Blog, Industrie 4.0

#392 – Weiterbildung – Arbeiten im Alter

Wie weiter nach einem erfüllten Berufsleben?
Vorher voll im Berufsleben, eingespannt, total absorbiert, erfolgreich, angehäuft mit einem immensen Wissen – und jetzt? Mit dem Stellenverlust oder der Pensionierung den ganzen Tag zu Hause. Es gibt zwar viel zu tun, aber trotzdem immer wieder diese Krisen. Ich bin überzeugt, dass viele von uns «Alten» sich mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert sehen. Die sich auch darin zeigen, dass unsere Kräfte und die Energie etwas schwinden und wir nicht mehr so belastbar sind, wie vielleicht noch vor ein paar Jahren. Tatsächlich ist es so, dass wir «Alten» viel schneller gereizt sind, weil uns unsere Mängel (shortcomings) in gewissen Situationen bewusst werden. Wie geht man damit um? Welche Wege gibt es? Was braucht es, dass man diese «Unterforderung» geschmeidig und ohne depressive Phasen meistern kann? Genussvoll und befriedigt alt werden ohne seine berufliche Vergangenheit komplett auszublenden zu müssen ist das Ziel. Beschäftigt sein, denn «Arbeit» ist für unser Wohlbefinden und unseren Selbstwert zentral.

Der Mehrgenerationen-Arbeitsplatz
Zum ersten Mal in der neueren Geschichte Amerikas interagieren fünf Generationen am Arbeitsplatz, sagte die Sozialpsychologin Leah Georges anlässlich ihrer Präsentation auf der Plattform TEDxCreightonU (11:25) im April 2018. Die Veteranen, die zwischen 1922 und 1943 geboren wurden, kurz darauf folgten die Babyboomer, geboren zwischen 1944 und 1960. Die Generation X gilt als verlorene Generation der Schlüsselkinder, die zwischen 1961 und 1980 geboren wurden, eingequetscht zwischen den Babyboomern und der grossen Generation Y, den Millennials, geboren zwischen 1981 und 2000. In den letzten paar Jahren überholten die Millenials die Generation X als die nun grösste Generation in der Arbeitswelt. Und bald gesellt sich Generation Z dazu, geboren seit 2000, unsere Praktikantinnen oder Gymnasiasten. Nun aber behauptet Leah Georges, dass es diese Generationen und die damit verbundenen Vorurteile gar nicht gibt. Wir haben mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede bemerkt sie aus ihrer Arbeit. Menschen wollen Arbeit, die zählt, und Flexibilität, sie wollen Unterstützung und Anerkennung und besseren Kaffee. Aber nichts davon gilt nur für eine Generation. Sie hat beobachtet, wie 80-Jährige SMS schreiben und 23-Jährige Decken häkeln. Wenn man Menschen in deren Einzigartigkeit trifft, dort in der Welt, wo nur sie stehen, sprechen wir nicht mehr über eine Generation. Wir sprechen über Jim, Jen oder Candice. Dann arbeiten wir eines Tages nicht mehr mit Generationen. Wir arbeiten mit Menschen. Um die Schönheit des Mehrgenerationen-Arbeitsplatzes zu verstehen, müssen wir, gemäss Leah Georges, die Leute nur da treffen, wo sie sind.

Weiterbildung, Weiterbildung, Weiterbildung
Im Kontakt mit Gleichgesinnten dreht sich die Konversation vielfach um die neuen Technologien und was zu tun ist, um den Anschluss nicht zu verlieren. Ganz wichtig ist eine positive Einstellung gegenüber diesen Entwicklungen und das Interesse, seine Erfahrung in eine Generationsübergreifende Zusammenarbeit einzubringen. Sich gegenüber technischen Transformationen wie künstlicher Intelligenz KI kritisch zu positionieren, soll nicht dazu führen diese zu ignorieren. Weiterbildung hilft, denn die aktuellen Veränderungen betreffen uns alle und die unterschiedlichsten Prozesse. (Mehr dazu: Boston Consulting Group BCG October 08, 2024). Gerade für uns «Alte» überwiegen die Vorteile von KI, weil sie uns in den verschiedensten Situationen hilft. KI unterstützt den Wissenstransfer, indem wichtige Erkenntnisse aus jahrelanger Berufserfahrung in durchsuchbare Datenbanken überführt werden. KI-Werkzeuge zeichnen Gespräche und Erfahrungsberichte auf und strukturieren diese automatisch. Damit ermöglichen wir jüngeren Kolleg:innen, jederzeit typische Fragen zu Problemen und Lösungen zu stellen, wobei das System durch Feedback ständig dazu lernt. Implizites wird in explizites Wissen umgewandelt, indem erfahrene «Alte», welche die «ungeschriebenen Regeln» und informellen Abläufe kennen, diese identifizieren und in offizielle Prozesse integrieren. Wir «Alten» bringen unser Fach- und Erfahrungswissen ein, während wir vom Verständnis moderner Technologien der «jungen Wilden» profitieren und die KI als «Übersetzerin» zwischen verschiedenen Arbeitsweisen fungiert. KI-Werkzeuge machen Organisationen resistenter gegen Wissensverlust, weil wichtiges Know-how nicht verloren geht, wenn ältere Mitarbeitende in Pension gehen.

Niki de Saint Phalle (1930-2002), französische Bildhauerin: Aus der Serie «Les nanas», 1960-er Jahre

Wissen braucht Erfahrung
Erfahrung ist «Vergangenheit», Wissen muss man sich immer wieder neu aneignen. Gerade heute «veraltet» unser Wissen ganz schnell. Unser Netzwerk wird immer weniger, weil frühere Kontakte in Pension gehen oder in Todesanzeigen erscheinen. Wissen und Erfahrung sind verwandte Konzepte, aber nicht dasselbe. Wissen bezieht sich auf das theoretische oder konzeptionelle Verständnis eines bestimmten Themas oder Gegenstands, während sich Erfahrung auf die praktische Anwendung dieses Wissens in realen Situationen bezieht. Für Jean-Philippe Hagmann, Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW und Autor von «Hört auf, Innovationstheater zu spielen!», ist das Wissen über das Nicht-Wissen einer der stärksten Motoren für die Innovation. Mit dem Wissen ist es etwas paradox. Das Streben nach Wissen ist gut. Wissen hingegen nicht. Wer nämlich etwas weiss, braucht nicht mehr zu lernen. Und wer nicht mehr lernt, bleibt stehen. Wer eingesteht, fast nichts zu Wissen, aber nicht aufhört, nach Wissen zu streben, entdeckt Neues. So werden Innovationen geboren. Eine Innovation ist immer etwas Neues. Schliesslich liegt dem Begriff das lateinische «innovare», also «erneuern» zugrunde.

Menschen über 60 mit Führungserfahrung
Wir «Alten» mit Eigenschaften wie Führungserfahrung, sozialer Kompetenz und kommunikativen Fähigkeiten müssen demzufolge unseren Erfahrungsschatz zusammen im Team und dem Wissen von talentierten Jungen zur Gestaltung des Zukünftigen einsetzen. Wird für eine beabsichtigte Stelle ein Manager gesucht, also eine Person, die ein kreatives Team leiten soll, sind Menschen über 60 mit Führungserfahrung, sozialer Kompetenz, kommunikativen Fähigkeiten und Fachwissen gefordert. Diese Eigenschaften haben nur begrenzt mit Talent und wesentlich stärker mit dem Erfahrungsschatz zu tun. Erfahrungen beschreiben schliesslich immer Vergangenes. Manager gestalten das Zukünftige und müssen für das Team inspirierende Coaches sein, die wissen, unter welchen Bedingungen Kreativität entstehen kann. Sie beherrschen die Sprache des Managements und halten dem «Innovationsteam» den Rücken frei gegenüber «Linienmanagern» oder Firmeninhabern.

Wichtiger Austausch auf Augenhöhe
Die Zahl der Seniorinnen und Senioren ab 80 Jahren wird sich von 460’000 im Jahr 2020 auf 1,11 Millionen in 2050 mehr als verdoppeln. Was machen Frauen und Männer in der Schweiz mit diesem Geschenk und was sind die Konsequenzen für Wohnen, Arbeitswelt, Bildung und Politik? Der Austausch auf «Augenhöhe» mit jüngeren Menschen (auch Vorgesetzten) wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger, da man ja schon alles erlebt hat (so haben wir das immer gemacht). Wir «Alten» werden auch aus diesem Grund nicht überall geschätzt. Wir sind weniger flexibel, klammern uns an Abläufe, die uns gewohnt sind. Als Mentor:innen besteht für uns eine Möglichkeit mit jungen Menschen im Kontakt zu bleiben und auch Neues zu lernen. Damit beugt man Depressionen vor, wie das unnötige Fokussieren auf seine Situation als alter Mensch in einer Gesellschaft wo die Jungen den Takt vorgeben.

«Alte» auf Zeit
Ältere «Patrons» von KMU sind oft froh, sich mit jemandem auszutauschen der schon ähnliches wie sie erlebt hat. Wir «Alten» wurden in den letzten 40 Jahren mit tiefgreifenden Veränderungen konfrontiert, haben diese auch mit geprägt und verfügen über nützliche Erfahrung. Wir sind unabhängig und bereit für den sofortigen Einsatz ohne lange Einarbeitungszeit. Sei es als Hilfe bei der Erstellung eines Businessplans, beim Überbrücken von Führungsvakanzen, zur Unterstützung der Projektleitung bei dünnem Personalbestand oder in der Mediation von Konflikten. Wir bieten Hilfe für kleinere und mittlere Betriebe bei temporären Engpässen, unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Wir sind zwar nicht mehr im Zenit unseres Könnens, aber wohl im Zenit unserer Erfahrung und freuen uns, diese weiterhin konstruktiv einbringen zu können.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch | Mail: werner@kompetenz60plus.ch |
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#390 -«Alte» Führungskräfte oder Seilschaften

Kompetenz durch Erfahrung
Die Plattform «kompetenz60plus.ch» ist ein Netzwerk von und für uns «Alte», in einer zunehmend digitalisierten Welt. Nicht ganz einfach, denn viele Babyboomer haben sich nie wirklich mit den neuen Technologien angefreundet. Nicht wenige haben die Entwicklung bis zur Pensionierung «ausgesessen», in der Hoffnung, dass alles irgendwann vorbei und die Welt wieder in «Ordnung» sein wird. Das ist leider Wunschdenken. Aktuelle Entwicklungen führen uns vor Augen, wo unser Beitrag zur Nutzung der Werkzeuge von künstlicher Intelligenz KI wichtiger ist denn je. Wir müssen uns engagieren und Verantwortung für unsere Werte übernehmen, die Führung nicht den wenigen Technologiegiganten überlassen. Besuchen Sie dazu auch unsere zahlreichen «Kompetenzangebote» im Mitgliederverzeichnis der Plattform.

Wachstum als Führungskraft (Leadership)
In einer Welt des 21. Jahrhunderts, die globaler, digitaler und transparenter ist, in der Informationsflüsse und Innovationen schneller vorankommen und in der nichts Grosses ohne eine Art komplexe Matrix erreicht wird, hemmen traditionelle Entwicklungspraktiken das eigene Wachstum als Führungskraft. Traditionelle Bewertungen, wie Umfragen oder veraltete Leistungskriterien, führen zu falschen positiven Ergebnissen und lassen uns im Glauben, wir seien besser vorbereitet, als wir es tatsächlich sind. Unter dem Einfluss von KI haben sich die Machtverhältnisse ganz allgemein verschoben. Wir erfahren dies aktuell auch im erweiterten Kontext geopolitischer Vorkommnisse. KI prägt jeden Aspekt unseres Lebens – aber nur eine Handvoll Technologiegiganten haben ein Mitspracherecht bei der Frage, was diese Technologie leisten kann. Aus diesem Anlass äusserte sich die UN United Nations Organisation kürzlich zur KI künstlichen Intelligenz. In der TED AI Show vom September 2024 setzte sich Bilawal Sidhu (34) mit dem Geopolitikexperten Ian Bremmer (54) zusammen, um den Plan der UN zur «Governing AI for Humanity» zu diskutieren. Beim Bericht handelt es sich um die dringliche Notwendigkeit, KI so auszurichten, dass die Technologie allen zugutekommt und nicht nur den wenigen Mächtigen. Gemeinsam untersuchen Sidhu und Bremmer die Komplexität des rasanten Wachstums der KI weltweit und werfen einen klaren Blick auf die wichtigsten Entscheidungen, die uns als Führungskräfte in naher Zukunft bevorstehen.

Bild auf LinkedIn: Charles Patrick Ewing, Miami Minimal

KI ist ein zweischneidiges Schwert
Bremmer verwies auf die einerseits übermässig hochgejubelte Fähigkeit der KI, sowohl individuelle Kreativität als auch industrielle Innovation zu fördern. Auf der anderen Seite wird KI zu einem enormen Bedarf an Umschulungen, grassierender Desinformation und grösserer Ungleichheit führen. KI-Governance, das System zur Kontrolle und Führung von Unternehmen, ist deshalb eine globale Notwendigkeit. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der KI in unserem täglichen Leben nahezu allgegenwärtig geworden ist «würde eine Abwesenheit globaler Governance vieles auf der Strecke lassen und uns wahrscheinlich auch in echte Schwierigkeiten bringen», sagte Bremmer. Ziel des UN-Berichts ist es, Leitplanken ähnlich deren für Atomkraft oder Luftfahrt zu etablieren, um einen gleichberechtigten Zugang zur KI – insbesondere im globalen Süden – zu gewährleisten, damit diese allen zugutekommt, nicht nur den Reichen. In Realität entscheidet heute eine kleine Anzahl von Technologen was damit gemacht wird und es entsteht, was Bremmer eine «technopolare» Welt nennt, welche die Bürger bestenfalls als Konsumenten und schlimmstenfalls als Produkte behandelt.

Führungskräfte müssen den Wandel voraussehen
Roselinde Torres, BCG Leadership Expert, spricht in ihrem Beitrag am TED@BCG San Francisco vom November 2013, aus 25 Jahren Erfahrung zur Frage, was gute Führungspersönlichkeiten ausmacht. Die Effektivität als Führungskraft des 21. Jahrhunderts bestimmen gemäss Torres nachweislich drei Fragen, die man sich stellen muss. Zur ersten Frage nach der nächsten Veränderung unseres Geschäftsmodells oder unseres Lebens finden wir die Antwort in unserem Kalender. Mit wem verbringen wir unsere Zeit und zu welchen Themen. Wohin reisen wir und was lesen wir und wie verarbeiten wir all das, um potenziellen Wandel zu verstehen und damit vorbereitet sind, um frühzeitig Entscheidungen zu treffen. Grosse Führungskräfte sehen um die «Ecke», gestalten ihre Zukunft, anstatt nur darauf zu reagieren. Weiter müssen wir uns fragen, wie vielfältig unser persönliches und berufliches Netzwerks aussieht. Sind es ausschliesslich die guten alten (Männer-) Seilschaften (old boys network), oder sind wir fähig Beziehungen zu Menschen aufzubauen, die ganz anders denken als wir. Grosse Führungspersönlichkeiten wissen, dass ein vielfältigeres Netzwerk eine Quelle von Lösungen ist. Die dritte Frage die wir uns stellen müssen ist, ob wir den Mut haben eine Vorgehensweise aufzugeben, die uns in der Vergangenheit Erfolg gebracht hat. Grosse Führungspersönlichkeiten trauen sich, anders zu sein. Sie reden nicht nur über Risikobereitschaft, sie tun es auch. Dabei muss man es ertragen können, wenn das Umfeld findet, dass eine neue Idee naiv, rücksichtslos oder einfach nur dumm ist. Angesprochen finden sich dadurch nicht die üblichen Verdächtigen in unserem Netzwerk, sondern Leute die anders denken und deshalb auch bereit sind, gemeinsam mit uns einen mutigen Sprung, nicht nur einen Schritt, zu wagen.

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#382 – Die Erinnerung von uns «Alten» nutzen

MEMORY: Gegen das Vergessen
Im Gegensatz zu jüngeren Generationen haben wir «Alten» den Vorteil unserer Erfahrung. Doch diese stammt noch aus der Zeit vor der Erfindung des World Wide Web, 1989 am CERN in Genf durch Tim Berners-Lee. Die Öffnung des Internets für kommerzielle Zwecke und Privatpersonen im Jahr 1990 führte zu einer Explosion der Nutzerzahlen und hat unser Leben radikal verändert, von der Art, wie wir kommunizieren, bis hin zu unserem Zugang zu Informationen. Vor dem Internet-Zeitalter wurden Informationen analog überliefert, oft unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit. Unser Wahrheitsanspruch wurde entsprechend kultureller Normen und Werte immer wieder dem Zeitgeist angepasst. Für uns «Alte» bleiben die Erinnerungen, Verhaltensweisen, aber auch Vorurteile.

Was darf man auf sozialen Netzwerken noch sagen?
Die EU geht mit einem Gesetz gegen Auswüchse bei grossen Online-Portalen vor. Zwischen Thierry Breton, EU-Kommissar für den Binnenmarkt und Elon Musk, Eigentümer des Kurznachrichtendienstes X hat dies zu einem heftigen Streit geführt. Unter dem Titel «Gefährdung der Meinungsfreiheit? EU-Kommissar Breton und Unternehmer Musk streiten über neues Gesetz» schrieb Daniel Imwinkelried, Brüssel, in der NZZ vom 14. August 2024 zu den aktuellen Diskussionen. Das Gesetz über digitale Dienste, «the Digital Services Act DSA», stellt ein Rahmenwerk dar, um Vorkehrungen gegen Falschmeldungen und irreführende Informationen zu treffen, die Nutzer über die Plattformen sozialer Netzwerke verbreiten. Der EU- Kommissionssprecher betont, dass die DSA keinesfalls dazu da sei, Aussagen von Individuen zu unterdrücken. Dort sehen Kritiker hingegen einen Versuch der EU, die Meinungsfreiheit einzuschränken und sich gar in die Innenpolitik anderer Staaten einzumischen.

MEMORY: Christian Boltanski (1944-2021) französischer Künstler: Personnes, installation für Monumenta 2010. Paris, Grand Palais. Bild: e – flux

Doch was ist wahr?
Die Betreiber der sozialen Netzwerke müssen gemäss der EU über Instrumente verfügen, die ihnen erstens helfen, falsche oder illegale Aussagen von der Plattform zu entfernen. Zweitens müssen die Portale über Funktionen verfügen, die es Nutzern ermöglichen, vor irreführenden Meldungen gewarnt zu werden oder Videos als Werke zu kennzeichnen, die mit künstlicher Intelligenz manipuliert worden sind. Doch was ist wahr und wer beurteilt dies? In Ihrem Beitrag auf TED-Ed • Juni 2021, mit dem Titel «How do you know what’s true?» (4:53) befasst sich Sheila Marie Orfano mit dieser Frage. Neurowissenschafter haben herausgefunden, dass unsere Interpretation visueller Informationen bei der Bildung einer Erinnerung von unseren früheren Erfahrungen und inneren Vorurteilen beeinflusst wird. Einige dieser Vorurteile sind individuell, andere sind jedoch universeller Art. Beispielsweise kann eine egozentrische Voreingenommenheit Menschen dazu veranlassen, ihre Erinnerungen unbewusst so umzugestalten, dass ihre Handlungen in einem positiven Licht erscheinen. Selbst wenn wir eine Erinnerung genau kodieren könnten, werden beim Abrufen neue Informationen einbezogen, welche die Erinnerung verändern. Und wenn wir uns später an dieses Ereignis erinnern, erinnern wir uns normalerweise an die ausgeschmückte Version und nicht an die ursprüngliche Erfahrung. Wir «Alten» erkennen diesen Vorgang aus der eigenen Biografie.

Der Rashomon-Effekt
Sheila Marie Orfano bedient sich bei ihrer Betrachtung am Beispiel des «Rashomon»-Effekts. 1950 adaptierte der japanische Filmemacher Akira Kurosawa zwei Kurzgeschichten aus «In a Grove», besser bekannt unter dem Namen «Rashomon» des japanischen Autors Ryūnosuke Akutagawa, in einem Film. Dieser hat der Welt eine bleibende kulturelle Metapher vorgestellt, welche unser Verständnis von Wahrheit, Gerechtigkeit und menschlichem Gedächtnis verändert hat. Der Rashomon-Effekt beschreibt eine Situation, in der Personen deutlich unterschiedliche, aber gleichermassen nachvollziehbare Darstellungen des gleichen Ereignisses geben. Diese zugrunde liegenden psychologischen Phänomene bedeuten, dass der Rashomon-Effekt überall auftreten kann. In der Biologie veröffentlichen Wissenschafter, die vom gleichen Datensatz ausgehen und die gleichen Analysemethoden anwenden, häufig unterschiedliche Ergebnisse. Anthropologen setzen sich regelmässig mit dem Einfluss auseinander, den persönliche Hintergründe auf die Wahrnehmung eines Experten haben können.

Akzeptieren wir die Mehrdeutigkeit
Es ist verlockend, sich darauf zu fixieren, warum wir konkurrierende Wahrnehmungen haben, aber die vielleicht wichtigere Frage, die der Rashomon-Effekt aufwirft, ist: Was ist überhaupt Wahrheit? Gibt es Situationen, in denen es keine «objektive Wahrheit» gibt? Was können uns verschiedene Versionen desselben Ereignisses über die Zeit, den Ort und die beteiligten Personen sagen? Und wie können wir Gruppen-entscheidungen treffen, wenn wir alle mit unterschiedlichen Informationen, Hintergründen und Vorurteilen arbeiten? Wie mit den meisten Fragen gibt es auch auf diese keine eindeutige Antwort. Aber die anhaltende Bedeutung von Akutagawas Geschichte legt nahe, dass es wertvoll sein kann, die Mehrdeutigkeit zu akzeptieren. Dies gilt auch für das Trainieren von Programmen der künstlichen Intelligenz, wo das kollektive Gedächtnis von uns «Alten» einen entscheidenden Einfluss darstellt.

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