Blog, Industrie 4.0

#346 – Wir «Alten» müssen uns anpassen

Das Jahr 2023 nach der Pandemie
Seit der Corona-Pandemie (2020-2022) wurden bereits früher feststellbare Veränderungen in Produktion, Gewerbe und Gesellschaft umgesetzt. Das Jahr 2023 durchlebten wir als eine Art «Übergangsjahr» in eine neue Weltordnung mit einem neuen Verständnis von Arbeit. Das zeigt sich teilweise im Wandel der Anforderungen an Bewerbende, auch an uns «Alte». Kriegshandlungen, Fortschritte in der Entwicklung von Robotik oder die Veröffentlichung von KI künstlichen Intelligenzanwendungen wie ChatGPT im November letzten Jahres, sind nur einige der wichtigsten Treiber dieser Veränderungen. Die Neuausrichtung ganzer Industrien, die schrittweise Umstellung von Print auf digital oder deren Auswirkungen auf unser Konsumverhalten wurden im zu Ende gehenden Jahr nochmals beschleunigt. Am Arbeitsmarkt entstanden «neue» Berufsfelder und Verantwortlichkeiten. Auch für uns «Alte» genügt der Versand unseres Lebenslaufs zur Bewerbung um eine neue Stelle, trotz viel Erfahrung, nicht mehr. Schon darum nicht, weil sich die Stellenprofile und entsprechenden Anforderungen verändert haben. Einmal erlerntes hat oft an Relevanz verloren, ganze Berufszweige verschwinden. Diese Umstellungen geschehen auch schleichend und bis wir es merken ist es oft zu spät.

Industriestadt Shenyang China, 1986. Bild: Forrest Anderson / The Chronicle Collection / Getty images

KI in Design und «Weltbau»
Das Beispiel aus einem Masterlehrgang an der UCLA AUD Universität von Kalifornien in Los Angeles, Departement für Architektur und Städtebau (meiner Alma Mater), soll diese Veränderung illustrieren. Im Interview von Niall Patrick Walsh mit der ausserordentlichen Professorin Natasha Sandmeier in der Online-Publikation «Archinect» vom 6. November 2023, spricht diese über KI-Anwendungen zur Repräsentation von Architekturkonzepten. Seit seinem letzten Interview in 2019 über Themen wie visuelle Medien und narratives Storytelling, hat sich vieles verändert, stellt Walsh fest. Damals konnten sich nur wenige vorstellen, welche seismischen Auswirkungen generative KI auf diese Bereiche haben würden. Sandmeier, vor kurzem zur Geschäftsführerin des A+D Museum in Los Angeles ernannt, ist seit ihren früheren Positionen an der Spitze einer akademischen Architekturlandschaft. Unter anderem war sie Projektarchitektin für OMA (Office of Metropolitan Architecture – Rem Koolhaas) in Rotterdam und später Dozentin an der Architectural Association School of Architecture in London (eine weitere Alma Mater). Sie fragt sich bereits, was die jüngste populäre Einführung von KI in Design und Weltbau für Autorenschaft, Ethik, Repräsentation, Lernkriterien und die Rolle der Architekt:innen bedeutet.

Architektur im Entertainment Studio an der UCLA AUD
Im Entertainment Studio der UCLA AUD arbeitet sie hauptsächlich im Visualisierungsbereich und denkt mit den Studierenden über Möglichkeiten nach, Geschichten zu entwickeln, die sich auf die gebaute Umwelt konzentrieren. Wie wir in unserer Welt leben und wie diese sich im nächsten Vierteljahrhundert verändern könnte. Im A+D Museum arbeitet sie mit ihrem Team daran, die nächste Generation von Museumsprogrammen für die Gemeinschaft voranzutreiben. Während der Pandemie war das Museum auf ein virtuelles Programmformat umgestiegen, daher besteht die gegenwärtige Mission darin, den Wiedereintritt in die physische Museumswelt zu begleiten.

KI -Visualisierung: Pixel Tide by Chiayu Chen, Kimia Mohammadi, Jingjing Fang (UCLA AUD Entertainment Studio 2022)

Architektur im Zeitalter von YouTube
Ihr Interesse an der Repräsentation von Ideen als Narrative geht auf ihre Zeit als Architektin bei OMA zurück. Selbst in den 1990er Jahren produzierte die Firma oft unglaublich schnelle und grobe Collagen, die es ermöglichten, wesentliche Qualitäten der von OMA entworfenen Räume zu erforschen und zu kommunizieren, zusammen mit der Art und Weise, wie man sie bewohnt. Ihr wurde dabei klar, wie wichtig das Bild als Kommunikationsmedium ist. Später, an der Architectural Association, war die Idee des Bildes ein zentraler Bestandteil des Weltaufbaus und des räumlichen Geschichtenerzählens sowie eine vorherrschende Form der Kommunikation. Gemäss Sandmeier leben wir in einer Welt, in der die Grenze zwischen Fiktion und Realität fliessend ist (Stichwort Metaversum). Linearität weicht abgestufter Zonierung. Bilderzeugungstechnologien – von Generative Adversarial Networks (GANs) bis hin zu Echtzeit-Raytracing-Game-Engines – machen fotorealistische synthetische Bilder für alle verfügbar, die einen anständigen Laptop und etwas Zeit für YouTube-Tutorials haben.

Neue Wege im Beruf
Im gegenwärtigen Kontext stellt sich immer noch die Frage: «Was bedeutet es, Architekt:in zu sein?», was genau sind die Aufgaben? Sandmeier glaubt ich nicht, dass es viele Kreative gibt, die drei Monate lang Türdetails zeichnen oder endlos Zeichnungen mit roten Linien (Korrekturexemplare) aufräumen möchten. Obwohl die meisten Architekturstudierenden im Herzen Träumer und Weltveränderer sein wollen, stellen solche Tätigkeiten für viele Architekt:innen den Grossteil ihrer Aufgaben dar. Was stattdessen neue Technologien wie ChatGPT gezeigt haben, ist unsere Bereitschaft gross, leichte oder sich wiederholende Arbeiten auszulagern. Wenn wir solch langweilige Arbeiten delegieren können, egal ob Türdetails oder Protokollschreiben, hat KI das Potenzial, unseren Arbeitsablauf positiv zu beeinflussen und gleichzeitig neue Wege der Erkundung für den Beruf eröffnen.

Mittels KI visualisiertes Flugzeug – Cyberplane: r/weirddalle, 25. November 2023 reddit, cool_architect

Kriterien aus der Vergangenheit sind oft nicht mehr relevant
Natasha Sandmeier ortet viel Panikmache in Bezug auf KI und unsere Arbeit. Sie vergleicht diese Kritik mit der Zeit vor 20 Jahren als viele besorgt waren, dass Skripte oder parametrisches Design Jobs vernichten könnten. Dystopie ist viel einfacher darzustellen als Optimismus. Sie sieht jedoch das Potenzial der Technologie, produktive Veränderungen im Beruf herbeizuführen Wir müssen weniger Zeit in das Erlernen von Software investieren und haben mehr Zeit für die Konzeption und Entwicklung von Projekten. Einige zufällige Eingabeaufforderungen (Prompts) ermöglicht uns, hochkomplexe Konzepte mit unglaublicher Leichtigkeit zu visualisieren. Wann immer diese grossen technologischen Veränderungen stattfinden, müssen wir unsere Kriterien für die Bewertung von Resultaten anpassen. Sind Kriterien, die in der Vergangenheit relevant waren, noch anwendbar oder braucht es die Entwicklung eines neuen Kriterienkatalogs (oder Stellenbeschriebs). Mit der Frage, ob die Arbeit von der KI oder vom Menschen geleitet wird, sollten wir deshalb experimentieren. Dazu gehört auch das Thema Voreingenommenheit in der künstlichen Intelligenz und die Risiken der Verbreitung von Stereotypen durch KI-Systeme.

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#227- Weicher Fokus

Ohne Strom keine Zukunft
Auch wir «Alten» können uns für Forschung und Anwendungen im Bereich von Industrie 4.0 begeistern. Mit unserer, oft analogen, Erfahrung aus einem ereignisreichen Leben sind wir prädestiniert, an Zukunftsprojekten mitzuwirken. Sei es auf Augenhöhe im Team mit den «jungen Wilden», oder als Mentor*innen in Startups und KMU’s. Beispielsweise befasse ich mich seit über 10 Jahren mit intelligenten Materialien für nachhaltiges Bauen. 2010 konnten wir in der Schweizer Baumuster-Centrale Zürich «ShapeShift», eine kinetische Installation von Manuel Kretzer zeigen, die mit einer neuen Materialität für eine zukünftige Architektur experimentiert. Das Projekt unter dem Patronat der Professur Dr. Ludger Hovestadt CAAD der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit der EMPA untersuchte die mögliche Anwendung von elektroaktiven Polymeren (EPA) im baulichen Kontext und eröffnete eine neue Beziehung zum gebauten Raum. Als Alternative zur «Siliziumlösung», fasziniert mich auch das Potenzial der Grätzel-Zelle, eine Farbstoffsolarzelle mit einem Funktionsprinzip ähnlich der Photosynthese. Sie dient der Umwandlung von Lichtenergie in elektrische Energie und ist eine Anwendung aus der Bionik. Die Solarzelle ist nach Michael Grätzel, Professor an der EPFL Lausanne benannt, der sie 1991 erfand und 1992 patentieren liess.

Denken ausserhalb der Norm
Gut 10 Jahre später inspiriert den heutigen Blogbeitrag ein Bericht meiner Alma Mater im Juli 2021 Newsletter. Unter dem Titel «Soft Focus: Eine flexible Zukunft für Roboter» publizierte die UCLA University of California at Los Angeles aktuelle Forschungsergebnisse auf dem Gebiet Robotik und künstlicher Intelligenz. Während Projekte der beiden Schweizer ETH’s überwiegend mechanische Lösungsansätze verfolgen, legen die Kalifornier den Grundstein für Material mit erstaunlichen Fähigkeiten. Ein Team rund um Dennis Hongs Fakultätskollegen an der UCLA Samueli School of Engineering könnte dabei unser Denken erweitern.

Die Entdeckung des Unbekannten
«Traditionell bauen wir Maschinen auf der Grundlage der Materialien, die wir haben, wobei sich Stahl und Gummi sehr gut bewähren», sagt Qibing Pei, Professor für Materialwissenschaften und -technik. «Allerdings sind wir durch unsere Materialien auch eingeschränkt und bestimmte Tätigkeiten sind für heute existierende Roboter unmöglich. Also versuchen wir für diese Zwecke, weiche Materialien und Geräte zu entwickeln.» Weiche Roboter, die in der Lage sind, Aufgaben auszuführen, die der menschlichen Gesundheit und dem Wohlbefinden zugutekommen und die Entdeckung des Unbekannten vorantreiben. Pei und seine Kollegen beginnen herauszufinden, woraus diese weichen Roboter bestehen und wie sie sich bewegen werden. Sichere, gepolsterte Roboterassistenten könnten die Pflege von Senioren und Patienten übernehmen. Winzige weiche Roboter könnten ihre eigenen fantastischen Reisen im menschlichen Körper unternehmen, um Operationen durchzuführen.

Die Bedeutung von Geschmeidigkeit
Die Gruppe von Ximin He entwickelte ein Material, das von Ingenieuren verwendet wurde, um Roboterarme herzustellen, die dem Tentakel eines Oktopus ähneln. Weiche Roboter wären potenziell sicherer als herkömmliche. «Die wichtigste Anwendung, die wir uns für weiche Roboter vorstellen können, wäre die Interaktion mit zerbrechlichen Objekten und Menschen», sagt Lihua Jin, Assistenzprofessor für Maschinenbau und Luft- und Raumfahrttechnik. Darüber hinaus suggeriert die Leichtigkeit eines weichen Roboters einen einfachen Transport. Ähnlich wie ein grosser Oktopus sich durch ein kleines Loch zwängen kann, können weiche Roboter an Stellen gelangen, welche starre nicht erreichen. Die vordefinierten Parameter der Gelenke traditioneller Roboter schränken ihre Bewegungen ein, während ein flexibler Roboter möglicherweise nur wenige Einschränkungen in der Art und Weise hat, wie er sich dehnen, drehen und verändern kann. Gebaut mit der Fähigkeit, einzuknicken um dann in seine ursprüngliche Form zurückzukehren, könnte ein weicher Roboter auch widerstandsfähiger sein.

Es braucht einen Mentalitätswandel
Jonathan Hopkins, ausserordentlicher Professor für Luft- und Raumfahrt und Maschinenbau ist der Meinung, dass unsere Gesellschaft vom Irrglauben wegkommen muss, dass man robuster ist, wenn man gross und steif sei. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall, glaubt er und denkt an die dünnen Palmen, die sich biegen und Hurrikane überleben, während starke Telefonmasten einknicken. Der japanische Architekt Shigeru Ban beispielsweise, baut seit Jahrzehnten robuste Konstruktionen aus Papier und Karton. Die Forscher, welche die Entwicklung in Richtung weicher Maschinen vorantreiben, sind Teil eines grösseren Kaders aussergewöhnlicher Robotik-Forscher auf dem Campus mit mehr als einem Dutzend UCLA-Labors. Dazu gehören zwei weitere Superstars: Jacob Rosen, einen Experten für Operationsroboter, und Veronica Santos, die künstliche Hände entwickelt.

Grätzel-Zelle (Schulprojekt) Bild: Sebastian Spohner, Dr. Dietmar Scherr

Ein Materialproblem
Während sich Ingenieure auf die Suche nach neuartigen Materialien für Softroboter machen, wollen sie den Materialien selbst wichtige Eigenschaften zu eigen machen. Ximin He, Assistenzprofessor für Materialwissenschaften und -technik arbeitet an intelligenten Materialien, welche Bewegung mit Fähigkeiten wie Sensorik oder Leitfähigkeit integrieren. Intelligente Materialien könnten eine kleine Rechenleistung übernehmen, die Umgebung erfassen und mit Formänderungen reagieren. Pei ist unterdessen führend bei weichen Materialien, die sich die Elektrostatik zunutze machen, die Wechselwirkungen zwischen geladenen Teilchen im Ruhezustand. Er arbeitet auch mit Nanotechnologie und nutzt Phänomene, die im Milliardstelbereich passieren. Diverse Forschungsrichtungen verbinden sich in den Aktivitäten von Jins Gruppe. Jin entwickelt nicht nur verschiedene Materialien, sondern modelliert auch, wie Materialien auf ihre Umgebung reagieren. Der «OsciBot», eine einfache weiche Maschine, die bei Lichteinfall durch Wasser paddelt, ist aus der Forschung von He und Jin hervorgegangen. Sein Labor hat auch künstliche Sehnen und synthetische Muskeln entwickelt, die potenziell zehnmal stärker waren als ihre menschlichen Gegenstücke. Pei hat auch ein patentiertes Material für ein LED-Display, das sich auf das Doppelte seiner ursprünglichen Grösse dehnen lässt.

Bewegungen machen
Während sich seine Kollegen für weiche Roboter interessieren, beschäftigt sich Khalid Jawed mit ihren möglichen Formen und Bewegungsweisen. Jawed, Assistenzprofessor für Maschinenbau und Luft- und Raumfahrttechnik, studiert die unglaublich komplexen Parameter der Bewegung einer flexiblen Maschine. Hopkins, der sich auch mit Formen und Mechanik beschäftigt, verfolgt einen weitreichenden Ansatz für flexible Maschinen. Er hat einen luftbetriebenen Aktuator entwickelt – die Komponente, die es einem Roboter ermöglicht, sich selbst und Objekte um ihn herum zu bewegen – den er aus Gummi formt. Seine Vision umfasst auch Verbesserungen von 3D-Drucktechniken zur Entwicklung flexibler Materialien. Die von Hopkins entworfenen Materialien leiten ihre Eigenschaften mehr von ihrer Struktur und Mechanik in verschiedenen mikroskopischen Massstäben ab als von ihrer chemischen Zusammensetzung. Mutter Natur selbst könnte als die ursprüngliche Ingenieurin der weichen Maschinen angesehen werden. Dementsprechend ist die Biologie eine wichtige Inspiration für die UCLA-Forscher.

Carpenter ant | insect | Encyclopedia Britannica Inc.

Andere Inspirationen sind eher esoterisch: Der «OsciBot» paddelt bei Lichteinfall, ähnlich wie eine Sonnenblume ihr Gesicht der Sonne zuwendet. Der flexible Aktuator von Hopkins orientiert sich an den Beinen einer Spinne und dem zugrunde liegenden hydraulischen Mechanismus und vergleicht seine architektonischen Materialien mit der komplizierten, mikroskopischen Konfiguration der Schuppen auf den Flügeln eines Schmetterlings.

«kompetenz60plus.ch»
Mit unserer Erfahrung und Engagement aus der analogen Welt sind wir «Alten» gerüstet, im Team zusammen mit dem digitalen Wissen der «jungen Wilden», Prioritäten und Ideen mit Engagement und auf Augenhöhe in Ergebnisse umzusetzen. «kompetenz60plus.ch» ist ein Sammelbecken für kompetente Senioren, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst sind und sich aktiv an der Diskussion über die Zukunft beteiligen wollen. Bitte bringen Sie sich ein und registrieren Sie Ihre Kompetenz kostenlos hier. Wir freuen uns auch über Ihre Kontaktnahme per Mail an: werner@kompetenz60plus.ch, oder hinterlassen Sie Ihren Kommentar weiter unten. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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