Blog, Industrie 4.0

#416 – Demokratie im Zeitalter von Robotik

Demokratie im Zeitalter der Robotik bietet Chancen und Herausforderungen zugleich. Robotik und künstliche Intelligenz KI können demokratische Prozesse durch mehr Partizipation, Effizienz und datenbasierte Entscheidungsfindung verbessern, bergen aber auch Risiken wie algorithmische Verzerrung, Desinformation und Vertrauensverlust der Bürger.

Die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform – mit Ausnahme von all den anderen Regierungsformen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.

Sir Winston Churchill (1874-1965) © 2025 Demokratiegeschichten.

Eine zutreffende Analyse
Mit Blick auf die Demokratie, die Churchill gegen eine ihrer grössten Bedrohungen im 20. Jahrhundert zu verteidigen half, fällt vielen Menschen zuerst obiges Zitat ein. Es ist wohl einer seiner berühmtesten Aussprüche überhaupt und auch in Demokratie-Zitate-Rankings ist es meist oben mit dabei. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass seine Einschätzung genau ins Schwarze trifft. Denn Churchill möchte sich damit keineswegs als Hellseher profilieren, der die Demokratie über alles stellt – auch über Formen der Herrschaft, die noch kommen und wir uns jetzt eventuell noch überhaupt nicht vorstellen können. Aber der Blick zurück in die Vergangenheit zeigt, dass die Demokratie von allen bisherigen (!) Staatsformen am Ende des Tages eben doch die beste ist. Dieser zentrale Gedanke geht manchmal unter, wenn dieses Churchill-Zitat verkürzt wiedergegeben wird.

Roboter können (noch) nicht wählen
Die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung beschleunigten die Globalisierung, das Wachstum des Wohlstands und den Abbau einfacher Jobs in der westlichen Industrie. Diese werden nie mehr zurückkommen – egal wie protektionistisch ein Land ist, schrieb «NZZ am Sonntag»-Chefredaktor Beat Balzli im Editorial vom 20. April 2025 unter dem Titel «Roboter können übrigens keinen US-Präsidenten wiederwählen». Auf Grund von US-Importzöllen werden zwar ein paar Fabriken zurückkommen, aber nicht die versprochenen Jobs für die einfachen Leute. Industrielle Fertigung in Hochlohnländern heisst heute Automatisierung. Neue Jobs gibt’s nur für wenige Spezialisten. Wer im globalen Strukturwandel überleben will, braucht deshalb einen Rohstoff: Bildung – und nicht Öl. Flexible Fachkräfte, die verschiedene Berufslehren und Weiterbildungen hinter sich haben. Erfahrene, gelassene und weise «Alte», im Team mit den «jungen Wilden». Dem ungebildeten Rest schnappen nicht Migranten die neuen Stellen weg, sondern die Roboter. Sie werden die einzigen Profiteure dieser Politik sein – können aber in vier Jahren nicht wählen.

Robert Seamans Roboterzählung: Datenerfassung zur Verbesserung der Politikgestaltung im Bereich neuer Technologien, Brookings Institution 2021, Bild: © shutterstock

Die Zukunft, die plötzlich über uns hereinbricht
Wir «Alten» wissen zwar, wie neue Entwicklungen auf alten Erkenntnissen basieren. Aber die Glühbirne ist keine Weiterentwicklung der Kerze, schon 1801 war dies eine disruptive Entwicklung. In seinem Beitrag in Architecture Magazine – Technology 2024, schrieb Blaine Brownell, wie künstliche Intelligenz KI unsere neue Realität schneller als erwartet gestaltet. Werkzeuge wie ChatGPT und Copilot, welche erste Anwender für allgemeine Aufgaben wie das Umformulieren von E-Mails oder das Zusammenfassen von Sitzungsprotokollen verwenden, werden inzwischen mit wenig Vorwarnung durch eine schnell wachsende Zahl fach- und aufgabenspezifischer KI-Werkzeuge ergänzt. Die Zukunft, die schneller gekommen ist als die meisten erwartet hatten – mit erheblichen Konsequenzen in allen Branchen. Es ist üblich, dass Erstbenutzer auf die Fähigkeiten dieser Apps mit Misstrauen, Begeisterung oder Beklommenheit reagieren. Bald folgen Fragen zu den sich schnell verändernden Rollen von Fachkräften und der Art von Dienstleistungen. In der Zwischenzeit lautet der vorherrschende Rat, einzutauchen und experimentieren, denn je besser wir die Fähigkeiten dieser Apps verstehen, desto besser können auch wir «Alten» uns auf eine Zukunft vorbereiten, die plötzlich über uns hereinbricht.

Künstliche Intelligenz KI und Robotik
Im Interview mit Marie-Astrid Langer, San Francisco NZZ vom 21. Dezember 2024, beschreibt die Schweizerin Franziska Bossart, wie sie für Amazon eine Milliarde Dollar in Robotik- und KI-Startups weltweit investiert. Bossart ist die einzige europäische Direktorin in der Unternehmensentwicklung des Konzerns mit 1,4 Millionen Mitarbeitenden. Text, Video, Stimmen – generative KI kann alles und verändert alles. Nun kommt der Wandel in der physischen Welt an: Seit 2004 zeichnen sich bahnbrechende Durchbrüche in der Robotik ab. Fortschritte bei den sogenannten Vision-Language-Action-Models. Diese kombinieren alle bisherigen KI-Errungenschaften bei Text, Bild und Videos. Bossart kann deshalb zu einem Roboter sagen: «Gib mir etwas zu essen!» Dieser schaut sich in seiner Umgebung um, erkennt, was für Menschen essbar ist, und reicht es ihr dank guter Feinmotorik. Seine Entscheidung erklärt er ihr in natürlicher Sprache (mittlerweile sind es über hundert Sprachen und Dialekte). Dabei handelt es sich um echte Durchbrüche für die Robotik – mit enormen Auswirkungen. Mit diesen Fortschritten ist die Bay Area von San Francisco das Zentrum schlechthin, zusammen mit wichtigen Industriepartnern. Googles Forschungslabor Deep Mind für praktische Anwendungen etwa, oder das neue KI-Lab von Amazon, das sich auf physischen Anwendungen von generativer KI konzentriert. Der grösste Unterschied zu Europa ist dabei die Denkweise. Das visionäre Denken eines Silicon Valley fehlt uns Europäern. Auch wir «Alten» sind skeptisch und eher zurückhaltend, trotz sichtbaren Vorteilen.

Information Age, London, Nick Ismail, 2017 Bild: AdobeStock

Maschinen schaffen ein Spektrum an Regeln und Strategien
Briana Brownell, kanadische Datenwissenschaftlerin, Technologieunternehmerin und Vorstandsmitglied, erklärt in ihrer Präsentation vom März 2021 auf TED-Ed, mit dem Titel «Wie lernt künstliche Intelligenz?» die drei grundlegenden Prinzipien nach denen Maschinen forschen, verhandeln und kommunizieren. Als Gründerin und CEO von Pure Strategy Inc. bietet sie Technologieteams auf der ganzen Welt fachkundige Beratung und Schulung an und hilft ihnen dabei, Modelle zu erstellen, Daten zu verwalten und ihre Unternehmen mithilfe der neuesten KI- und maschinellen Lerntechnologien umzugestalten. Heute hilft künstliche Intelligenz Ärzten bei Diagnosen, Piloten im Cockpit von Flugzeugen und Stadtplanern bei Verkehrsprognosen. Doch wie genau lernen diese Programme und verstehen die Entwickler deren Systematik noch? Denn KI-Systeme lernen oft selbstständig, indem sie einfache Anweisungen befolgen und so ein einzigartiges Spektrum an Regeln und Strategien schaffen. Die aussichtsreichsten Modelle imitieren die Interaktion von Neuronen im Gehirn. Diese künstlichen Netzwerke nutzen Millionen Verbindungen zur Bewältigung schwerer Aufgaben wie Bild- oder Spracherkennung und sogar Übersetzungen. Forscher versuchen, maschinelles Lernen transparenter zu machen, denn KI wird zunehmend in den Alltag integriert. Dabei steigt der Einfluss dieser rätselhaften Prozesse auf unsere Gesellschaft, Arbeit, Gesundheit und Sicherheit. Maschinen können also immer besser forschen, verhandeln und kommunizieren — und wir müssen uns überlegen, wie wir ihnen — und sie sich — ethisches Handeln beibringen. Erfahrene und kompetente «Alte» im Team spielen dabei eine Schlüsselrolle.

«Captchas» und das Ende einer Ära
«Ich bin kein Roboter»: Warum es immer schwieriger wird, diese simple Tatsache zu beweisen, schrieb Ruth Fulterer in der NZZ vom 3. April 2025. Klicke die Ampeln an! Verschiebe das Puzzlestück! Diese kleinen Tests im Internet können einen zur Verzweiflung bringen. Doch ohne sie wären wir aufgeschmissen. Jetzt droht der Untergang der sogenannten Captchas und damit das Ende einer Ära. Es ist eine ganz besondere Frustration, neu- und einzigartig für unsere Zeit. Die Frustration, einem Computer beweisen zu müssen, dass man ein Mensch ist – und daran zu scheitern. Die Tests wurden nötig, als Menschen begannen, das Internet zu missbrauchen – also kurz nach dessen Einführung. Heute verbringe die Menschheit jeden Tag zusammengerechnet 500 Jahre damit, Captchas zu lösen, schätzt die Sicherheitsfirma Cloudflare. Captcha ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben von «Completely Automated Public Turing Test to Tell Computers and Humans Apart,» zu Deutsch: komplett automatisierter öffentlicher Turing-Test, um Computer und Menschen auseinanderzuhalten. Der Informatiker Manuel Blum hat sich 2002 die Abkürzung ausgedacht, in Anlehnung an das Englische «Hab ich dich!»: «Gotcha!» Blum leitete eine Forschungsgruppe an der amerikanischen Carnegie-Mellon-Universität. Bei ihm lernte der begabte Doktoratsstudent Luis von Ahn.

Unser Verhalten identifiziert uns als Menschen
Van Ahn hat ein Talent dafür, Mühsames und Spiel zu etwas Nützlichem zu verbinden und zum Captcha-Problem hatte er eine geniale Idee, schrieb Ruth Fultener weiter. Um die künstliche Intelligenz KI zu trainieren scannten Zeitungsverlage ihre Archive ein, Google ganze Bibliotheken. Die Herausforderung dabei: Etwa jedes fünfte Wort der gescannten Dokumente war für die Computer nicht zu entziffern, wegen schlechten Drucks oder Verzerrungen. Könnte man nicht diese Wörter als Captchas ausspielen, so dass Menschen sie abtippten? Wenn genug Menschen in Gratisarbeit dieses maschinell unlesbare Wort abgetippt haben, kann man es als «entziffert» abspeichern. 2010 wurden jeden Tag 100 Millionen solcher Captchas angezeigt – und so täglich mehr als 150 Bücher digitalisiert. Ab 2012 begann Google damit, Bilder-Captchas auszuspielen. Anfangs waren das Fotos von Hausnummern und Strassennamen von Google Street View. 2014 begann eine neue Ära, Bilder aus dem Strassenverkehr, in neun Quadrate unterteilt, auf denen man Velos, Busse, Ampeln oder Zebrastreifen anklicken muss. Damit wird es möglich, Daten darüber zu sammeln, was ein Velo ist und wie ein Zebrastreifen aussieht. Schliesslich ging man bei der Digitalisierung von Bibliotheken genau so vor, ausserdem baut Googles Mutterkonzern selbstfahrende Autos, denen man beibringen muss, sich im Verkehr zurechtzufinden. Captchas der neuesten Generation wie zum Beispiel der Hund, den man mit Pfeilchen so ausrichten muss, dass er in eine bestimmte Richtung schaut, zielen darauf ab, unsere Mausbewegungen zu analysieren und uns als Menschen zu identifizieren.

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#312 – KI, eine neue Ära beginnt

Generative KI künstliche Intelligenz als Chance für uns «Alte»
Der Verlust von Arbeitsplätzen durch die Fusion von zwei schweizer Grossbanken zeigt uns einmal mehr das Dilemma zwischen technologischem Fortschritt und unserer Abhängigkeit von Lohnarbeit (Recht auf Arbeit). In Extremsituationen ist es wenig hilfreich, über den Sinn solcher Arbeit zu diskutieren. Dennoch bleibt die Tatsache, dass wir auch im Hinblick auf den Fachkräftemangel und die Stellung von uns «Alten» in der Arbeitswelt, aktuelle revolutionäre Technologiedemonstrationen, wie die Entwicklung der KI künstlichen Intelligenz, zu sehr ausblenden. Im Blog von Bill Gates (67), GatesNotes online, beschreibt er am 21. März 2023 unter dem Titel «The Age of AI has begun», das Zeitalter der künstlichen Intelligenz hat begonnen, wie er im September letzten Jahres mit GPT (Generative Pre-Trained Transformer) gerade den wichtigsten technologischen Fortschritt seit der grafischen Benutzeroberfläche erlebt hatte. Die Entwicklung der KI sei so grundlegend wie die Entwicklung des Mikroprozessors, des Personal Computers, des Internets und des Mobiltelefons. Diese wird die Art und Weise verändern, wie Menschen arbeiten, lernen, reisen, sich medizinisch versorgen und miteinander kommunizieren, stellt er fest.

Bild: GatesNotes, März 2023

Wettbewerbsvorteile oder kreative Zerstörung
Generative KI künstliche Intelligenz, wie zum Beispiel ChatGPT, hat das Potenzial, nahezu jede Branche zu revolutionieren – sie verspricht sowohl Wettbewerbsvorteile als auch kreative Zerstörung. François Candelon, Abhishek Gupta, Lisa Krayer und Leonid Zhukov von BCG Boston Consulting Group veröffentlichten dazu am 7. März 2023 ihren CEO-Leitfaden zur generativen KI-Revolution. Sie gehen davon aus, dass CEOs oder KMUs die wahrscheinlich weiter von der eigentlichen Technologie entfernt sind, möglicherweise unsicher sind über die nächsten Schritte. Die Priorität für Führungskräfte besteht jedoch nicht darin, vollständig in die Technologie einzutauchen. Stattdessen sollten sie sich darauf konzentrieren, wie sich die generative KI auf ihre Organisation und ihre Branche auswirkt und welche strategischen Entscheidungen es ihnen ermöglichen, Chancen zu nutzen um Herausforderungen zu bewältigen. Dazu fokussieren die Autoren auf drei Hauptbereiche:

🟡 Potenzial: Identifikation der Anwendungsfälle, welche ein Unternehmen differenzieren werden.
🟡 Menschen: Anpassen der Organisationsstrukturen und Vorbereitung von Mitarbeitenden für den Einsatz.
🟡 Richtlinien: Einrichten von ethischen Leitplanken und rechtlichen Schutzmassnahmen.

Jeder dieser Bereiche beinhaltet kurz- und langfristige Überlegungen – und viele unbeantwortete Fragen. Auch KMUs müssen sich auf den Moment vorbereiten, wenn ihre aktuellen Geschäftsmodelle obsolet werden. Im Beitrag machen die Autoren Vorschläge, für eine strategische Vorgehensweise. Kompetente, weise und erfahrene «Alte» im Team mit den «jungen Wilden» agieren bei der Umsetzung idealerweise als Mentoren, Coaches oder Sparringspartner.

Bild: GatesNotes, März 2023

Veränderungen machen Angst
Jede neue Technologie, die so disruptiv ist, wird die Menschen zwangsläufig beunruhigen, und das gilt sicherlich für künstliche Intelligenz. Schwierige Fragen werden aufgeworfen, über die Belegschaft, das Rechtssystem, den Datenschutz oder Vorurteile. KIs machen auch sachliche Fehler und erleben Halluzinationen. Bill Gates schlägt in seinem Beitrag einige Möglichkeiten zur Minderung der Risiken vor und beschreibt seine Definition von KI, welche dazu beitragen wird, Menschen bei der Arbeit zu stärken, Leben zu retten und die Bildung zu verbessern. Technisch bezieht sich in seinem Verständnis der Begriff künstliche Intelligenz auf ein Modell, das erstellt wurde, um ein bestimmtes Problem zu lösen oder einen bestimmten Dienst bereitzustellen. Was Dinge wie ChatGPT antreibt, ist künstliche Intelligenz. Diese lernt, wie man besser chattet, kann aber keine anderen Aufgaben lernen. Im Gegensatz dazu bezieht sich der Begriff allgemeine künstliche Intelligenz auf Software, die in der Lage ist, jede Aufgabe oder jedes Fach zu lernen. AGI (artificial general intelligence) existiert noch nicht – in der Computerbranche findet darüber eine heftige Debatte statt, wie man diese erstellt und ob sie überhaupt erstellt werden kann.

Bild: GatesNotes, März 2023

Der Traum von der allgemeinen künstlichen Intelligenz
Die Entwicklung von KI und AGI war der grosse Traum der Computerindustrie. Jahrzehntelang war die Frage, wann Computer etwas anderes als Berechnungen besser können als Menschen. Jetzt, mit der Ankunft des maschinellen Lernens und grosser Mengen an Rechenleistung, sind ausgefeilte KIs Realität und sie werden sehr schnell besser werden. Gates denkt dabei zurück an die Anfänge der Personal-Computing-Revolution, als die Softwareindustrie noch so klein war, dass die meisten Protagonisten auf dem Podium einer Konferenz Platz fanden. Heute ist es eine globale Industrie. Da sich ein grosser Teil davon jetzt der KI zuwendet, werden die Innovationen viel schneller kommen als das, was wir nach dem Durchbruch der Mikroprozessoren erlebt haben. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige und kompetente Menschen, die den Output kritisch prüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. Wir «Alten» sind dank unserer Erfahrung und Reife eine grosse Hilfe in den Entwicklersteams, denn solche Programme müssen so einfach werden wie die Bedienung eines Smartphones um Erfolg zu haben.

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