Ab wann ist alt zu alt?
«Ich finde dein Engagement grossartig und es ist schön, dass du als jungebliebener «Alter» so bereitwillig deine Erfahrung teilst», schrieb ein Mentee letzte Woche. Politiker:innen sollen mehr Lachen, jünger sein und Vitalität ausströmen. Nicht auf die Inhalte kommt es an, sondern auf die Medientauglichkeit und visuelle Vermarktbarkeit von Kandidat:innen. Was wir derzeit im US-Wahlkampf allgemein miterleben, ist eine Altersdiskussion die auf Oberflächlichkeiten beruht. Uns «Alten» werden Fähigkeiten wie Ausdauer, Kompetenz, Engagement oder kritisches Denken nicht mehr zugetraut. In ihrem Beitrag in der NZZ vom 28.07.2024, stellt Janique Weder die Frage: «CEO, 90 Jahre und keine Absicht, zurückzutreten – wie alt ist zu alt, um ein Unternehmen zu führen?» Wenn die Frage für Politiker diskutiert wird, kann sie auch für eine andere Führungsposition gestellt werden: den CEO. Nicht nur Bernard Arnault (75), CEO von LVMH, arbeitet im hohen Alter weiter. Giorgio Armani ist neunzig Jahre alt und der Chef von seinem Modehaus. Robert Greenberg führt die Turnschuhfirma Skechers im Alter von 84 Jahren. Und dann ist da natürlich der legendäre Warren Buffett, 93 Jahre alt und Geschäftsführer von Berkshire Hathaway. Sie alle führen erfolgreich ein Unternehmen, sie sind längst im Pensionsalter, und sie zeigen keine Absicht, demnächst einmal zurückzutreten. Mike Martin, Professor für Gerontopsychologie an der Universität Zürich, findet «wie alt ist zu alt, um ein Unternehmen zu führen?» die falsche Frage. Für Martin gibt es keinen Grund, warum Personen fast jeden Alters nicht über die gleichen Fähigkeiten wie andere verfügen oder über höhere. Martin drückt es so aus: «Es gibt 85-Jährige, die 100 Meter schneller laufen als Sie und ich.» Das chronologische Alter, also der zeitliche Abstand von der Geburt, sei in der Regel ein schlechter Prädikator, um die Leistungsfähigkeit einer Person zu beurteilen, sagt Martin.

Eine Eigenschaft von vielen
Einzelne Eigenschaften wie Schnelligkeit, Koordination oder Greifkraft würden sich bei Menschen ab 65 Jahren stark unterscheiden. Sie liessen keine generellen Aussagen über eine Gruppe zu. Martin sagt: «Immer dann, wenn wir versuchen, bei Menschen aufgrund eines einzigen Merkmals, etwa ihres Alters, auf die unterschiedlichsten Fähigkeiten zu schliessen, liegen wir in der Mehrzahl der Fälle daneben.» Janique Weder erwähnt Beatrix Horni, Psychotherapeutin und Vizepräsidentin des Verbands Gerontologie CH. Sie sagt: «Ältere Menschen sind die heterogenste Gruppe von Menschen, die es gibt.» Ob jemand im Alter von neunzig Jahren noch fähig sei, ein Unternehmen zu führen, oder nicht, lasse sich nicht sagen. Dafür müsse man immer den Gesundheitszustand der Einzelnen betrachten. Mehr als ein Drittel der über 90-Jährigen ist dement. Das heisst aber auch, dass zwei Drittel ein gesundes Gehirn haben. Doch auch gesunde Gehirne verändern sich im Alter.
Mehr Erfahrung, weniger Tempo
Die Forschung unterscheidet zwischen einer flüssigen und einer kristallinen kognitiven Leistung. Mit flüssiger kognitiver Leistung sind Funktionen gemeint, die sich auf die Geschwindigkeit des Denkens beziehen: Wie schnell verarbeitet jemand eine Information, wie lange kann er oder sie sich auf etwas konzentrieren, wie viele Dinge parallel erledigen? Bei der kristallinen kognitiven Leistung hingegen geht es um Dinge, die sich im Laufe eines Lebens erlernen lassen: Erfahrung, Allgemeinbildung, Wortschatz. Im Alter verschieben sich diese Leistungen. Der flüssige Anteil nimmt ab, die kristalline Intelligenz bleibt erhalten oder nimmt zu. Führungspersonen seien es gewohnt, vor Menschen aufzutreten, strategisch zu denken, Entscheide zu fällen, sagt Beatrix Horni. Zurücktreten bedeutet, das Zentrum der Aufmerksamkeit zu verlassen. Der Ruhestand gibt einem alle Zeit der Welt, aber er neigt dazu, Menschen an den Rand zu drängen.
CEO werden älter
Janique Weder verweist auf einen Report des Headhunters Guido Schilling der zeigt, wie das obere Kader von Schweizer Unternehmen immer älter wird. Die Geschäftsleitungsmitglieder der hundert grössten Arbeitgeber des Landes sind im Durchschnitt 53 Jahre alt. Im Jahr 2011 lag diese Zahl noch bei 50 Jahren. Am stärksten ist das Durchschnittsalter der CEO gestiegen: Es liegt derzeit bei 55 Jahren, im Jahr 2012 waren es noch 52 Jahre. Am ältesten sind die Verwaltungsratspräsidenten mit durchschnittlich 63 Jahren. Der Gerontopsychologe Mike Martin sagt: «Die Frage ist nicht, ab wann eine Person zu alt ist für eine Führungsaufgabe, sondern was sie leisten können muss, um diese Aufgabe zu erfüllen.» Wer ein hohes Alter automatisch mit einer geringeren Leistung gleichsetze, mache einen Fehler. Und: «Er schränkt den Pool von talentierten Kandidatinnen und Kandidaten unnötig ein», sagt Martin. Auch die Psychotherapeutin Beatrix Horni rät, die positiven Seiten von älteren Führungskräften zu sehen. Das seien oft Menschen mit einer hohen Motivation und überdurchschnittlichem Engagement. «Viele von ihnen machen weiter, weil sie ihren Selbstwert aus ihrer Arbeit ziehen.»
«Alte» in einer automatisierten Zukunft
Wenn wir uns manchmal Sorgen um unseren eigenen Platz in einer automatisierten Zukunft machen, haben wir einige Möglichkeiten: Wir können versuchen, mit den Maschinen zu konkurrieren. Wir können lange arbeiten und wir können uns in eine elegante, effiziente Produktivitätsmaschine verwandeln. Oder wir können uns auf unsere Menschlichkeit konzentrieren und die Dinge tun, welche die Maschinen nicht tun können, wie die menschlichen Fähigkeiten, die Kompetenz und Erfahrung, welche nur wir «Alten» besitzen, in unsere Arbeit einbringen. Anstatt zu versuchen, mit Maschinen zu konkurrieren, müssen wir unsere menschlichen Fähigkeiten wie Mitgefühl, kritisches Denken und moralischen Mut einbringen. Und wenn wir unsere Arbeit tun, sollten wir versuchen, sie so menschlich wie möglich zu tun.
kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!
Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch | Mail: werner@kompetenz60plus.ch |
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: kompetenz60plus
X: wernerkruegger | Instagram: wernerkruegger


