Blog, Industrie 4.0

#319 – «Alte» im aktuellen Arbeitsprozess

Nicht sehr innovativ
Spätestens seit der Corona-Pandemie hat sich die Arbeitswelt nachhaltig verändert. Für viele Firmen, vor allem im KMU-Bereich, ist dies ein Riesenstress. Vor Corona arrangierten die Leute ihr Leben um die Arbeit herum. Heute ist es umgekehrt: Die Menschen wollen ihre Arbeit um ihr Leben herum arrangieren, sagt der amerikanische Psychologe Anthony C. Klotz im Interview mit Katharina Bracher, NZZ vom 10. Mai 2023. Arbeitgebende müssen auf diese neuen Bedürfnisse eingehen, wenn sie im ausgetrockneten Markt noch Mitarbeiter:innen finden und vor allem halten wollen. Die meisten reagieren deshalb mit denselben drei starren Lösungen: Entweder arbeitet man vom Home-Office aus, man hat ein hybrides Modell, oder man ist im Büro. Nicht sehr innovativ. Doch anstatt dem ganzen Personal «One size fits all»-Lösungen mit demselben Standardmodell überzustülpen, sollten die Firmen Ausnahmen machen und massgeschneiderte Lösungen anbieten. Auch für uns «Alte». Dabei ist die Angst der Unternehmen: «Wenn wir es einem erlauben, fordern es alle» unbegründet und verstösst nicht gegen den den Grundsatz der Gleichbehandlung. Unsere Bedürfnisse sind sehr individuell, nicht alle können oder wollen zum Beispiel im Home-Office oder Teilzeit arbeiten.

«Alte» im Arbeitsmarkt – das Karriereplateau – ein Neubeginn
Wenn Mitarbeitende ihr Karriereplateau erreicht haben, investiert die Firma nicht länger in deren Entwicklung. Viele lassen sich deshalb pensionieren, wenn sie merken dass es nicht mehr weiter aufwärts geht, anstatt gegen diese Situation anzukämpfen. Für die Wirtschaft wird der Verzicht auf Erfahrung und Wissen dieser älteren Generation, im grössten Personalmangel seit der Hochkonjunktur in den 1970ern, immer mehr zu einer Herausforderung. Manche von uns «Alten» sehen in der gegenwärtigen Situation auch Chancen und spielen mit dem Gedanken eines Neubeginns, um unsere Fähigkeiten auf einem anderen Gebiet einzusetzen. Mit fünfzig Jahren das Berufsfeld zu wechseln oder sich neu ausbilden zu lassen, erachtet der deutsche Hirnforscher Lutz Jäncke (65) sogar als förderlich für die Gesundheit im Alter. Andere wollen jedoch keine lange Ausbildung mehr beginnen, zumal man aus Erfahrung schon alles viel besser weiss. Starke Veränderungen der Karriere bergen gemäss Anthony C. Klotz aber auch Risiken. Unabhängig davon, in welchem Alter wir uns neu orientieren, mit unserem Beruf verbinden wir auch unsere Identität. Diese ist zentral für unser Leben, denn ein grosser Teil unseres Selbstwerts und unseres Selbstbilds stammt aus dem Fakt, wer wir sind und mit welcher Firma, mit welchem neuen Arbeitgeber wir uns einlassen.

Jenny Holzer (72), amerikanische Künstlerin: IN A DREAM YOU SAW A WAY TO SURVIVE AND YOU WERE FULL OF JOY, Wandgemälde 2022, Text: Survival, 1983–1985. © 2022 Jenny Holzer, ARS. Bild: The Contemporary Austin. Photografie: Alex Boeschenstein.

Herausforderungen mit älteren Arbeitnehmenden
Wir «Alten» sollen helfen, den temporären Fachkräftemangel zu überbrücken, ist eine Idealvorstellung. Wir sollen nach der Pensionierung, oft auch als Quereinsteiger, weiterarbeiten. Die meisten 60jährigen wollen aber keine lange Ausbildung mehr beginnen und lebenslange Weiterbildung war nie ein Thema. Sind wir also gerüstet für die Herausforderungen im aktuellen Arbeitsmarkt, wo sich so vieles gewandelt hat, auch die «Arbeitsmoral» ist heute eine andere. Präsenzzeit ist nicht mehr das Mass aller Dinge. Vielmehr muss es uns gelingen, zeitnah auf unerwartete Situationen zu reagieren, ohne lange Dienstwege und Rückfragen. Das setzt eine gute Portion Vertrauen, auch seitens der Arbeitgebenden voraus und schützt niemanden vor möglichen Fehlentscheiden. Unterstützen sollen uns dabei verschiedenste digitale Hilfsmittel, künstliche Intelligenz und Robotik. Dagegen sprechen unsere Schwierigkeiten, mit den neuesten Technologien Schritt zu halten. Die Vorurteile und Stereotype gegenüber älteren Mitarbeitenden, mangelnde Flexibilität oder Bereitschaft, neue Fähigkeiten zu erlernen, bleiben bestehen. Zentral ist auch das Verhalten von Führungsverantwortlichen gegenüber uns «Alten». Einige von ihnen schätzen die langjährige Erfahrung älterer Arbeitnehmenden und anerkennen den Mehrwert, den sie aufgrund ihres Wissens und ihrer Kompetenzen einbringen können. Führungskräfte, welche die Vorteile von Altersvielfalt erkennen, schaffen eine inklusive Unternehmenskultur, wo auch wir «Alten» unsere Fähigkeiten optimal einsetzen können.

Paradoxon Transformationsbemühungen
Im Beitrag der BCG Boston Consulting Group vom 4. April 2023 beschäftigen sich Amanda Luther, Romain de Laubier, Saibal Chakraborty, Dylan Bolden, Sylvain Duranton, Tauseef Charanya und Patrick Forth mit den veränderten Rahmenbedingungen zum Erfolg von Geschäftsmodellen. Dazu gehört eine Führung, die auf einen Unternehmenszweck ausgerichtet ist, welche Nachhaltigkeit und Soziales integriert, Transparenz schafft und Vertrauen aufbaut. Mitarbeitervorteile müssen nicht nur erstklassige Talente anzuziehen, sondern helfen, das vorhandene Personal zu halten und weiterzuentwickeln. Das aktuelle Geschäftsumfeld stellt Führungskräfte vor ein Paradoxon. Durch die zunehmende Komplexität und Volatilität stehen Unternehmen vor einem ständigen Veränderungsbedarf. Führung ist für den Transformationserfolg, das Erreichen der Ziele, von zentraler Bedeutung. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass langfristige Nachhaltigkeit nur durch ein starkes Engagement auf allen Ebenen der Organisation erreicht werden kann. Generative Führung konzentriert sich auf Kopf, Herz und Hände. Der Kopf bezieht sich auf die Neuerfindung des Geschäfts, um den Menschen, dem Planeten, der Gesellschaft und den Aktionären zu dienen; das Herz beinhaltet die Inspiration und Bereicherung der menschlichen Erfahrung; und die Hände ermöglichen die Umsetzung und Innovation durch leistungsstarke Teams. (Quelle: BCG Boston Consulting Group «Leadership with a Powerful Purpose», 11. Mai 2023). «Alte» Mentoren, Coaches oder Sparringspartner unterstützen solche Prozesse dank ihrer Gelassenheit und Selbstsicherheit.

Jenny Holzer (72), amerikanische Künstlerin: Kind of Blue, 2012. Modern Art Museum of Fort Worth, Texas

Viertagewoche, Bauen an der Zukunft von Arbeit
Viel Beachtung, auch mit Konsequenzen für ältere Arbeitnehmende, geniesst die Einführung der Viertagewoche. Das Streitgespräch zur verkürzten Arbeitswoche mit Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt und René Schmid, Geschäftsführer eines Kleinunternehmens im Zürcher Oberland, zeichnete Nicole Rütti in der NZZ vom 18.April 2023 auf. Für Schmid bringt das Modell einer Viertagewoche grosse Vorteile, indem unnötige Dinge weggelassen werden und ist eine logische Folge unserer wertorientierten Unternehmenskultur. Bei gleichem Lohn werde pro Tag etwas länger gearbeitet und seine Mitarbeitenden fahren nur viermal die Woche auf die Baustelle. Die Leute erledigen ihre Tagesziele und schmeissen nicht einfach um Punkt fünf Uhr ihr Werkzeug hin. Valentin Vogt räumt zwar ein, dass eine Produktivitätssteigerung durch Digitalisierung und Automatisierung den Fachkräftemangel etwas entlastet, doch die Arbeit ist viel mehr als nur Geldverdienen, sie schafft Tagesstrukturen, integriert und motiviert. Die Mehrheit der Leute arbeitet gerne. Dass gemäss Schmid die nachrückende Generation nicht mehr nur arbeiten will, sieht Valentin Vogt als Wohlstandsverwahrlosung, welche den Generationenvertrag der Sozialwerke in einer Teilzeitarbeitsgesellschaft akut gefährden wird. Schmid sieht in der verkürzten Arbeitszeit eine Chance, Arbeitsabläufe zu vereinfachen und zu straffen. Es ist eine Führungsaufgabe, dafür zu sorgen, dass auch die Mitarbeitenden effizient sind und dank Digitalisierung ihre Arbeit optimieren. Ein Schlüsselthema sind auch die vielen unproduktiven Sitzungen.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
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#253 – Unsichtbare «Alte», neue Normalität

Werden wir sichtbar!
Viele von uns wünschen sich, auch nach der Pensionierung, eine sinnstiftende Beschäftigung, weiterhin gebraucht zu werden und unsere Erfahrung in gemischten Teams einbringen zu können. Wer jedoch nach einem Jahr Abwesenheit seinen früheren Arbeitsort besucht, stellt mit Erstaunen fest, wie sehr sich das Umfeld verändert hat. Tätigkeiten, wie beispielsweise Buchhaltungsvorgänge, wurden entgegen unserer damaligen Einwände automatisiert. Im Zuge der Neuausrichtungen wurden wir wegrationalisiert und damit auch viele unserer Kontakte. Höchste Zeit also, dass wir «Alten» auf verschiedensten Kanälen sichtbar werden. Ein (kostenloses) LinkedIn-Profil, oder eine eigene Blogseite (kompetenz60plus.ch) sind Möglichkeiten, um aus der Anonymität herauszutreten.

Stellensuche ohne Inserat
Unter dem Titel «Swisscom sucht Mitarbeitende, bevor es offene Stellen gibt», beschreibt Markus Städeli, NZZ am Sonntag vom 15. Januar 2022, wie Firmen  den aktuellen Fachkräftemangel angehen. Swisscom setzt bei der Personalsuche auch auf soziale Netzwerke wie LinkedIn. Stelleninserate weichen immer mehr dem Netzwerk von Kontakten, die von einem Team aus 16 Spezialisten über längere Zeit gepflegt werden und Personen mit unterschiedliche Kompetenzen umfassen. Diese internen Headhunter bauen Beziehungen zu künftigen Kandidaten auf. Traditionelle Bewerbungsschreiben mit Lebensläufen weichen den Informationen auf den sozialen Medien. Dort sind die Kandidaten für eine fortlaufende Aktualisierung ihrer Angaben verantwortlich. Swisscom Personalchefin Klementina Pejic setzt nicht auf Motivationsschreiben oder vertraut nur auf Algorithmen. Eine spontane Videobefragung möglicher Kandidat*innen soll einen ersten Überblick zu geeigneten Mitarbeitenden verschaffen.

Roter Chilli beim trocknen, Nordbangladesh, Bild: Emran Ali, New York Photography Awards 2021

Die Viertagewoche
Arbeitgebende stehen vor der Herausforderung, kompetente Mitarbeitende zu finden. Dazu setzen Immer mehr Firmen auf das Arbeitsmodell der Viertagewoche – und das bei vollem Lohn. Gemäss Erich Bürgler, Sonntagszeitung vom 15. Januar 2022, messen diese Unternehmen die Leistung und nicht die Präsenzzeit. Deswegen kommen alte Arbeitsmodelle aus der Mode, konstatiert er. Beispiele aus der Praxis beweisen, wie die neue Freiheit auch Kreativität fördert. Weil Mitarbeitende zufriedener und effizienter am Arbeitsplatz erscheinen, erhöhe die Viertagewoche sogar die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Wie und wo wir arbeiten, «verteilte Arbeit»
Matt Mullenweg erklärt in seinem TED-Beitrag vom 14. Januar 2022, weshalb das Arbeiten von zuhause gut ist für das Geschäft. Mullenweg ist Geschäftsführer von Automattic, dem Unternehmen hinter WordPress, Jetpack und WooCommerce, mit über 800 Mitarbeitenden. Diese leben überall, von Kalifornien bis Alabama, von Mississippi bis Texas. Sie sind auch in 67 Ländern: Kanada, Mexiko, Indien, Neuseeland. Manche sind Nomaden, sie wollen keinen festen Wohnsitz. Ob per Wohnwagen oder Airbnb, sie sind ständig an einem anderen Ort. Solange sie eine Internetverbindung besitzen, ist ihm egal, wo sie sind. Er nennt das Modell nicht «Fernarbeit», sondern «verteilte Arbeit», denn alle sind auf Augenhöhe. Für ihn ist eine globale Belegschaft für den Firmenaufbau optimal. Mullenweg glaubt auch, dass Talent und Intelligenz global gleichmässig verteilt sind, nicht aber die Chancen entdeckt zu werden. In der Schweiz fischt man beispielsweise in einem relativ kleinen Teich, während man mit verteilter Arbeit im grossen Ozean fischen kann. Mit der erfolgreichen Umsetzung solcher Geschäftsmodelle entstehen Wettbewerbsvorteile für die Firmen. Das zukünftige Ziel ist, den Menschen Autonomie für Arbeit und Leben zu geben und sie gleichzeitig an allem teilhaben zu lassen, was man gemeinsam gestaltet. Das ermöglicht auch uns «Alten» solche Teilhabe.

Eine neue «Normalität»
In meinem Blogbeitrag #252 zur veränderten Ausgangslage erwähnte ich die Herausforderung für Unternehmen angesichts der vielen Menschen, die ihre Stelle kündigen, weil sich während der Pandemie ihre Einstellung zur Arbeit geändert hat. Plötzlich fehlen uns auch Arbeitskräfte in den Dienstleistungsbranchen. Dazu schrieb ein amerikanischer Freund von mir: «Dies ist bezeichnend für die Zeit in der wir leben, mit Covid und den grossen Unsicherheiten geopolitischer und wirtschaftlicher Natur. Viele junge Arbeitnehmende suchen nach flexiblen Arbeitsbedingungen mit Fern-Arbeitsmöglichkeiten und mehr Freizeit. Millennials (die Generation Y, welche im Zeitraum der frühen 1980er bis zu den späten 1990er Jahren geboren wurde) sind heute an einen hybriden Arbeitsstil mit Fern- und Büro-Arbeitsumgebungen gewöhnt. Sie werden Unternehmen verlassen, welche diese Flexibilität nicht anbieten. Das alte System wird nicht mehr funktionieren.» Er kehrte unlängst nach einem längeren Aufenthalt in den USA wieder in die Schweiz zurück. In Tennessee stellte er fest, wie viele Restaurants und Fast-Food-Ketten wegen Mangel an Arbeitskräften ihre Öffnungszeiten beschränken mussten. Sogar McDonalds muss nach 18:00 Uhr schliessen oder bietet nur Drive-Through-Bestellungen an. Er glaubt, dass auch nach der Pandemie das Leben anders sein wird und wir uns an eine «neue Normalität» gewöhnen müssen.

«kompetenz60plus.ch»
Mit unserer Erfahrung aus der analogen, zusammen mit Erkenntnissen aus der digitalen Welt, sind wir «Alten» gerne bereit, diese mit KMU’s oder im Team mit jungen Forschenden und Wissenschaftern auf Augenhöhe zu teilen. «kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator


Ein Projekt «von uns. für uns.»
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