Blog, Industrie 4.0

#453 – Intuition der «Alten»: Furcht, Warnen

Computer werden intelligenter sein als wir
Ilya Sutskever (39), Israelisch-Canadischer Computer Wissenschafter und Mitbegründer von OpenAI, behauptet in seiner Präsentation auf TEDAI 2023 • October 2023 (12:24), dass Menschen anfangen werden, aus Eigeninteresse in beispielloser Weise zusammenzuarbeiten. Unter dem Titel «The exciting, perilous journey toward Artificial General Intelligence AGI», {die aufregende, gefahrvolle Reise hin zur künstlichen allgemeinen Intelligenz AGI) erläutert er, wie der Tag kommen wird, an dem die digitalen Gehirne in unseren Computern so gut oder sogar besser sein werden als unsere eigenen biologischen Hirne. AGI wird dramatische und unglaubliche Auswirkungen auf jeden einzelnen Bereich menschlicher Aktivität haben. Die Technologie wird sich von den uns bekannten Technologien unterscheiden, indem sie sich selbst verbessern kann. Die technologische Entwicklung ist vergleichbar mit der industriellen Revolution, mit ihrem rasanten Anstieg und schnellen Wachstum, welche damals unser Leben auf verschiedenste Art veränderte. Mit AGI könnte etwas Ähnliches erneut geschehen, jedoch innert kürzerer Zeit.

Die KI nutzt globale «Schwarmintelligenz»
Der Britisch-kanadische Informatiker und Kognitionspsychologe Geoffrey Hinton (78) erklärt auf Reddit, wie LLMs nicht mehr nur das nächste Wort voraussagen – neue Modelle lernen durch logisches Denken und erkennen Widersprüche in ihrer eigenen Logik. Diese grenzenlose Selbstverbesserung wird sie letztendlich «viel intelligenter machen als uns». Agenten können Wissen in einem viel grösseren Umfang teilen als Menschen. 10’000 Agenten können verschiedene Themen studieren, ihre Lernergebnisse sofort synchronisieren und sich gemeinsam verbessern. «Stellen Sie sich vor, 10’000 Studenten belegen jeweils einen anderen Kurs, und wenn sie fertig sind, kennt jeder Student alle Kurse» meint Hinton.


.
«When we forget things, where do they go?»
Wenn wir Dinge vergessen, wohin verschwinden sie dann?
Catherine Airey (32), aus ihrem Buch «Confessions»

Was ist Intelligenz?
Je klüger unsere Maschinen werden, desto argloser handeln wir. Zeit, über die menschliche Intelligenz nachzudenken. Und über die menschliche Dummheit. Unter dem Titel «Nuzte das Poetnzial deiner Itenlligenz!» stellt Peter Ackermann (54) in der NZZ vom 26. Dezember 2025 die Frage: Werden wir tatsächlich seit zwanzig Jahren dümmer, wie Untersuchungen nahelegen? Macht uns die künstliche Intelligenz KI dumm? Was ist Dummheit eigentlich? Und was menschliche Intelligenz? Schwergewichtig befasst sich der Artikel mit der Analyse des IQ-Test, dem Intelligenzquotienten. Gewiss ist: Der Mensch verfügt über Intelligenz. Doch er ist auch bereit, sie preiszugeben. Etwa indem er Denkarbeit auslagert. Wer mithilfe künstlicher Intelligenz einen Text formulieren lässt, spart zwar Zeit, lässt aber seine geistigen Fähigkeiten verkümmern, folgert Ackermann. Er verweist auf die Aussage des Psychologen Gerd Gigerenzer (78). Dieser findet, dass die Gefahr dabei weniger von der Maschine ausgeht, als von zwei menschlichen Quellen: «von denen, die KI kontrollieren, und von uns, die wir sie nutzen».

Die Warner
Warner gibt es viele, so auch der amerikanische Intelligenzforscher Robert Sternberg der behauptet: wer Denkarbeit auslagert, gibt kritisches Denken auf und nennt es daher «mutwillige Selbstverdummung». Peter Ackermann erwähnt den Wiener Intelligenzforscher Jakob Pietschnig (33) und dessen Unterscheidung zwischen «Dummheit erster und Dummheit zweiter Ordnung». «Diffuses Misstrauen verdrängt die rationale Abwägung», schrieb die forensische Psychiaterin Heidi Kastner (63), in ihrem Buch mit dem Titel «Dummheit». Gerade die Fähigkeit, Fakten zu kennen und dennoch falsch zu urteilen, macht die Dummheit zweiter Ordnung so gefährlich. Paradoxerweise verursachen insbesondere kluge Köpfe oft gravierende Fehler mit weitreichenden Folgen. Eine «Torheit der Intelligenten» nennt das Robert Sternberg. Wer scharf denkt, beherrscht zumeist die Kunst, Widersprüche auszublenden und nur das zu sehen, was der eigenen Weltsicht entspricht, ein Leben in der «Bubble».

Mehrdeutigkeit in der Kunst: Der belgische Künstler René Magritte (1898-1967), Le Retour 1940. Surrealismus – Realität und Fantasie.

Intuition kommt mit Erfahrung
Gerd Gigerenzer verweist auf den Gegensatz zur maschinellen Intelligenz: «Menschliche Intelligenz zeigt sich im klugen Entscheiden bei Unsicherheit.» Für ihn ist Intelligenz eine Werkzeugkiste voller einfacher Faustregeln, die helfen, mit wenig Wissen und unter Zeitdruck gute Entscheidungen zu treffen. In einer unsicheren Welt schlagen einfache Regeln oft komplexe Modelle, die sich zu genau an vergangene Daten anpassen und scheitern, wenn die Zukunft anders aussieht. Was wir Bauchgefühl nennen, beschreibt Gigerenzer als «Intelligenz des Unbewussten». «Wenn man sie unbewusst nutzt, ist es Intuition», sagt er. Intuition ist vor allem eine Frage der Praxis. Intuition entsteht, wenn das Unbewusste erkennt, welche Faustregel in welcher Situation funktioniert. «Wer sich intensiv und über längere Zeit mit einer Sache auseinandersetzt, entwickelt ein Gespür für das Richtige», ohne jeden Schritt bewusst analysieren zu müssen. So lernt das Unbewusste, welche Regel in welcher Lage trägt und welche nicht. Die Intuition von «Alten» Profis unterscheidet sich vom Bauchgefühl der Jungen durch Erfahrung

Die Neigung, neue Werkzeuge zuerst als Bedrohung zu fürchten
Verdichtetes Wissen, geformt durch Übung, Irrtum und Einsicht. Menschliche Intelligenz ist nicht allein angeboren und begrenzt, sondern kann sich bei jedem Menschen weiterentwickeln. Der Philosoph Kwame Anthony Appiah (72) nennt dies den «Übergang von Handfertigkeit zu Aufsicht». Künstliche Intelligenz verschiebt den Begriff von Expertise: weg vom Erzeugen, hin zum Bewerten. Die menschliche Urteilskraft wird damit zur Schlüsselkompetenz. Technologische Entwicklung bedeutet seit je Auslagerung menschlicher Intelligenz: vom Gedächtnis auf Schriftzeichen, vom Wissen auf Maschinen, von Erfahrung auf Algorithmen. «Die entscheidende Frage lautet nicht, ob unsere Fähigkeiten schwinden», sagt Gerd Gigerenzer, «sondern wie wir unsere Urteilskraft bewahren und die neuen Werkzeuge nutzen, ohne uns von deren Besitzern benutzen zu lassen.» Neugierige, aufgeschlossene und kompetente «Alte» in gemischten Teams garantieren eine Fortschreibung der Entwicklung neuer Werkzeuge ohne Furcht vor deren Bedrohung.

KI ist gefährlich – aber nicht aus dem Grund weshalb wir denken
Statt uns von künftigen existenziellen Risiken durch die KI ablenken zu lassen, sollten wir nach Ansicht der KI-Ethikforscherin Sasha Luccioni (36) einige negative Auswirkungen der Technologie nicht aus den Augen verlieren. Wie zum Beispiel die Kohlenstoffemissionen der Serverfarmen, die Verletzung von Urheberrechten und die Verbreitung verzerrter Informationen. In ihrer Präsentation auf TEDWomen 2023 • October 2023 (10:18) plädiert die Forscherin für praktische Lösungen zur Regulierung einer KI-geprägten, inklusiven und transparent gestalteten Zukunft. Denn die Wolke, auf der KI-Modelle leben, besteht aus Metall und Plastik und wird mit riesigen Mengen Energie betrieben. Allein das Trainieren eines KI-Sprachmodells wie ChatGPT verbraucht so viel Energie wie 30 Haushalte in einem ganzen Jahr und setzt 25 Tonnen Kohlendioxid frei, wie eine Autofahrt fünfmal um den Planeten.

Die Befürchtungen vor Voreingenommenheit
Grosse Sprachmodelle sind in den letzten fünf Jahren um das 2000-Fache gewachsen und damit auch die Kosten für die Umwelt. Neben Nachhaltigkeitsthemen stehen natürlich auch Urheberrechte im Fokus. So können etwa Künstler und Autoren nur schwer nachweisen, dass ihr Lebenswerk ohne ihre Zustimmung für das Trainieren von KI-Modellen verwendet wurden. Letztlich ist da noch die Voreingenommenheit. KI-Modelle kodieren Muster und Überzeugungen, die Stereotype, Rassismus und Sexismus darstellen können. Durch ihren Einsatz werden KI-Modelle mit dem Gefüge unserer Gesellschaften verwoben; unsere Handys, Social-Media-Feeds, sogar unsere Justizsysteme und Volkswirtschaften enthalten KI. Diese muss deshalb transparent und zugänglich bleiben, damit wir wissen wie sie funktioniert und wann nicht. Wir kompetenten «Alten» müssen zusammen im Team mit den technologisch gewieften Jungen den Weg in unsere Zukunft gemeinsam bauen und dabei entscheiden, welche Richtung wir einschlagen wollen.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch | Mail: werner@kompetenz60plus.ch |
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: kompetenz60plus
X: wernerkruegger | Instagram: wernerkruegger

Blog, Industrie 4.0

#452 – Skeptische «Alte»: Umgang mit Risiken

«Y2K-Bug», «Millennium-Bug» oder «Jahr-2000-Problem»
Vor 25 Jahren waren sich Wissenschaft und Wirtschaft uneins, was die Konsequenzen beim Jahreswechsel 2000 in einer digital vernetzten Welt auf Finanztransaktionen, kritische Infrastruktur, Flugverkehr, Navigations- oder militärische Systeme wären. Die Befürchtung entstand, weil viele ältere Computersysteme und Programme Jahreszahlen nur zweistellig speicherten, beispielsweise «99» für 1999 um Speicherplatz zu sparen. Man befürchtete, dass beim Übergang von «99» auf «00» die Systeme das Jahr als 1900 statt 2000 interpretieren würden – mit potenziell katastrophalen Folgen. Im Vorfeld wurden weltweit, zur Freude der Computerindustrie, enorme Ressourcen mobilisiert. Milliarden wurden investiert, um Software zu überprüfen und anzupassen. Als dann tatsächlich Mitternacht am 1. Januar 2000 kam, passierte… relativ wenig. Es gab nur vereinzelte kleinere Probleme, aber keine grossen Katastrophen. Bis heute wird debattiert, ob die massiven Vorbereitungen die Katastrophe verhindert haben oder ob die Gefahr von Anfang an übertrieben war. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem – viele kritische Systeme wurden tatsächlich rechtzeitig gepatcht, während die apokalyptischen Szenarien wohl etwas überzeichnet waren. Diese Erfahrung lehrt uns «Alte», einen differenzierten Umgang mit den gegenwärtigen Ängsten um die negativen Auswirkungen von künstlicher Intelligenz KI auf unsere Zukunft.

TED erklärt die Welt mit dem Politikwissenschafter Ian Bremmer (56), Januar 2026 (erfrischenderweise ohne Bücherwand im Hintergrund!)

Die grössten globalen Risiken für 2026
«kompetenz60plus» ist nicht bekannt für politische Diskussionen. Mit Blick auf die aktuellen weltweiten Geschehnisse und vor dem Hintergrund der technologischen Veränderungen durch die künstliche Intelligenz KI, ist jedoch eine weitergehende Betrachtung der gegenwärtigen Situation angebracht. Das Assessment der US-Regierung nach einem Jahr unter Präsident Trump erstaunt vor allem wegen der Geschwindigkeit und der weltweiten Wirkung von Beschlüssen und Aktionen. Entgegen den meist oberflächlichen oder reisserischen Analysen westlicher Medien, steht meiner Meinung nach hinter den Veränderungen jedoch ein grösserer Plan. Im bemerkenswerten Interview von Helen Walters (50+), Leiterin Medien und Kuratorin der Plattform TED vom 5. Januar 2026 (50:42), mit dem Politikwissenschafter Ian Bremmer (56), Gründer der Eurasia Group, spricht dieser von einem Wendepunkt in der Geschichte. Er beleuchtet die grössten Risiken, welche die Welt im 2026 erwarten, analysiert die US-Militäroperation gegen den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und erklärt, warum US-Präsident Donald Trumps Übernahme der «Donroe-Doktrin» das unsicherste geopolitische Umfeld seit Jahrzehnten herbeiführt. (Erklärung: Die Monroe-Doktrin ist eine US-amerikanische Aussenpolitik, die 1823 von Präsident James Monroe verkündet wurde und die westliche Hemisphäre als eigenständigen Einflussbereich definierte, indem sie europäische Kolonialisierung und Einmischung in die Angelegenheiten Amerikas ablehnte und im Gegenzug Nichteinmischung in europäische Angelegenheiten versprach; ihre Kernprinzipien sind getrennte politische Sphären (Europa vs. Amerika), Nicht-Kolonialisierung und Nichteinmischung).

Künstliche Intelligenz KI als Chance
Bremmers eindringliche Prognosen zu den Entwicklungen in Europa, Russland und China schaffen einen unverzichtbaren Einblick in eine instabile Weltordnung. Dass dieses Geschehen mit dem rasanten technologischen Fortschritt der KI zusammenfällt ist wohl kein Zufall und muss folglich gemeinsam betrachtet werden. Der tschechisch-amerikanischen Ökonomen Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) fand den Begriff «kreative Zerstörung», welcher einen wesentlichen Aspekt disruptiver Innovation beschreibt. Man könnte das Konzept auch als «schöpferische Erneuerung» oder «transformative Umgestaltung» bezeichnen und damit stärker den konstruktiven Aspekt des Prozesses betonen – dass aus der Zerstörung des Alten etwas Neues und oft Besseres entsteht. Zur Beurteilung dieser Verschiebungen müssen wir uns von der bekannten Ordnung lösen und uns auf die Kreativitätsebene begeben. KI wird das noch verstärken, in einem Ausmass das wir uns wahrscheinlich noch kaum vorstellen können. KI eröffnet theoretisch unendlich viele Möglichkeiten, unsere Kreativität auszuleben. Menschen werden anfangen, aus Eigeninteresse in beispielloser Weise zusammenzuarbeiten. Die Erfahrung, Neugier und Reife von uns «Alten» als Sparringspartner im Team, zusammen mit dem technischen Wissen der Jungen, ist deshalb entscheidend, um allenfalls korrigierend einzugreifen.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch | Mail: werner@kompetenz60plus.ch |
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: kompetenz60plus
X: wernerkruegger | Instagram: wernerkruegger

Blog, Industrie 4.0

#450 – «Alte»: Generator oder Diskriminator

Eine Wette auf Technologie
Künstliche Intelligenz KI ist allgegenwärtig, sie öffnet unsere Smartphones, sie erkennt unsere «Freunde» in den sozialen Medien, sie ordnet und kategorisiert unsere Fotos und schickt uns Nachrichten entsprechend unseren Interessen. KI sortiert unsere Emails oder schlägt beim Schreiben die Satzendungen vor. Sie setzt die Interpunktion in Schreibprogrammen, korrigiert die Grammatik, oder übersetzt Texte gleich in andere Sprachen. Und trotzdem gibt es immer noch viele Zweifler unter uns, die den negativen Berichten über «maschinelle Intelligenz» mehr Glauben schenken. Stiege die Arbeitsproduktivität durch neue Technologien stark an, könnten Beschäftigte mehr Aufgaben in gleicher Zeit erledigen, finden Christian R. Ulbrich und Christian Rutzer im Gastkommentar der NZZ vom 1. Dezember 2025. Unter dem Titel «Der KI-Boom könnte die Weltwirtschaft retten – oder diese in den Abgrund stossen» beleuchten sie mögliche Szenarien. Das sinkende Arbeitskräfteangebot infolge des demografischen Wandels könnte durch den Einsatz von KI aufgefangen werden. Amerikanische Technologieunternehmen wollen deshalb im kommenden Jahr mehr als 320 Milliarden Dollar investieren und setzen bei ihrer gigantische Wette auf den «Sieg eines einzigen Pferdes». Optimisten zeigen sich überzeugt, dass die Wette aufgehen wird, während die Pessimisten glauben, darin eine riesige KI-Blase zu erkennen.

KI als «normale Technologie»
Ulbrich und Ritzer beschreiben eine alternative Sichtweise, die den Faktor Zeit betont. Um sie zu verstehen, hilft ein Blick auf die Datenlage. Selbst in einem technologieaffinen Land wie den USA stieg die Arbeitsproduktivität seit 1949 grösstenteils gleichmässig an. Offensichtlich gab es keine plötzlichen Produktivitätssprünge infolge technologischer Innovationen. Weder das Telefon noch die Verbreitung der Informationstechnologie haben zu abrupten Sprüngen geführt; selbst das Internet hat keinen sichtbaren Ausschlag hinterlassen. Die Arbeitslosenquote in den USA zeigt ein ähnliches Bild. Sie stieg nur nach Rezessionen spürbar an, sonst sank sie meist stetig. Arbeitslosigkeit infolge technologischen Fortschritts sucht man in den Datenreihen vergebens. Aus ihrer Sicht ist es deshalb wahrscheinlicher, dass KI eine «normale Technologie» darstellt und nur einen allmählichen Produktivitätsschub auslösen wird. Erste Indizien stützen diesen Befund. Eine Studie des Yale Budget Lab etwa untersuchte jüngst die Entwicklung der letzten 33 Monate eingehender. Selbst in Berufen, die generativer KI in hohem Mass «ausgesetzt» sind, zeigt sich der Arbeitsmarkt bislang robust.

Weiss ist das neue Schwarz: für den Export bestimmte Autos im Hafen von Nanjing, 14. November 2025, Bild: Imago

Kompetente «Alte Diskriminatoren»
Technologische Innovationen entfalten ihre Wirkung erst mit zeitlicher Verzögerung, denn zunächst sind erhebliche komplementäre Investitionen nötig. Von Tech-Optimisten wird oft übersehen, dass die erfolgreiche Einführung von Technologien auch kulturelle Anpassungen und ein innovationsfreundliches regulatorisches Umfeld erfordern – was ebenfalls Zeit braucht. Eine weitere Komplikation entsteht im Wettbewerb. Wenn eine Seite (digital) aufrüstet, zieht die andere nach. In der Folge steigt die Komplexität des Gesamtsystems sprunghaft an und «zehrt» einen grossen Teil der gewonnenen Effizienz wieder auf. Neue Bedürfnisse kommen auf und immer höhere Ansprüche wollen befriedigt werden. KI-Agenten werden diese Entwicklung weiter anfeuern. Dank den neuen KI-Tools werden Präsentationen oder Berichte zwar noch ansprechender und umfangreicher, der vermittelte Informationsgehalt steigt jedoch nicht spürbar. Das vereinfachte Generieren von Texten, Bildern, Videos und anderen Datenpunkten führt zu einer neuen Informationsflut, durch die zu navigieren immer schwieriger wird. In seinem aktuellen Buch zur Architektur im Zeitalter der künstlichen Intelligenz beschreibt der Britische Architekt und Theoretiker Neil Leach die Wirkungsweise von Generatoren und Diskriminatoren. Für das Trainieren einer KI werden Generatoren eingesetzt. Die Resultate müssen von «Diskriminatoren» auf ihre Echtheit oder Wahrscheinlichkeit geprüft werden. Erfahrene, kompetente und neugierige «Alte» im Team eignen sich hervorragend für solche Aufgaben.

Produktivitätsgewinne und neue Berufsfelder
Neue Tätigkeitsfelder entstehen, denn die automatisierenden KI- und Software-Tools müssen konzipiert, programmiert, angepasst, implementiert und kontinuierlich aktualisiert und weiterentwickelt werden. Neue Berufsfelder entstehen rund um das «prompt Engineering», auch wenn dieses keine so exakte Wissenschaft ist, wie der Begriff Ingenieur vermuten lässt. Die Autoren Ulbrich und Ritzer folgern: KI-Technologie in ihrer heutigen Form ist weder das ersehnte Allheilmittel noch ein fehlgeleiteter Wunschtraum von Technologie-Enthusiasten. Für die meisten Sektoren wird KI eine graduelle Evolution bedeuten – mit kleineren, aber stetigen Effizienzgewinnen und inkrementellem Wachstum der Produktivität. KI wird in den nächsten Jahren zweifellos viele Lebens- und Arbeitsbereiche durchdringen, ganz ähnlich wie einst der Computer und das Internet. Aber es wird noch dauern, bis sich die derzeit riesigen Investitionssummen durch breite Produktivitätsgewinne amortisieren.

Technologie bedeutet Macht
«China und die USA kämpfen um ihren Einfluss in der neuen Weltordnung. Entscheidend ist Technologie». In seiner Analyse in der NZZ vom 10. Dezember 2025, beschreibt Lukas Mäder (47) am Beispiel KI, wie die Technologie in einer multipolaren Welt immer wichtiger wird. Das gilt heute noch viel stärker als vor 110 Jahren, als Grossbritannien grosse Teile des weltweiten Telegrafennetzes kontrollierte. Was zu Beginn des Ersten Weltkriegs die Telegrafenkabel waren, sind heute die Glasfaserkabel am Meeresgrund. Sie bilden zusammen mit den Rechenzentren der Cloud-Provider das weltweite Kommunikationsnetz, über das die Internetdaten fliessen und das die Anwendungen der künstlichen Intelligenz antreibt. Wer diese Infrastruktur kontrolliert, ist im Vorteil. Wie bei den Telegrafenkabeln. Technologien bedeuten politische Macht. In der digitalen Welt sind nicht nur Kabel entscheidend, sondern auch Software, Online-Dienste und KI-Modelle. Welche politischen Risiken die technologische Abhängigkeit mit sich bringt, zeigt sich momentan in Europa. Der Kontinent hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten technologisch stark von den USA abhängig gemacht. Am augenfälligsten ist dies im IT-Bereich, wo Europa etwa bei Cloud-Anwendungen stark auf amerikanische Tech-Firmen setzt.

kompetenz60plus.ch, das Netzwerk von kompetenten «Alten»
kompetenz60plus.ch ist ein Netzwerk von kompetenten Fachleuten. Erfahrene «Alte» unterstützen KMU’s und Start-ups bei der Umsetzung innovativer Ideen und bei Herausforderungen aller Art – auf Augenhöhe. Registrieren Sie Ihre Kompetenz ➔ hier kostenlos oder suchen Sie auf unserem Portal eine Fachperson mit geeigneter Kompetenz. Unkompliziert und zu moderaten Bedingungen. Kontaktieren Sie uns mit Ihren Interessen, Fragen und Anregungen, ganz unverbindlich, per Mail an werner@kompetenz60plus.ch. Danke!

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator

Ein Projekt «von uns. für uns.»
Web: kompetenz60plus.ch | Mail: werner@kompetenz60plus.ch |
Linkedin: kompetenz60plus.ch | facebook: kompetenz60plus
X: wernerkruegger | Instagram: wernerkruegger