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#411 – Demütige «Alte» im Murks-Umfeld

Wir sind alles digitale Analphabeten
Die Komplexität der digitalen Welt übersteigt unseren Horizont, das war schon vor der Einführung künstlicher Intelligenz KI so, schrieb Rachele De Caro (37), Autorin und Verlegerin, in ihrem Beitrag in der NZZ am Sonntag 9 März 2025. Die meisten von uns verstehen nur oberflächlich etwas, und die wenigen, die wirklich etwas verstehen, würden am liebsten das Weite suchen. So sind laut einer jährlich erhobenen IT-Studie auf StackOverflow, einer Plattform zum Austausch von Wissen, 80 Prozent der Entwickler mit ihrem Job unzufrieden. Das sollte uns aufhorchen lassen, benötigen wir doch in Zukunft eine regelrechte Heerschar an technikaffinen Expertinnen und Experten. Verantwortlich für die Unzufriedenheit sind gemäss der Studie insbesondere die technischen Schulden der Unternehmen. Ein Grossteil der Aufgaben, denen sich zum Beispiel Softwareentwickler täglich widmen müssen, ist das Ausmisten von Altlasten der Vorgänger. Sie sind sozusagen die digitale Müllabfuhr. Kein Wunder, vergeht ihnen die Lust am Programmieren. Die Unternehmen gehen den Weg des geringsten Widerstandes – wozu in perfekte Codes investieren, wenn es auch schneller und effizienter geht? Gut ist, dass KI viele dieser mühsamen Aufgaben in naher Zukunft erledigen kann – schlecht, dass das Wissen darüber dann in noch weniger Köpfen existiert.

Wissen bedeutet nicht Intelligenz
Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch prüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. Unter dem Titel «Die letzte Prüfung der Menschheit: Forscher stellen KI die schwierigsten Fragen der Welt» beschreibt Anna Weber (33) in der NZZ vom 12. März 2025 wie Sam Altman, Elon Musk und Co. überzeugt sind, dass die Entwicklung einer allgemeinen künstlichen Intelligenz AKI (artificial general intelligence AGI) kurz bevorsteht, einer KI also, die genauso intelligent, flexibel und vielseitig ist wie ein Mensch – oder gar noch intelligenter. Eine AKI soll laut Altman einen Grossteil der ökonomisch wertvollen Arbeit besser erledigen können als Menschen. Doch so beeindruckend es ist, wenn die KI Prüfungsfragen auf Experten-Niveau beantworten kann: Die Punktzahl in «Humanity’s Last Exam» ist keineswegs ein Anhaltspunkt für die Intelligenz einer KI. Denn der Test fragt Wissen ab, nicht logisches Denken, und erst recht nicht Kreativität oder die Fähigkeit, neue Gedanken zu entwickeln. Der Umgang mit KI ist vor allem eine kreative und erst in zweiter Linie eine IT-Aufgabe. Wir «Alten» haben in den vergangenen fünf Jahrzehnten technologische Veränderungen miterlebt und auch mitgestaltet. Integriert in KI-Entwicklungsteams, liefern wir wertvolle Perspektiven zu den Auswirkungen des KI-Einsatzes und tragen dazu bei, verantwortungsvolle KI-Praktiken zu etablieren. Dank unserem differenzierten Urteilsvermögen sind wir in der Lage, KI-Ergebnisse zu bewerten um mögliche Systemfehler oder mangelhafte Überlegungen aufzuzeigen. Bei der Fehlererkennung als Folge von Halluzinationen ist der Mensch jeder Maschine noch deutlich voraus.

Basler Fasnacht 2025, Morgestraich: Viel Düsteres, aber auch Tinguely und ESC: die Cliquen kurz nach vier Uhr am Spalenberg. Bild: sb/NZZ

«Alte» als Kompass im aktuellen System
Eduard Kaeser (77), Physiker und promovierter Philosoph, schrieb im Gastkommentar «Murks happens» – warum wir immer weniger verstehen werden, was wir tun», in der NZZ vom 27. November 2019: Selten kommt das, was wir technisch anpacken, so heraus, wie wir es uns gedacht haben. Technologie, unseren Köpfen entsprungen, wächst uns über den Kopf – buchstäblich. Wir überschauen und durchschauen sie immer weniger, uns fehlt der Kompass für den Kurs ihrer Entwicklung. Wir «Alten» haben ein System geschaffen, das wir nicht mehr überblicken können. Immer mehr Menschen beteiligen sich dank neuen technologischen Möglichkeiten am vermeintlichen Fortschritt. Kaeser nennt es Akkretion, ein Zustand der durch das Hinzufügen von immer mehr Systemkomponenten und deren Verknüpfungen entsteht. Akkretion birgt ein ernsthaftes Problem. Wir kennen das aus unserem heimischen Do-it-yourself. Wir «bessern» den morschen Dachboden mit Latten, Platten, Streben aus, vernetzen die elektrischen Geräte mehr schlecht als recht mit einem Kabelsalat, dichten die sanitäre Anlage im Keller mit Draht, Klebeband und Zusatzrohren ab. Dabei handelt es sich um eine zusammengeflickte, behelfsmässige, temporäre, mitunter unnötig komplizierte Lösung eines technischen Defekts oder Problems, kurz, ein «Murks».

KI gegen den digitalen Murks
Daraus formuliert Kaeser das Murks-Prinzip: Von einem kritischen Komplexitätsgrad an arbeiten technische Systeme zwangsläufig im Murks-Modus. Für die «jungen Wilden» ist es meist unmöglich auf die «ursprüngliche» Variante zurückzugreifen, diese auseinanderzunehmen und von null auf zu revidieren und so kümmern sie sich darüber immer weniger. Das Flugzeug, das die Brüder Wright 1903 bauten, war ein Ausbund an Einfachheit, konstruiert aus einer geringen Zahl von Komponenten. Eine Boeing 747 weist etwa sechs Millionen Hardware-Komponenten auf. Je komplexer eine Software, desto «murksiger» wird sie. Schliesslich ist der Code nicht mehr entschlüsselbar, geschweige denn auf Fehler zu testen. Viel eher bauen wir deshalb auf funktionierenden Murks auf, und versuchen, ihn schrittweise zu verbessern. Dank KI beginnen die Maschinen nun zu lernen. Damit hat man ein vielversprechendes Instrument zur Hand, das Verknäuelungsproblem zu umgehen, das System zieht über einen statistischen Lernalgorithmus selber seine «Schlüsse». Das führt zum Paradox: Die Effizienz des Systems nimmt zu – das Verständnis nimmt ab. Es mutet fast an, als «verstünden» die KI-Systeme sich selber am besten.

Demut statt Besserwisserei
Komplexität und Murks-Prinzip stellen die zentrale Herausforderung der Technologien dieses Jahrhunderts dar. Und das heisst auch: Wir bekommen es immer mehr mit Zufall, Nichtvoraussagbarkeit und «Renitenz» der Systeme zu tun. Wir sollten freilich nicht einem Fatalismus verfallen, der die technischen Systeme als unbewältigbar hinnimmt. Vielmehr verlangen unsere Bewältigungsversuche nach einer fundamentalen Haltungsänderung. Eduard Kaeser nennt es die Einstellung einer demutvollen Vigilanz, in Anlehnung an den renommierten holländischen Algorithmendesigner Edsger Dijkstra (72), der den Begriff des «demutvollen Programmierers» prägte. Demut meint das Eingeständnis, künstliche Systeme nicht vollständig durchschauen zu können; Vigilanz meint das nicht erlahmende Bemühen, sie nach bestem Stand des Wissens zu verstehen und zu kontrollieren. Wir «Alten» müssen uns immerfort weiterbilden, um diesen Diskussionen folgen zu können. Nicht mittels Besserwisserei, sondern demütig versuchen, in Zusammenarbeit mit den «jungen Wilden», unsere Erfahrung aus gesunder Distanz nutzbar zu machen. Eduard Kaeser stellt fest: «Menschen sind eine erstaunliche Murks-Spezies. Und wir leben in einem Murks-Universum. Es expandiert stetig. An seinen Rändern lauern das Unbekannte und die Pannen. Das heisst, der Umfang der notorischen «unbekannten Unbekannten» wächst. Und dann haben wir ein Problem: Die künftigen Systeme werden wahrscheinlich nicht nur komplexer sein, als wir Menschen uns das jetzt denken, sondern komplexer, als wir uns das je denken können. Technik tendiert zur Transzendenz.»

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#395 – Hoffnung: Auch «Alte» im Startup

Regierungsbildung als Startup
Die Wahl vom 5. November in den USA war auch ein Vertrauensvotum für uns umtriebige «Alte». Während man in der Schweiz den Fachkräftemangel bewirtschaftet und gleichzeitig kompetente «Alte» zwangsweise mit 65 Jahren in die Pension schickt, erleben wir in den Vereinigten Staaten beispielhaft die Zusammensetzung einer neuen Regierung, unabhängig von Geschlecht, Alter und Herkunft. Das «Transition-Team», mit der Regierungsbildung beauftragt, schaut sich beim besetzen der rund viertausend Beamtenstellen in der Verwaltung unzählige Kandidat:innen an. Auch wenn eine gewisse «Loyalität» zum Chef ausschlaggebend ist, sucht man vor allem nach fähigen und kompetenten Persönlichkeiten, die das Land weiterbringen dürften. Auch soll gleichzeitig der Kündigungsschutz von Beamten gelockert werden, um Sesselkleber oder Illoyale «nach Belieben» entlassen zu können. Täglich erhitzen sich die Gemüter der europäischen Medien über jede neue (disruptive) Nominierung zu Schlüsselpositionen im Kabinett. Souverän ist jedoch, wer imstande ist, glaubhaft zu drohen. Im Beitrag von Christian Weisflog (50), Washington, NZZ vom 13. November 2024, vergleicht dieser das Casting in Mar-a-Lago, Florida, mit dem Charakter eines Startups. Viele der Vorgeschlagenen sind «Quereinsteiger:innen» mit wenig Erfahrung im Politbetrieb von Washington, was auf frischen Wind hoffen lässt und als Wahlversprechen bereits vor acht Jahren im Raum stand, aber wegen fehlender Mehrheiten nicht umgesetzt werden konnte. Das «Unternehmen» geht neue Herausforderungen nach dem Prinzip des Einfach-mal-Machens an. Learning by doing.

Hans Rudolf Giger (1940-2014), schweizer Künstler. HR Giger Museum: Dunkle Kunst und fremdes Universum 1967 (aus Geburtsmaschine)

Der Visionär für eine neue Führungsrolle
Mit Elon Musk (53), dem Tesla- und SpaceX-Gründer, wird ein Visionär an die Schalthebel der Nation geholt. Dieser wird die Vorteile modernster Technologie zur Verbreitung von Wissen und Bildung, sein Netzwerk und seine Erfahrung zum Fortschritt für das Land nutzen. Gleichzeitig mischt der reichste Mann der Welt in der Innen- und Aussenpolitik mit. Damit verbindet sich auch das Ziel, einer ungebrochenen Führungsrolle der USA im internationalen Wettbewerb. Der Vorwurf, dass man ein Land nicht wie ein Unternehmen führen kann, greift dabei zu kurz. Musks Interessen sind vielschichtig und umfassen beispielsweise auch die Bildung und damit die Zukunft einer Gesellschaft. Da der technologische Fortschritt parallel zu den globalen Herausforderungen immer schneller wird, ist eine Umgestaltung der Bildungssysteme weltweit unumgänglich geworden. Von zentraler Bedeutung für diesen Wandel ist die zunehmende Bedeutung von MINT und MINT-Lehrplänen, bei denen es sich nicht nur um akademische Trends handelt, sondern um wichtige Ansätze, um Studierende mit den Kompetenzen auszustatten, die sie für eine sich schnell entwickelnde Zukunft benötigen. MINT vermittelt Inhalte, Methoden und Konzepte, die eine vertiefte Auseinandersetzung mit Wechselwirkungen in den Themenfeldern Natur, Umwelt und Technik an Hand ausgewählter Phänomene ermöglichen.

Eine einfache Gleichung
Ein Ansatz, wie solche Ziele erreicht werden können, zeigt der Beitrag von Lucy Berbeo im UCLA Magazine vom 7. October 2024. Im Olga Radko Endowed Math Circle, auch bekannt als ORMC, nimmt die nächste Generation grosser Mathematiker Gestalt an. Es ist 10 Uhr an einem strahlenden Sonntagmorgen an der UCLA University of California Los Angeles und Vivian Moy-Dinsons Studierende sind keine gewöhnlichen Campus-Schüler:innen. Einige tragen Zöpfe, ein paar tragen Superhelden-Rucksäcke. Die animierten Kindergarten- und Erstklässler sind Teil des UCLA ORMC, einem kostenlosen, wöchentlichen Förderprogramm für begabte Schüler:innen der Klassen K–12 aus einhundert Postleitzahlengebieten im Grossraum Los Angeles. Quasi ein Spielplatz für einige der klügsten jungen Köpfe in der Welt der Mathematik. Das Programm wurde 2007 als Leidenschaftsprojekt der verstorbenen UCLA-Mathematikprofessorin Olga Radko ins Leben gerufen und richtet sich an Schüler:innn, die eines gemeinsam haben: Sie haben Spass an Mathematik und sind darin hervorragend.

Sein eigenes Universum erschaffen
Im Gang vor Oleg Gleizers Büro herrscht ein reges Treiben, wenn Eltern und Schüler:innen vorbeikommen, um Hallo zu sagen. Achtzig Prozent der Arbeit von ORMC, sagt er, besteht einfach darin, die Kinder in Mathematik auf das College vorzubereiten. «Wir wissen, was sie in der Schule lernen, und wir wissen, was sie brauchen, um in meinem Unterricht erfolgreich zu sein, in dem ich als UCLA-Professor Studierende unterrichte», sagt Gleizer. Es gehe darum, etwas viel Grösseres zu lehren als das Lösen von Gleichungen – es gehe darum, Kindern zu ermöglichen, die innere Schönheit von Mathematik zu erkennen und zu entdecken. «Im Grunde erschaffen sie jedes Mal, wenn sie Mathe machen, einen Teil eines Universums – ihres eigenen Universums», sagt er. «Und sie werden anfangen, die Dinge auf eine ganz andere Weise zu betrachten.»
Das Beispiel steht für einige meiner Gedanken zur zukünftigen Entwicklung unserer Gesellschaft, bei der wir «Alten» einen wichtigen Beitrag leisten müssen. Dank unserer Weisheit, Gelassenheit, Erfahrung, Reife und Neugier sind wir kompetenten «Alten» als Mentor:innen, Coaches oder Sparringspartner, willkommene Ergänzungen in gemischten Teams.

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#251 – «Alte» in der Schweiz von morgen

«Was gestern war, muss morgen nicht sein»
Unter dem Titel «Impulse aus einer unparteiischen ökonomischen Ideenwerkstatt» der Herren Beat Brechbühl, Peter A. Fischer, Christoph A. Schaltegger und Kaspar Villiger ist am 24. Dezember 2021 in der NZZ-Verlagsbeilage «Reformideen für die Schweiz» ein Gastkommentar erschienen – Inhalt realisiert durch NZZ Content Creation in Kooperation mit der Bonny Stiftung für die Freiheit. Das Projekt «Liberale Reformideen für die Schweiz 2030» der Initianten soll nicht ein abgeschlossenes Reformprogramm und auch kein neues Weissbuch sein, sondern ein Beitrag zu einer liberalen Schweiz, die nicht nur von ihrer vergangenen Leistung zehrt, sondern auch in Zukunft zu den Erfolgreichen gehört. Damit die Schweiz auch 2030 noch prosperiert, sollte sie zu ihren Erfolgsfaktoren mehr Sorge tragen und ihnen zu neuem Schwung verhelfen. Auch wenn im Wettbewerbsfähigkeitsranking des Lausanner Institute for Management Development (IMD) die Eidgenossenschaft 2021 vor Schweden und Dänemark auf dem ersten Platz rangiert, muss das künftig nicht so bleiben, denn wer nur schon stehen bleibt, fällt zurück.

AIA American Institute of Architects, Gruppendiskussion 2021, branchenübergreifende Kooperation

Stärken stärken
Die Frage, ob die Schweiz auch gut gerüstet ist, um in Zukunft noch zu prosperieren treibt die Initianten und Mitwirkenden auf Grund sich mehrender Zweifel um. 2020 untersuchte das WEF (Weltwirtschafts Forum), wie unterschiedliche Staaten gerüstet sind, um aus der Corona-Krise gestärkt hervorzukommen. Nur beim Kriterium «Flexibilität des Arbeitsumfelds» taucht die Schweiz auf dem dritten Platz auf. Bei der Technologieadoption, den digitalen Fähigkeiten und dem rechtlichen Rahmen schafft sie es nicht einmal mehr unter die ersten zehn. Dabei hat gerade die Pandemie gezeigt, wie wichtig eine rasche Adoption neuer Technologien und privates Unternehmertum, trotz wuchernder Regulierungsflut, sind. Die oft eklatanten Ineffizienzen, die sich etwa im Gesundheitswesen, in der digitalen Infrastruktur, dem Tourismus, dem Bildungswesen oder auch in der Aussenwirtschaftspolitik manifestieren, werden hierzulande mit der finanziellen Giesskanne überdeckt.

Bildung und Arbeitsmarkt, eines von sechs Themengebieten
Die Initianten haben sechs Themengebiete identifiziert, von denen sie glauben, dass sie für die künftige Prosperität der Schweiz zentral sind: das Wissen und die Bildungschancen, die Generationengerechtigkeit beim Älterwerden, das Gesundheitssystem und seine Finanzierung, die Offenheit und Einbindung in die Welt, die Infrastruktur und Klimapolitik sowie die Resilienz und Reformfähigkeit der direktdemokratischen Institutionen. Für jedes Gebiet wurden zwei renommierte, wirtschaftspolitisch erfahrene Ökonominnen und Ökonomen gesucht, die sich gemeinsam und unentgeltlich über effektive Reformvorschläge Gedanken machen und die bereit waren, diese dann mit im jeweiligen Fachgebiet erfahrenen Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft und Gesellschaft zu diskutieren.

Rezept gegen den Fachkräftemangel?
Das Themengebiet Bildung und Arbeitsmarkt soll gemäss Stefan C. Wolter (56), Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) und Conny Wunsch (45), Professorin für Arbeitsmarktökonomie an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel, eine Lösung zum drohenden Fachkräftemangel aufgrund der (Über-)Alterung der Gesellschaft und des technologischen Wandels aufzeigen. Die Autoren finden, dass alle Menschen, die hierzulande eine tertiäre Ausbildung absolvieren, für die von ihnen verursachten Kosten in Form einer nachgelagerten Studiengebühr selber aufkommen sollen. Zudem mögen sie ihre Studienwahl besser an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes ausrichten. Die Quintessenz ihrer Betrachtung ist, dass mehr Bildung mit Fokus auf den Arbeitsmarkt stattfinden soll. (Auf Kosten der Allgemeinbildung?). In einer Art «Planwirtschaft» sollen Anreize entstehen, welche die Wahl des Ausbildungsgangs, das Studienverhalten, die Perspektiven auf den Arbeitsmarkt und das eigene Erwerbsverhalten stärker reflektieren. Ein neues obligatorisches Schulfach «Studien- und Berufswahlkunde» soll angehenden Studierenden die Konsequenzen ihrer Entscheidungen aufzuzeigen. Informationen und standardisierte (staatliche?) Kompetenztests müssten demnach von einer neutralen zentralen Stelle zur Verfügung gestellt werden. Kein Wort über das vorhandene Potenzial an Erfahrung von uns «Alten» und wie dieses, nach dem «gesetzlichen» Pensionsalter, in gemischten Teams weiter genutzt werden könnte.

«Zukunft der Pensionierung» FokusTalk, 7. 12. 2021, Alexis von seniors@work & Rachel von FocusFuture

Wissen wir welche Berufe in zehn oder zwanzig Jahren noch relevant sind?
Rein ökonomische Betrachtungsweisen greifen jedoch viel zu kurz. Die Schweiz von morgen wird eine ganz andere sein. Innovationen und Wissensvorsprung können nicht staatlich verordnet werden. Sehr oft entwickeln sich junge Menschen mit zunehmender Reife in nicht vorhersehbare und schon gar nicht in staatlich quantifizierte Richtungen. Dass mit neuen Ideen auch neue Berufsbilder entstehen ist ein willkommener Nebeneffekt. Aaron Betsky, Direktor der Architektur- und Designschule am Virginia Tech, USA bemerkt im Hinblick auf Präsident Bidens Infrastrukturprojekt: damit die Regierung für die Zukunft etwas bewirken kann, muss sie Colleges und Handelsschulen gebührenfrei machen.

Elon Musk (50), wanderte mit 17 Jahren von Südafrika nach Kanada aus, wo er sich an der Queen’s University in Kingston einschrieb. Nach der Übersiedlung in die USA schloss er das Studium an der University of Pennsylvania in Philadelphia mit einem Bachelor in Volkswirtschaftslehre und Physik ab. 1995 wechselte er nach Palo Alto in Kalifornien und wurde 1995 an der Stanford University zu einem Ph.D.-Programm in Physik (Applied Physics and Materials Science) zugelassen. Nach nur zwei Tagen auf dem Campus beschloss Musk jedoch, das Studium aufzugeben und stattdessen das Unternehmen Zip2 zu gründen (weitere Gründungen seither: SpaceX, Tesla, The Boring Company oder PayPal). Im Business Standard Interview mit Lex Friedman, Forscher für KI künstliche Intelligenz, rät Musk jungen Leuten, so viel wie möglich zu lernen, zu Reisen und neue Menschen kennen zu lernen.

Der 1955 geborene Steve Jobs wuchs in Kalifornien auf. 1972 begann er ein Studium der Kalligrafie, also der Lehre des «schönen, sauberen Schreibens», das er aber sehr schnell wieder abbrach. Daraufhin begann er, Ingenieuren bei der Arbeit an Spielecomputern zu helfen. In der Garage seiner Adoptiveltern entwickelte er 1976 zusammen mit seinem langjährigen Freund Steve Wozniak den ersten offiziellen Apple-Computer. Der richtige Durchbruch gelang 1984, mit dem Apple Macintosh, einem ersten gesellschaftsfähigen PC für Normalbürger. Die Grafik, also bildliche Aufmachung des Computers, brachte auch Möglichkeiten für viele neue Berufsfelder.

Bill Gates‘ (66) grosse Leidenschaft lag in der Mathematik und der Wirtschaft. Nach Abschluss der Schule studierte er von 1973 bis 1975 Jurisprudenz in Harvard. Dort machte er auch die Bekanntschaft mit Steve Ballmer, der später zusammen seinem Schulfreund Paul Allen sein Geschäftspartner werden sollte. In Harvard entwickelte Gates eine Version der Programmiersprache «Basic» für den ersten Mikrocomputer «MITS Altair». Gates arbeitete bereits mit seinen Freunden in einer Garage in Albuquerque (New Mexico) an der Weiterentwicklung des schon bestehenden Altair Computers, und 1975 wurde dort die Firma «Microsoft» gegründet.

«kompetenz60plus.ch»
Mit unserer Erfahrung aus der analogen, zusammen mit Erkenntnissen aus der digitalen Welt, sind wir «Alten» gerne bereit, diese mit KMU’s oder im Team mit jungen Forschenden und Wissenschaftern auf Augenhöhe zu teilen. «kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

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