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Blog, Industrie 4.0

#436 – Glückliche «Alte»

Früher war alles besser
«Die verzagte Generation: Früher war alles besser, sagen heute nicht mehr die «Alten» – sondern das denken insgeheim die Jungen» Nach den Klimastreiks und Corona ist es ruhig geworden um die junge Generation. Von der Politik wird sie derweil immer deutlicher benachteiligt, zugunsten der Babyboomer. Was für Auswirkungen hat das auf die Weltsicht junger Menschen? Davon handelt der Beitrag von Patrizia Messmer und Alain Zucker, NZZ am Sonntag vom 6. September 2025. Wir «Alten» (Babyboomer) haben Glück gehabt. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg ging es wirtschaftlich und finanziell für die meisten von uns nur aufwärts. Wir konnten von unseren Eltern ein Vermögen erben und leben in sicheren Verhältnissen. Das Thema, dass Babyboomer nur auf sich selbst schauen – und Politik für die Alten machen, treibt die Jungen um. Es reicht von den Corona-Massnahmen bis zur 13. AHV-Rente, von der Abschaffung des Eigenmietwertes für Hauseigentümer bis zum Versuch, die Renten für Ehepaare zu erhöhen. Sie sehen, wo die Prioritäten liegen – sicher nicht bei ihnen. Statt des Klimas werden die Renten geschützt, dass Politiker das Wort «Generationengerechtigkeit» in den Mund nehmen, während sie den Jungen immer mehr Lasten aufbürden, halten viele nur noch für zynisch. Spricht man mit ihnen über ihren Frust, schwingt da auch immer eine Prise Eifersucht auf die Boomer mit, auf eine Zeit, die man selbst nie erlebt hat, aber von den Eltern und Grosseltern kennt. Es gibt unter den Jungen einen gewissen Neid auf die Stabilität, die die Boomer erlebt haben. Die Karriere war planbar, das Leben angenehm, gerade für die Männer, die nach Feierabend die Beine hochlagern konnten.

Niki de Saint Phalle (1930-2002): une balistique de l’objet, 1994, © Niki Charitable Art Foundation

Glück braucht harte Arbeit
«Glück ist kein Zufall, sondern harte Arbeit. Das Gute ist: Es gebe Regeln dafür, sagt ein weltweit führender Forscher» im Interview mit Nicole Althaus, NZZ am Sonntag vom 21. Juni 2025. Jeder Lebensabschnitt habe sein eigenes Rezept, sagt der Harvardprofessor und Sozialwissenschafter Arthur C. Brooks (61). Er weiss das. Nicht zuletzt, weil er selber lange unglücklich war. Er will Menschen inspirieren, nicht desillusionieren. Also kein Sarkasmus, kein Klagen über den Zustand der Welt, sondern Dinge machen die unsere Neugierde befriedigt oder uns herausfordert. Brooks ist sich durchaus bewusst, dass man sich das leisten können muss. Das Engagement für etwas jenseits des eigenen Bauchnabels macht jedoch glücklich. Wir «Alten» wissen aus Erfahrung, dass Glück eine Fähigkeit ist, in die man investieren muss. Die Jungen sind da besonders gefordert, in unserer Kultur, welche die Befindlichkeit ins Zentrum stellt. Langweile wird mit dem Smartphone oder Netflix ausgemerzt. Frust mit Shopping aus der Welt geschafft. Es ist heute sehr einfach geworden, jedes Bedürfnis sofort zu befriedigen. Jeder Kränkung aus dem Weg zu gehen. Glück aber gibt’s nicht schnell, schnell, schnell. Arthur C. Brooks erwähnt, basierend auf derzeit gültigen Forschungsdaten, wie Langeweile beziehungsweise Zeit, die nicht mit Ablenkung gefüllt ist, im Hirn das «default mode network» aktiviert, das es für den inneren Denkprozess und die Reflexion über Sinnfragen braucht. Sie sind wichtig. Denn im Unterschied zum Tier realisiert der Mensch eben auch, dass andere schöner, klüger, schneller sind und alles vergänglich ist. Das ist schmerzhaft, aber urmenschlich und braucht keinen Psychiater.

Glückliche «Alte» in der Zeit des Seins
Brooks rät seinen Studierenden, wenigstens einmal am Tag das Handy für ein, zwei Stunden zu Hause zu lassen, spazieren zu gehen und über eine wichtige Frage nachzudenken. Er rät jungen Menschen, Nächte durchzutanzen, tagelang mit Freunden zu philosophieren, sich zu verlieben, Körbe zu bekommen, vor Liebeskummer zu heulen wie ein Schlosshund, zu leben und zu leiden statt auf einer App auf ein Match zu warten, das auf ein paar ähnlich beantworteten Fragen und dem Äusseren beruht. Das Geheimnis vorab in der zweiten Lebenshälfte heisst Sein, nicht Machen, denn das englische Wort für Mensch ist «human being», nicht «human doing». Die Forschung zeigt: Mit etwa 39 erreicht die fluide Intelligenz ihren Höhepunkt, von da an geht’s abwärts. Geistig und körperlich. Das gilt es zu akzeptieren. Im Schatten der fluiden Intelligenzkurve baut sich jedoch die zweite, die kristalline Intelligenz langsam auf und nimmt bis Ende 50 stetig zu. Sie beruht auf Wissen, Erfahrung und dem Erkennen von Strukturen. Diese Form der Intelligenz passt besser zu uns «Alten», als zum dynamischen Unternehmer. Wir springen von der ehrgeizigen Ich-Kurve zur zwischenmenschlich orientierten Wir-Kurve. Wir können innerhalb unseres Jobs den Fokus wechseln, den jüngeren Kolleg:innen ein Mentor oder eine Mentorin sein. Diese zweite Intelligenzkurve macht glücklicher. Es ist die Zeit des Seins, des Nicht-mehr-alles-Müssens. Und es ist die Zeit der Ernte. Nur zu wissen, wie man glücklich wird, reicht eben nicht. Man muss sein Leben strategisch und konsequent danach ausrichten. Immer wieder neu.

Sich selbst als Marke positionieren
Auf LinkedIn, 3. September 2025, präsentierte Daniel Ruf, Karrierestrategien für Leaders & Executives, seine Einschätzung zum aktuellen Arbeitsmarkt. Unter dem Titel: «Schluss mit der Schokoladenseite des Arbeitsmarktes – es wird wieder härter» beschrieb er wie in den letzten Monaten die Bewerberzahlen rapide ansteigen. Während vor 12 bis 18 Monaten Unternehmen um Talente kämpften und überall die Rede von «Fachkräftemangel» war, hat sich das Blatt gewendet. Die Karten werden neu gemischt. Die Unsicherheit in der Wirtschaft spiegelt sich in der Dynamik des Arbeitsmarktes wider. Unternehmen haben plötzlich die Qual der Wahl, während Kandidat:innen sich intensiver beweisen müssen. Zwar besteht immer noch ein Fachkräftemangel, aber die Spielregeln bei der Stellensuche ändern sich schneller als viele dachten. Jetzt ist die Zeit, seine Strategie zu schärfen. Um die gewünschte Stelle zu erhalten, braucht es einen Lebenslauf der seine Stärken klar kommuniziert. Eine Erzählung, die im Kopf bleibt. Und eine Positionierung, die sich von der Masse abhebt. Ohne das wird es schwer. Denn wenn die Bewerberzahlen steigen, setzen sich am Ende nur diejenigen durch, die wissen, wie man sich als Marke präsentiert. Da ist es wichtig, seinen Wert zu kennen und sich selber gegenüber ehrlich zu sein. Eine Portion Glück gehört ohnehin dazu.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
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#435 – Einzigartige und kompetente «Alte»

Kompetente «Alte»: Tradition und Transformation gleichermassen verbinden
Die Aufregung um die hohen Zölle für schweizer Exportgüter, zeigt unter Anderem auch eine unserer Eigenheiten. Man wartet erst einmal ab und reagiert dann, meist zu spät, auf die Realität und ärgert sich umso mehr über das Resultat. Ähnliche Zurückhaltung stellt man beim Nutzen von künstlicher Intelligenz in der Digitalisierung fest. Diese wird in vielen Kleinbetrieben zu Unrecht vernachlässigt. In der sich rasant wandelnden Geschäftswelt sind Führungspersönlichkeiten, die Tradition und Transformation gleichermassen verbinden, selten. Kompetente «Alte» in gemischten Teams wären dank ihrem Netzwerk dazu prädestiniert, Lösungen zu Technologie, Nachhaltigkeit und interdisziplinäre Kooperation voranzubringen. Wir «Alten» sind krisenerprobt, haben persönliche Karriereziele meist schon erreicht und beobachten mit neutraler Aussensicht die Konkurrenz. Die Erfahrung hat uns gelehrt, wie KI, Robotik, ESG {das Rahmenwerk zur Bewertung der Nachhaltigkeit und ethischen Praktiken) und neue Geschäftsmodelle eine Branche verändern – und wie sich die Schweiz in dieser Transformation positionieren kann.

Ich bin nicht gegen künstliche Intelligenz, aber sie macht uns faul. Denken ist anstrengend, und man muss sich bewusst dafür entscheiden.
Petra Volpe (55), italienisch-schweizerische Drehbuchautorin und Regisseurin.

Kein Fortschritt ohne Mentalitätswandel
Alternde Infrastrukturen, immer strengere Regulierungen und ein Mangel an qualifizierten Fachkräften bleiben zentrale Hürden im Erneuerungsprozess. Doch die vielleicht entscheidendste Herausforderung ist der Mindset. Viele Beteiligte – von Entscheidungsträgern bis zu den Teams vor Ort – zögern immer noch, digitale Werkzeuge konsequent einzusetzen, neue Prozesse zu adaptieren oder lang etablierte Geschäftsmodelle zu hinterfragen. Diese kulturelle Trägheit bremst den Fortschritt und schmälert den Einfluss von Innovationen. Ohne einen grundlegenden Mentalitätswandel werden selbst modernste Technologien ihr Potenzial nicht voll ausschöpfen. Führungsstärke beweist sich durch Förderung von Offenheit für Veränderungen um alle Stakeholder auf eine gemeinsame Vision der Modernisierung einzuschwören.

Thomas Schütte (70), deutscher Bildhauer und Zeichner: Ich bin nicht allein | Casablanca Filmkunsttheater 2023

Einzigartigkeit als Vorteil
Künstliche Intelligenz wird grundlegend verändern, wie wir Projekte planen, konzipieren und steuern – von der Optimierung der Design-Workflows bis hin zur Vorhersage von möglichen Projektrisiken. In Kombination mit Robotik und Automatisierung kann KI helfen, den Fachkräftemangel zu überbrücken. Der Einsatz neuer Materialien, die aktiv zur Erreichung von Klimazielen beitragen, hilft Unternehmen, welche diese Innovationen strategisch integrieren und nicht nur regulatorische Anforderungen erfüllen, einen klaren Wettbewerbsvorteil zu sichern. Echte Transformation beginnt nicht mit Software, sondern mit Vision, Neugier und dem Mut, das Mögliche neu zu denken. Als kleines Land müssen wir die Einzigartigkeit unserer Erzeugnisse zum Vorteil weiter entwickeln. Wir «Alten» müssen bestrebt sein, die Brücke zwischen Technologie und Menschen zu schlagen und Innovation in greifbaren Mehrwert übersetzen. Um Innovationen zu fördern, müssen Organisationssilos aufgebrochen werden. Unternehmen, die Talententwicklung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und agile Innovation verbinden, werden im nächsten Jahrzehnt die Nase vorn haben. Entscheidend ist nicht das Alter der Mitglieder in gemischten Teams, sondern der Wille zum lebenslangen Lernen und eine unermüdliche Neugier. KI und Robotik werden menschliche Intelligenz oder Kreativität nicht ersetzen. Aber sie werden diejenigen stärken, die bereit sind, sich anzupassen, zu lernen und zu führen.
(Adaptiert aus dem Beitrag von Stefan Cadosch (61) unter dem Titel «Innovation an der Schnittstelle von Ingenieurwesen, Architektur und Technologie vorantreiben» auf Innoqube Insights vom August 2025.)

Aus der Praxis: Wer auffindbar ist, gewinnt
Der Beitrag von Jürg Zulliger, NZZ vom 4. August 2025, hat es in sich. Unter dem Titel: «Homegate, Immoscout24 und Co. unter Druck: Künstliche Intelligenz verändert die Wohnungssuche in der Schweiz» verweist er auf die schweizerische Eigenart: Abwarten und sehen was passiert. Die Immobilienportale wie Homegate und Immoscout24 verzeichnen gemäss dem Digitalisierungsexperten Heinz Schwyter und dem Analyse-Tool Similarweb rückläufige Besucherzahlen. Wie Zulliger weiss, beginnt für viele Menschen die Immobiliensuche heute nicht mehr auf Homegate oder Immoscout24 – sondern mit einem Chatbot. Wer sich von Systemen wie ChatGPT oder Perplexity unterstützen lässt, erhält nicht bloss eine Liste von Inseraten, sondern auch eine vorgefilterte Auswahl: eine 3-Zimmer-Wohnung in Zürich Nord, unter 2000 Franken Miete, mit Balkon? Der CEO Rainer Jöhl von Remax, mit 250 Maklern in der ganzen Schweiz, spricht von einer «fundamentalen Veränderung»: Junge Menschen suchten immer häufiger mit Sprachmodellen. Statt sich durch eine Vielzahl von Websites zu klicken, schauen sich viele Nutzer zuerst die von ChatGPT, Gemini oder Perplexity generierte KI-Übersicht an.

Abschottung zahlt sich nicht aus
«Wenn KI-Systeme künftig direkt auf die Websites von Maklern und Bewirtschaftern zugreifen, müssen diese ihre Angebote entsprechend gestalten und aktuell verfügbar halten», sagt Jan Eckert, CEO des Immobiliendienstleisters JLL Schweiz. Es sei gut möglich, dass ChatGPT oder andere KI-gestützte Systeme künftig die Rolle klassischer Immobilienplattformen übernähmen. Obwohl sich die Technologie rasant weiter entwickelt, halten viele Vermarkter an den bekannten Portalen fest. Man wartet ab und zweifelt, bis es dann doch zu spät ist. Obwohl Inhalte oft innerhalb weniger Stunden anderswo kostenlos erscheinen, versteckt sich auch die Online-Presse zunehmend hinter Log-ins und erhofft sich damit einen Schutz vor «unbezahlten» Zugriffen. Damit wird die KI vermehrt auf offene Quellen und Direktangebote von Maklern ausweichen, welche ihre gut strukturierten und für KI lesbare Darstellungen der Immobilienangebote auf der eigenen Website pflegen. «Die Nutzer lernen schnell», sagt Jan Eckert. «Wenn sich das Verhalten ändert, wird auch die Rolle der Plattformen neu definiert. Die Branche steht mitten in dieser Transformation.»

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#434 – Wir «Alten»: Original oder schon Kopie

Eigenständigkeit und Mut zur Differenzierung
Letzte Woche durfte ich am Sommerfest eines Startups aus der Softwarebranche teilnehmen. Die ambitionierte Firma präsentiert sich gegenüber ihren Kund:innen als reine Schweizer Plattform, mit Software entwickelt und gehostet in der Schweiz, schweizer Qualität als Gütezeichen für Vertraulichkeit beim Datenschutz. Der Anlass inspirierte den folgenden Beitrag mit Überlegungen zu Datenschutz, Autorenrechte, Abgrenzung und proprietären Applikationen im weltweiten Netz. Nicht jede Herausforderung lässt sich durch Gesetze und Technologien lösen, auch nicht vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Diskussionen über mögliche Zölle auf US-Dienstleistungen. Die vermeintlich sichere Verwaltung von Daten, die Rechenleistung, aber auch die Kontrolle digitaler Kanäle steht im Mittelpunkt der strategischen Planung von Unternehmen. Dazu braucht es Demut und eine hohe Leistungsbereitschaft – abseits von Phantasien wie der Vier-Tage-Woche oder der Selbstverwirklichung als Menschenrecht. Im Wettbewerb um Trainingsdaten für KI-Anwendungen sind wir auch auf die Erfahrung ausgewiesener «Alten» angewiesen. Die Stärkung von Kompetenzen, zu denen weiterhin Grundfähigkeiten wie Lesen, Rechnen oder Sprachen gehören, die aber auch ein kritisches Verständnis von Gesamtzusammenhängen umfassen, das es erlaubt, die Ergebnisse künstlicher Intelligenz zu hinterfragen. Wir «Alten» besitzen die Fähigkeit, die physische Umwelt durch Ideen und Handwerk zu gestalten. Im Kern gilt es, eine zentrale Tugend des Schweizer Erfolgsmodells ins 21. Jahrhundert zu übertragen: Eigenständigkeit und den Mut zur Differenzierung.

Das Problem mit der technischen Unmöglichkeit
Vor rund 30 Jahren bat sich mir die Gelegenheit, im Referat darauf hinzuweisen, wie mit der Digitalisierung der Begriff «Originaldokument» obsolet wurde und wir nur noch über (Original-)Kopien nachdenken sollten. Jede Kopie wird ohne Qualitätseinbussen zum Original. Trotz der Debatte über Regulierung und Sicherheit bezweifle ich, ob sich der weltweite Dokumentenfluss je kontrollieren lässt, denn das Internet kennt keine Territorial- oder Staatsgrenzen, sondern ist ein weltweites InformationsNETZ, das sich seinen Weg dort sucht, wo es am wenigsten Widerstand gibt. Das Internet wurde entwickelt, um Schäden und Zensur (im Kriegsfall) zu umgehen – diese Kernarchitektur macht es grundsätzlich resistent gegen zentrale Kontrolle. Innert Bruchteilsekunden entstehen unzählige Redundanzen. Daraus erklärt sich, wie technische Gegebenheiten wie Peer-to-Peer-Netzwerke, verteiltes Hosting und Verschlüsselung, die Durchsetzung unabhängig von rechtlichen Rahmenbedingungen praktisch unmöglich machen.

Geschichtliche Rückblende zur Entstehung des Internet
Das Internet ist das Ergebnis mehrerer technologischer Fortschritte. Seine Anfänge liegen im ARPANET, einem frühen Computernetzwerk, das 1969 während dem Kalten Krieg (1947 bis 1991) als Vorläufer des modernen Internets in den USA gegründet wurde, um eine dezentrale Kommunikation für militärische und wissenschaftliche Zwecke zu ermöglichen. Wichtige Meilensteine für das heutige Internet waren 1983 die Einführung von TCP/IP dem Transmission Control Protocol/Internet Protocol als «Satz» von Kommunikationsprotokollen die sicherstellen, dass Computer und Geräte Daten über Netzwerke, insbesondere das Internet, austauschen können. Sir Tim Berners-Lee erfand 1989 am CERN in Genf (Schweiz/Frankreich) das World Wide Web (WWW), um den Informationsaustausch zwischen Wissenschaftern zu vereinfachen, indem er die Grundlagen für Hypertext, das Protokoll HTTP, HTML zur Seitenbeschreibung und URLs für Adressen und Webbrowser schuf. 1993 machte das CERN den Code für das WWW der Öffentlichkeit zugänglich, was zu einem explosionsartigen Wachstum des Internets und dessen globaler Verbreitung führte. Der Lehrer meines Sohnes in der Sekundarschule Küsnacht war damals überzeugt, das Internet wird nie Erfolg haben.

Einstein auf dem Server: NZZ vom 14. August 2025. Illustration: Simon Tanner / NZZ

Kopie oder Original
Ich bat meine Lieblings-KI CLAUDE von Anthropic, mit mir zusammen die These: «Jede Kopie ist ein Original» weiterzuentwickeln, um über die Sinnhaftigkeit von Schutzmassnahmen für Inhalte nachzudenken.

CLAUDE:
Ihre Beobachtung zu digitalen Kopien und der grenzenlosen Natur des Internets berührt ein grundlegendes Spannungsfeld in der modernen Informationsverwaltung. Versuche, Inhalte zu blockieren, führen oft zu deren weiteren Verbreitung. Unterdrückungsversuche oder durchgesickerte Dokumente finden gerade aufgrund von Eindämmungsversuchen eine grössere Verbreitung. Wenn ein Land die Vorschriften verschärft, werden Server in ein anderes verlegt. Die globale Natur des Internets bedeutet, dass es immer einen Ort gibt, der Informationen entgegenkommt und ihnen mehr Raum gibt. Digitale Informationen verbreiten sich schneller als Rechtsverfahren. Bis Gerichte einstweilige Verfügungen erlassen oder Gesetzgeber Gesetze verabschieden, sind die Inhalte bereits weltweit verbreitet. Man vergleiche die Monate/Jahre, die Rechtsverfahren dauern, mit den Sekunden, die das Kopieren und Verteilen digitaler Dateien benötigt. Originale mit digitalen Wasserzeichen, Blockchain-Verifizierungen und andere Authentifizierungstechnologien verifizieren zwar die Herkunft, können aber das Kopieren oder Verteilen nicht verhindern.

Wirtschaftliche Realitäten – Die Revolution der Null-Grenzkosten
Die wirtschaftliche Realität der Informationsökonomie hat sich grundlegend verändert – die Grenzkosten für das Kopieren und Verteilen digitaler Inhalte nähern sich null, wodurch traditionelle, auf Knappheit basierende Schutzmodelle obsolet werden. Das traditionelle Modell des Inhaltsschutzes basierte auf physischer Knappheit – Bücher, Schallplatten und Filme waren teuer in der Reproduktion und Verbreitung. Urheberrechtsgesetze waren sinnvoll, solange für das Kopieren Druckpressen, Tonstudios oder Filmlabore benötigt wurden. Jedes Mal wurden neue Gesetze vorgeschlagen, aber die technologische Akzeptanz übertraf letztendlich die regulatorischen Reaktionen. Die Digitalisierung hat diese wirtschaftliche Grundlage erschüttert. Im Gegensatz zu analogen Kopien, die sich verschlechtern, sind digitale Kopien identisch mit den Originalen und ihre Erstellung kostet praktisch nichts. Wenn wir Inhalte empfangen, werden wir automatisch zu potenziellen Verteilern für das gesamte Netzwerk. Die Speicherkosten für diese Inhalte sind derart gesunken, was früher Lagerhallen erforderte, passt heute auf Geräte, die wir in der Hosentasche mitführen. Die globale Internet-Infrastruktur ermöglicht eine sofortige weltweite und kostengünstige Verbreitung. Dies führt zu einem wirtschaftlichen Paradoxon: Je wertvoller Informationen in unserer digitalen Wirtschaft werden, desto weniger wirtschaftlich ist es, ihren Fluss durch traditionelle Rechtsmechanismen zu kontrollieren.

Der Anpassungszwang führt zu neuen Geschäftsmodellen
CLAUDE stellt fest, dass wir aktuell das letzte Kapitel der Ära der «Inhaltskontrolle» erleben – nicht etwa, weil die Gesetze schlecht formuliert sind, sondern weil die wirtschaftlichen und technologischen Grundlagen, die diese Kontrolle ermöglichten, dauerhaft erodiert sind. Anstatt sich gegen die technologische Realität zu wehren, haben sich erfolgreiche Unternehmen in der Vergangenheit angepasst, indem sie neue Umsatzmodelle gefunden haben (Streaming versus Eigentum), Communities rund um Inhalte aufgebaut haben, anstatt den Zugriff zu kontrollieren oder sich auf schwer kopierbare Formate konzentriert haben, wie Live- oder personalisierte Erlebnisse die nicht effektiv raubkopiert werden können. Kreative, welche die Beziehungen zu ihren Zielgruppen aufbauen, anstatt nur Produkte zu verkaufen, sind erfolgreich. Beispiele sind unter anderen im Verlagswesen – vom Gatekeeping zum Plattformaufbau – zu finden. Traditionelle Verlage kontrollierten den Vertrieb durch physische Einschränkungen (Paywall), die jedoch leicht umgangen werden können, Inhalte erscheinen oft innerhalb weniger Stunden anderswo kostenlos. In der Autorenwirtschaft schafft das Medium direkte Beziehungen zwischen Autor und Leser und die Plattform erhält einen kleinen Anteil, anstatt Inhalte zu kontrollieren. Wir «Alten» agieren dabei als Mentoren oder Sparringspartner und erfüllen, dank unserer Seniorität, auch die Funktion des «sozialen Gewissens».

Software – Open-Source-Erfolgsgeschichten
Auf das anfangs erwähnte Startup bezogen, sind flexible und offene Geschäftsmodelle eine Möglichkeit zum Erfolg. Anstatt wie traditionell Softwarelizenzen verkaufen und Piraterie bekämpfen, wird die Software verschenkt um später den Support und die Services zu verkaufen. Das Hinzufügen von Diensten rund um kostenlose Inhalte schafft nachhaltige Einnahmen. Oder die Umstellung vom Verkauf von Box-Software (leicht raubkopierbar) auf Cloud-Abonnemente mit kontinuierlichen Updates, was die Piraterie weniger attraktiv macht. Der kostenlose Zugang zu Bildungsinhalten finanziert durch Spenden und Partnerschaften, ständig aktualisiert, anstelle dem traditionellen und teurem Lehrbuchmodell mit eingeschränktem Zugang und häufigen Neuauflagen. Seit das MIT Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA den gesamten Lehrplan kostenlos online veröffentlicht hat, verbesserte sich sein Ruf und gewann damit bessere Studierende und höherer Fördermittel. Ganz allgemein bröckelt das Monopol des Wissenschaftsverlagswesens, auch weil Universitäten sich zunehmend weigern, überhöhte Abonnementgebühren zu zahlen. Die Branche kämpft gegen die Realität, anstatt sich kreativ anzupassen. Beispiele zeigen, dass erfolgreiche Content-Ersteller nicht fragen: «Wie können wir das Kopieren stoppen?», sondern «Wie können wir unser offizielles Angebot attraktiver machen als die Kopien?» Die erfolgreichsten Adaptionen greifen oft genau die Kräfte auf, die traditionelle Schutzmodelle zu bekämpfen versuchen. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch prüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. Wir «Alten» übernehmen gerne die Rolle des Gewissens und der Verantwortlichkeit.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
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