Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#486 – «Alte»: Grenzen künstlicher Intelligenz

Was Führungskräfte über allgemeine künstliche Intelligenz wissen müssen
Frühere Technologien automatisierten nur einen Teil der Aufgaben und liessen dem Menschen in anderen Bereichen einen komparativen Vorteil. Allgemeine künstliche Intelligenz (Artificial General Intelligence AGI), ein System, das den besten Menschen in allen kognitiven Belangen ebenbürtig wäre oder ihn gar überträffe, würde diesen Vorteil zunichtemachen – und damit auch Arbeitsplätze, Löhne sowie die entsprechenden Konsumausgaben. Experten sind sich jedoch uneinig darüber, ob und wann eine solche Technologie entstehen wird. Die Fortschritte bei Large Language Models LLMs beruhen auf dem Training mit immer umfangreicheren Datensätzen. Je mehr Daten einem Modell zugeführt wurden, desto effektiver konnte es verallgemeinern. Gemäss den Autoren im Beitrag der Boston Consulting Group BCG vom 10. September 2026, Greg Emerson, Managing Director & Senior Partner, San Francisco – Bay Area und Professor Dr. Ulrich Pidun (56), Partner und Director, Corporate Strategy, Frankfurt, besteht die Herausforderung darin, dass der Vorrat an qualitativ hochwertigen, leicht zugänglichen und von Menschen verfassten öffentlichen Texten endlich ist.

KI-Fähigkeiten stossen an Grenzen
Das Vortraining in seiner jetzigen Form wird an ein Ende kommen, da es nur ein einziges Internet gibt. Aus unserer Erfahrung wissen wir «Alten», wie wichtig das Lernen im Arbeitsalltag ist. Selbst die brillanteste und erfahrenste Führungskraft benötigt Zeit, um die Geschichte, die Kultur sowie die strategischen und operativen Prioritäten einer Organisation zu verstehen. Ein Grossteil dieses Wissens wird nicht aus formellen Unterlagen gewonnen, sondern erschliesst sich erst im Laufe der Zeit durch die Interaktion mit Kolleg:innen und Kund:innen. LLMs hingegen «lernen (noch) nicht im laufenden Betrieb» und die Frage ist ob sie – ähnlich wie menschliche Mitarbeitende – autonom aus Erfahrungen dauerhaftes und zuverlässiges implizites Wissen aufbauen können. Vielleicht ist es einfach nicht möglich, einem Trainingslauf genügend Stromerzeugung, Netzkapazität und Halbleiter zuzuordnen, um AGI zu erzielen. Führungskräfte sollten sich deshalb so weit wie möglich auf eine Zukunft vorbereiten, in der die KI immer ausgefeilter wird, ihre Fähigkeiten jedoch an Grenzen stossen. Führungskräfte sollten, auch mit Hilfe von erfahrenen und kompetenten «Alten» im Team, Mitarbeitende umschulen, Rollen neu definieren und die Unternehmenskultur so anpassen, dass der Mensch die leistungsstarken, aber in ihren Fähigkeiten ungleichmässigen KI-Systeme effektiv ergänzt.

Illustration Max Guther NZZ

Der KI-Text verrät seine Herkunft nicht
Im NZZ Folio vom 4. September 2026 schreibt der Wissenschaftsjournalist Reto U. Schneider (63) über eine Veranstaltung des Assessmentjahrs an der HSG St. Gallen, mit dem Titel: «Alle machen alles mit KI» – erleben wir gerade das Ende der Universität, wie wir sie kennen? Die Studierenden schreiben Arbeiten, deren Entwürfe sie gegenseitig schriftlich beurteilen. Schneider erkennt keine Möglichkeit, ob eine Arbeit aus einem Hirn oder einer Maschine stammt und fragt sich ob damit der Hochschulbildung ihre wichtigste Säule wegbricht. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die schriftliche Arbeit zum Merkmal akademischer Bildung. Studierende sollten nicht nur passiv den Ausführungen der Professor:innen zuhören, sondern selbst forschen, die Seminararbeit als Miniaturform der grossen Wissenschaft. Am Ende der Ausbildung machte man eine Arbeit, die je nach Studium, Epoche und Schwierigkeit Diplom, Lizenziat, Bachelor, Master oder Dissertation hiess. Dabei ging es nicht um das Schriftstück selbst, sondern um seine Entstehung. Zwei Jahrhunderte galt die schriftliche Arbeit als verlässliches Fenster in den Kopf der Studierenden. Damit ist es seit dem 30. November 2022 vorbei, dem Tag als ChatGPT online ging und der Menschheit ihr Alleinstellungsmerkmal stahl: das Beherrschen der Sprache. Es ist selten geworden, dass Studierende einen Fachartikel ganz lesen, der KI-Gebrauch ist in vier Jahren von null auf hundert Prozent gestiegen. Was aus einer KI kommt, wurde nirgends abgeschrieben, sondern individuell erzeugt. Der Text ist einzigartig und verrät nicht, ob er aus dem Kopf von Studierenden stammt oder aus dem Chat mit einer KI.

Ehrlichkeit wird zum Wettbewerbsnachteil
Erfahrene Forschende können durch die KI kreativer und effizienter werden. Sie haben sich ihr Wissen ohne das geniale Hilfsmittel KI erarbeitet und kennen ihr Gebiet. Das befähigt auch uns kompetente «Alte», die Antworten der KI einzuordnen. Wer sein Studium hingegen von Anfang an mit KI absolviert, dem fehlen Wissen und Erfahrung, um zu beurteilen, was die KI buchstabiert, weiss Reto Schneider. Als einen Ausweg nennt der deutsche Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen vom Juli 2026 prozessorientiertes Arbeiten. Nicht das Resultat soll im Zentrum stehen, sondern die Entstehung. Auch die Universität St. Gallen will die Entwicklung stärker bewerten als das Ergebnis. Die Hoffnung ist dabei, dass sich ein über ein Semester andauernder Arbeitsprozess nicht über Nacht von einer KI fälschen lässt. Die KI hat an heutigen Universitäten ihr ideales Habitat gefunden. Wirtschaftliche Anreize, psychologische Mechanismen und unser evolutionäres Erbe bereiten den perfekten Nährboden für ihre epidemische Ausbreitung. Wer seinen Geist der Maschine unterwirft, gewinnt. Vielleicht kann die KI sogar brillanten Köpfen helfen, die ihre Gedanken nur schwer in Worte fassen können. Studierende wollen schlicht ein Diplom, das sich auf dem Arbeitsmarkt bis jetzt als nützlich erwiesen hat. Das war zwar auch vor 2022 schon so, doch damals verfügte die Universität noch über ein unglamouröses Druckmittel, um eine minimale Leistung zu erzwingen: Prüfungen und Hausarbeiten. Doch eigentlich böte die KI eine einmalige Gelegenheit. Sie stellt zum ersten Mal in der Geschichte der Bildung jedem Schüler und jeder Studentin einen persönlichen Tutor zur Seite, der überall und immer die spezifischen Fragen der Benutzer beantwortet.

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Blog, Industrie 4.0

#417 – «Alte» werden Zeugen des Stillstands

Das Mängelwesen Mensch
Im anderen Blick mit dem Titel «Trumps irrationaler Zollkrieg: Unvernunft ist die ständige Begleiterin der Politik», NZZ vom 11.April 2025, bezieht sich Eric Gujer auf die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman (1912–1989) und ihr Buch «Die Torheit der Regierenden», wonach Unvernunft kein Privileg von Populisten sei. Warum bleiben Vernunft und Verstand so häufig wirkungslos? Als Gründe nennt Tuchman Selbstüberhebung, Unfähigkeit, Dekadenz oder Starrsinn, kurz: das Mängelwesen Mensch. Gegen Torheit ist niemand gefeit. Nur weil wir künstliche Intelligenz KI besitzen, ist die natürliche Intelligenz nicht gewachsen. Politische Torheit basiert nur selten auf schlichter Dummheit oder Borniertheit. Sie ist die Folge eines Kalküls, das Chancen und Risiken abwägt, auch wenn es am Ende irrt. Politik entsteht im Wechselspiel zwischen den Emotionen der Regierenden und denen der Regierten. Da verspricht die Unvernunft nicht selten mehr Ertrag als die Vernunft. Die menschliche Gabe, die Tatsachen den Meinungen zu unterwerfen, ist nahezu unerschöpflich.

Strafen ersticken Innovationen im Keim
Laut einer Agenturmeldung in der NZZ vom 23. April 2025 hat die EU-Kommission gegen die US-Techfirmen Apple und Meta Strafen in Höhe von 500 Millionen und 200 Millionen Euro verhängt. Die Firmen haben gemäss der Behörde europäisches Digitalrecht verletzt. Nach Ansicht von Apple ist das Vorgehen der Kommission unfair. Man werde gezwungen, Technologie kostenlos abzugeben. «Wir haben Hunderttausende von Entwicklungsstunden investiert und Dutzende von Änderungen vorgenommen, um diesem Gesetz zu entsprechen», teilte Apple mit. Trotz zahlloser Treffen verschiebe die Kommission immer wieder Zielvorgaben. Apple hindere laut EU-Kommission App-Entwickler daran, Verbrauchern Angebote ausserhalb des App-Stores zugänglich zu machen. Nutzer könnten nicht in vollem Umfang von alternativen und günstigeren Angeboten profitieren. Die EU-Kommission hat in den vergangenen Jahren immer wieder hohe Strafen gegen US-Techunternehmen verhängt, die sich nicht an das Gesetz über digitale Märkte DMA halten. Der EU-Rechtstext sieht die Möglichkeit vor, Strafen von bis zu zehn Prozent des weltweiten Jahresumsatzes zu verhängen. Bei Wiederholungstätern kann dieser Satz auf 20 Prozent steigen.

Zeremonie zur Beisetzung von Papst Franziskus am 26. April 2025, Petersplatz in Rom

Wo Potenziale einen Kurswechsel bedingen
Ashwin Lalendran, amerikanischer Investor bei Moxxie Ventures und Young Leader Alumnus American Swiss Foundation und Sophie Lamparter, schweizerisch-amerikanische Investorin bei DART Ventures, erklärten in ihrem Gastkommentar, NZZ vom 15. April 2025, weshalb die Schweiz bisher kaum marktführende KI-Unternehmen hervorgebracht hat. Es fehle an Risikokapital – also die Investitionen, die notwendig sind, um neue Technologien zu skalieren. Künstliche Intelligenz verändert weltweit ganze Industrien und die Schweiz wäre in einer hervorragenden Position, um von diesem Wandel zu profitieren, verfügt sie doch über erstklassige Hochschulen, hochqualifizierte Arbeitskräfte und hat bereits einige der besten KI-Talente weltweit. Sieben der zehn weltweit führenden KI-Unternehmen, von Open AI und Google Deepmind bis hin zu Nvidia, betreiben Standorte in Zürich. Auch in der globalen KI-Forschung und -Entwicklung nimmt die Schweiz mit Rang vier weltweit einen Spitzenplatz ein. Doch im Denken klafft eine Lücke: Im Silicon Valley werden Unternehmen mit der Vision gegründet, Milliarden-Bewertungen zu erreichen. Schweizer Gründer denken kleiner und konzentrieren sich meist auf solide, gut durchdachte Geschäftsmodelle mit Exit-Potenzial im zwei- bis dreistelligen Millionenbereich. Dabei bräuchte es auch ein Überdenken unserer Rechtsform: Milliardenschwere Exits mit Schweizer AGs sind bis anhin eine Seltenheit. Ohne Alternativen bleibt die US-Corp als pragmatische Lösung für alle, die global skalieren wollen. Wer will, dass das nächste Open AI oder Deepseek aus der Schweiz stammt, muss das Tempo, den Ehrgeiz und die Kapitalmärkte von Silicon Valley mit der heimischen Exzellenz in Ingenieurskunst und tiefem technischem Wissen kombinieren. Das Potenzial ist da – doch es braucht einen Kurswechsel, um es zu realisieren.

Wir Zögerer und Skeptiker
Der grösste Unterschied zwischen den USA und Europa ist die Denkweise. Das visionäre Denken eines Silicon Valley fehlt uns Europäern. Auch wir «Alten» sind skeptisch und eher zurückhaltend, trotz sicht- und spürbaren Vorteilen. Meine Lieblings-KI «Claude» von Anthropic meint dazu: Die europäische Regulierung von künstlicher Intelligenz, insbesondere durch den EU AI Act, bringt einige potenzielle Nachteile für die KI-Entwicklung mit sich. Strenge Vorschriften verlangsamen Entwicklungsprozesse und behindern Innovationen, da die Unternehmen mehr finanzielle und personelle Ressourcen für Regelkonformität aufwenden müssen. Europäische Unternehmen fallen im globalen Wettbewerb zurück, besonders gegenüber Regionen mit weniger strengen Regulierungen wie den USA oder China. Besonders für Startups und KMUs ist das sehr belastend. Teils vage oder technisch nicht präzise definierte Vorschriften führen zu Rechtsunsicherheit und begünstigen risikoscheue Entscheidungen, die den Markteintritt neuer KI-Lösungen verzögern. Talentierte Forschende und Entwickler entscheiden sich für weniger regulierte Regionen, wo sie mehr Freiheit für ihre Arbeit haben. Unter dem Strich führt all dies zu weniger Risikokapital für europäische KI-Unternehmen, schrieben Lalendran und Lamparter.

Rückbesinnung auf das Kerngeschäft
Gemäss dem CEO-Leitfaden für erfolgreiches Handeln trotz Unsicherheit der BCG Boston Consulting Group vom 11. März 2025 suchen Unternehmen nach mehr Effizienz und optimierten Abläufen – ohne dabei auf Wettbewerbsvorteile, Innovation und Wachstum zu verzichten. Auf dem Weg in die Zukunft müssen Führungskräfte die Konfliktlinien umschiffen und eine planbarere Basis finden. Sie müssen flexibel bleiben und bereit sein, sich an veränderte Markt- oder politische Bedingungen anzupassen und neu auszurichten. Führungskräfte müssen mit gutem Beispiel vorangehen und kostenbewusstes Verhalten vorleben. Neben einem Bürokratieabbau müssen sie Mitarbeitende befähigen, mehr Verantwortung und wichtigere Aufgaben zu übernehmen. Dass Unternehmen oft das vorhandene Potenzial der Mitarbeitenden nicht voll ausnutzen, betrifft auch viele von uns «Alten». Da KI, Innovation und die Nutzung neuer Marktchancen immer wichtiger werden, sollten Unternehmen Wege finden, ihre Mitarbeitenden optimal zu positionieren und die notwendigen Programme zu entwickeln, um diese Bemühungen zu unterstützen. Dazu muss man Verschwendung reduzieren, vorhandene Kompetenzen aktivieren, weniger wichtige Arbeiten eliminieren und unnötige Führungsebenen oder konkurrierende Aktivitäten überdenken. Automatisieren und digitalisieren soll die vorhandenen Talente freisetzen für die wichtigsten Aufgaben, die mit den Führungszielen übereinstimmen und konkreten Geschäftswert liefern. Dazu gehören auch die Neugestaltung von Kernfunktionen, die Integration von erfahrenen «Alten» und nicht nur das Automatisieren von Prozessen.

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