Blog, Industrie 4.0

#436 – Glückliche «Alte»

Früher war alles besser
«Die verzagte Generation: Früher war alles besser, sagen heute nicht mehr die «Alten» – sondern das denken insgeheim die Jungen» Nach den Klimastreiks und Corona ist es ruhig geworden um die junge Generation. Von der Politik wird sie derweil immer deutlicher benachteiligt, zugunsten der Babyboomer. Was für Auswirkungen hat das auf die Weltsicht junger Menschen? Davon handelt der Beitrag von Patrizia Messmer und Alain Zucker, NZZ am Sonntag vom 6. September 2025. Wir «Alten» (Babyboomer) haben Glück gehabt. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg ging es wirtschaftlich und finanziell für die meisten von uns nur aufwärts. Wir konnten von unseren Eltern ein Vermögen erben und leben in sicheren Verhältnissen. Das Thema, dass Babyboomer nur auf sich selbst schauen – und Politik für die Alten machen, treibt die Jungen um. Es reicht von den Corona-Massnahmen bis zur 13. AHV-Rente, von der Abschaffung des Eigenmietwertes für Hauseigentümer bis zum Versuch, die Renten für Ehepaare zu erhöhen. Sie sehen, wo die Prioritäten liegen – sicher nicht bei ihnen. Statt des Klimas werden die Renten geschützt, dass Politiker das Wort «Generationengerechtigkeit» in den Mund nehmen, während sie den Jungen immer mehr Lasten aufbürden, halten viele nur noch für zynisch. Spricht man mit ihnen über ihren Frust, schwingt da auch immer eine Prise Eifersucht auf die Boomer mit, auf eine Zeit, die man selbst nie erlebt hat, aber von den Eltern und Grosseltern kennt. Es gibt unter den Jungen einen gewissen Neid auf die Stabilität, die die Boomer erlebt haben. Die Karriere war planbar, das Leben angenehm, gerade für die Männer, die nach Feierabend die Beine hochlagern konnten.

Niki de Saint Phalle (1930-2002): une balistique de l’objet, 1994, © Niki Charitable Art Foundation

Glück braucht harte Arbeit
«Glück ist kein Zufall, sondern harte Arbeit. Das Gute ist: Es gebe Regeln dafür, sagt ein weltweit führender Forscher» im Interview mit Nicole Althaus, NZZ am Sonntag vom 21. Juni 2025. Jeder Lebensabschnitt habe sein eigenes Rezept, sagt der Harvardprofessor und Sozialwissenschafter Arthur C. Brooks (61). Er weiss das. Nicht zuletzt, weil er selber lange unglücklich war. Er will Menschen inspirieren, nicht desillusionieren. Also kein Sarkasmus, kein Klagen über den Zustand der Welt, sondern Dinge machen die unsere Neugierde befriedigt oder uns herausfordert. Brooks ist sich durchaus bewusst, dass man sich das leisten können muss. Das Engagement für etwas jenseits des eigenen Bauchnabels macht jedoch glücklich. Wir «Alten» wissen aus Erfahrung, dass Glück eine Fähigkeit ist, in die man investieren muss. Die Jungen sind da besonders gefordert, in unserer Kultur, welche die Befindlichkeit ins Zentrum stellt. Langweile wird mit dem Smartphone oder Netflix ausgemerzt. Frust mit Shopping aus der Welt geschafft. Es ist heute sehr einfach geworden, jedes Bedürfnis sofort zu befriedigen. Jeder Kränkung aus dem Weg zu gehen. Glück aber gibt’s nicht schnell, schnell, schnell. Arthur C. Brooks erwähnt, basierend auf derzeit gültigen Forschungsdaten, wie Langeweile beziehungsweise Zeit, die nicht mit Ablenkung gefüllt ist, im Hirn das «default mode network» aktiviert, das es für den inneren Denkprozess und die Reflexion über Sinnfragen braucht. Sie sind wichtig. Denn im Unterschied zum Tier realisiert der Mensch eben auch, dass andere schöner, klüger, schneller sind und alles vergänglich ist. Das ist schmerzhaft, aber urmenschlich und braucht keinen Psychiater.

Glückliche «Alte» in der Zeit des Seins
Brooks rät seinen Studierenden, wenigstens einmal am Tag das Handy für ein, zwei Stunden zu Hause zu lassen, spazieren zu gehen und über eine wichtige Frage nachzudenken. Er rät jungen Menschen, Nächte durchzutanzen, tagelang mit Freunden zu philosophieren, sich zu verlieben, Körbe zu bekommen, vor Liebeskummer zu heulen wie ein Schlosshund, zu leben und zu leiden statt auf einer App auf ein Match zu warten, das auf ein paar ähnlich beantworteten Fragen und dem Äusseren beruht. Das Geheimnis vorab in der zweiten Lebenshälfte heisst Sein, nicht Machen, denn das englische Wort für Mensch ist «human being», nicht «human doing». Die Forschung zeigt: Mit etwa 39 erreicht die fluide Intelligenz ihren Höhepunkt, von da an geht’s abwärts. Geistig und körperlich. Das gilt es zu akzeptieren. Im Schatten der fluiden Intelligenzkurve baut sich jedoch die zweite, die kristalline Intelligenz langsam auf und nimmt bis Ende 50 stetig zu. Sie beruht auf Wissen, Erfahrung und dem Erkennen von Strukturen. Diese Form der Intelligenz passt besser zu uns «Alten», als zum dynamischen Unternehmer. Wir springen von der ehrgeizigen Ich-Kurve zur zwischenmenschlich orientierten Wir-Kurve. Wir können innerhalb unseres Jobs den Fokus wechseln, den jüngeren Kolleg:innen ein Mentor oder eine Mentorin sein. Diese zweite Intelligenzkurve macht glücklicher. Es ist die Zeit des Seins, des Nicht-mehr-alles-Müssens. Und es ist die Zeit der Ernte. Nur zu wissen, wie man glücklich wird, reicht eben nicht. Man muss sein Leben strategisch und konsequent danach ausrichten. Immer wieder neu.

Sich selbst als Marke positionieren
Auf LinkedIn, 3. September 2025, präsentierte Daniel Ruf, Karrierestrategien für Leaders & Executives, seine Einschätzung zum aktuellen Arbeitsmarkt. Unter dem Titel: «Schluss mit der Schokoladenseite des Arbeitsmarktes – es wird wieder härter» beschrieb er wie in den letzten Monaten die Bewerberzahlen rapide ansteigen. Während vor 12 bis 18 Monaten Unternehmen um Talente kämpften und überall die Rede von «Fachkräftemangel» war, hat sich das Blatt gewendet. Die Karten werden neu gemischt. Die Unsicherheit in der Wirtschaft spiegelt sich in der Dynamik des Arbeitsmarktes wider. Unternehmen haben plötzlich die Qual der Wahl, während Kandidat:innen sich intensiver beweisen müssen. Zwar besteht immer noch ein Fachkräftemangel, aber die Spielregeln bei der Stellensuche ändern sich schneller als viele dachten. Jetzt ist die Zeit, seine Strategie zu schärfen. Um die gewünschte Stelle zu erhalten, braucht es einen Lebenslauf der seine Stärken klar kommuniziert. Eine Erzählung, die im Kopf bleibt. Und eine Positionierung, die sich von der Masse abhebt. Ohne das wird es schwer. Denn wenn die Bewerberzahlen steigen, setzen sich am Ende nur diejenigen durch, die wissen, wie man sich als Marke präsentiert. Da ist es wichtig, seinen Wert zu kennen und sich selber gegenüber ehrlich zu sein. Eine Portion Glück gehört ohnehin dazu.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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#344 – Wir «Alten» resümieren den Lebenslauf

Die Prämisse: KI verändert die Arbeitswelt
Die durchschnittliche Halbwertszeit von Fertigkeiten beträgt mittlerweile weniger als fünf Jahre. (Siehe auch Blog 340: https://kompetenz60plus.ch/340-veraltetes-wissen-erfahrene-alte/ vom 16. Oktober 2023). Viele Wissensarbeiter werden feststellen, dass KI und andere neue Technologien ihre Arbeitsweise verändert haben. Im Jahr 2019 prognostizierte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dass neue Automatisierungstechnologien innerhalb von 15 bis 20 Jahren wahrscheinlich 14 % der Arbeitsplätze weltweit abbauen und 32 % davon radikal verändern würden. Diese ernüchternden Zahlen, an denen mehr als eine Milliarde Menschen weltweit beteiligt sind, erklärten noch nicht einmal den plötzlichen Aufstieg der generativen KI.

Arbeiten ist Leben
Peter Brabeck-Letmathe (79), ehemaliger Konzernchef und Präsident des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé von 1997-2008 stört sich im Interview mit Dieter Bachmann und Matthias Benz in der NZZ vom 8. November 2023, am Wort «Arbeit». Für ihn war Arbeit immer gleich Leben, das war für ihn nie ein Widerspruch. Deshalb finde er auch das heutige Gerede von der Work-Life-Balance Blödsinn. Es suggeriert, dass das eine schlecht und das andere gut sei und man es ausbalancieren müsse. Deshalb ist sein Ratschlag dieses Sprichwort: Suche dir die Tätigkeit, die dir am besten liegt und die dir Spass macht, und du wirst nie arbeiten müssen.

Der Lebenslauf
«Die Arbeit hat sich verändert. Warum bleiben die Lebensläufe gleich?» fragt Nicos Marcou, HR executive, im Beitrag auf TEDxBayonne • April 2022. Lebensläufe sind ein schrecklicher Massstab zur Beurteilung wie wir arbeiten, zudem entwickelt sich die Arbeitswelt ständig weiter. Während wir früher, zehn Jahre nach Beginn unserer Karrieren, höchstens zwei bis drei Jobs hatten, ist es mittlerweile üblich, einmal im Jahr den Job zu wechseln und gleichzeitig noch mehreren Nebenbeschäftigungen nachzugehen. Weshalb verfassen wir unsere Lebensläufe immer noch so, wie wir das einst in der Schule gelernt haben. Gehören Hobbys und Interessen aufgeführt, oder lässt man sie besser weg, vor allem wenn sie seltsam sind. Warum werden Menschen wegen etwas so Dummem, wie der Aktualisierung eines Lebenslaufs nervös? Wir versuchen, uns für die Traumstelle zu bewerben, und sind besessen von jedem Punkt und jedem Detail. Es soll der ideale Lebenslauf sein, als ob es diesen gäbe. Je nachdem, wen man fragt, sollte der Lebenslauf nur eine Seite lang sein. Andere sagen, zwei Seiten lang, optisch ansprechend gestaltet. Nicht zu viel Leerraum, aber auch nicht zu viel Text soll das Schreiben haben, sonst sieht es einfach zu unübersichtlich aus. Und dann geht es noch um die Verwendung einer attraktiven Schriftart, wie Arial oder Helvetica, die bei der Jobsuche besser helfen soll als die langweilige Times New Roman.

KI selektioniert die Bewerbungen
Die grösste Innovation bei Lebensläufen war die Konvertierung von Papier zu PDF, findet Nicos Marcou. Zu den Innovationen gehören Bewerber-Tracking-Systeme, Bots und KI künstliche Intelligenz, welche Tausende und Abertausende Lebensläufe nach Schlüsselwörtern durchsuchen, die zur Stellenbeschreibung passen. Obwohl wir unseren Lebenslauf sorgfältig vorbereiten, im Glauben, dass er von einem Menschen überprüft wird, wird dieser oft von der KI abgelehnt, bevor er überhaupt eine Person erreicht. Für uns «Alte» gehören aus der Zeit gefallene Vornamen, Altersguillotinen oder Bildanalysen zu den grossen, oft unüberwindlichen Hürden in diesen Systemen. Und doch stellen wir Bewerbende weder das Werkzeug noch den Prozess selbst in Frage. Schummeln beim den Altersangaben, beim Geschlecht oder der Ethnizität führen ebenfalls nicht zum gewünschten Erfolg. Studien haben gezeigt, dass Kandidaten bereits in den Dreissigern bei Lebensläufen mit Altersdiskriminierung konfrontiert sind. Man kann sich nur Vorstellen, wie es für jemanden ist, der aus dem Ruhestand kommt und sich mit einem Bluewin-E-Mail-Konto bewirbt.

1487: Der «Vitruvianische Mensch» von Leonardo da Vinci – Studie über menschliche Proportionen, Bild: wallpaper

Sein Leben auf einem Blatt Papier
Der Druck, seine Erfahrungen auf einem Blatt Papier festzuhalten, kann auch für gestandene «Alte» zu gross sein. Zur Illustration erwähnt Nicos Marcou folgendes Beispiel: Im Jahr 1482 hörte ein junger Mann, dass die Region Mailand einen Ingenieur suchte, und so tat er, was Bewerber tun. In dem vermutlich ersten Lebenslauf, der jemals erstellt wurde, schrieb er seine Fähigkeiten und Ziele sowie deren Zusammenhang mit der Rolle auf. Dieser junge Mann war Leonardo da Vinci. Obwohl einer der talentiertesten Menschen, der jemals auf dieser Erde gelebt hat, schrieb er nichts über seine bisherigen Erfolge. Er war der Vater der Architektur und Paläontologie, ein erfahrener Botaniker, Astronom und Kartograph. Der Typ, der die Mona Lisa gemalt hat. Wenn man jedoch einen Blick auf seinen Lebenslauf wirft, würde man nie vermuten, dass er in der Lage ist, irgendetwas davon zu erreichen. Also brauchen wir bei der Personalsuche eine neue Herangehensweise. Denn wenn Lebensläufe es nicht schaffen, die Genialität und das Potenzial von jemandem wie Da Vinci einzufangen, warum glauben wir dann, dass es für uns funktionieren wird?

Motivationsschreiben sind schrecklich
Warum verlangen wir in einer Zeit, in der wir Authentizität und Kreativität feiern, etwas so Konformes und Langweiliges? Lebensläufe zwingen uns nicht nur dazu, über unsere Erfahrungen zu lügen, sie zwingen uns auch dazu, alberne Begriffe zu verwenden wie «orchestriert» oder «gelenkt», die wir im Rahmen eines echten Gesprächs niemals verwenden würden. [Nicht erwähnt sind hier die immergleichen und völlig hirnlosen Stelleninserate]. Ein besserer Einsatz von Technologie, mehr Kreativität und unterschiedliche Bewerbungsmöglichkeiten führen nicht nur zu einem besseren Talentpool, sondern auch zu einem viel gerechteren Arbeitsplatz. Anschliessend geht es darum, Vertrauen und eine Kultur der Zugehörigkeit aufzubauen. Letztendlich gibt es bessere Alternativen als den Lebenslauf, aber vielleicht müssen wir nicht ganz darauf verzichten. Wenn die Betriebskultur integrativ ist, lässt man die Leute wählen, wie sie sich bewerben möchten, damit sie ihre Erfahrung individuell gestalten und ihr Bestes geben können. Von Da Vinci lernen wir, dass wir uns nicht durch unseren Lebenslauf definieren müssen. Und sobald die Arbeitgebenden dies erkennen, werden wir damit beginnen, Arbeitsplätze zu schaffen, an denen sich die Kandidaten schon vor ihrem Beitritt willkommen fühlen. Ausserdem haben wir genug Zeit, Anschreiben und Motivationsschreiben zu überdenken, denn die sind wirklich schrecklich.

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