In eigener Sache
Kürzlich wurde ich zum wiederholten Mal darauf angesprochen, weshalb ich ältere Semester immer mit «Alte» bezeichne. Eine einfache Erklärung wäre, dass wir die jüngeren auch als «Junge» bezeichnen. Ein Euphemismus wie «Silberrücken» oder «Silberfüchse» bezieht sich auf Männer und verklärt zudem die Tatsache, dass wir «Alten», Frauen wie Männer, einer eigenen Kohorte zugehören. Ein Seniorpartner muss nicht zwingend alt sein, aber erfahrener als die Juniorpartnerin. Was der ehemalige HR-Verantwortliche eines Grosskonzerns mit seiner Kritik übersah, ist das Konzept des Brandings, der «Markenbildung», den Wiedererkennungseffekt. «Alte» ist seit neun Jahren meine Marke auf der Plattform «kompetenz60plus.ch», ein Projekt «von uns. für uns.» Entstanden nach meiner kurzen Mitgliedschaft in einem «Altherrenverein» ehemaliger Führungskräfte, beratungsresistenter Berater mit Anzug und Krawatte. Die schweizweite Organisation vermittelt ad hoc «erfahrene» Spezialisten an KMUs, Non-Profit-Organisationen oder die öffentliche Hand, um personelle Engpässe zu überbrücken. Unter den wenigen Mitgliedern war der Konkurrenzdruck für die überschaubare Anzahl an Mandaten gross. Im Zusammenhang vermisste ich die Kommunikation auf Augenhöhe und, abgesehen von der obligaten «Sekretärin», weibliche Führungskräfte. Dagegen ist «kompetenz60plus.ch» eine nicht kommerzielle Plattform für uns «Alte». Es ist ein Ort für KMUs zum Austausch mit gereiften Gleichgesinnten über aktuelle Themen, keine Jobbörse im herkömmlichen Sinn. Kompetente «Alte» engagieren sich als Mentor:innen, Coaches oder Sparringspartner in einer, auch als Folge der künstlichen Intelligenz KI, sich stark verändernden Arbeitsumgebung. Meine persönliche digitale Visitenkarte im weitesten Sinn.

Den Arbeitnehmermarkt gibt es nicht mehr
Beat Balzli (60) beschreibt in seinem Editorial in der NZZ am Sonntag vom 9. August 2026, unter dem Titel «Achtsam oder arbeitsam? Die neue Kälte am Jobmarkt wird zum Stresstest für die Gen Z» (geboren zwischen 1995 und 2012), wie der Boom am Arbeitsmarkt die Gesellschaft in den letzten Jahren geprägt und Leistung zum notwendigen Übel degradiert hat. Das ist jetzt vorbei. Vor allem für Einsteiger wird entscheidend sein, ob sie die Extrameile gehen wollen. Den Arbeitnehmermarkt gibt es nicht mehr. Die Erwerbslosenquote liegt nun deutlich über fünf Prozent, Tendenz weiter steigend. «Junge» und «Alte» trifft es besonders hart. Immer mehr werden aus der Arbeitslosenversicherung «ausgesteuert». Arbeitgebermarkt heisst die neue Realität. Das bedeutet für die Gen Z und alle anderen, dass Flexibilität an die Stelle von Forderungsmanagement tritt. Auch die neue Kälte auf dem Jobmarkt dürfte nicht ohne soziale Wirkung bleiben und einer fragilen Freizeitgesellschaft, die aus falsch verstandener Achtsamkeit immer mehr Menschen in eine psychisch belastende Strukturlosigkeit entlässt, den Wert von Arbeit wieder vor Augen führen – als identitätsstiftende Institution, als Lieferantin eines Selbstwertgefühls, einer überlebenswichtigen Orientierung. Junge Fachkräfte bringen digitale Kompetenzen und neue Denkweisen mit. Kompetente und erfahrene «Alte» verfügen über ein enormes Praxiswissen und kennen die Abläufe im Betrieb. Entscheidend ist, dass beide Seiten auf Augenhöhe kommunizieren und voneinander lernen. Fortschritt ist kein Generationenthema, sondern ein Teamthema.
Deutlich mehr Uni-Absolventen sind arbeitslos
Klara Sasse kennt die Geschichten des garantierten Erfolgs, die man sich an Unis erzählt. Sie sind nicht immer wahr. Sasse ist Co-Präsidentin des Verbands der Schweizer Studierendenschaften VSS, also der studentischen Vertretungen vieler Universitäten, Fachhochschulen oder Hochschulen wie der ETH. Insgesamt vertritt der Verband rund 160 000 Studierende. Sasse tauscht sich regelmässig mit den Studentinnen und Studenten aus. «Uns ist gesagt worden: Euer Studium bereitet euch auf den Arbeitsmarkt vor, ihr werdet mit Sicherheit etwas finden.» Vor ein paar Jahren sei das vielleicht noch so gewesen. Die meisten Abgänger:innen hätten innert weniger Monate etwas gefunden, was ihnen entsprochen hätte. Doch seit etwa zwei Jahren müssten die Studierenden deutlich länger suchen. Malin Hunziker (29), Redaktorin, schreibt in der NZZ vom 4. August 2026, über Stellensuchende mit akademischem Hintergrund. Befristete Praktika oder Uni-Abgänger:innen die neben der Stellensuche in Cafés jobben oder für Events Bühnen oder Tische auf- und abbauen, eine in den USA seit Jahrzehnten übliche Situation findet langsam den Weg in die (erfolgsverwöhnte) Schweiz. Flexibilität in jeder Hinsicht, auch für branchenfremde Einsätze ist wichtig. Denn junge initiative Leute mit guter Ausbildung sind unsere Zukunft, um uns «Alte» Babyboomer zu ersetzen, wenn wir in Pension gehen. Christoph Mäder (67), Präsident des Wirtschaftsverbands Economiesuisse, schrieb dazu Ende Mai: Trockne die Pipeline für künftige Führungskräfte aus, stünden die Firmen in zehn Jahren vor gravierenden Problemen. «Die Junior-Lücke schmerzt zuerst die Berufseinsteiger – langfristig trifft sie aber die Unternehmen selbst.» Daten des Bundesamts für Statistik (BfS) zeigen, dass die Zahl arbeitsloser Personen mit Tertiärabschluss seit 2013 in der Tendenz gestiegen ist, obwohl seit 2010 über doppelt so viele Bewerber:innen einen Uni-Masterabschluss haben. Laut der Jobplattform Jobs.ch ist diese Entwicklung bereits auf den Einfluss von künstlicher Intelligenz zurück zu führen: In KI-exponierten Berufen sei der Anteil der Stellenanzeigen auf Berufseinsteigerlevel relativ stärker gesunken als in weniger exponierten Kategorien; dafür würden Senior-Stellen stärker nachgefragt. Erfahrung und Reife, Soft Skills wie Agilität und Veränderungsbereitschaft, Kompetenzen statt Abschlüsse – wir «Alten» haben dabei die Nase vorn.
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

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