Blog, Industrie 4.0

#427 – Das Verhältnis von uns «Alten» zur KI

Was genau ist künstliche Intelligenz KI
KI könnte vielen von uns die Karriere kosten – doch das heisst nicht, dass wir ihre Entwicklung stoppen sollten, meint die Journalistin Megan J. McArdle (52) im TED2025 • April 2025 Talk (10:05). Während sie beobachtet, wie KI in ihr eigenes Handwerk eindringt, blickt sie mit neuen Augen auf die Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts, die versuchten, Maschinen zu zerstören, die ihr Handwerk auf den Kopf stellen würden. Rückblickend formuliert McArdle die heutigen Ängste mit einer ergreifenden Frage: Wenn wir den Fortschritt stoppen, um die Gegenwart zu schützen, was könnten wir der Zukunft vorenthalten? Persönlich verwende ich meine Lieblings-KI CLAUDE, ein Large Language Model LLM von Anthropic, immer öfter. Sei es um weitere Aspekte meiner Überlegungen zu beleuchten, einen Code zu generieren oder um mögliche Themen für neue Blogbeiträge zu finden. Anfangs kommunizierte ich auf Englisch, mittlerweile funktioniert das Modell perfekt auf Deutsch.

KI erobert die Schulen
«Gewisse Lehrer könnte man mit KI komplett ersetzen» – «Chat-GPT ist wie ein Lernpartner» titelte der Tagesanzeiger vom 2. Juli 2025 den Beitrag zur Verwendung von ChatGPT an der Schule. Goethe zusammenfassen lassen oder bei der Prüfung spicken: Fünf Schülerinnen und Schüler erzählen, wie sich ihr Unterricht durch künstliche Intelligenz verändert hat. Auch für uns «Alte» hat sich mit der Art und Weise wie wir KI nutzen, unsere Arbeit verändert. Im weitesten Sinne zähle ich dazu Funktionen, welche E-mails und Texte korrigieren und oft verwendete Wörter während des Schreibens ergänzen. Als Mac-Nutzer kenne ich seit rund 30 Jahren die Vorteile von AppleScript, als Teil des MacOS-Betriebssystems und seit einigen Jahren im Paket mit Automator, der App zum Automatisieren von Funktionen und Zuweisen von Verknüpfungen. Diese optimiert auf Knopfdruck den Workflow effizient für wiederkehrende Aufgaben wie Dateiverwaltung, Textbearbeitung und mehr.

Thrones «sculpture as place», 1978, Carl Andre (1935-2024), amerikanischer Künstler. Art Basel Unlimited 2025

Zusammenarbeit neu gestalten
Wir sind von der verarbeitenden Industrie des 20. Jahrhunderts zu einer wissensbasierten Wirtschaft mit Dienstleistungen für das 21. Jahrhundert übergegangen. Diese «Industrie 4.0» schafft kaum mehr Arbeitsplätze, weil moderne Fabriken grösstenteils mit Robotern funktionieren. Vor sechzig Jahren waren die Hälfte der Erwerbstätigen in der Schweiz Industriearbeiter. Heute sind es noch 20 Prozent. Die Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen, sagt der Nobelpreisträger und Professor an der Columbia University in New York, Joseph Stiglitz (82) im Interview mit Dieter Bachmann in der NZZ vom 13. Juni 2025. Die Entwicklungen im Bereich der generativen künstliche Intelligenz GenKI bringt tiefgreifende Veränderungen bei (Wissens-)Arbeit und Beschäftigung mit sich. GenKI ist ein Teilbereich im Feld der künstlichen Intelligenz, die nicht nur unsere Werkzeuge verändert, sondern die Logik von Arbeit selbst. Und sie tut das schneller, als viele Systeme adaptieren können. Gefragt sind nicht mehr nur IT-Kenntnisse, sondern Zukunftskompetenzen wie Kollaboration, Systemdenken und Selbstführung. GenKI wirkt dabei wie ein Exoskelett: Sie erweitert unsere Handlungsfähigkeit, sagt Stiglitz. Menschen müssen lernen neu zu denken, Zusammenarbeit neu zu gestalten, Zukunftsfähigkeit gemeinsam bauen.

盖瑞·马库斯: 暴走 AI 的紧迫风险——我们又该如何应对 | TED Talk
Gary Marcus: Die akute Gefahr einer ausser Kontrolle geratenen KI – und was wir dagegen tun können | TED Talk (übersetzt aus dem Chinesischen – Google Translate).
Warum KI unglaublich schlau und schockierend dumm ist · Die Insider-Story über das erstaunliche Potenzial von ChatGPT. Im TED Talk vom April 2023 (14:02, Transkription in 13 Sprachen, dabei kein Deutsch!), spricht Gary F. Marcus (55), emeritierter Professor für Psychologie und Neurowissenschaften an der New York University, Firmengründer im Bereich künstliche Intelligenz und Autor. Zu Beginn stellt er die Frage ob Wahrheit und Vernunft die Entwicklung künstlicher Intelligenz überleben werden und verneint dies auch gleich. Sicher nicht, solange unzuverlässige Technologie weiterhin mit so gefährlich hoher Geschwindigkeit in unser Leben integriert wird. Er plädiert für eine dringende Neubewertung, ob wir in Zukunft zuverlässige Systeme oder weiterhin Desinformationsmaschinen bauen. Er untersucht die Fehler der heutigen KI und fordert eine globale, gemeinnützige Organisation, welche die Technologie im Interesse der Demokratie und unserer gemeinsamen Zukunft reguliert. Er macht sich Sorgen über die Möglichkeit, dass böswillige Akteure einen Tsunami an Fehlinformationen auslösen, wie wir ihn noch nie zuvor erlebt haben. Selbst wenn diese Systeme nicht absichtlich zur Verbreitung von Fehlinformationen eingesetzt werden, können sie nicht anders. Sie kombinieren aus unzähligen Nachrichten in ihren Datenbanken kleine statistische Informationen, ohne den Zusammenhang zwischen den Fakten, die in den einzelnen Satzteilen enthalten sind, zu verstehen. Das System vervollständigt im Grunde automatisch und sagt voraus, was statistisch wahrscheinlich ist und aggregiert all diese Signale, ohne zu wissen, wie die einzelnen Teile zusammenpassen. Und manchmal entstehen dabei Dinge, die zwar plausibel, aber einfach nicht wahr sind.

Welche Wahrheit wird zum Massstab
Viele rufen seit dem Eintritt von KI in unseren Alltag nach Regulation, mit den verschiedensten Interessen, kulturellen Hintergründen oder dem Geschäft mit der Angst. Ich sehe es als Aufgabe von uns «Alten» in gemischten Teams, wie unsere Erfahrung einen Beitrag zur Entwicklung digitaler Umgebungen leistet, durch Förderung von Fachwissen, beruflichen Handlungs- und überfachlichen Kompetenzen. Diese beinhalten emotionale Intelligenz, Intuition und die Fähigkeit, in unbekannten Situationen zu navigieren. Unser Wissen mag teilweise veraltet sein – unsere Erfahrung ist es nicht. Gary Marcus verweist im Zusammenhang auf AutoGPT und eine Reihe ähnlicher Systeme, wo eine KI eine andere KI steuert. AGI ist also die Idee künstlicher allgemeiner Intelligenz mit der Flexibilität des Menschen. Um die KI-Risiken zu minimieren, braucht es seiner Meinung nach zwei Dinge, einen neuen technischen Ansatz und auch ein neues Steuerungs-System. Um wahrheitsgetreue Systeme im grossen Massstab zu erreichen, müssen wir das Beste aus beiden Welten vereinen. Wir brauchen die starke Betonung von Argumentation und Fakten, explizites Denken, das uns die symbolische KI bietet, und wir brauchen die starke Betonung des Lernens, die uns der Ansatz neuronaler Netze bietet. Als studierter Kognitions- und Neurowissenschafter verweist Marcus auf den menschlichen Geist, der im Grunde genau das tut. Probabilistische Intuition basiert auf vielen Statistiken, wie ChatGPT, die wir mit bewusstem Denken kombinieren. Wenn das Gehirn das also zusammenfügen kann, werden wir eines Tages herausfinden, wie wir das auch für künstliche Intelligenz umsetzen können. Es bleibt aber weiterhin die Frage nach der WAHRHEIT per se.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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#423 – «Alte» in einer neuen Weltordnung

Die neue Weltordnung
Ian Bremmer (55), amerikanischer Politikwissenschaftler, Autor und Unternehmer mit Schwerpunkt auf globalen politischen Risiken, spricht in seinem Beitrag auf TED (14:58) vom April 2023, über eine neue «dritte Weltordnung». Historisch gesehen gab es zwei Weltordnungen: Parallel zur (militärischen) Sicherheitsordnung auch eine globale Wirtschaftsordnung, wo man sich die Macht teilt. Neu kommt eine weitere, noch wichtigere, die digitale Ordnung dazu. Sie wird nicht von Regierungen gesteuert, sondern von Technologiekonzernen. Technologiekonzerne bestimmen immer mehr unsere Identität. Will man das System in Frage stellen, genügt es nicht, die Autorität anzufechten, wie man es als Jugendliche lernt. Heute müssen wir die Algorithmen anfechten, denn diese sind eine unglaubliche Machtfülle in den Händen der Technologiekonzerne. Aktuell sind die USA der Hauptexporteur von Werkzeugen, mit dem Potenzial Demokratien zu zerstören. Es liegt an uns, auch an uns «Alten», mit dem Wissen über die Herkunft, unsere Zukunft zu gestalten. Wir müssen unseren Beitrag leisten um die Entwicklung, im Team mit den «jungen Technologieführern», entsprechend unseren Werten zu steuern.

«Woman Crying» 2019 aus einem Romance-Comic von Anne Collier (55), amerikanische Künstlerin. Foto: Anne Collier

Kontrollverlust als Quelle der Kreativität
Im Gespräch verzichten viele von uns «Alten» auf ein weiteres aktives, berufliches Engagement in einer Welt, die zusehends aus den Fugen zu geraten droht und in der unsere Ideale, die wir jahrelang verfolgt und gelebt haben, mehr denn je in den Hintergrund getrieben oder gar mit Füssen getreten werden. Wir bekunden Mühe im Umgang mit der aktuellen politischen Lage und empfinden einen Kontrollverlust. Seit Corona hat sich vieles auf dieser Welt zum Teil grundlegend verändert. Eine positive Einstellung gegenüber den technologischen Entwicklungen, wie der künstlichen Intelligenz KI oder der Digitalisierung von Unternehmesprozessen hilft uns bei der Einordnung. Weiterbildung, Offenheit und Neugier sind Voraussetzung um den Anschluss nicht zu verlieren, auch wenn dies immer schwieriger wird. Kontrollverlust beispielsweise in der Kunst, kann als ein wichtiger Bestandteil des künstlerischen Prozesses angesehen werden, da er zu unerwarteten Ergebnissen und neuen kreativen Möglichkeiten führen kann. Durch das Zulassen von Zufällen, spontanen Entscheidungen und dem Loslassen der Kontrolle kann Kunst entstehen, die sonst nicht möglich wäre.

Strukturveränderungen: Corona markierte eine Zäsur
Die COVID-19-Pandemie hat tiefgreifende und dauerhafte Veränderungen in verschiedenen Bereichen bewirkt. Der grösste Wandel mit wirtschaftlichen Folgen, zeigt sich in der Etablierung von Homeoffice und hybriden Arbeitsmodellen. Was vorher undenkbar schien, wurde binnen Wochen zur Normalität. Viele Unternehmen haben ihre Büroflächen reduziert, während Arbeitnehmende neue Flexibilität erwarten. Gleichzeitig entstanden aber auch neue Ungleichheiten zwischen «systemrelevanten» Berufen, die vor Ort arbeiten mussten, und anderen. Unternehmen die zuvor zögerlich bei der Digitalisierung waren, erlebten innert kürzester Zeit einen Digitalisierungsschub. Viele traditionelle Geschäftsmodelle wurden hinterfragt oder grundlegend verändert. Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Lockdown-Massnahmen manifestieren sich weiterhin in den psychischen Belastungen, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Die Pandemie führte auch zu einer Neubewertung der Rolle des Staates in Krisenzeiten. Massive staatliche Hilfsprogramme, die zuvor undenkbar schienen, wurden schnell umgesetzt. Dies veränderte auch die Diskussion über staatliche Verschuldung und Wirtschaftspolitik. Die Pandemie beschleunigte Entwicklungen, die sonst Jahre oder Jahrzehnte gedauert hätten. Diese «Zeitenwende» zeigt sich auch darin, wie Unternehmen und Individuen heute Risiken bewerten und Resilienz planen – sowohl für zukünftige Pandemien als auch für andere Krisen.

«Der Schrei» 1893, ikonisches Gemälde des norwegischen Malers Edvard Munch (1863–1944)

KMU-Barometer: Veränderungen
Gemäss dem Beitrag von Peter A. Fischer in der NZZ vom 5. Juni 2025 sind die Firmen verunsichert wie seit Pandemiezeiten nicht mehr. KMU mit weniger als 250 Mitarbeitenden erwarten Verschlechterungen bei den lokalen Rahmenbedingungen und im Wirtschaften mit dem Ausland. Wenn sich der mächtigste mit dem reichsten Mann der Welt wie Schulbuben streiten, sind es weniger die Erwartungen an sich, als die Stärke der Veränderungen, mit denen sich die schweizerische KMU-Wirtschaft zurechtfinden muss. Grösste Sorge der KMU bleiben die gesetzlichen Regulierungen, aber auch bei den Lieferketten und der Währungssituation und natürlich beim Marktzugang befürchten sie Verschlechterungen. Wir «Alten» helfen mit Weisheit, Gelassenheit, Erfahrung und Reife in gemischten Teams als Mentor:innen, Coaches oder Sparringspartner, ohne Angst zukunftsfähige Konzepte zu entwickeln.

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#416 – Demokratie im Zeitalter von Robotik

Demokratie im Zeitalter der Robotik bietet Chancen und Herausforderungen zugleich. Robotik und künstliche Intelligenz KI können demokratische Prozesse durch mehr Partizipation, Effizienz und datenbasierte Entscheidungsfindung verbessern, bergen aber auch Risiken wie algorithmische Verzerrung, Desinformation und Vertrauensverlust der Bürger.

Die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform – mit Ausnahme von all den anderen Regierungsformen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.

Sir Winston Churchill (1874-1965) © 2025 Demokratiegeschichten.

Eine zutreffende Analyse
Mit Blick auf die Demokratie, die Churchill gegen eine ihrer grössten Bedrohungen im 20. Jahrhundert zu verteidigen half, fällt vielen Menschen zuerst obiges Zitat ein. Es ist wohl einer seiner berühmtesten Aussprüche überhaupt und auch in Demokratie-Zitate-Rankings ist es meist oben mit dabei. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass seine Einschätzung genau ins Schwarze trifft. Denn Churchill möchte sich damit keineswegs als Hellseher profilieren, der die Demokratie über alles stellt – auch über Formen der Herrschaft, die noch kommen und wir uns jetzt eventuell noch überhaupt nicht vorstellen können. Aber der Blick zurück in die Vergangenheit zeigt, dass die Demokratie von allen bisherigen (!) Staatsformen am Ende des Tages eben doch die beste ist. Dieser zentrale Gedanke geht manchmal unter, wenn dieses Churchill-Zitat verkürzt wiedergegeben wird.

Roboter können (noch) nicht wählen
Die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung beschleunigten die Globalisierung, das Wachstum des Wohlstands und den Abbau einfacher Jobs in der westlichen Industrie. Diese werden nie mehr zurückkommen – egal wie protektionistisch ein Land ist, schrieb «NZZ am Sonntag»-Chefredaktor Beat Balzli im Editorial vom 20. April 2025 unter dem Titel «Roboter können übrigens keinen US-Präsidenten wiederwählen». Auf Grund von US-Importzöllen werden zwar ein paar Fabriken zurückkommen, aber nicht die versprochenen Jobs für die einfachen Leute. Industrielle Fertigung in Hochlohnländern heisst heute Automatisierung. Neue Jobs gibt’s nur für wenige Spezialisten. Wer im globalen Strukturwandel überleben will, braucht deshalb einen Rohstoff: Bildung – und nicht Öl. Flexible Fachkräfte, die verschiedene Berufslehren und Weiterbildungen hinter sich haben. Erfahrene, gelassene und weise «Alte», im Team mit den «jungen Wilden». Dem ungebildeten Rest schnappen nicht Migranten die neuen Stellen weg, sondern die Roboter. Sie werden die einzigen Profiteure dieser Politik sein – können aber in vier Jahren nicht wählen.

Robert Seamans Roboterzählung: Datenerfassung zur Verbesserung der Politikgestaltung im Bereich neuer Technologien, Brookings Institution 2021, Bild: © shutterstock

Die Zukunft, die plötzlich über uns hereinbricht
Wir «Alten» wissen zwar, wie neue Entwicklungen auf alten Erkenntnissen basieren. Aber die Glühbirne ist keine Weiterentwicklung der Kerze, schon 1801 war dies eine disruptive Entwicklung. In seinem Beitrag in Architecture Magazine – Technology 2024, schrieb Blaine Brownell, wie künstliche Intelligenz KI unsere neue Realität schneller als erwartet gestaltet. Werkzeuge wie ChatGPT und Copilot, welche erste Anwender für allgemeine Aufgaben wie das Umformulieren von E-Mails oder das Zusammenfassen von Sitzungsprotokollen verwenden, werden inzwischen mit wenig Vorwarnung durch eine schnell wachsende Zahl fach- und aufgabenspezifischer KI-Werkzeuge ergänzt. Die Zukunft, die schneller gekommen ist als die meisten erwartet hatten – mit erheblichen Konsequenzen in allen Branchen. Es ist üblich, dass Erstbenutzer auf die Fähigkeiten dieser Apps mit Misstrauen, Begeisterung oder Beklommenheit reagieren. Bald folgen Fragen zu den sich schnell verändernden Rollen von Fachkräften und der Art von Dienstleistungen. In der Zwischenzeit lautet der vorherrschende Rat, einzutauchen und experimentieren, denn je besser wir die Fähigkeiten dieser Apps verstehen, desto besser können auch wir «Alten» uns auf eine Zukunft vorbereiten, die plötzlich über uns hereinbricht.

Künstliche Intelligenz KI und Robotik
Im Interview mit Marie-Astrid Langer, San Francisco NZZ vom 21. Dezember 2024, beschreibt die Schweizerin Franziska Bossart, wie sie für Amazon eine Milliarde Dollar in Robotik- und KI-Startups weltweit investiert. Bossart ist die einzige europäische Direktorin in der Unternehmensentwicklung des Konzerns mit 1,4 Millionen Mitarbeitenden. Text, Video, Stimmen – generative KI kann alles und verändert alles. Nun kommt der Wandel in der physischen Welt an: Seit 2004 zeichnen sich bahnbrechende Durchbrüche in der Robotik ab. Fortschritte bei den sogenannten Vision-Language-Action-Models. Diese kombinieren alle bisherigen KI-Errungenschaften bei Text, Bild und Videos. Bossart kann deshalb zu einem Roboter sagen: «Gib mir etwas zu essen!» Dieser schaut sich in seiner Umgebung um, erkennt, was für Menschen essbar ist, und reicht es ihr dank guter Feinmotorik. Seine Entscheidung erklärt er ihr in natürlicher Sprache (mittlerweile sind es über hundert Sprachen und Dialekte). Dabei handelt es sich um echte Durchbrüche für die Robotik – mit enormen Auswirkungen. Mit diesen Fortschritten ist die Bay Area von San Francisco das Zentrum schlechthin, zusammen mit wichtigen Industriepartnern. Googles Forschungslabor Deep Mind für praktische Anwendungen etwa, oder das neue KI-Lab von Amazon, das sich auf physischen Anwendungen von generativer KI konzentriert. Der grösste Unterschied zu Europa ist dabei die Denkweise. Das visionäre Denken eines Silicon Valley fehlt uns Europäern. Auch wir «Alten» sind skeptisch und eher zurückhaltend, trotz sichtbaren Vorteilen.

Information Age, London, Nick Ismail, 2017 Bild: AdobeStock

Maschinen schaffen ein Spektrum an Regeln und Strategien
Briana Brownell, kanadische Datenwissenschaftlerin, Technologieunternehmerin und Vorstandsmitglied, erklärt in ihrer Präsentation vom März 2021 auf TED-Ed, mit dem Titel «Wie lernt künstliche Intelligenz?» die drei grundlegenden Prinzipien nach denen Maschinen forschen, verhandeln und kommunizieren. Als Gründerin und CEO von Pure Strategy Inc. bietet sie Technologieteams auf der ganzen Welt fachkundige Beratung und Schulung an und hilft ihnen dabei, Modelle zu erstellen, Daten zu verwalten und ihre Unternehmen mithilfe der neuesten KI- und maschinellen Lerntechnologien umzugestalten. Heute hilft künstliche Intelligenz Ärzten bei Diagnosen, Piloten im Cockpit von Flugzeugen und Stadtplanern bei Verkehrsprognosen. Doch wie genau lernen diese Programme und verstehen die Entwickler deren Systematik noch? Denn KI-Systeme lernen oft selbstständig, indem sie einfache Anweisungen befolgen und so ein einzigartiges Spektrum an Regeln und Strategien schaffen. Die aussichtsreichsten Modelle imitieren die Interaktion von Neuronen im Gehirn. Diese künstlichen Netzwerke nutzen Millionen Verbindungen zur Bewältigung schwerer Aufgaben wie Bild- oder Spracherkennung und sogar Übersetzungen. Forscher versuchen, maschinelles Lernen transparenter zu machen, denn KI wird zunehmend in den Alltag integriert. Dabei steigt der Einfluss dieser rätselhaften Prozesse auf unsere Gesellschaft, Arbeit, Gesundheit und Sicherheit. Maschinen können also immer besser forschen, verhandeln und kommunizieren — und wir müssen uns überlegen, wie wir ihnen — und sie sich — ethisches Handeln beibringen. Erfahrene und kompetente «Alte» im Team spielen dabei eine Schlüsselrolle.

«Captchas» und das Ende einer Ära
«Ich bin kein Roboter»: Warum es immer schwieriger wird, diese simple Tatsache zu beweisen, schrieb Ruth Fulterer in der NZZ vom 3. April 2025. Klicke die Ampeln an! Verschiebe das Puzzlestück! Diese kleinen Tests im Internet können einen zur Verzweiflung bringen. Doch ohne sie wären wir aufgeschmissen. Jetzt droht der Untergang der sogenannten Captchas und damit das Ende einer Ära. Es ist eine ganz besondere Frustration, neu- und einzigartig für unsere Zeit. Die Frustration, einem Computer beweisen zu müssen, dass man ein Mensch ist – und daran zu scheitern. Die Tests wurden nötig, als Menschen begannen, das Internet zu missbrauchen – also kurz nach dessen Einführung. Heute verbringe die Menschheit jeden Tag zusammengerechnet 500 Jahre damit, Captchas zu lösen, schätzt die Sicherheitsfirma Cloudflare. Captcha ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben von «Completely Automated Public Turing Test to Tell Computers and Humans Apart,» zu Deutsch: komplett automatisierter öffentlicher Turing-Test, um Computer und Menschen auseinanderzuhalten. Der Informatiker Manuel Blum hat sich 2002 die Abkürzung ausgedacht, in Anlehnung an das Englische «Hab ich dich!»: «Gotcha!» Blum leitete eine Forschungsgruppe an der amerikanischen Carnegie-Mellon-Universität. Bei ihm lernte der begabte Doktoratsstudent Luis von Ahn.

Unser Verhalten identifiziert uns als Menschen
Van Ahn hat ein Talent dafür, Mühsames und Spiel zu etwas Nützlichem zu verbinden und zum Captcha-Problem hatte er eine geniale Idee, schrieb Ruth Fultener weiter. Um die künstliche Intelligenz KI zu trainieren scannten Zeitungsverlage ihre Archive ein, Google ganze Bibliotheken. Die Herausforderung dabei: Etwa jedes fünfte Wort der gescannten Dokumente war für die Computer nicht zu entziffern, wegen schlechten Drucks oder Verzerrungen. Könnte man nicht diese Wörter als Captchas ausspielen, so dass Menschen sie abtippten? Wenn genug Menschen in Gratisarbeit dieses maschinell unlesbare Wort abgetippt haben, kann man es als «entziffert» abspeichern. 2010 wurden jeden Tag 100 Millionen solcher Captchas angezeigt – und so täglich mehr als 150 Bücher digitalisiert. Ab 2012 begann Google damit, Bilder-Captchas auszuspielen. Anfangs waren das Fotos von Hausnummern und Strassennamen von Google Street View. 2014 begann eine neue Ära, Bilder aus dem Strassenverkehr, in neun Quadrate unterteilt, auf denen man Velos, Busse, Ampeln oder Zebrastreifen anklicken muss. Damit wird es möglich, Daten darüber zu sammeln, was ein Velo ist und wie ein Zebrastreifen aussieht. Schliesslich ging man bei der Digitalisierung von Bibliotheken genau so vor, ausserdem baut Googles Mutterkonzern selbstfahrende Autos, denen man beibringen muss, sich im Verkehr zurechtzufinden. Captchas der neuesten Generation wie zum Beispiel der Hund, den man mit Pfeilchen so ausrichten muss, dass er in eine bestimmte Richtung schaut, zielen darauf ab, unsere Mausbewegungen zu analysieren und uns als Menschen zu identifizieren.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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