Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#481 – Kompetente «Alte»: KI Kostenwahrheit

Ich treffe immer noch Leute, deren Kenntnisse in LLM so veraltet sind, dass man bei Gesprächen über ChatGPT den Eindruck hat, sie äussern sich über den Stand von vor zwei oder drei Jahren. Sie kennen die aktuellen Funktionen nicht. Sie wissen nicht einmal, dass man sein E-Mail-Konto verknüpfen und damit interagieren kann.
Reddit, 21. August 2026

Return on KI: Die wahren Kosten künstlicher Intelligenz
Im Newsletter der Bosten Consulting Group BCG, vom 1. Juli 2026 beleuchten die Autoren Nicolas De Bellefonds, Abhinav Gupta, Steven Kok, Matthew Kropp, Vladimir Lukic, Clark O’Niell, Rohan Panjwani und Vikram Srikumar die Kosten von KI-Token und wie Unternehmen diese handhaben können. Mit dem Übergang von der Pilotphase zur Massenproduktion von KI benötigen die Kosten für künstliche Intelligenz eine neue Messgrösse. Die führenden Unternehmen werden nicht diejenigen mit den niedrigsten oder höchsten KI-Kosten sein, sondern diejenigen, die den höchsten Return on KI, RoKI erzielen. Die rasant steigenden Kosten für KI haben Tokens – die grundlegenden Dateneinheiten, die KI-Modelle verwenden und nach denen KI-Anbieter abrechnen – in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Führungskräften und Verwaltungsräten gerückt. Ein Token ist die kleinste Texteinheit, die ein Sprachmodell liest und generiert. Es ist weder ein einzelnes Wort noch ein einzelnes Zeichen – es liegt irgendwo dazwischen. Als Faustregel gilt für englischen Text (Englisch ist viel günstiger als beispielsweise Deutsch): 1 Token entspricht ungefähr 4 Zeichen oder etwa ¾ eines Wortes. 100 Tokens entsprechen also ungefähr 75 Wörtern. CEOs benötigen eine Möglichkeit, die gekaufte Intelligenz, Kosten von KI und Nutzen, den Mensch und KI gemeinsam generieren, genau zu verstehen. Entscheidend ist ein intelligenter Umgang mit Ressourcen, damit sich Arbeitsabläufe im Laufe der Zeit organisch verbessern, da KI immer besser, schneller und kostengünstiger wird. Der Beitrag von erfahrenen und kompetenten «Alten» liegt im Erkennen der Wiederverwendbarkeit von Kontextinformationen wie Systemaufforderungen, Richtlinien, Wissensdatenbanken und Standards, welche zwischengespeichert und auf grossen Plattformen wie Anthropic, Google Gemini und OpenAI kostengünstig abgerufen werden können. Die Minimierung der Token-Kosten mittels Wiederholung (copy paste) durch erfahrene «Alte» die zu prüfen in der Lage sind, welches Wissen, welche Richtlinien und Geschäftsprozesse wiederverwendet werden können, ohne jedes Mal neu dafür zu bezahlen ist entscheidend. Token-Maximierung zur «richtigen Nutzung» steigert die KI-Kompetenz im gesamten Unternehmen. Entscheidend ist ob das Unternehmen nachweisen kann, dass die gekaufte Intelligenz mehr wert ist als sie kostet.

Die ernste Beziehung zwischen Kunst und Technologie: Nam-June-Paik (1932-2006), Südkoreanischer Künstler und Begründer der Videokunst – 1995 «Electronic Superhighway: Continental U.S., Alaska, Hawaii». Bild: Lincoln Gallery des Smithsonian American Art Museum.

Künstliche Intelligenz KI lebt von der Sprache
Gemäss einem Bericht in der NZZ vom 7. August 2026, verlieren die Geisteswissenschaften an Terrain. Studierende wenden sich von Fächern wie Geschichte, Philosophie oder Sprachwissenschaften ab und die Gewinner sind die Mint-Fächer, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, die seit Jahren von Bund und Kantonen gefördert werden. Diese Entwicklung ist gefährlich, denn künstliche Intelligenz KI – grosse Sprachmodelle, Large Language Models LLM – basiert auf «Sprache». Geschichte, Philosophie, Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften arbeiten konsequent mit der Sprache, nur sie üben sich in Quellenkritik, Interpretation und Hermeneutik (Verstehen). «Die Skills der Geisteswissenschaften sind unerlässlich in einer Welt, die sich gerade disruptiv auf die generative KI ausrichtet.» meint die Historikerin Lea Haller (49), Generalsekretärin der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozial­wissenschaften SAGW. Haller nennt «Kulturtechniken» wie das Entwickeln neuer Ideen und das Out-of-the-box-Denken, das Bewerten und Auswählen als essenziell. «KI ist in vielem grossartig, aber sie ist nicht effizient, wenn wir sie nicht einhegen, und sie ist affirmativ und rückwärtsgewandt», sagt Haller. «Das kritische Denken und das Formulieren guter Fragen (Prompting) werden immer wichtiger. Nur so kann man KI intelligent nutzen.» Genau diese Fähigkeiten lerne man in einem geisteswissenschaftlichen Studium. Für die Studienwahl entscheidend sind Kompetenzen die man während der obligatorischen Schulzeit und in der Mittelschule erwirbt. Doch da sehe es düster aus: «Wir wissen, dass die Schülerinnen und Schüler im Lesen, Zuhören und Schreiben sukzessive schlechter geworden sind. Wer diese Fähigkeiten nicht beherrscht, wird kein geisteswissenschaftliches Fach studieren.» Nötig für eine Renaissance der Geisteswissenschaften wären also entsprechende Investitionen in die Volksschule und der verstärkte Fokus auf den Umgang mit Texten. Sie wären in historisch und sprachlich orientierten Fächern bestens aufgehoben. Doch gerade diese geraten immer stärker unter Druck.

Das Ende der Schreibromantik
«KI sind Optimierungsmaschinen. Gibt man ihnen eine Aufgabe, setzen sie alles daran, diese zu lösen. Das ist ihnen einprogrammiert.» schreibt die Journalistin Ruth Fultener (34). Bots (vom Englischen Robot) wie Gemini, ChatGPT und Co. vernichten den Journalismus nicht. Im Gegenteil. Sie befreien uns endlich vom todlangweiligen Durchschnitt. In seinem Kommentar schreibt Barnaby Skinner (51), stellvertretender Chefredaktor, in der NZZ vom 6. August 2026 unter dem Titel: «Die KI bedeutet das Ende der Schreibromantik. Das ist gut so» über den moralisierenden Unterton in der Debatte über künstliche Intelligenz KI mit Journalist:innen. Wer die Maschine nutze, hintergehe nicht nur die Leserschaft, sondern verkaufe auch die Seele einer ganzen Branche an den Algorithmus. Skinner unterscheidet in seinem Beitrag zwischen zwei Typen, den Plagiatsjägern und den Künstlern und Schönschreibern. Das Problem beim Auslagern des Denkens an ein Large Language Model LLM ist eigentlich nicht moralischer, sondern wirtschaftlicher Natur. Journalistinnen und Journalisten können es sich gar nicht leisten, ihre Kreativarbeit komplett an die Maschine auszulagern, weil dabei schlicht und einfach nichts Neues entsteht. Und im heutigen Journalismus hat nur das Neue, das Originäre, das Originelle einen Wert. Deshalb sind fundierte Haltung, Einordnung und Verifikation so gefragt wie nie zuvor. Genau deshalb ist KI kein publizistischer Weltuntergang, sondern schlicht ein Strukturproblem, das Journalist:innen, Redaktionen und Verlage lösen müssen. Die spannendste Frage an die KI-Skeptiker ist deshalb: Was ist eigentlich verwerflich daran, wenn sich Journalist:innen vertieft mit einer KI auseinandersetzen, um ihre eigene Haltung zu einem Thema, ihrer Recherche oder den Rahmen des anstehenden Interviews zu schärfen? Überhaupt nichts. Die Inhalte werden dadurch schlichtweg besser. Das ist kein Auslagern des Denkens; die KI übernimmt vielmehr die Rolle eines aussergewöhnlich belesenen und geduldigen Sparringspartners. Die KI schreibt den Text nicht; sie zwingt Journalist:innen, ihre Text unersetzbar zu machen. KI-Modelle sind keine neutralen Geister im Netz. Wie der St. Galler Informatikprofessor Damian Borth (45) kürzlich treffend anmerkte, sind sie kulturelle Artefakte, trainiert anhand der Daten und mit den Texten unserer Zeit, versehen mit den Gewichtungen und Sicherheitsregeln ihrer Macher. Sie haben kein eigenes Erkenntnisinteresse. Den Rahmen und den Ausgangspunkt muss der Mensch setzen. Er muss die Maschine lenken, mit ihr interagieren. Kompetente und aufgeschlossene «Alte» fungieren dabei als Mentoren oder Sparringspartner.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
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#480 – «Junge» und «Alte» im Banne von KI

In eigener Sache
Kürzlich wurde ich zum wiederholten Mal darauf angesprochen, weshalb ich ältere Semester immer mit «Alte» bezeichne. Eine einfache Erklärung wäre, dass wir die jüngeren auch als «Junge» bezeichnen. Ein Euphemismus wie «Silberrücken» oder «Silberfüchse» bezieht sich auf Männer und verklärt zudem die Tatsache, dass wir «Alten», Frauen wie Männer, einer eigenen Kohorte zugehören. Ein Seniorpartner muss nicht zwingend alt sein, aber erfahrener als die Juniorpartnerin. Was der ehemalige HR-Verantwortliche eines Grosskonzerns mit seiner Kritik übersah, ist das Konzept des Brandings, der «Markenbildung», den Wiedererkennungseffekt. «Alte» ist seit neun Jahren meine Marke auf der Plattform «kompetenz60plus.ch», ein Projekt «von uns. für uns.» Entstanden nach meiner kurzen Mitgliedschaft in einem «Altherrenverein» ehemaliger Führungskräfte, beratungsresistenter Berater mit Anzug und Krawatte. Die schweizweite Organisation vermittelt ad hoc «erfahrene» Spezialisten an KMUs, Non-Profit-Organisationen oder die öffentliche Hand, um personelle Engpässe zu überbrücken. Unter den wenigen Mitgliedern war der Konkurrenzdruck für die überschaubare Anzahl an Mandaten gross. Im Zusammenhang vermisste ich die Kommunikation auf Augenhöhe und, abgesehen von der obligaten «Sekretärin», weibliche Führungskräfte. Dagegen ist «kompetenz60plus.ch» eine nicht kommerzielle Plattform für uns «Alte». Es ist ein Ort für KMUs zum Austausch mit gereiften Gleichgesinnten über aktuelle Themen, keine Jobbörse im herkömmlichen Sinn. Kompetente «Alte» engagieren sich als Mentor:innen, Coaches oder Sparringspartner in einer, auch als Folge der künstlichen Intelligenz KI, sich stark verändernden Arbeitsumgebung. Meine persönliche digitale Visitenkarte im weitesten Sinn.

Software-Intelligenz & Statistik-Engines: Szenarioplanung für die «Zukunft ohne Arbeit», Sentiers-Newsletter vom 26. April 2026

Den Arbeitnehmermarkt gibt es nicht mehr
Beat Balzli (60) beschreibt in seinem Editorial in der NZZ am Sonntag vom 9. August 2026, unter dem Titel «Achtsam oder arbeitsam? Die neue Kälte am Jobmarkt wird zum Stresstest für die Gen Z» (geboren zwischen 1995 und 2012), wie der Boom am Arbeitsmarkt die Gesellschaft in den letzten Jahren geprägt und Leistung zum notwendigen Übel degradiert hat. Das ist jetzt vorbei. Vor allem für Einsteiger wird entscheidend sein, ob sie die Extrameile gehen wollen. Den Arbeitnehmermarkt gibt es nicht mehr. Die Erwerbslosenquote liegt nun deutlich über fünf Prozent, Tendenz weiter steigend. «Junge» und «Alte» trifft es besonders hart. Immer mehr werden aus der Arbeitslosenversicherung «ausgesteuert». Arbeitgebermarkt heisst die neue Realität. Das bedeutet für die Gen Z und alle anderen, dass Flexibilität an die Stelle von Forderungsmanagement tritt. Auch die neue Kälte auf dem Jobmarkt dürfte nicht ohne soziale Wirkung bleiben und einer fragilen Freizeitgesellschaft, die aus falsch verstandener Achtsamkeit immer mehr Menschen in eine psychisch belastende Strukturlosigkeit entlässt, den Wert von Arbeit wieder vor Augen führen – als identitätsstiftende Institution, als Lieferantin eines Selbstwertgefühls, einer überlebenswichtigen Orientierung. Junge Fachkräfte bringen digitale Kompetenzen und neue Denkweisen mit. Kompetente und erfahrene «Alte» verfügen über ein enormes Praxiswissen und kennen die Abläufe im Betrieb. Entscheidend ist, dass beide Seiten auf Augenhöhe kommunizieren und voneinander lernen. Fortschritt ist kein Generationenthema, sondern ein Teamthema.

Deutlich mehr Uni-Absolventen sind arbeitslos
Klara Sasse kennt die Geschichten des garantierten Erfolgs, die man sich an Unis erzählt. Sie sind nicht immer wahr. Sasse ist Co-Präsidentin des Verbands der Schweizer Studierendenschaften VSS, also der studentischen Vertretungen vieler Universitäten, Fachhochschulen oder Hochschulen wie der ETH. Insgesamt vertritt der Verband rund 160 000 Studierende. Sasse tauscht sich regelmässig mit den Studentinnen und Studenten aus. «Uns ist gesagt worden: Euer Studium bereitet euch auf den Arbeitsmarkt vor, ihr werdet mit Sicherheit etwas finden.» Vor ein paar Jahren sei das vielleicht noch so gewesen. Die meisten Abgänger:innen hätten innert weniger Monate etwas gefunden, was ihnen entsprochen hätte. Doch seit etwa zwei Jahren müssten die Studierenden deutlich länger suchen. Malin Hunziker (29), Redaktorin, schreibt in der NZZ vom 4. August 2026, über Stellensuchende mit akademischem Hintergrund. Befristete Praktika oder Uni-Abgänger:innen die neben der Stellensuche in Cafés jobben oder für Events Bühnen oder Tische auf- und abbauen, eine in den USA seit Jahrzehnten übliche Situation findet langsam den Weg in die (erfolgsverwöhnte) Schweiz. Flexibilität in jeder Hinsicht, auch für branchenfremde Einsätze ist wichtig. Denn junge initiative Leute mit guter Ausbildung sind unsere Zukunft, um uns «Alte» Babyboomer zu ersetzen, wenn wir in Pension gehen. Christoph Mäder (67), Präsident des Wirtschaftsverbands Economiesuisse, schrieb dazu Ende Mai: Trockne die Pipeline für künftige Führungskräfte aus, stünden die Firmen in zehn Jahren vor gravierenden Problemen. «Die Junior-Lücke schmerzt zuerst die Berufseinsteiger – langfristig trifft sie aber die Unternehmen selbst.» Daten des Bundesamts für Statistik (BfS) zeigen, dass die Zahl arbeitsloser Personen mit Tertiärabschluss seit 2013 in der Tendenz gestiegen ist, obwohl seit 2010 über doppelt so viele Bewerber:innen einen Uni-Masterabschluss haben. Laut der Jobplattform Jobs.ch ist diese Entwicklung bereits auf den Einfluss von künstlicher Intelligenz zurück zu führen: In KI-exponierten Berufen sei der Anteil der Stellenanzeigen auf Berufseinsteigerlevel relativ stärker gesunken als in weniger exponierten Kategorien; dafür würden Senior-Stellen stärker nachgefragt. Erfahrung und Reife, Soft Skills wie Agilität und Veränderungsbereitschaft, Kompetenzen statt Abschlüsse – wir «Alten» haben dabei die Nase vorn.

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#479 – KI: verändertes Menschsein der «Alten»

KI und die Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts
Leider wird die Diskussion über KI in Presseberichten immer wieder als Bedrohung von Umwelt, Demokratie und Menschheit kolportiert. Logisch, denn betroffen vom Fortschritt der Technologie sind allen voran die Printmedien. Unter dem Titel: «Soziale Netzwerke und KI verdienen deutlich mehr Ablehnung, als ihnen derzeit entgegengebracht wird», beschreiben Kalina Oroschakoff (40+) und Ruth Fulterer (34) in der NZZ am Sonntag vom 26. Juli 2026, wie In der Schweiz die Aktivistengruppe Aufstände der Allmende zum «Grenzenlosen Widerstand gegen Datenzentren» aufrief. Es gelte das Netzwerk der «Tech-Oligarchen» zu überwerfen, gar anzugreifen. Im Kampf gegen die digitale Herrschaft schliessen die Aktivisten auch Gewalt nicht aus. Ob Roboter oder künstliche Intelligenz: Technologie provoziert Widerstand und die Schweizer Aktivisten sind mit ihrer Wut nicht alleine. Der Dozent für Humangeografie an der britischen University of Southampton, Dr. Thomas Dekeyser (30+), spricht im Interview mit den beiden Autorinnen von Techno-Negativität. Über die Ablehnung der Maschine hat er ein Buch geschrieben: Über Gegner der Technik, die es schon viel länger gibt als die Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts. Der Widerstand kann ökonomische oder moralische Gründe haben. Aber sehr oft sind die Gründe tief philosophisch. Menschen sorgen sich darum, wie eine Technologie das Menschsein verändert. Historisch gesehen ist bei KI einzigartig, dass die Verdrängung des Menschen aktiv willkommen geheissen wird. Leute wie Elon Musk feiern die Tatsache, dass wir nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer digitalen Superintelligenz sind. Seit den Ursprüngen des Kapitalismus sind die Verknüpfungen zwischen Technologie, dem Staat und dem Kapital enger geworden. Das bedeutet mehr Enthusiasmus für neue Technologien, denn die steigern die Renditen. Die jetzige Begeisterung für KI passt in dieses Raster. Vor dem Kapitalismus gab es eine zynischere Sicht, vor allem vonseiten des Staates. Automatisierung war den Mächtigen suspekt, weil man sich darum sorgte, dass die Arbeiter arbeitslos und hungrig auf die Strassen gehen würden, um sich zu erheben.

Der Brand der Corrodi-Fabrik in Ober-Uster von 1832 wurde in einer Druckgrafik verewigt.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Welche Menschen wollen wir mit Hilfe der künstlichen Intelligenz KI werden?
Zum Vergleich zwischen künstlicher Intelligenz KI und der Dampfmaschine im 18. Jahrhundert in meinem letzten Blog, schrieb Hanspeter Beerli (60+), Pädagoge und relationaler Coach im Mensch-KI-Zeitalter, über den entscheidenden Punkt: Eine neue Technologie verändert wenig, solange wir sie lediglich in die alte Architektur einbauen. Ein KI-Tutor für alle Lernenden könnte den starren Gleichschritt aufbrechen. Doch wenn weiterhin alle denselben Stoff, auf dieselbe Weise und für dieselben Prüfungen lernen, ersetzen wir vielleicht nur die zentrale Dampfmaschine durch einen elektrischen Motor. Die eigentliche Veränderung beginnt für ihn erst, wenn wir die Architektur des Lernens neu gestalten: individuelle Lernwege ermöglichen, ohne das gemeinsame Lernen aufzugeben; Wissen zugänglich machen und zugleich Urteilskraft, Verantwortung und Charakter wachsen lassen. Die entscheidende Frage wäre deshalb für ihn nicht nur: Wie kann KI Bildung beschleunigen? Sondern: Welche Menschen wollen wir mit ihrer Hilfe werden? Dabei ist das biologische Alter eines Menschen nicht wirklich ausschlaggebend. Es gibt genügend Junge, welche in antiquierten Denkmustern verharren. Kompetente und erfahrene «Alte» agieren als Mentoren oder Sparringspartner bei der Umsetzung künftiger Projekte.

Roy Lichtenstein (1923-1997), amerikanischer Pop-Künstler: 1968, Marschierende Soldaten, eingezwängt zwischen Maschinen, Waffen und Industrie – Kritik am Vietnamkrieg. Bild: Estate of Roy Lichtenstein/Rheinisches Bildarchiv, rba_d039366

Grösser als die industrielle Revolution
Die meisten Vorhersagen über die Zukunft der künstlichen Intelligenz liefern keinen Erkenntnisgewinn, sorgen aber für kollektive Verunsicherung. Mit dem Titel «Grösser als die industrielle Revolution»: 200 Ökonomen und Tech-Bosse warnen vor massiven Arbeitsplatzverlusten durch KI – selbst frühere Skeptiker sind nun alarmiert, schreibt Janique Weder (36) in der NZZ vom 14. Juli 2026, wie sich führende Wissenschafter besorgt über die möglichen wirtschaftlichen Folgen der künstlichen Intelligenz KI äussern. «Es findet eine Entwicklung statt, die wir nicht verstehen und nicht mehr wirklich kontrollieren können», sagt Beatrice Weder di Mauro (60), die schweizerisch-italienische Ökonomin und Präsidentin des Centre for Economic Policy Research (CEPR). Beispielsweise besonders leistungsfähige KI-Modelle, die von ihren Entwicklern nur eingeschränkt freigegeben werden. Wer keinen Zugang zu den fortschrittlichsten Systemen habe, könne rasch abgehängt werden. Michael Siegenthaler (41), Leiter des Forschungsbereichs Schweizer Arbeitsmarkt an der Konjunkturforschungsstelle (KOF), ist vorsichtiger. Ob KI zu Massenarbeitslosigkeit führen werde, sei «sehr umstritten», meint er. Tatsächlich sind gewisse Berufe mit einer hohen KI-Exposition bereits unter Druck geraten. Das sind etwa Teile der IT-Branche sowie für Stellen im Marketing und in der Kommunikation. In diesen Berufen ist die Arbeitslosigkeit in der Schweiz bereits deutlich gestiegen. Trotzdem, von einem flächendeckenden Beschäftigungsabbau könne deshalb keine Rede sein. Das bedeutet jedoch nicht, dass KI kein Risiko darstellt. Siegenthaler hält sie für mächtiger als frühere Technologien, weil sie potenziell einen grossen Teil der Arbeitswelt betreffe. Generative KI könne nicht nur einzelne Tätigkeiten ausführen, sondern zunehmend selbständig komplexe Computeranwendungen bedienen. In manchen Bereichen erreiche oder übertreffe sie die menschlichen kognitiven Fähigkeiten bereits. «Deshalb ist das Potenzial für Disruption höher als bei anderen Technologien.»

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