzigsten Jahrhunderts zum Vorschein. Die neue Zeitlichkeit hat die früher zur Verwirklichung von Menschheitsprojekten offen gehaltene Zukunft durch ein Panorama vielfältiger auf uns zukommender Bedrohungen ersetzt – von ökologischen Krisen bis zur Versklavung durch künstliche Intelligenz.

Künstliche Intelligenz KI überholt uns
Mit der Einführung elektronischer Suchmaschinen um 1995 hatte individuell erworbenes, bewahrtes und beständig erweitertes Wissen seine sprichwörtlich gewordene Macht verloren. Bald entlasteten funktional ausgerichtete Programme die Menschen auch weitgehend vom Gebrauch ihres Wissens und lösten damit eine bis heute unbewältigte Krise der überkommenen Bildungsinstitutionen aus. Schliesslich wurde um 2012 zum ersten Mal «deep learning» beobachtet, das heisst eine von menschlichen Interventionen unabhängige Selbstoptimierung der Programme durch Algorithmen. Dadurch ist KI zu einer einschüchternden Konkurrenz für den menschlichen Geist geworden, der nach kompetenten Prognosen während des nächsten Jahrzehnts vom Rechner überholt werden wird, schreibt Gumbrecht weiter. Damit muss der von Descartes’ kanonischem Satz «cogito ergo sum» (ich denke, also bin ich) vorausgesetzte Anspruch, dass allein der Mensch autonom denken kann, trotz aller Sehnsucht nach Ausflüchten und Beschönigungen seine Gültigkeit verlieren.

Yayoi Kusama (96) im «Yellow Tree furniture room» auf der Aich Triennale, Nagoya, Japan, 2010. Fondation Beyeler Riehen, 2025. Bild: © Yayoi Kusama Studio Inc.

Die Sinnhaftigkeit von Arbeit
In diesem Kontext von geopolitischen Veränderungen und technologischen Entwicklungen sind die Auswirkungen auf den aktuellen Arbeitsmarkt zu verorten. Albert Steck (57) analysiert dies näher in der NZZ vom 22. September 2025 unter dem Titel: «Die Gen Z (1997 bis 2012) stellt hohe Ansprüche an den Job – fühlt sich selbst aber oft überfordert». Basierend auf Gesprächen mit Personalverantwortlichen weiss er, wie junge Bewerbende, die einen neuen Job erhalten hätten, am ersten Arbeitstag gar nicht auftauchten. Sei es, weil sie ein besseres Angebot bekommen oder es sich schlicht anders überlegt hätten. Oder wie Kandidat:innen den oftmals automatisierten, unpersönlichen Bewerbungsprozess unvermittelt abbrechen und so die Methoden vieler Firmen kopieren. Wer sich im Job nicht zufrieden oder ernst genommen fühlt, reicht auch mal abrupt seine Kündigung ein. «Die Generation Z tritt mit einem grösseren Selbstbewusstsein auf dem Arbeitsmarkt auf als ihre Vorgänger», sagt der Geschäftsführer der Zürcher Agentur Klar Employer Branding, Christian Dietrich. «Gleichzeitig hat diese Generation auch höhere Erwartungen in Bezug auf die Karriere, die Flexibilität im Job sowie die Sinnhaftigkeit ihres Berufes.»

Sorgen um den technologischen Wandel
Der Co-CEO der Beratungsfirma Consult & Pepper, Dominik Huber weiss, dass sich junge Leute eher getrauten, kritische Fragen zu stellen: «Sie sind es nicht gewohnt, stillschweigend Befehle entgegenzunehmen, wie dies früher in einem hierarchischen Umfeld üblich war. Sie erwarten eine Erklärung für das Warum hinter ihrer Tätigkeit.» Die Ansprüche der Jungen stehen zudem im Widerspruch zur hohen Belastung, welche sie im Berufsleben vielfach empfinden. Die Nachwuchskräfte brächten zwar einen guten schulischen Rucksack mit, so Christian Dietrich, dafür seien sie weniger stressresistent. «In unserer Untersuchung sehen wir ebenfalls, dass ihnen der rasche technologische Wandel Sorgen bereitet.» So fürchtet sich jeder Zweite vor schädlichen Auswirkungen der künstlichen Intelligenz, und jede Dritte erwartet gar einen Stellenabbau. Die Gefahr besteht, dass wir «Alten» zusehen müssen, wie handwerkliche Tradition genauso ausstirbt wie anderes kulturelles Wissen, das seit Tausenden von Jahren weitergegeben wird.

Arbeit wird neu definiert
KI verändert die Aufgaben von Mitarbeitenden, die benötigten Talente und die Art und Weise, wie Teams interagieren, rasant und radikal. Unternehmen können den Wandel aktiv mitgestalten. Die Autoren Julie Bedard, Elizabeth Lucero, Ruth Ebeling, Frank Breitling, Consuelo Garcia-Garcia, und Ayush Sakhuja der BCG Boston Consulting Group beschreiben in ihrem Beitrag vom 15. September 2025, wie die Tech-Mitarbeitenden wegen ihrer Nähe zur Technologie als Erste betroffen sind. Die Entwicklung ihrer Arbeit dient als Modell für Veränderungen in allen Berufsfeldern. Die meisten Unternehmen befinden sich noch in der frühen Phase der werkzeugbasierten KI-Einführung. Eine kleinere Gruppe bewegt sich in der Abwicklung arbeitsteiliger Vorgänge, beziehungsweise Geschäftsprozesse mit dem Ziel grösstmöglicher Effizienz. Der nächste Horizont ist die agentengesteuerte Orchestrierung, bei der KI die End-to-End-Ausführung übernimmt und Menschen Strategie und Kontrolle steuern.

Rollen erweitern und verschmelzen. Funktionale Grenzen verschwinden
Was sich heute fortschrittlich anfühlt, wird spätestens 2030 zur Standardausrüstung gehören. Um die Nase vorn zu behalten, müssen Unternehmen wissen, wo sie stehen, und entsprechend handeln. Arbeit wird neu definiert. KI übernimmt die Ausführung und gibt menschlichen Teams den Freiraum, sich auf Strategie, Design und Kontrolle zu konzentrieren. Teams und Organisationen werden umstrukturiert. Traditionelle Pyramiden weichen flacheren, KI-gestützten Pods, wodurch der Bedarf an Junior-, Koordinator- und Managerrollen neu definiert wird. Die Fähigkeiten verändern sich. KI-Kompetenz wird in allen Rollen unverzichtbar, ebenso wie Systemdenken, Problemdefinition und ein gutes Urteilsvermögen. Erfolg hängt zunehmend von Urteilsvermögen, systemischem Denken und der Fähigkeit ab, Maschinen zu lenken, nicht nur die Arbeit zu erledigen. Traditionelle Pyramiden weichen agilen Pods, in denen erfahrene Talente und KI direkt zusammenarbeiten, um Ergebnisse zu erzielen Eine nachhaltige – sogar exponentielle – Wirkung ist möglich, erfordert aber nicht nur die Einführung von KI, sondern auch die Mitwirkung der Menschen, die sie steuern, regulieren und verstärken. Erfahrene und kompetente «Alte» agieren dabei als Mentoren oder Sparringspartner in altersgemischten Teams.

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#436 – Glückliche «Alte»

Früher war alles besser
«Die verzagte Generation: Früher war alles besser, sagen heute nicht mehr die «Alten» – sondern das denken insgeheim die Jungen» Nach den Klimastreiks und Corona ist es ruhig geworden um die junge Generation. Von der Politik wird sie derweil immer deutlicher benachteiligt, zugunsten der Babyboomer. Was für Auswirkungen hat das auf die Weltsicht junger Menschen? Davon handelt der Beitrag von Patrizia Messmer und Alain Zucker, NZZ am Sonntag vom 6. September 2025. Wir «Alten» (Babyboomer) haben Glück gehabt. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg ging es wirtschaftlich und finanziell für die meisten von uns nur aufwärts. Wir konnten von unseren Eltern ein Vermögen erben und leben in sicheren Verhältnissen. Das Thema, dass Babyboomer nur auf sich selbst schauen – und Politik für die Alten machen, treibt die Jungen um. Es reicht von den Corona-Massnahmen bis zur 13. AHV-Rente, von der Abschaffung des Eigenmietwertes für Hauseigentümer bis zum Versuch, die Renten für Ehepaare zu erhöhen. Sie sehen, wo die Prioritäten liegen – sicher nicht bei ihnen. Statt des Klimas werden die Renten geschützt, dass Politiker das Wort «Generationengerechtigkeit» in den Mund nehmen, während sie den Jungen immer mehr Lasten aufbürden, halten viele nur noch für zynisch. Spricht man mit ihnen über ihren Frust, schwingt da auch immer eine Prise Eifersucht auf die Boomer mit, auf eine Zeit, die man selbst nie erlebt hat, aber von den Eltern und Grosseltern kennt. Es gibt unter den Jungen einen gewissen Neid auf die Stabilität, die die Boomer erlebt haben. Die Karriere war planbar, das Leben angenehm, gerade für die Männer, die nach Feierabend die Beine hochlagern konnten.

Niki de Saint Phalle (1930-2002): une balistique de l’objet, 1994, © Niki Charitable Art Foundation

Glück braucht harte Arbeit
«Glück ist kein Zufall, sondern harte Arbeit. Das Gute ist: Es gebe Regeln dafür, sagt ein weltweit führender Forscher» im Interview mit Nicole Althaus, NZZ am Sonntag vom 21. Juni 2025. Jeder Lebensabschnitt habe sein eigenes Rezept, sagt der Harvardprofessor und Sozialwissenschafter Arthur C. Brooks (61). Er weiss das. Nicht zuletzt, weil er selber lange unglücklich war. Er will Menschen inspirieren, nicht desillusionieren. Also kein Sarkasmus, kein Klagen über den Zustand der Welt, sondern Dinge machen die unsere Neugierde befriedigt oder uns herausfordert. Brooks ist sich durchaus bewusst, dass man sich das leisten können muss. Das Engagement für etwas jenseits des eigenen Bauchnabels macht jedoch glücklich. Wir «Alten» wissen aus Erfahrung, dass Glück eine Fähigkeit ist, in die man investieren muss. Die Jungen sind da besonders gefordert, in unserer Kultur, welche die Befindlichkeit ins Zentrum stellt. Langweile wird mit dem Smartphone oder Netflix ausgemerzt. Frust mit Shopping aus der Welt geschafft. Es ist heute sehr einfach geworden, jedes Bedürfnis sofort zu befriedigen. Jeder Kränkung aus dem Weg zu gehen. Glück aber gibt’s nicht schnell, schnell, schnell. Arthur C. Brooks erwähnt, basierend auf derzeit gültigen Forschungsdaten, wie Langeweile beziehungsweise Zeit, die nicht mit Ablenkung gefüllt ist, im Hirn das «default mode network» aktiviert, das es für den inneren Denkprozess und die Reflexion über Sinnfragen braucht. Sie sind wichtig. Denn im Unterschied zum Tier realisiert der Mensch eben auch, dass andere schöner, klüger, schneller sind und alles vergänglich ist. Das ist schmerzhaft, aber urmenschlich und braucht keinen Psychiater.

Glückliche «Alte» in der Zeit des Seins
Brooks rät seinen Studierenden, wenigstens einmal am Tag das Handy für ein, zwei Stunden zu Hause zu lassen, spazieren zu gehen und über eine wichtige Frage nachzudenken. Er rät jungen Menschen, Nächte durchzutanzen, tagelang mit Freunden zu philosophieren, sich zu verlieben, Körbe zu bekommen, vor Liebeskummer zu heulen wie ein Schlosshund, zu leben und zu leiden statt auf einer App auf ein Match zu warten, das auf ein paar ähnlich beantworteten Fragen und dem Äusseren beruht. Das Geheimnis vorab in der zweiten Lebenshälfte heisst Sein, nicht Machen, denn das englische Wort für Mensch ist «human being», nicht «human doing». Die Forschung zeigt: Mit etwa 39 erreicht die fluide Intelligenz ihren Höhepunkt, von da an geht’s abwärts. Geistig und körperlich. Das gilt es zu akzeptieren. Im Schatten der fluiden Intelligenzkurve baut sich jedoch die zweite, die kristalline Intelligenz langsam auf und nimmt bis Ende 50 stetig zu. Sie beruht auf Wissen, Erfahrung und dem Erkennen von Strukturen. Diese Form der Intelligenz passt besser zu uns «Alten», als zum dynamischen Unternehmer. Wir springen von der ehrgeizigen Ich-Kurve zur zwischenmenschlich orientierten Wir-Kurve. Wir können innerhalb unseres Jobs den Fokus wechseln, den jüngeren Kolleg:innen ein Mentor oder eine Mentorin sein. Diese zweite Intelligenzkurve macht glücklicher. Es ist die Zeit des Seins, des Nicht-mehr-alles-Müssens. Und es ist die Zeit der Ernte. Nur zu wissen, wie man glücklich wird, reicht eben nicht. Man muss sein Leben strategisch und konsequent danach ausrichten. Immer wieder neu.

Sich selbst als Marke positionieren
Auf LinkedIn, 3. September 2025, präsentierte Daniel Ruf, Karrierestrategien für Leaders & Executives, seine Einschätzung zum aktuellen Arbeitsmarkt. Unter dem Titel: «Schluss mit der Schokoladenseite des Arbeitsmarktes – es wird wieder härter» beschrieb er wie in den letzten Monaten die Bewerberzahlen rapide ansteigen. Während vor 12 bis 18 Monaten Unternehmen um Talente kämpften und überall die Rede von «Fachkräftemangel» war, hat sich das Blatt gewendet. Die Karten werden neu gemischt. Die Unsicherheit in der Wirtschaft spiegelt sich in der Dynamik des Arbeitsmarktes wider. Unternehmen haben plötzlich die Qual der Wahl, während Kandidat:innen sich intensiver beweisen müssen. Zwar besteht immer noch ein Fachkräftemangel, aber die Spielregeln bei der Stellensuche ändern sich schneller als viele dachten. Jetzt ist die Zeit, seine Strategie zu schärfen. Um die gewünschte Stelle zu erhalten, braucht es einen Lebenslauf der seine Stärken klar kommuniziert. Eine Erzählung, die im Kopf bleibt. Und eine Positionierung, die sich von der Masse abhebt. Ohne das wird es schwer. Denn wenn die Bewerberzahlen steigen, setzen sich am Ende nur diejenigen durch, die wissen, wie man sich als Marke präsentiert. Da ist es wichtig, seinen Wert zu kennen und sich selber gegenüber ehrlich zu sein. Eine Portion Glück gehört ohnehin dazu.

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