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Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#470 – Verkörperte KI: Chancen für uns «Alte»

Reflektierende Urteilskraft statt Angst
Im Feuilleton-Interview der NZZ am Sonntag vom 31.Mai 2026, sprachen Martina Läubli und Linus Schöpfer, mit dem deutschen Philosophen, Schriftsteller und Moderator Wolfram Eilenberger (53). Unter dem Titel «Wie überwinde ich Ängste? Wie entscheide ich klug? Wie liebe ich richtig? Antworten auf die grossen Fragen des Lebens», waren auch die Ängste über die Ausbreitung der künstlichen Intelligenz KI ein Thema. Auf die Frage: «Wenn die KI bald alles besser kann als ich: Was bin ich als Mensch dann noch wert?» fand Ellenberger klare Worte. Im akademischen Milieu erlebt er aktuell, welche ungeheure Umwälzung die KI bewirkt. Seminararbeiten werden überflüssig, das Prüfungssystem befindet sich im offenen Kollaps. Und so manchen Studiengang, der an der HSG angeboten wird, wird es bald nicht mehr brauchen. Wenn die Universitätskarrieristen sich 80 Prozent ihrer Fachpublikationen, die sowieso keiner liest, zukünftig sparen, befürwortet er diese Entwicklung. Und vielleicht könnte die Uni dann ja jene Kompetenz wieder ins Zentrum stellen, die seit Kant den Kern der Aufklärung ausmacht: die Ausbildung einer reflektierenden Urteilskraft. Just jene Kompetenz ist nämlich ein Residuum für den Menschen und hob ihn immer schon von den Tieren, jetzt aber auch von der künstlichen Intelligenz ab. Humor, Ironie, ureigentliches Sprechen, das Voraus- und Neu-Zusammendenken: Darin ist KI schlecht. Als Philosoph ist Eilenberger deshalb gut gewappnet für die Zukunft. Oder zumindest besser als die Steuerberaterin oder der Betriebswirtschafter.

Wir sind Sklaven unseres Körpers! Er bietet uns nichts als Zerstörung – Fantasien, Begierden, Krankheiten, Ängste.

Zhuangzi (ca. 369–286 v. Chr.), bedeutender chinesischer Philosoph. Aus «To Hell with Love. KATABASIS», ein Roman von R.F. Kuang (30), amerikanische Schriftstellerin, 2025, Seite 521-22.

Wie verkörperte KI die Robotik heute verändert
Die Welt spricht über humanoide Roboter – und es geht um Milliarden. Analysten prognostizieren für den Markt humanoider Roboter bis 2030 zwischen unter einer Million und über sechs Millionen Einheiten pro Jahr. Das bedeutet, dass bereits jetzt zig Milliarden Dollar an potenziellen jährlichen Einnahmen und beträchtliches Kapital in diesen Bereich fliessen. Doch es herrscht grosse Unsicherheit. Sollten sich diese Prognosen bewahrheiten, könnten humanoide Roboter unser Leben und Arbeiten grundlegend verändern. Andernfalls riskiert der Sektor, eine der grössten Fehlallokationen von Industriekapital der letzten Jahre zu werden. Im Newsletter der Boston Consulting Group BCG vom 24. April 2026, beschreiben Tilman Buchner, Martin Kleinhans, Daniel Kuepper, Jonathan Brown, Max Ludwig, Simon Rees, und Francesco Palmegiano weshalb physikalische KI schwer zu interpretieren ist. Verbesserungen in Wahrnehmung, Geschicklichkeit, Planung und logischem Denken entwickeln sich unterschiedlich schnell, und öffentlichkeitswirksame Demonstrationen können verschleiern, welche Fähigkeiten ausgereift und welche noch experimentell sind. Die Begeisterung – und die Unsicherheit – sind verständlich. Gewerbler sehen sich mit anhaltendem Fachkräftemangel, steigenden Kosten und zunehmender Variabilität bei Produkten und Prozessen konfrontiert. Traditionelle Automatisierung hat zwar einen enormen Mehrwert geschaffen, stösst aber bei Umrüstungen, komplexen Handhabungsaufgaben und unstrukturierten Umgebungen an ihre Grenzen. Verkörperte (physikalische) KI verspricht, diese Einschränkungen zu überwinden, indem sie Robotern ermöglicht, jenseits starrer, vorprogrammierter Routinen, ihre Umwelt wahrzunehmen, sich anzupassen und zu manipulieren.

Illustration: Boston Consulting Group BCG, Newsletter Mai 2026

Fortschritt trotz Einschränkungen
Physische KI bezeichnet die nächste Generation von Robotersystemen, welche unsere Welt wahrnehmen und in ihr agieren können. Diese Systeme operieren in unstrukturierten oder dynamischen Umgebungen, führen geschickte Manipulationsaufgaben aus, die mit denen menschlicher Hände vergleichbar sind, und können die physikalischen Konsequenzen ihrer Handlungen abschätzen. Sie können menschliche Absichten erkennen, sich an ungewohnte Situationen anpassen und Arbeitsabläufe autonom planen und ausführen, um definierte Ziele zu erreichen. Entscheidend ist, dass physikalische KI hardwareunabhängig ist: Dieselben Fähigkeiten lassen sich somit auf einer Vielzahl von Robotern einsetzen – von humanoiden Plattformen und Drohnen bis hin zu industriellen Automatisierungssystemen. Der Fortschritt physikalischer KI-Systeme verläuft nicht linear. Für erfahrene «Alte» ergeben sich hier ungeahnte Möglichkeiten, durch Einflussnahme beim Trainieren der Maschinen. Aufgaben, die für Menschen leicht sind – wie das Greifen unregelmässiger Objekte oder die Navigation in unübersichtlichen Umgebungen – sind für Maschinen oft extrem schwierig. Aufgaben hingegen, die kognitiv komplex erscheinen, lassen sich vergleichsweise leichter automatisieren. Daher kann die Verbesserung einer Fähigkeit den Eindruck eines umfassenderen Fortschritts erwecken, selbst wenn andere Einschränkungen bestehen bleiben.

Erscheinungsbild suggeriert Intelligenz
Dieses Paradoxon macht den aktuellen Stand der Robotik besonders schwer interpretierbar. Aufsehenerregende Demonstrationen – insbesondere humanoide Roboter, die koordinierte Bewegungen ausführen – können rasche Fortschritte signalisieren, selbst wenn grundlegende Fähigkeiten wie Geschicklichkeit oder kausales Denken eingeschränkt bleiben. Humanoide Formen verwischen diese Unterscheidung zusätzlich, indem wir Aussehen mit Intelligenz verwechseln. Ein menschenähnlicher Körper suggeriert universelle Einsatzfähigkeit, selbst wenn die zugrunde liegenden Wahrnehmungs-, Manipulations- oder Denksysteme begrenzt bleiben. Für Entscheidungsträger kann diese Dynamik die Erwartungen an die zuverlässige Leistungsfähigkeit aktueller Systeme in realen Einsatzumgebungen verzerren. Der Fokus sollte auf den Fähigkeiten und nicht auf der Verkörperung liegen. Entscheidend ist nicht die Form eines Roboters, sondern seine zuverlässigen physikalischen KI-Fähigkeiten. Diese fähigkeitsbasierte Sichtweise bildet die Grundlage für die Bewertung von Reifegrad, Wert und Risiko im gesamten Robotikbereich. Erfahrene und kompetente «Alte» im Team ermöglichen fundierte Entscheide für Patrons in KMUs.

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#469 – Veränderter Arbeitsmarkt für «Alte»

Fit für das KI-Zeitlalter
Im Beitrag von Christin Severin, Florian Seliger, Anja Lemcke in der NZZ vom 29. Mai 2026, mit dem Titel: «Dichtestress? Warum das am Arbeitsmarkt ein Trugschluss ist.», machen sich die Autoren Gedanken zum Arbeitsmarkt vor dem Hintergrund der Abstimmung zur 10-Millionen Schweiz. Dabei stellen sie fest: Mit der Zuwanderung sind mehr und bessere Jobs entstanden. Doch wer heute eine Stelle sucht, braucht Durchhaltevermögen. Weil die Konjunktur lahmt, zögern viele Unternehmen mit Neueinstellungen. Man fragt, warum die freien Stellen nicht einfach mit inländischen Bewerbern besetzt werden. Dabei wäre es wichtig, dass auch Gruppen zum Zuge kommen, die bei Arbeitgebenden traditionell nicht die erste Wahl sind, wie «Alte» Arbeitnehmende oder wieder einsteigende Mütter. Permanente Weiterbildung würde dieses Dilemma entschärfen, doch sind wir auch bereit uns weiterzubilden oder zu verändern, solange es uns noch gut geht? Eine vermutlich noch unterschätzte Herausforderung besteht darin, die Menschen fit zu machen für das KI-Zeitalter. Wir erfahrenen «Alten» müssen versuchen die Technologie zu verstehen, auch wenn wir nicht mit dem Wissen der «jungen Wilden» mithalten können, denn KI verändert die Arbeit in hohem Tempo. Berufsbilder, die heute noch gefragt sind, könnten in einigen Jahren ganz anders aussehen – oder gänzlich verschwinden.

Die Suche nach perfekten Kandidat:innen
In einigen Berufsfeldern ist der Ausländeranteil inzwischen sehr hoch: Bei Montage- und Hilfskräften beträgt er etwa 53 Prozent, in der Gastronomie 48 Prozent, weil die Löhne tief sind. Neben den Zuwanderern am unteren Ende der Lohnskala rekrutieren die Unternehmen viele hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland. Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge gehen in Pension, gleichzeitig rücken weniger junge Erwerbstätige nach. Hat die inländische Bevölkerung nicht das zu bieten, was die Unternehmen brauchen, entsteht eine Diskrepanz. Die Menschen passen dann nicht mehr zu den freien Stellen. Will die Schweiz wirtschaftlich erfolgreich bleiben, sollte dieses Missverhältnis so klein wie möglich gehalten werden. In vielen Branchen kann die Schweiz deshalb froh sein, wenn sie fixfertig ausgebildete Menschen anzieht, deren Ausbildung erst noch vom Ausland bezahlt wurde. Der Arbeitsmarkt ist kein geschlossenes System, in dem ein zusätzlicher Arbeitnehmer automatisch einem anderen den Platz wegnimmt. Zuwanderung verändert die Struktur der Wirtschaft: Unternehmen wachsen schneller, investieren mehr und schaffen eine zusätzliche Nachfrage nach Arbeitskräften. Die Suche nach dem perfekten Match hat aber auch eine positive Seite. Wer ideale Mitarbeitende einstellt, erhöht seine Innovationskraft und seine Wettbewerbsfähigkeit. Finden Firmen jedoch dauerhaft nicht die gewünschten Fachkräfte, verlagern sie Tätigkeiten ins Ausland und investieren anderswo.

Der Denker im digitalen Zeitalter: KI und Geisteswissenschaften sind kein Widerspruch. Foto: miss irine – stock.adobe.com

Die Roboter kommen
​Gioia da Silva, Redakorin Technologie und Wissenschaft, beschreibt in ihrem Beitrag in der NZZ am Sonntag vom 17. Mai 2026, wie die künstliche Intelligenz zwei der drängendsten Probleme in der Robotik gelöst hat. Aber der Weg zum Allzweckroboter ist noch weit. Was geschieht mit den Menschen, wenn autonome Maschinen immer mehr Arbeiten übernehmen? Unternehmen investieren Unsummen in der Hoffnung, eine Maschine zu entwickeln, die in Restaurants Tische abwischt, in Privatwohnungen die Wäsche zusammenfaltet, in Altersheimen gebrechliche Menschen beim Gang zur Toilette stützt. Auslöser für die Goldgräberstimmung in der Branche ist die künstliche Intelligenz KI. Während ursprünglich Robotik ein reines Programmierproblem war, bei dem ein Mensch jede Bewegung einer Maschine mit Tausenden Zeilen Code vorspurte, setzt sich seit den späten 2010-er Jahren eine Methode des maschinellen Lernens durch: das Reinforcement-Learning. Roland Siegwart (67), Robotikprofessor an der ETH Zürich, erklärt: «Bei dieser Art des Lernens entdeckt der Roboter nach und nach seine eigenen Fähigkeiten.» Anhand eines digitalen Zwillings «lernt» die Maschine in einer virtuellen Welt. Im Anschluss wird das Wissen auf den echten Roboter überspielt, der sich damit bewegt. Mit dieser Methodik gelang es der Schweizer Firma Anybotics, einen vierbeinigen Roboterhund zu programmieren, der autonom über Ölplattformen und durch Elektrizitätswerke patrouillieren kann.

KI bringt den Robotern Weltwissen bei
KI löst auch noch ein zweites drängendes Problem der Robotik: «Chatbots wie ChatGPT oder Gemini können Robotern Wissen über die Welt erschliessen», sagt Siegwart. Die Modelle haben aus Texten gelernt, dass Wasser elektronische Geräte zerstört, dass man Glas nicht quetschen kann, dass ein angebissener Apfel in den Müll gehört, eine teure Uhr aber nicht. KI-Chatbots machen also dumme Maschinen zu intelligenten Systemen. Manche Brancheninsider sprechen daher nicht mehr von Robotern, sondern von «embodied AI», verkörperter KI. Und trotz der Fortschritte sind wir noch weit entfernt von der Umsetzung vieler guten Ideen. Gemäss Siegwart sind eine der grössten Schwachstellen von heutigen Robotern die Hände. Sie sind noch zu ungeschickt, um zuverlässig ein Smartphone und ein Dokument von einem Schreibtisch wegzuräumen. Den meisten Robotern fehlen noch Sensoren, um zu merken, dass das Objekt in ihrer Hand rutscht. Sie können die Kraft nicht intuitiv ausgleichen, um beispielsweise ein einzelnes Blatt Papier auf einem Tisch zu beseitigen. Um einen Roboter universal einsetzbar zu machen, muss eine Hand her, die gleichzeitig geschickt, feinfühlig und stark ist, weiss Siegwart.

Das Ende des Fachkräftemangels?
Die meisten Robotikexperten sind überzeugt: Eines Tages wird es Maschinen geben, die viele Aufgaben effizienter erledigen können als wir Menschen. Erst werden immer mehr Anwendungen in strukturierten Umgebungen wie Produktionshallen und Lagerhäusern automatisiert. Danach werden die Roboter die Fabriken verlassen und in Supermärkten, auf Baustellen, in Krankenhäusern aushelfen. Optimisten wie Marco Hutter (41), der das Robotikzentrum der ETH Zürich leitet, sehen darin die Lösung für Probleme wie den zunehmenden Mangel an Arbeitskräften. Pessimisten wie Dirk Helbing (61), ETH-Professor für computergestützte Sozialwissenschaften, warnen derweil vor der Massenarbeitslosigkeit. Wem man glaubt, hängt von der eigenen Perspektive auf technologischen Fortschritt ab. Klar ist jedoch, dass die Entwicklung nicht aufzuhalten ist. Wie die Zukunft aussieht, in der Menschen Seite an Seite mit Robotern leben und arbeiten könnten, wird somit immer weniger eine Frage der technischen Machbarkeit. Vielmehr wird es darum gehen, wie wir den Wandel gestalten. Für uns erfahrene, neugierige und kreative «Alten» ergeben sich dabei unendliche Chancen der Teilhabe.

Agenten sollen uns beim Handeln helfen
KI, die für uns autonom einkauft, E-Mails beantwortet und Ferien bucht: An seiner Entwicklerkonferenz sprach Google CEO Sundar Pichai( 53) von einer Ära des Hyperfortschritts, wie das Unternehmen KI-Agenten nun auf den Massenmarkt bringen will. Marie-Astrid Langer schrieb für die NZZ vom 20. Mai 2026 über den Anlass in Silicon Valley. Eine neue Funktion namens Spark soll die Internetsuche personalisieren. KI-Agenten sind autonom handelnde Systeme, die planen, entscheiden und aktiv werden, um ein Ziel zu erreichen – ganz ohne menschliche Zwischenschritte. Seit mehreren Monaten sind sie die Avantgarde in der KI-Revolution. Agenten arbeiten rund um die Uhr im Hintergrund und informiert die Nutzer, sobald ein Auftrag abgeschlossen ist. «Sie können den Laptop in der Zwischenzeit zumachen», sagte Pichai. KI-Agenten werden künftig das Einkaufen im Supermarkt verändern. Sie können aber auch sehr komplexe Programmieraufträge erfüllen, nämlich mit der neu geschaffenen Plattform Antigravity: Programmierer können dort komplexe Software in Auftrag geben und lassen sich nicht mehr wie bisher nur einzelne Zeilen von Code generieren. Eine Schlüsselrolle in dieser neuen Ära spielt ein neues KI-Modell namens Gemini 3.5 Flash, das der Konzern in den kommenden Tagen lancieren wird.

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#468 – Wir «Alten» müssen mit KI fusionieren

Künstliche Intelligenz im Alltag
Mein neuer Laptop, der sich per Fingerabdruck entriegeln lässt. Das Smartphone, das beim Bezahlvorgang mein Gesicht erkennt. Die Smartwatch die mir den Weg zu meiner Verabredung vorliest oder einen Telefonanruf haptisch ankündigt, den ich dann über mein Hörgerät entgegennehme. Ich zähle diese Unterstützungen im Alltag salopp zum Fortschritt der künstlicher Intelligenz KI. Millionen kluger Köpfe arbeiten weltweit daran, mich zu vereinnahmen. Wir «Alten», die in einer analogen Welt sozialisiert wurden, tun uns seit 50 Jahren schwer im Umgang mit der Digitalisierung. Für viele ist die aktuelle KI-Disruption eine weitere Blackbox, die Ängste schürt und zu utopischen Vorstellungen animiert. Bei nüchterner Betrachtung bietet die Technologie jedoch ungeahnte Möglichkeiten zur Vereinfachung unseres Lebens.

Marisol (María Sol Escobar, 1930–2016), venezolanisch-amerikanische Künstlerin: Selbstporträt, 1961–62. Retrospektive im Kunsthaus Zürich, 2026. Bild: © Nachlass von Marisol / Artists Rights Society (ARS), New York. Nathan Keay, © MCA Chicago

Die Maschinenstürmer des 21. Jahrhunderts
Im Beitrag von Alain Zucker, in der NZZ am Sonntag, vom 24. Mai 2026 mit dem Titel «Das Zerschlagen der Maschinen fühlt sich zunehmend logisch an»: Künstliche Intelligenz bringt die Maschinenstürmer zurück, beschreibt dieser wie ausgerechnet in den USA die Wut gegen KI eskaliert. Menschen sabotieren Roboter, blockieren Datenzentren und buhen Tech-Milliardäre aus: Der Widerstand gegen die künstliche Intelligenz nimmt zu – bis in die Schweiz. Drohen gewaltsame Aufstände wie zur Zeit der industriellen Revolution? Umso paradoxer wirkt es, dass es die Chefs der KI-Firmen selber sind, die mit apokalyptischen Prognosen zur Arbeitslosigkeit die heute grassierenden Ängste und das technologiefeindliche Klima befeuern. Gleichzeitig drücken sie aufs Gas und wehren sich gegen jede Regulierung. «Ihre Warnungen sind jedoch scheinheilig, sie wollen sich absichern, falls etwas schiefgeht», sagt Bruno Giussani (62), langjähriger Kurator bei der globalen TED-Konferenz, der die Dinge dramatischer sieht als der Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth (58) vom UBS Center for Economics an der Universität Zürich, und kritischen Widerstand für Pflicht hält. «Im Moment erscheint es unmöglich, die Entwicklungen zu verlangsamen; aber es würde uns die Zeit geben, zu verstehen, wie KI wirklich funktioniert und wie wir uns anpassen können, ohne die Kontrolle zu verlieren.»

Warum wir über KI nachdenken müssen
D. Scott Phoenix (43), der amerikanische Unternehmer und ehemalige Mitgründer und CEO von Vicarious, einem KI-Forschungsunternehmen, das von Elon Musk, Mark Zuckerberg und anderen finanziert wurde, sprach im TED2026Talk vom April 2026 (11:55) über die bevorstehende Verschmelzung von Mensch und Maschine. Er beleuchtet die Debatte über künstliche Intelligenz KI aus evolutionsbiologischer Perspektive und verschiebt die Frage von der Angst vor, oder der Akzeptanz von KI hin zur Frage, ob wir die Konsequenzen eines Fehlverhaltens verstehen. Angesichts der rasanten Veränderungen unserer Gesellschaft und der Weltordnung durch KI fühlen wir uns etwas orientierungslos. Aktuell befindet sich die KI auf der anderen Seite unseres Bildschirms, beantwortet freundlich unsere Fragen. Klappen wir den Laptop zu, ist sie verschwunden. Doch während unser Laptop geschlossen bleibt, verbessert die KI unsere Handlungen stetig. Je länger wir getrennt bleiben, bleibt die KI nicht mehr unser Werkzeug. Sie ersetzt uns, indem sie jede Woche intelligenter, schneller und kostengünstiger wird.

Die gute Nachricht
Eine Fusionierung von Mensch und Maschine ist nichts, was wir erst beschliessen müssen. Wir stellen einfach fest, dass wir schon mittendrin sind. Wann haben wir aufgehört, uns Telefonnummern zu merken? Es gab keinen bestimmten Moment, in dem wir beschlossen haben, diese zu vergessen. Sie wanderten einfach von unserem Kopf in die Tasche. Der Kalender folgte wahrscheinlich als Nächstes. Dann die kleinen Entscheidungen, die wir früher selbst treffen mussten. Das Werkzeug ist darin grossartig, also haben wir es einfach machen lassen. Und während etwas aus unserem Kopf verschwand, trat etwas Besseres an seine Stelle. Wir hörten auf, unsere Rechtschreibung zu überprüfen, und fingen an zu schreiben. Wir hörten auf, uns den Weg zu merken, und fingen an, darüber nachzudenken, was wir sagen würden, wenn wir ankommen.

MARISOL (María Sol Escobar, 1930–2016) Retrospektive im Kunsthaus Zürich, 2026. Foto: WKR

Die Werkzeuge werden mit uns fusioniert
Wir beobachten, wie wir diese Werkzeuge immer näher zu uns heranholen. Der Grossrechner stand in einem ganz anderen Gebäude. Heute stellen wir das Notebook auf unseren Tisch, das Smartphone verschwindet in der Tasche, die Smartwatch ans Handgelenk, die Datenbrille aufs Gesicht. Jeder Schritt näher an unseren Verstand, näher an die Geschwindigkeit unserer Gedanken. Und selbst diese Grenze verschwimmt allmählich. Vielleicht ist uns nicht bewusst, wie die Technologie, die wir alle täglich nutzen, lernt, unsere Gedanken zu lesen. Das Gesichtserkennungs-system, mit dem wir unser Smartphone entsperren, wird nun in Kopfhörer und Brillen integriert, wo es mikroskopisch kleine Muskelbewegungen direkt unter unserer Haut erkennen kann – Bewegungen, die für das menschliche Auge unsichtbar sind. Das System, das uns zuerst erkannt hat, beginnt nun, in unser Inneres zu sehen.

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