Alter als unpräziser Begriff
Das Interview von Birgit Schmid (53) in der NZZ vom 7. Juni 2025 mit den beiden 80-Jährigen Roger Schawinski und Jürg Acklin , sowie das Treffen mit einem Publizisten inspirierten diesen Beitrag. Im Gespräch mit dem Herausgeber der Plattform SICHTWEISENSCHWEIZ.CH sprachen wir über die aktuelle 60plus-Generation in der Schweiz. Inwiefern nutzt diese Generation überhaupt ihr Potenzial aus, oder liegen Ressourcen brach. Er wollte mich für einen Beitrag mit dem Titel «Schweiz 5.0», in Anlehnung an den Blog «Industrie 4.0» begeistern. Den Titel finde ich schwierig, ohne politisch zu werden. Auf die Digitalisierung bezogen, müsste man eher über eine «Schweiz 2.0» schreiben. Auf uns «Alte» bezogen, kolportiert die Presse über Monate, dass Menschen im Alter von 50 Jahren bereits Mühe hätten, bei Jobverlust eine neue Anstellung zu finden. Die Kriterien, welche zu solchen Aussagen führen sind wenig transparent und der Verdacht besteht, dass viele Beiträge zum Thema Arbeiten im Alter wiederholt einander abgeschrieben werden. Dagegen stehen die beiden Protagonisten Schawinski und Acklin im Interview mit Birgit Schmid wie Leuchtürme für die Generation Babyboomer, für die Generation 60plus an die sich diese Plattform wendet. Ihre Lebensfreude, Sorgen und Ängste stehen stellvertretend für viele von uns «Alten». Im Folgenden meine Zusammenfassung des Interviews:

Die Protagonisten
Jürg Acklin ist Schriftsteller und Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Zürich, Roger Schawinski gründete das erste Privatradio und den ersten privaten Lokalfernsehsender der Schweiz. Sie sind seit langem befreundet und beide arbeiten immer noch. «Man kann uns nicht einfach als alte weisse Männer in den Schrank stellen» sagt Schawinski. Acklin sagt «geht man gegen 80, ist das Alter nicht mehr wie ein Manöver im Militärdienst, sondern es ist jetzt der Ernstfall». Für Schawinski ist Alter ist ein unpräziser Begriff. Alle werden älter, aber was sich verändert, ist individuell verschieden. Die meisten seiner bisherigen Fähigkeiten konnte er noch bis zu einem gewissen Grad erhalten. Ihn hat schockiert, als er hörte, dass Kardinäle ab 80 den Papst nicht mehr wählen dürfen, weil sie offenbar nicht mehr urteilsfähig sind. Es wird dort von aussen eine Grenze festgesetzt, wann man als alt gilt. Diesem Ansatz verweigert er sich.
Langes Leben als Zumutung
Jürg Acklin findet, viele «Alte» resignieren, werden bitter, empfinden das Leben als Zumutung. Man wird plötzlich auch als älter wahrgenommen. Das ist das Problem: Auch wenn man sich fit und lebendig fühlt, sieht man für andere nicht mehr so aus. Wenn einem junge Leute im Tram ihren Sitz anbieten, merkt man, «wie man bald ins Stöckli gehört». Roger Shawinski sagt, wir 1945er sind die allererste Altersgruppe der Generation, die später als Babyboomer bezeichnet wurde. Wir haben unsere Welt selbst geschaffen und er ärgert sich über die völlig vermaledeite woke Identitätsbewegung, die uns als alte weisse Männer schubladisiert. Menschen werden aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder Hautfarbe einsortiert, wie man es aus totalitären Staaten kennt.

Wenn sich die Türen schliessen
Acklin und Schawinski trafen sich erstmals 1994 anlässlich eines Interviews in der Talk-Sendung «Doppelpunkt». Wie die Protagonisten in Acklins Roman «Froschgesang», wehren sich die zwei gegen die Zumutungen des Alters. Beide unterscheiden sich von ihren Vätern im fortgeschrittenen Alter, indem sie immer noch aktiv am Leben teilhaben. Im Bild von Schawinskis Vater als altem Mann, machte dieser keine grossen Reisen mehr und bewegte sich nicht in einem lebendigen sozialen Umfeld. Seine Türen gingen laufend zu. Wir beide aber haben noch immer die Möglichkeit, neue Türen zu öffnen, und tun das auch, ohne das Gefühl zu haben, dem Ende entgegenzutaumeln. Acklin hat eine wesentlich jüngere Frau und einen Sohn, der 21 ist. Wenn er mit ihm diskutiere, und die beiden diskutieren hitzig, dann ist er noch auf der Autobahn. Aber wenn er für sich allein ist und liest, merkt er schon, dass er empfindlicher geworden ist, reizbarer. Statt auf der Autobahn ist er jetzt öfters auf dem Feldweg unterwegs. Das manifestiert sich in einer stärkeren Nachdenklichkeit, einem nach innen gekehrt sein, mehr auch in der Vergangenheit. Zwar knarzen die Türen manchmal beim Zugehen ein bisschen, aber man kann sie doch noch öffnen.
Und die Hoffnung überwiegt trotzdem
Es ist angenehm, noch mit so viel Energie und Wasserverdrängung unterwegs zu sein, etwa, wenn man am Bahnhof durch die Menschenmenge gehen muss, sagt Acklin. Es geht aber auch darum, nicht bitter zu werden durch die Verluste, die man erleidet. Die sind zwar da, aber unsere Generation will sich nicht daran gewöhnen. Wir haben gestaltet, vorwärtsgemacht, studiert und sofort eine Stelle bekommen, es war wurst, was wir studiert haben. Wir sind es nicht gewohnt, abzubauen, obwohl wir das müssten. Oder nennen wir es Rückbauen, ohne zu resignieren. Schawinski stellt fest wie alte Männer nicht mehr «gesehen» werden, was Frauen in viel früherem Alter erleben. Acklin ist sich sicher, dass wir «Alten» immer noch eine wichtige Aufgabe haben und gibt die Hoffnung nicht auf, dass es weitergeht, auch für seine Kinder und Enkel. Ihnen eine Zuversicht mitzugeben, das sieht er als seine Aufgabe. Den Jungen soll die Zukunft nicht verbaut werden, indem man sagt, die Welt sei dem Untergang geweiht. Er erkennt die jetzigen Schwierigkeiten, mit denen wir umgehen müssen. Aber es nützt nichts, wenn wir dem dystopischen Denken verfallen.

Loslassen können
Acklin und Schawinski arbeiten beide noch mit 80. Man könnte ihnen vorhalten, dass sie den Weg für die Jüngeren nicht freigeben wollen, nicht loslassen können. Hinter solchen Kommentaren steckt gemäss Schawinski viel Neid. Dabei gibt man als älterer Mensch doch auch seine Erfahrungen weiter und kann ein Mentor sein. Abgesehen davon arbeitet man auch für sich selbst weiter – weil es einem guttut. Auch für Acklin ist das Alter, also die Reife und die Erfahrung, ein Vorteil, gerade im Verständnis der Sorgen einer jüngeren Generation. Schawinski stört sich an der Regelung, dass man heute mit 65 Jahren automatisch und überall in Rente geschickt wird, obwohl die Lebenserwartung laufend steigt. Da muss sich etwas ändern, auch aufgrund der demografischen Entwicklung. Über 65-Jährige können an vielen Orten noch einen Beitrag für sich und die Gesellschaft leisten. Wenn immer weniger Leute arbeiten und für die Pension von immer mehr Leuten verantwortlich sind, geht das längerfristig nicht auf. Alle sehen das, aber es wird nichts gemacht. Dänemark hebt jetzt das Rentenalter schrittweise auf 70 an. Das ist in der Schweiz offenbar nicht möglich.
Verschwinden in der Bedeutungslosigkeit
«Ich habe mich auf die Bedeutungslosigkeit vorbereitet» sagt Roger Schawinski und spricht an, wie sein Umfeld ihn darauf aufmerksam machen wird, wann genug ist und er sich zurückziehen soll. Aktuell fühlt er eine gewisse Verantwortung, als «role model» für seine Generation zu dienen. Acklin wird so lange schummeln, wie es möglich ist, und bis er wirklich dement ist. Das geht ziemlich lange gut. Doch irgendwann ist es kein Manöver mehr, sondern der Ernstfall. Die Leute sterben nicht nur, sondern werden dement. Sie müssen zusehen, wie ihr eigenes Ich zerfällt. Wird man vergesslicher, muss man irgendwie damit fertigwerden. Wenn sich trotz unglaublicher Vitalität und Energie die Aussetzer mehren und wir Begebenheiten verwechseln oder Namen vergessen. Wenn das Vokabular laufend kleiner wird, und wir eine Kalamität blitzschnell mit der nächsten zudecken, damit es niemand merkt. Nicht aufhören zu können, kann auch eine Angstabwehr sein. Man will nicht loslassen, um nicht zu hören, wie sich die Türen plötzlich schliessen. Die Angst, bedeutungslos zu werden, zu verschwinden und letztlich zu verlöschen, spielt also durchaus eine Rolle, wenn man nicht loslassen kann. Tröstlich ist, dass die beiden viel mehr erreicht haben, als sie sich je erhoffen konnten, und staunend zurückschauen, was da alles passiert ist. Man ist nicht «alt», man ist älter. Das Greisenalter steht noch nicht vor der Tür.
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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