Blog, KI-ÖKONOMIE 1.0

#464 – Weise «Alte» Brückenbauer zur KI

Das Massensterben der Zeitungen
Als Nachbarn eines grossen deutschschweizer Druckzentrums, beobachten wir seit rund zehn Jahren eine abnehmende Produktion gedruckter Zeitungen. Während anfänglich alle zwei Tage eine Güterwagenkomposition mit Papier angeliefert wurde, ist dieser Anteil mittlerweile auf ein bis zwei Wagons pro Woche geschrumpft. Der Preis einer Tageszeitung übersteigt mittlerweile den eines Cappuccinos. Dazu und wie lange das Papiergeschäft noch überleben wird, will sich niemand äussern. Klar ist einzig, dass sich Print nicht einfach digitalisieren lässt. Um weiterhin für uns Leser attraktiv zu sein und auch ein jüngeres Publikum zu halten, sind neue Formate gefragt. Diese müssen sich an die Gepflogenheiten der sozialen Medien anlehnen. Beat Balzli und Guido Schätti sprechen in der NZZ vom 5. April 2026 mit Ringier-Chef Marc Walder (60) über das Ende einer Epoche und die ungewisse Zukunft des Hauses Ringier. Walder prophezeit im Gespräch den Zeitungen ein Massensterben: «In der Schweiz dürften digital nur drei Medienmarken überleben».

Wer KI beherrscht gewinnt
Beschleunigt wird dieser Prozess auch durch die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz KI, welche die Geschäftsmodelle verändert. Personen durch KI, also ein kuratiertes Large Language Model LLM, zu ersetzen, ist ein verlockender Gedanke. Walder ist jedoch überzeugt, dass weiterhin erfahrene und kompetente Mitarbeitende gefragt sein werden. Teams setzen sich aus Personen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen zusammen. Das sind letztlich Datenpunkte, die ein Mensch in seinem Leben gesammelt hat. So gesehen ist ein LLM für ein Gremium zumindest eine wunderbare und intelligente Ergänzung. Führungskräfte, die heute nicht konsequent mit den digitalen Werkzeugen arbeiten, sind schlechter als diejenigen, welche die Möglichkeiten von KI nutzen, meint Marc Walder. Industrien, Unternehmen, Funktionen, Jobs, Abläufe in einem Unternehmen – alles verändert sich radikal. Dario Amodei, der Gründer von Anthropic, sagt, dass Software in einem Jahr nur noch von KI geschrieben werde. Womöglich überschätzen wir die Auswirkungen dieser Computing-Kapazitäten in der kurzen Frist, wie das bei Innovationen oft der Fall ist. Dennoch ist klar, dass es eine radikale Umschichtung geben wird – innerhalb von Unternehmen und in der Gesellschaft. Wer KI beherrscht, gewinnt. Wer nicht, verliert.

Talentierte und intelligente Menschen
Mark Walder hält nichts vom Szenario, dass KI-Agenten die Bürojobs übernehmen, dass die Löhne und die Nachfrage einbrechen und wir in eine Depression verfallen. Zwei Punkte sprechen dagegen: Erstens ist die Adaptionsrate in grossen Teilen der Wirtschaft tiefer, langsamer. Das war immer so. Zweitens – und wichtiger: Technologische Umbrüche haben historisch immer komplett neue Jobs und neue Ökosysteme geschaffen. Ob das dieses Mal auch eintritt, weiss er nicht. Nicht einmal Sam Altman (ChatGPT) oder Dario Amodei (Anthropic) wissen das. Aber: Je mehr KI-Agenten da draussen herumrennen, umso mehr werden neue Bereiche entstehen. Mikro-Unternehmen beispielsweise. Weil die Kosten für digitale Dienstleistungen radikal am Sinken sind. Und dies wiederum wird Menschen mit Fähigkeiten, intelligent damit umzugehen, neue Jobs ermöglichen. Ringier musste in den letzten 20 Jahren unterschiedliche Plattformen harmonisieren, was teuer war. Dank KI sind die Investitionen heute deutlich tiefer, auch dank den tiefen «Codierungskosten». Die grösste Herausforderung ist nicht das Geld, sondern das Talent in einem Unternehmen. Und dafür braucht es intelligente Mitarbeitende, welche die Daten kuratieren. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch überprüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. Kompetente «Alte» mit Leidenschaft fungieren dabei als Mentor:innen, Coaches, Sparringspartner. KI wird als Werkzeug, als Hilfsmittel eingesetzt. Dazu gehört bei Ringier auch die Nutzung der Plattform Foundry von Palantir, welche unglaublich grosse Mengen an meist unstrukturierten Daten für die weitere Anwendung harmonisiert.

«The Perigon» Eigentumswohnungen 2026, Collins Avenue Miami, Florida. Architekt OMA Office of Metropolitan Architecture, Rem Koolhaas und Jason Long. Bild: Jason ORear

Aktuelle Veränderungen
Die USA sind auf dem besten Weg, das KI-Rennen zu gewinnen – und sich dabei selbst zu zerstören, sagt Gina Raimondo (54), ehemalige Gouverneurin von Rhode Island und US-Handelsministerin. In ihrer schonungslosen Analyse der Bedrohung durch KI-bedingte wirtschaftliche Umbrüche und soziale Unruhen, liefert sie einen konkreten Plan um Arbeitnehmende auf die kommenden Herausforderungen vorzubereiten. «KI ist eine 100-Jahre Technologie die deshalb eine ebensolche Strategie erfordert», sagt sie in ihrem TED2026 • April 2026 Vortrag (15:51) mit dem Titel «A plan to stop AI from automating our decline». Raimondo findet es unglaublich spannend, sich vorzustellen, was ein gut ausgebildeter Mensch mit KI alles erreichen kann. Wie viel produktiver und kreativer wir alle sein werden und wie viele neue Unternehmen entstehen werden. Die Geschichte zeigt: Jede neue Technologie schafft neue Arbeitsplätze, neue Branchen, neue Produkte und neue Dienstleistungen. Mit der Zeit – auch diesmal mit KI. Die künstliche Intelligenz beschleunigt, neben anderen Faktoren, auch die globale Transformation, mit Auswirkungen so einschneidend wie die Industrielle Revolution, schreibt Eric Gujer (63) im Kommentar zur Weltlage in der NZZ vom 24. April 2026. Doch weder die Regierung noch die Schulen kennen die Fähigkeiten, welche die Arbeitgebenden heute oder morgen benötigen. Dazu brauchen wir massive Veränderungen sowohl in unserem System der Arbeitskräfteausbildung als auch in unserem System zur Unterstützung des beruflichen Übergangs.

Wir alle gestalten unsere Zukunft
In einem effektiven System der Arbeitskräfteausbildung definieren Arbeitgebende, wo sich die Arbeitswelt heute befindet, welche Fähigkeiten benötigt werden und wohin sie sich entwickelt. Schulen und staatliche Ausbildungsprogramme bereiten die Menschen dann darauf vor. Das ist derzeit in den USA, aber auch in der Schweiz, nicht der Fall. Man fördert die Einschreibung an Hochschulen ohne Rücksicht darauf ob die Menschen die für einen Job benötigten Fähigkeiten erwerben oder ob sie überhaupt einen Job bekommen. Eine KI-geprägte Wirtschaft ist deshalb auf lebenslange Weiterbildung angewiesen, weil sich unsere Berufe im Laufe unserer Karriere ständig verändern werden. Es liegt im Interesse aller, einen reibungslosen Übergang zu einer KI-Wirtschaft zu gestalten. Gina Raimondo erwartet deshalb von Staat und Politik Anpassungen bei den Arbeitslosenkassen, Steuerabzüge für Weiterbildungskosten und ein Bildungssystem das sich an die neuen Herausforderungen anpasst. Keine KI-Verbote an Schulen und gesetzliche Einschränkungen der Technologie. Denn es liegt im Interesse aller, dieses aufregende Potenzial der KI-Innovation auszuschöpfen. Unsere Zukunft ist nicht vorbestimmt. Wir können sie selbst gestalten.

Daten, Software, geistiges Eigentum und Vertrauen
Im Interview von Beatrice Bösiger und Guido Schätti, in der NZZ am Sonntag vom 19.April 2026, erklärt der Deutsche Andreas Berger (60), CEO von Swiss Re, wie die künstliche Intelligenz die Versicherungsbranche umkrempelt. «Wir sind dabei, die Kernprozesse unseres Unternehmens mithilfe von KI ganz neu zu denken» sagt Berger. Erstens geht es um die Vereinfachung von Prozessen, etwa indem routinemässige Arbeit durch KI unterstützt wird. Zweitens hilft uns KI, die Qualität und Konsistenz von Entscheidungen zu verbessern. Solange der Einsatz von KI in einem sauberen Governance-Rahmen erfolgt sieht er wenig Risiken. Bei Swiss Re wird darauf geachtet, dass der Mensch nicht aus der Verantwortung genommen wird, denn am Schluss entscheiden erfahrene Mitarbeitende. Auch auf Grund des Fachkräftemangels und der Demografie (viele Pensionierungen stehen bevor) müssen Firmen produktiver werden, und die KI hilft dabei. Dank KI-Agenten wird Swiss Re, in einer eher konservativ aufgestellten Branche, Verbesserungen in der Produktivität sehen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dabei geht es weder um Kostensenkung noch um Personalabbau. Es geht um bessere Entscheidungen für alle Beteiligten. Wie bei Swiss Re bestehen in vielen Branchen historisch gewachsene, fragmentierte IT-Landschaften und um diese zu bereinigen kostet viel Geld und Zeit. Das ist heute besonders kritisch, weil der Wert vieler Unternehmen vor allem in Daten, Software, geistigem Eigentum und Vertrauen liegt.

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#448 – Erfahrene «Alte Weisheitsarbeitende»

Wenn Vertrauen schwindet
Im Austausch beim Mittagessen mit dem Gründer eines Softwareunternehmens wurde mir erneut bewusst, wie sehr sich die Geschäftswelt seit dem Ende der Corona-Pandemie und der allgemeinen Verfügbarkeit von künstlicher Intelligenz KI seit 2022 verändert hat. Auf dem Markt findet ein Verdrängungskampf der Ideen statt. Niemand will mehr Fehler eingestehen. Die Automatisierung von Inhalten mag die Produktion vereinfachen, führt aber auch zu einer höheren Austauschbarkeit. Organisationen, die dieselben Behauptungen, dieselbe Bildsprache und dieselben KI-generierten Botschaften wie alle anderen verwenden, verlieren ihre Identität und ihr Image. «Vertrauen aufbauen im Zeitalter der KI» ist das Thema von Nathalie Nahai, Autorin und Technologieexpertin am GDI Gottlieb Duttweiler Institute, Newsletter vom 19 November, 2025. Die moralische Abwehrreaktion gegenüber KI-generierten Inhalten erklärt, warum emotionales Storytelling durch künstliche Intelligenz – insbesondere in Werbung und Markenkommunikation – oft erfolglos bleibt. Das ist auch der Grund, warum Vertrauen zerbrechlich wird, wenn Organisationen versuchen, ein Gefühl der Nähe zu automatisieren.

Mehr Menschlichkeit
Insbesondere jüngere Zielgruppen erwarten Kohärenz: Unternehmen sollten nicht nur kommunizieren, wer sie sind, sondern dies auch durch ihr Handeln beweisen. Nahai ist überzeugt, dass Kommunikation auf einer authentischen Kultur und nicht auf austauschbaren Behauptungen basieren muss. Erfolgreiche Unternehmen nutzen Technologie als Werkzeug – beispielsweise zur Ideenentwicklung, zur Erstellung verschiedener Varianten, die weiter verfeinert werden können, oder zur Zusammenfassung komplexerer Konzepte und deren Verständlichkeit. KI kann in diesen Bereichen echten Mehrwert schaffen. Zusammen mit uns «Alten» als Sparringspartner im Team mit den «jungen Wilden», entfaltet sich die wahre kreative Kraft – der Funke der Fantasie, des Denkens und der Empathie – und bleibt menschlich.

Wade Guyton (53), amerikanischer postkonzeptueller Künstler: Ohne Titel 2024. Fondation Beyeler, Riehen bei Basel 2025

Altersgemischte Teams sind erfolgreicher
«Was Babyboomer von Millennials im Berufsleben lernen können – und umgekehrt» ist der Beitrag von Chip Conley | TED Salon: Verizon • September 2018 (12:20). Damals sagte er, hatten fast 40 Prozent der Mitarbeitenden in den Vereinigten Staaten einen jüngeren Chef, eine jüngere Chefin. Und diese Zahl wuchs rasant. Macht ging in nie dagewesenen Ausmass auf die Jungen über, weil wir uns zunehmend auf digitale Intelligenz (heute KI) verlassen. Wir sehen junge Unternehmensgründer Anfang 20, die ihre Unternehmen bis zum 30. Lebensjahr zu globalen Giganten ausbauen. Und dennoch erwarten wir von diesen jungen digitalen Führungskräften, dass sie auf wundersame Weise die Beziehungstraditionen verkörpern, die wir «Alten» über Jahrzehnte hinweg erworben haben. Zum ersten Mal überhaupt arbeiten fünf Generationen gleichzeitig am Arbeitsplatz – ungewollt. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir uns bewusster damit auseinandersetzen, wie wir zusammenarbeiten. Es gibt zahlreiche europäische Studien, die belegen, dass altersgemischte Teams effektiver und erfolgreicher sind. Warum hatten dann nur acht Prozent der Unternehmen, die ein Programm für Vielfalt und Inklusion haben, ihre Strategie tatsächlich erweitert und das Alter als ebenso wichtige demografische Variable wie Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit berücksichtigt? Obwohl die Weltbevölkerung immer älter wird.

Das Paradoxon unserer Zeit
Wir Babyboomer sind länger vital und gesund, wir arbeiten sogar länger und dennoch fühlen wir uns immer weniger relevant. Für viele von uns «Alten» ist das nicht nur ein Gefühl, sondern bittere Realität, wenn wir plötzlich unseren Job verlieren und das Telefon nicht mehr klingelt. Viele von uns befürchten, dass unsere Erfahrung als Belastung und nicht als Bereicherung gesehen wird. Wenn es um Macht am Arbeitsplatz geht, ist 30 das neue 50. Vielleicht ist es an der Zeit, Weisheit genauso hoch zu schätzen wie Umbrüche. Es ist an der Zeit das Wort «Alte» endgültig zurückzuerobern um ihm eine moderne Bedeutung zu geben. Moderne «Alte» sind gleichermassen Praktikant:innen wie Mentor:innen, denn sie erkennen in einer sich schnell verändernden Welt, dass ihre Anfängermentalität und ihre anregende Neugier und Weisheit ein lebensbejahendes Elixier sind. Vielleicht ist es an der Zeit, den Begriff «Wissensarbeiter» durch «Weisheitsarbeiter» ersetzen. Wir müssen einen Weg finden, ohne Altersgrenzen die Mechanismen des Weisheitsflusses zu verändern, sodass er tatsächlich in beide Richtungen fliesst, von Alt zu Jung und von Jung zu Alt.

Detailaufnahme: Pyramiden von Teotihuacán, Mexico. Wer hat das gebaut? Warum gerade hier? Wohin sind sie gegangen?

Die Macht des Nichtwissens
In ihrer Präsentation auf TEDNext 2025 • November 2025 (7:52) mit dem Titel «Der Nervenkitzel, nicht alle Antworten zu kennen» erzählt Dr. Harini Bhat, Wissenschaftsjournalistin und Geschichtenerzählerin wie Nichtwissen heute wichtiger ist denn je. Wir leben in einer Kultur, die absolut besessen davon ist, sofort die richtige Antwort zu haben. Soziale Medien belohnen selbstbewusste, voreilige Meinungen anstatt neugierige Fragen. Jeder soll ständig ein Experte für alles sein, ein Möchtegern-Besserwisser. Liegt man auch nur im Geringsten falsch, ist man gecancelt. Auf ihrer Reise nach Mexiko stand sie vor den Pyramiden von Teotihuacán, als ihr etwas Tiefgreifendes klar wurde: Sie hatte keine Ahnung, was sie da sah. Diese Erkenntnis lässt sich auf neugierige «Alte» im Team übertragen. In einer Zeit mit unendlichem Zugang zu Informationen, aber auch unendlich viel Fehlinformation und Verschwörungstheorien sind glaubwürdige Stimmen gefragt. Erfahrung kann an keiner Schule gelernt werden, sie ist das Resultat eines langen Lebens. Anstatt sich für die Unwissenheit zu schämen, werden Erkenntnisse durch Geschichtenerzählen lebendig und bewirken etwas in den Menschen, glaubwürdige Stimmen zu fördern, welche ihre Arbeit zugänglich machen. Denn wir alle verdienen es, elektrisierende Moment zu erleben.

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#444 – Technologie bündeln, «Alte» im Vorteil

Komfort oder staatliche Überwachung
In seinem Beitrag mit dem Titel «Hyperkonnektivität: zwischen Komfort und Kontrolle» greift Dr. Gian-Luca Savino, GDI Gottlieb Duttweiler Institute Newsletter vom 23 September 2025, ein wichtiges Thema, auch für uns «Alte», auf. Die wegweisende Entwicklung von Super-Apps in einer hypervernetzten Welt. Wie setzt man die Vorteile künstlicher Intelligenz KI zum Komfort von uns Nutzern ein. Ist es weiterhin sinnvoll, dass jedes Unternehmen seine Angebote auf einer eigenen App anbietet, oder sollten wir nicht eher Dienste bündeln und Partnerschaften eingehen. Technologisch sind Abgrenzungen innerhalb dieser Kooperationen machbar und die gemeinsame Verwaltung spart Kosten. Auf einem Smartphone sind oft über 100 Applikationen installiert. Meist nutzen wir gefühlte 20% und davon täglich nicht mehr als die Hälfte. Für uns «Alte» könnte manches durch den Einsatz von KI mit Hyperkonnektivität vereinfacht werden. Wir haben alle Geschäfte auf einer Plattform im Blick, mit einem einzigen geschützten Zugang. «Super-Apps» stehen für einen Trend, der sich in Europa, wegen dem Datenschutz und weiteren gesetzlichen Hürden nur schwer verwirklichen lässt. Die speziellen Apps bieten ganze Ökosysteme an Funktionen und Diensten. WeChat als etablierte «Alleskönner-App», ist die führende Lösung in China. Ursprünglich ein Messenger-Dienst, hat sie sich zu einer All-in-One-Plattform entwickelt. Nutzer können über WeChat chatten, aber auch praktisch alles andere erledigen, ohne die App verlassen zu müssen – von Telefonaten über Zahlungen und Shopping bis hin zu Routenplanung und Taxibestellung. Sie kann sogar als offizielle digitale Identitätskarte verwendet werden und ist damit ein unverzichtbares Werkzeug im chinesischen Alltag. Die Schattenseite dieser totalen Vernetzung: WeChat unterliegt strenger staatlicher Überwachung.

Bild: GDI Gottlieb Duttweiler Institute, September 2025 (iPhone von Apple)

Monopolstellung oder Gewinn für uns Nutzer
Während Super-Apps in einigen Ländern weltweit boomen, konnten sie sich in Europa bisher nicht durchsetzen. Europa fehlt noch immer die «Alles-App». Gemäss Gian-Luca Savino gibt es dafür viele Gründe. Einer der Hauptfaktoren ist jedoch die starke Marktdurchdringung spezialisierter Lösungen im westlichen App-Markt. Für nahezu jeden Zweck existieren etablierte Apps: Facebook, Instagram und TikTok als soziale Medien, Uber oder SBB für Transport, Lieferdienste für Essen, Netflix für Unterhaltung und Google Maps für Navigation und lokale Suche und so weiter. Gerade für uns «Alte» Konsumenten sind solche Lösungen mühsam, mit vielen individuellen Passwortzugängen und unterschiedlichen Eingabeformaten. Es scheint als hätten wir Europäer die Vorteile weltweiter Vernetzung, das «Internet», nie wirklich verstanden. Zu sehr fokussieren sich Firmen auf «lokale» Eigenentwicklungen, oft kompliziert im Gebrauch. Man traut der Technologie nicht so recht, kann sich mit Blick auf die Konkurrenz schlecht vorstellen, wie eine Super-App für alle Beteiligten von Nutzen sein könnte. Europas strenge Datenschutzbestimmungen, insbesondere die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung in Kraft seit 2018), erschweren die Bündelung grosser Mengen personenbezogener Daten auf einer einzigen Plattform. Grosse digitale Ökosysteme sehen sich schnell kartellrechtlichen Herausforderungen gegenüber, man will die Entstehung von Monopolen verhindern. Dieser Bürokratisierungswahn verkompliziert die Anwendung künstlicher Intelligenz, ohne Gewinn für uns Nutzer.

Das digitale Leben auf einer einzigen Plattform
«Je länger je mehr denke ich, dass wir uns ein Stückweit damit abfinden müssen, in Europa den Anschluss an die Technologie der künstlichen Intelligenz verpasst zu haben», schreibt ein Kontakt auf LinkedIn. Das hat, seiner Meinung nach, vielerlei Ursachen, wie beispielsweise das steigende Durchschnittsalter, die zunehmende Behäbigkeit, die uns die «fetten Jahre» nach dem Ende des kalten Krieges in den 1990ern eingebracht haben, aber auch Zweifel an der Technologie. WhatsApp, Facebook, Instagram und E-Commerce sind allgegenwärtig. Eine All-in-One-App nach dem Vorbild von WeChat ist in Europa jedoch vorerst nicht in Sicht. Letztendlich spielen auch kulturelle Präferenzen eine entscheidende Rolle. Europäische Verbraucher schätzen Wahlmöglichkeiten und Dezentralisierung und bevorzugen es oft, für jeden Zweck eine eigene Spezial-App zu nutzen, anstatt alle Dienste einem einzigen Anbieter anzuvertrauen. Europäer vertrauen beispielsweise weniger darauf, ihr gesamtes digitales Leben auf einer einzigen Plattform zu speichern als Menschen in China.

Neue Strategien für Behörden und Unternehmen
Das heisst aber nicht, dass in Europa keine Super-Apps entwickelt werden. Einige Dienste im Westen erweitern schrittweise ihren Funktionsumfang. Google Maps ist beispielsweise längst weit mehr als nur ein Navigationstool: Es vereint Standortsuche, Restaurantbewertungen, Verkehrsinformationen, Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr und teilweise auch Buchungsfunktionen in einer einzigen App. Grosse Fintech-Apps wie Revolut und Klarna streben die Integration verschiedener Finanzdienstleistungen an, von Bankgeschäften bis hin zu Online-Shopping. Auch Meta möchte eine stärkere Integration zwischen WhatsApp und Google Maps erreichen. Der Wandel hin zu einer stärker vernetzten und digitalisierten Welt ist unaufhaltsam. Komfort und Effizienz sollten für uns Menschen an erster Stelle stehen – sowohl im Umgang mit Unternehmen als auch mit Behörden. Unternehmen und Organisationen müssen deshalb bereit sein, neue digitale Strategien zu verfolgen und etablierte Kommunikations- und Vertriebskanäle zu überdenken. «Alte» im Team mit jungen Entwicklern bringen ihre Erfahrung ein und agieren gleichzeitig als das «soziale Gewissen». «Die Erfahrung von uns «Alten» ist kein Anker in der Vergangenheit, sondern das Steuerrad im Maschinenraum der Zukunft», schreibt Hanspeter Beerli, Zukunfts-Coach und Talentarchitekt, aus dem Kreis der Kompetenten.

Digitale Transformation ohne Vertrauensverlust
Auch ohne eine zentrale Super-App schreitet die Konvergenz digitaler Dienste in allen Lebensbereichen voran. Unternehmen und Behörden müssen diese Entwicklung aufgreifen, indem sie benutzerfreundliche Lösungen anbieten, neue Technologien, wie beispielsweise digitale Zahlungsmethoden, frühzeitig integrieren und den Dialog mit den Nutzern pflegen. Dies ist entscheidend, um in einer hypervernetzten Zukunft nicht den Anschluss zu verlieren. Hyperkonnektivität eröffnet enorme Chancen für effizientere Prozesse und neue Geschäftsmodelle – jedoch nur, wenn ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Komfort und einem gesellschaftlich akzeptierten Mass an Kontrolle gefunden wird. Letztlich hängt die Zukunft des digitalen Fortschritts in Europa davon ab, dass wir technische Innovation untrennbar mit der Übernahme von Verantwortung verbinden. Die digitale Transformation kann dann ihr Versprechen einlösen, unser Leben komfortabler zu gestalten, ohne Vertrauen und Zusammenhalt zu untergraben, schreibt Gian-Luca Savino.

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