Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#465 – Wir «Alten» Zeugen von Veränderungen

Die KI-Revolution erreicht die nächste Stufe
In seiner zweieinhalbstündigen Eröffnungsrede zur Entwicklerkonferenz in San Jose, Kalifornien, erklärte der CEO von Nvidia, Jensen Huang (63), wie er mit neuen Produkten und Kooperationen die KI-Revolution weiter befeuern will. Marie-Astrid Langer, war zugegen und berichtet in der NZZ vom 17. März 2026 darüber. Aus Sicht von Huang erreicht die KI nun ein entscheidendes neues Stadium: nämlich die Anwendung des Gelernten, die sogenannte Inferenz. Bildlich gesprochen, bedeutet das: Wenn die KI bisher zur Schule ging, dann hat sie jetzt den Abschluss in der Tasche und wendet das Wissen eigenständig an. «Wir sind am Anfang einer neuen Plattform-Umwälzung», wiederholte er mehrmals. Man könne der KI nun nicht mehr nur Fragen stellen, sondern Aufträge erteilen. KI-Agenten wie die Programmierplattform Claude Code von Anthropic hätten dieses Zeitalter eingeläutet. «Wir sind am Wendepunkt der Inferenz angekommen.» Diese Anwendungen brauchten viel Rechenleistung, zu hoch sei der Energieverbrauch, zu gering der Arbeitsspeicher, hört man immer wieder. Das Resultat sind hohe Stromkosten und eine zu grosse Verzögerung der KI-Agenten. Für eine Zukunft aber, in der diese für uns programmieren, Einkäufe tätigen und andere Aufträge erledigen, muss die sogenannte Latenz möglichst gering sein. Nvidias Antwort darauf: Ein neues ultraschnelles KI-Rack speziell für Inferenz, kombiniert aus 256 Stück des Groq-Chips mit 72 Stück der wassergekühlten Rubin-Chips. Gemäss Huang kann dieses Hochleistungssystem pro Sekunde 700 Millionen Token generieren; ein Token ist die kleinste Texteinheit, die ein Sprachmodell verarbeitet.

Die österreichische Plattform Open Claw
Der aus Österreich stammende Informatiker Peter Steinberger hatte vor wenigen Monaten als Erster eine Open-Source-Plattform namens Open Claw entwickelt, die jedermann auf dem eigenen Computer kostenlos installieren kann und auf der KI-Agenten eigenständig Aufträge ausführen: etwa im Internet Einkäufe tätigen, E-Mails für den Nutzer beantworten oder diesen für einen Flug einchecken. Trotz Sicherheitsbedenken erreichte die Plattform innnert kürzester Zeit eine enorme Gefolgschaft und gilt als Durchbruch im KI-Zeitalter. «Die Bedeutung des Aufkommens von Open Claw kann man gar nicht genug betonen», sagte Huang. Es handle sich um ein Ereignis von ebenso grosser Tragweite wie die Erfindung des Betriebssystems Linux oder des Website-Standards HTTPS. So, wie Firmen früher eine Strategie für Websites oder mobile Applikationen brauchten, würden sie künftig eine für Open Claw und KI-Agenten brauchen. Kurzum: In Huangs Weltsicht ist die KI-Zukunft rosig und steht erst ganz am Anfang.

«Dresdener Frauen» des deutschen Künstlers Georg Baselitz (1938 – 2026) in einer Ausstellung in Dresden im Jahr 2009. Foto: Ralf Hirschberger / EPA

Technologie verändert unsere Arbeitswelt
Weltweit wird jeder dritte Arbeitnehmer respektive Arbeitnehmende in diesem Jahrzehnt mit Veränderungen ihres Arbeitsplatzes durch künstliche Intelligenz KI und technologische Fortschritte konfrontiert sein – doch es gibt Möglichkeiten, sich darauf einzustellen. Der Strategieberater für Kompetenzentwicklung, Sagar Goel (49), Boston Consulting Group Singapur, erklärt anhand praktischer Beispiele aus seiner Partnerschaft mit der singapurischen Regierung, wie Tausenden von Arbeitnehmenden der Übergang in neue Karrieren ermöglicht wurde. In seinem Beitrag auf TED@BCG • November 2023 (09:40) verdeutlichte er damit die Bedeutung von Umschulung und lebenslangem Lernen. Die Veränderung unserer Arbeitswelt durch Technologie ist die neue Realität, in der Welt in der wir leben. Gerade wir «Alten» dürfen dieser Entwicklung nicht mit Angst und Skepsis begegnen. Wir müssen unsere Fähigkeiten und Kompetenzen mit Neugier und Optimismus immer wieder weiterentwickeln.

Lebenslanges Lernen
Dabei wollen viele von uns nicht mehr studieren, wir fühlen uns zu alt um Neues zu lernen, wir wissen es besser. Doch Arbeiten die uns früher Tage, manchmal sogar Wochen gekostet haben, können dank KI heute immer häufiger in wenigen Stunden erledigt werden. Und diese Entwicklung findet in der gesamten Wirtschaft statt. Jobveränderungen betreffen nicht nur Bankangestellte, Fabrikarbeiter:innen und Lagerist:innen, sondern auch Führungskräfte und Büroangestellte. Unternehmen können dieses Problem auch nicht durch Neueinstellungen lösen, denn selbst wenn es ihnen gelänge, ihre absolut besten Talente zu gewinnen, werden in fünf Jahren die Hälfte deren Fähigkeiten überflüssig sein. Zweieinhalb Jahre, wenn man im Technologiebereich arbeitet, ist die sogenannte Halbwertszeit von Fähigkeiten. Die einzige Lösung besteht darin, jedes Jahr Millionen von Menschen weiterzubilden um ihnen zu ermöglichen, neue Fähigkeiten für den Übergang in neue Berufe zu nutzen. Zusammen mit der Regierung Singapurs arbeitete Sagar Goel an der Einführung eines gross angelegten, sechsmonatigen Programms namens «Rise», um Tausende von Menschen aus traditionellen, rückläufigen Berufen in Positionen wie Data Scientist, Digital Product Owner und Digital Marketer umzuschulen. Eine nationale Jobdatenbank bot Unternehmen Anreize, solche umgeschulten Fachkräfte einzustellen. Sie lenkt sogar die Hochschulen in Richtung lebenslanges Lernen nach der akademischen Ausbildung.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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#464 – Weise «Alte» Brückenbauer zur KI

Das Massensterben der Zeitungen
Als Nachbarn eines grossen deutschschweizer Druckzentrums, beobachten wir seit rund zehn Jahren eine abnehmende Produktion gedruckter Zeitungen. Während anfänglich alle zwei Tage eine Güterwagenkomposition mit Papier angeliefert wurde, ist dieser Anteil mittlerweile auf ein bis zwei Wagons pro Woche geschrumpft. Der Preis einer Tageszeitung übersteigt mittlerweile den eines Cappuccinos. Dazu und wie lange das Papiergeschäft noch überleben wird, will sich niemand äussern. Klar ist einzig, dass sich Print nicht einfach digitalisieren lässt. Um weiterhin für uns Leser attraktiv zu sein und auch ein jüngeres Publikum zu halten, sind neue Formate gefragt. Diese müssen sich an die Gepflogenheiten der sozialen Medien anlehnen. Beat Balzli und Guido Schätti sprechen in der NZZ vom 5. April 2026 mit Ringier-Chef Marc Walder (60) über das Ende einer Epoche und die ungewisse Zukunft des Hauses Ringier. Walder prophezeit im Gespräch den Zeitungen ein Massensterben: «In der Schweiz dürften digital nur drei Medienmarken überleben».

Wer KI beherrscht gewinnt
Beschleunigt wird dieser Prozess auch durch die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz KI, welche die Geschäftsmodelle verändert. Personen durch KI, also ein kuratiertes Large Language Model LLM, zu ersetzen, ist ein verlockender Gedanke. Walder ist jedoch überzeugt, dass weiterhin erfahrene und kompetente Mitarbeitende gefragt sein werden. Teams setzen sich aus Personen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen zusammen. Das sind letztlich Datenpunkte, die ein Mensch in seinem Leben gesammelt hat. So gesehen ist ein LLM für ein Gremium zumindest eine wunderbare und intelligente Ergänzung. Führungskräfte, die heute nicht konsequent mit den digitalen Werkzeugen arbeiten, sind schlechter als diejenigen, welche die Möglichkeiten von KI nutzen, meint Marc Walder. Industrien, Unternehmen, Funktionen, Jobs, Abläufe in einem Unternehmen – alles verändert sich radikal. Dario Amodei, der Gründer von Anthropic, sagt, dass Software in einem Jahr nur noch von KI geschrieben werde. Womöglich überschätzen wir die Auswirkungen dieser Computing-Kapazitäten in der kurzen Frist, wie das bei Innovationen oft der Fall ist. Dennoch ist klar, dass es eine radikale Umschichtung geben wird – innerhalb von Unternehmen und in der Gesellschaft. Wer KI beherrscht, gewinnt. Wer nicht, verliert.

Talentierte und intelligente Menschen
Mark Walder hält nichts vom Szenario, dass KI-Agenten die Bürojobs übernehmen, dass die Löhne und die Nachfrage einbrechen und wir in eine Depression verfallen. Zwei Punkte sprechen dagegen: Erstens ist die Adaptionsrate in grossen Teilen der Wirtschaft tiefer, langsamer. Das war immer so. Zweitens – und wichtiger: Technologische Umbrüche haben historisch immer komplett neue Jobs und neue Ökosysteme geschaffen. Ob das dieses Mal auch eintritt, weiss er nicht. Nicht einmal Sam Altman (ChatGPT) oder Dario Amodei (Anthropic) wissen das. Aber: Je mehr KI-Agenten da draussen herumrennen, umso mehr werden neue Bereiche entstehen. Mikro-Unternehmen beispielsweise. Weil die Kosten für digitale Dienstleistungen radikal am Sinken sind. Und dies wiederum wird Menschen mit Fähigkeiten, intelligent damit umzugehen, neue Jobs ermöglichen. Ringier musste in den letzten 20 Jahren unterschiedliche Plattformen harmonisieren, was teuer war. Dank KI sind die Investitionen heute deutlich tiefer, auch dank den tiefen «Codierungskosten». Die grösste Herausforderung ist nicht das Geld, sondern das Talent in einem Unternehmen. Und dafür braucht es intelligente Mitarbeitende, welche die Daten kuratieren. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch überprüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. Kompetente «Alte» mit Leidenschaft fungieren dabei als Mentor:innen, Coaches, Sparringspartner. KI wird als Werkzeug, als Hilfsmittel eingesetzt. Dazu gehört bei Ringier auch die Nutzung der Plattform Foundry von Palantir, welche unglaublich grosse Mengen an meist unstrukturierten Daten für die weitere Anwendung harmonisiert.

«The Perigon» Eigentumswohnungen 2026, Collins Avenue Miami, Florida. Architekt OMA Office of Metropolitan Architecture, Rem Koolhaas und Jason Long. Bild: Jason ORear

Aktuelle Veränderungen
Die USA sind auf dem besten Weg, das KI-Rennen zu gewinnen – und sich dabei selbst zu zerstören, sagt Gina Raimondo (54), ehemalige Gouverneurin von Rhode Island und US-Handelsministerin. In ihrer schonungslosen Analyse der Bedrohung durch KI-bedingte wirtschaftliche Umbrüche und soziale Unruhen, liefert sie einen konkreten Plan um Arbeitnehmende auf die kommenden Herausforderungen vorzubereiten. «KI ist eine 100-Jahre Technologie die deshalb eine ebensolche Strategie erfordert», sagt sie in ihrem TED2026 • April 2026 Vortrag (15:51) mit dem Titel «A plan to stop AI from automating our decline». Raimondo findet es unglaublich spannend, sich vorzustellen, was ein gut ausgebildeter Mensch mit KI alles erreichen kann. Wie viel produktiver und kreativer wir alle sein werden und wie viele neue Unternehmen entstehen werden. Die Geschichte zeigt: Jede neue Technologie schafft neue Arbeitsplätze, neue Branchen, neue Produkte und neue Dienstleistungen. Mit der Zeit – auch diesmal mit KI. Die künstliche Intelligenz beschleunigt, neben anderen Faktoren, auch die globale Transformation, mit Auswirkungen so einschneidend wie die Industrielle Revolution, schreibt Eric Gujer (63) im Kommentar zur Weltlage in der NZZ vom 24. April 2026. Doch weder die Regierung noch die Schulen kennen die Fähigkeiten, welche die Arbeitgebenden heute oder morgen benötigen. Dazu brauchen wir massive Veränderungen sowohl in unserem System der Arbeitskräfteausbildung als auch in unserem System zur Unterstützung des beruflichen Übergangs.

Wir alle gestalten unsere Zukunft
In einem effektiven System der Arbeitskräfteausbildung definieren Arbeitgebende, wo sich die Arbeitswelt heute befindet, welche Fähigkeiten benötigt werden und wohin sie sich entwickelt. Schulen und staatliche Ausbildungsprogramme bereiten die Menschen dann darauf vor. Das ist derzeit in den USA, aber auch in der Schweiz, nicht der Fall. Man fördert die Einschreibung an Hochschulen ohne Rücksicht darauf ob die Menschen die für einen Job benötigten Fähigkeiten erwerben oder ob sie überhaupt einen Job bekommen. Eine KI-geprägte Wirtschaft ist deshalb auf lebenslange Weiterbildung angewiesen, weil sich unsere Berufe im Laufe unserer Karriere ständig verändern werden. Es liegt im Interesse aller, einen reibungslosen Übergang zu einer KI-Wirtschaft zu gestalten. Gina Raimondo erwartet deshalb von Staat und Politik Anpassungen bei den Arbeitslosenkassen, Steuerabzüge für Weiterbildungskosten und ein Bildungssystem das sich an die neuen Herausforderungen anpasst. Keine KI-Verbote an Schulen und gesetzliche Einschränkungen der Technologie. Denn es liegt im Interesse aller, dieses aufregende Potenzial der KI-Innovation auszuschöpfen. Unsere Zukunft ist nicht vorbestimmt. Wir können sie selbst gestalten.

Daten, Software, geistiges Eigentum und Vertrauen
Im Interview von Beatrice Bösiger und Guido Schätti, in der NZZ am Sonntag vom 19.April 2026, erklärt der Deutsche Andreas Berger (60), CEO von Swiss Re, wie die künstliche Intelligenz die Versicherungsbranche umkrempelt. «Wir sind dabei, die Kernprozesse unseres Unternehmens mithilfe von KI ganz neu zu denken» sagt Berger. Erstens geht es um die Vereinfachung von Prozessen, etwa indem routinemässige Arbeit durch KI unterstützt wird. Zweitens hilft uns KI, die Qualität und Konsistenz von Entscheidungen zu verbessern. Solange der Einsatz von KI in einem sauberen Governance-Rahmen erfolgt sieht er wenig Risiken. Bei Swiss Re wird darauf geachtet, dass der Mensch nicht aus der Verantwortung genommen wird, denn am Schluss entscheiden erfahrene Mitarbeitende. Auch auf Grund des Fachkräftemangels und der Demografie (viele Pensionierungen stehen bevor) müssen Firmen produktiver werden, und die KI hilft dabei. Dank KI-Agenten wird Swiss Re, in einer eher konservativ aufgestellten Branche, Verbesserungen in der Produktivität sehen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dabei geht es weder um Kostensenkung noch um Personalabbau. Es geht um bessere Entscheidungen für alle Beteiligten. Wie bei Swiss Re bestehen in vielen Branchen historisch gewachsene, fragmentierte IT-Landschaften und um diese zu bereinigen kostet viel Geld und Zeit. Das ist heute besonders kritisch, weil der Wert vieler Unternehmen vor allem in Daten, Software, geistigem Eigentum und Vertrauen liegt.

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#463 – Was wir «Alten» wissen müssen

Altersdiskrimierung
Bei meinem Verwandtenbesuch in Florida musste ich feststellen, dass auch in den Vereinigten Staaten das Altersstigma im Stellenmarkt ein gut dokumentiertes, strukturelles Problem ist – gesetzlich zwar im «Age Discrimination in Employment Act» (ADEA) für Arbeitnehmende ab 40 Jahren seit 1967 verboten – in der Praxis aber weit verbreitet. Im internationalen Vergleich schneiden die USA deshalb nicht besser ab als viele europäische Länder – teils schlechter, da soziale Absicherung und Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmende in den USA schwächer ausgeprägt sind. Das «offizielle» Pensionierungsalter ist je nach Geburtsdatum 66 oder 67. Der Bezug von Pensionskassengeld muss spätestens ab 75 eingeleitet werden. Technologisch hilft die Digitalisierung vermehrt, auch altersbedingte Unzulänglichkeiten abzufedern. Die Verbreitung und Akzeptanz entsprechender Anwendungen ist gross. «Roboter ersetzen keine Arbeiten, die Menschen gerne machen, sondern solche, die monoton, schmutzig oder gefährlich sind.» sagt Raffaello D’Andrea (58), italienisch-kanadisch-schweizerischer Ingenieur, Unternehmer, Künstler und ETH Professor, im Beitrag von Tim Wirth in der NZZ vom 12. April 2026.

Agentische künstliche Intelligenz KI
Agenten stellen die neueste Generation von KI dar: autonomer, fähig, systemübergreifend zu kommunizieren, zu planen, zu handeln, zu lernen, sich anzupassen. Agentische KI ist ein System der künstlichen Intelligenz, das mit begrenzter Aufsicht ein bestimmtes Ziel erreichen kann. Es besteht aus KI-Agenten – Modellen für maschinelles Lernen, die menschliche Entscheidungsfindung nachahmen, um Probleme in Echtzeit zu lösen. Dazu der Beitrag von Cole Stryker (41), Staff Editor, AI Models, IBM Think. In einem Multiagentensystem führt jeder Agent eine bestimmte Teilaufgabe aus, die zur Erreichung des Ziels erforderlich ist, und diese Bemühungen werden durch KI-Orchestrierung koordiniert. Im Gegensatz zu herkömmlichen KI-Modellen, die innerhalb vordefinierter Grenzen arbeiten und menschliches Eingreifen erfordern, zeichnet sich die agentische KI durch Autonomie, zielgerichtetes Verhalten und Anpassungsfähigkeit aus. Der Begriff «agentisch» bezieht sich auf die Handlungsfähigkeit dieser Modelle oder auf ihre Fähigkeit, unabhängig und zielgerichtet zu handeln. Der Erfolg solcher Systeme basiert jedoch auf Vertrauen, Authentizität und Verantwortlichkeit, wozu wir kompetenten «Alten» unseren Beitrag leisten müssen.

Elon Liberman (35+), Interdisziplinärer Künstler und Musiker der Rietveld Art Academy in Amsterdam: My New Cage 2026 im Musée Visionnaire Zürich, Foto: Pascal Sigrist

Generative KI
Agentische AI baut auf Techniken der generativen KI auf und verwendet Large Language Models (LLMs), um in dynamischen Umgebungen zu funktionieren. Während sich generative Modelle auf die Erstellung von Inhalten auf der Grundlage erlernter Muster konzentrieren, erweitert die agentische KI diese Fähigkeit, indem sie generative Ergebnisse auf spezifische Ziele anwendet. Ein generatives KI-Modell wie ChatGPT von OpenAI kann zwar Text, Bilder oder Code erzeugen, aber ein agentisches KI-System kann diese generierten Inhalte nutzen, um komplexe Aufgaben autonom zu erledigen, indem es externe Tools aufruft. So können uns Reisebüromitarbeitende beispielsweise nicht nur sagen, wann wir den Mt. Everest, unter Berücksichtigung unseres Terminkalenders am besten besteigen können, sondern auch gleichzeitig einen Flug und ein Hotel buchen. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch prüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung erfordert, auch von uns «Alten», mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten.

Die Fachkompetenzschwelle
Unterhalb dieser Schwelle glaubt man der KI. Oberhalb beginnt man, mit ihr zu denken, schreibt Hanspeter Beerli, Zukunfts-Coach und Talentarchitekt. Die Fachkompetenzschwelle zeigt, dass echte Kompetenz nicht nur durch Wissen entsteht, sondern aus Erfahrung und der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und Klarheit im Handeln zu entwickeln. Urteilskraft entsteht nicht aus dem Bauch. Sie entsteht aus Begriffen, Modellen und Fachwissen. Wissen entsteht heute nicht nur aus Büchern oder Vorträgen. Es entsteht im Dialog – auch mit KI. Ohne Fachwissen ist die KI nur Raten mit Methode. Und genau deshalb versagt unsere beliebteste Zukunftskompetenz gegen KI-Halluzinationen. Der KI-Output sendet keine Warnsignale aus. Er hat korrekte Grammatik und überzeugende Argumentationsstrukturen. Wer zu wenig weiss, um den Fehler zu erkennen, weiss auch nicht, dass er oder sie zu wenig weiss.

KI braucht «Alte» als Brückenbauer:innen
Die sinnvolle Nutzung von KI baut auf zwei Fundamenten auf. Erstens Fachwissen, denn nur wer das Gebiet kennt, erkennt die Fälschung. Zweitens Medienkompetenz, denn wer sich im digitalen Raum nicht souverän bewegen kann, wird auch KI nicht produktiv einsetzen. Erst auf diesen beiden Fundamenten entfaltet KI-Nutzung ihr Potenzial. Ohne sie wird sie zum Risiko. Die KI ist kein guter Recherche-Sparringspartner, wenn wir zu wenig Vorwissen haben. Dann landet man schnell bei Plattitüden oder ist eher damit beschäftigt, herauszufinden, ob das überhaupt stimmt, was vorgeschlagen wird. Wer das entsprechende Grundwissen hat, kann auch konkreter prompten und spannende, realistische Vorschläge identifizieren. Selbst hervorragende Studienabschlüsse garantieren heute keinen reibungslosen Berufseinstieg mehr. Immer häufiger fehlen nicht Wissen oder Noten, sondern Erfahrung, Orientierung und überfachliche Kompetenzen. Heutzutage braucht es auf dem Arbeitsmarkt zunehmend Soft Skills wie Flexibilität, Resilienz oder Teamfähigkeit. Unternehmen setzen stärker auf Praxiserfahrung, weil niemand weiss, welche Technologien morgen gefragt sein werden. «Alte» mit Berufserfahrung und Leidenschaft als Mentor:innen, Coaches oder Sparringspartner in altersgemischten Teams, agieren als Brückenbauer:innen im Umgang mit künstlicher Intelligenz.

Personalwesen neu organisieren für eine KI-gesteuerte Zukunft
Obwohl viele Unternehmen aktiv in KI investieren, liegen die grössten Hürden für die Wertschöpfung nicht im technologischen Bereich. In ihrem Beitrag vom 2. Februar 2026 beschreiben Vinciane Beauchene, Julie Bedard und Juliana Lisi der Boston Consulting Group BCG, weshalb die meisten KI-Projekte scheitern. Weil Unternehmen es versäumen, Rollen, Arbeitsabläufe und Governance für die Mensch-KI-Interaktion neu zu gestalten. Personalverantwortliche müssen daher zweigleisig vorgehen: Sie müssen die Kernfunktionen der Personalabteilung sichern und gleichzeitig Rollen, Teams und Betriebsmodelle für KI-zentriertes Arbeiten neu konzipieren. Die häufigsten KI-Hindernisse – fehlendes Wissen und fehlende Fähigkeiten, Schwierigkeiten bei der Technologieakzeptanz und der täglichen KI-Nutzung, Fachkräftemangel im KI-Bereich und Hindernisse in der funktionsübergreifenden Zusammenarbeit – sind organisatorischer Natur und fallen eindeutig in den Verantwortungsbereich der Personalabteilung. Traditionelle HR-Strukturen mit isolierten Teams in Silos, transaktionsorientierten Servicecentern und breit aufgestellten HR-Business-Partnern sind für solche Veränderungen nicht gerüstet. Die aktuellen Arbeitsweisen sind nicht agil genug für ein Umfeld, in dem KI die Arbeitswelt grundlegend verändert. Das neue Modell setzt auf adaptive, multidisziplinäre Teams mit umfassender Verantwortung für die Gestaltung und Bereitstellung optimaler Mitarbeitererlebnisse. Die Rolle der HR-Business-Partner wird strategischer, da KI ihnen administrative Routineaufgaben abnimmt. Der Fokus verschiebt sich von Prozesseffizienz hin zu Geschäftsergebnissen, mit stärkerem Fokus auf Arbeitsgestaltung, Datenanalyse, Personal- und Kompetenzplanung sowie Change-Management. Teams benötigen Weiterbildungen, um den Anforderungen der zukünftigen HR-Organisation gerecht zu werden. Wir kompetenten «Alten» sind dank unserer Erfahrung fähig, diese Transformation aktiv mitzugestalten.

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