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#415 – Der Kompass der «Alten» in der Krise

Die Zeitenwende
Die aktuelle US-Regierung macht genau das, was ihr Präsident vor der Wahl versprochen hat. Eine Verschlankung der Verwaltung, tiefere Steuern, mehr industrielle Produktion in die USA zurückholen und die Selbstversorgung sicherstellen. Insofern waren wir alle vorgewarnt und sind höchstens über den Umfang und die Auswirkungen der Massnahmen erstaunt. Damit ist die unipolare US-zentristische Weltordnung fürs Erste beendet und die Welt braucht eine neue Ordnung, sagt der Schweizer Hedge-Fund-Manager Felix Zulauf (74) im Gespräch mit Albert Steck in der NZZ vom 8. April 2025. Da die EU zentralistisch aufgebaut wurde und der Kontinent als Regulierungsweltmeister die Wettbewerbsfähigkeit einschränkt, ist Europa nicht wirklich stark genug für diese Zeitenwende und die europäischen Länder werden sich wieder auf ihre nationalen Interessen fokussieren. Bei den erratischen US-Zollmassnahmen handelt es sich meiner Meinung nach (hoffentlich) um Teile eines grösseren Plans. Etwas das auch Erich Gujer in seinem anderen Blick vom 11. April 2025 in der NZZ zu verkennen scheint. Gerne verweise ich dazu auf den Gastkommentar von Eduard Kaeser (77), Physiker und promovierter Philosoph, unter dem Titel «Murks happens – warum wir immer weniger verstehen werden, was wir tun», in der NZZ vom 27. November 2019. Wir «Alten» haben ein System geschaffen, das wir nicht mehr überblicken können. Immer mehr Menschen beteiligen sich dank neuen technologischen Möglichkeiten am vermeintlichen Fortschritt. Kaeser nennt es Akkretion, ein Zustand der durch das Hinzufügen von immer mehr Systemkomponenten und deren Verknüpfungen entsteht. Dabei handelt es sich um eine zusammengeflickte, behelfsmässige, temporäre, mitunter unnötig komplizierte Lösung eines Problems, kurz, ein «Murks». Die menschliche Gabe, die Tatsachen den Meinungen zu unterwerfen, ist nahezu unerschöpflich; vor allem wenn die Akteure Überzeugungstäter sind wie das Mastermind der US-Zollpolitik, Peter Navarro, und sein Präsident, schreibt Gujer.

DADA-ismus: Der mechanische Kopf (Der Geist unserer Zeit), 1920 von Raoul Hausmann (1886-1971), Centre Georges Pompidou Paris

Durchstehen lautet die Parole
Manche KMUs stehen deshalb vor grossen Herausforderungen. Man hat sich über die letzten Jahrzehnte an eingespielte Abläufe gewöhnt. Schrittweiser Fortschritt und planbare Rahmenbedingungen verleiten zu einer gewissen Trägheit, zu Überregulierungen oder zu hohen Erwartungen. Dass die arbeitsintensive Fertigung in einem Hochpreisland wie der Schweiz immer weniger Zukunft hat, wissen wir auch schon seit geraumer Zeit. Schon heute stammt deshalb ein wachsender Anteil der Umsätze von Industrieunternehmen aus produktbegleitenden Dienstleistungen wie Beratung, Schulung, Instandhaltung oder Logistik. Das wirkt sich positiv auf die Wertschöpfung von Branchen aus. Daneben sind Ideen für wegweisende neue Innovationen gefragt, auch bei der Digitalisierung, denn eine kurzfristige Veränderung der gegenwärtigen Situation scheint wenig realistisch. Zu sehr ist die aktuelle Disruption gewollt und zielt auf ein Hinterfragen bestehender Systeme. Der tschechisch-amerikanischen Ökonomen Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) fand dafür den Begriff «kreative Zerstörung», welcher einen wesentlichen Aspekt disruptiver Innovation beschreibt. Es ist ein natürlicher Teil wirtschaftlicher Evolution und technologischen Fortschritts. Man könnte das Konzept auch als «schöpferische Erneuerung» oder «transformative Umgestaltung» bezeichnen und damit stärker den konstruktiven Aspekt des Prozesses betonen – dass aus der Zerstörung des Alten etwas Neues und oft Besseres entsteht. Durchstehen lautet die Parole.

Mit erfahrenen und kompetenten «Alten» die Disruption meistern
Wir «Alten» haben im Laufe unserer Karriere zahlreiche disruptive Situationen erlebt und bringen demzufolge eine wertvolle historische Perspektive zu den gegenwärtigen Herausforderungen. Nicht wenige von uns verbrachten Teile unseres Lebens im Ausland, lernten andere Kulturen kennen und sprechen mehrere Sprachen. Damit bilden wir ein wichtiges Gegengewicht zu der oft ahistorischen Sichtweise der «jungen Wilden», welche nicht alle Konjunkturzyklen oder technologischen Umbrüche miterlebt haben. Wir «Alten» haben die Fähigkeit, Ähnlichkeiten zwischen aktuellen Herausforderungen und vergangenen Situationen zu erkennen. Wir sind emotional belastbarer und haben die Fähigkeit, in turbulenten Zeiten die Fassung zu bewahren. Wir haben die strategische Geduld und das Verständnis dafür, dass sich Disruptionen letztendlich stabilisieren. Auch eine gute Portion Skepsis gegenüber Hypes, lässt uns erkennen, dass nicht jede «revolutionäre» Veränderung tatsächlich transformativ ist. Schlussendlich verfügen wir über die notwendige Wertschätzung für Grundlagen und fokussieren auf zentrale Geschäftsprinzipien, die trotz oberflächlicher Veränderungen konstant bleiben.

DADA-Gründungsmitglied Hugo Ball (1886-1927), Dada Manifesto 1916: Cabaret Voltaire Zürich veränderte den Kurs der Kunstgeschichte

Technologische Revolution erfordert Agilität
Wir waren Zeugen technologischer Umbrüche – von der Schreibmaschine zum PC, von der Papierablage zu digitalen Datenbanken und vom Festnetz zum Smartphone. Wir haben hautnah erlebt, wie Innovationen, die zunächst bedrohlich wirkten, letztlich neue Chancen eröffneten, wenn auch oft mit schmerzhaften Übergangsphasen. Veteranen der Arbeitswelt haben Rezessionen, Börsencrashs und Branchenzusammenbrüche überstanden. Die Ölkrise der 1970er Jahre, der Schwarze Montag von 1987, das Platzen der Dotcom-Blase im März 2000, die Finanzkrise von 2008 oder die Corona-Pandemie in 2020 lehrten uns wertvolle Lektionen über Resilienz und Anpassungsfähigkeit. Wir haben miterlebt, wie wirtschaftliche Umbrüche Branchen und Karrierewege nachhaltig verändern können. Als langjährige Fachkräfte haben wir in der Regel mehrere Umstrukturierungen, Fusionen, Übernahmen und Führungswechsel miterlebt. Wir haben ein Verständnis dafür entwickelt, wie wir in Zeiten institutioneller Unsicherheit unsere Produktivität und Konzentration aufrechterhalten können. Wir haben auch miterlebt, wie ganze Branchen ins Ausland verlagert, Lieferketten transformiert und Wettbewerb aus unerwarteten Teilen der Welt aufkam. Diese Erfahrung hat uns gelehrt, wie man sich an veränderte Marktdynamik und daraus entwickelnden Arbeitsanforderungen anpasst. Auch kulturelle und soziale Veränderungen haben wir «Alten» miterlebt. Von der sich verändernden Arbeitsplatzdemografie bis hin zu sich entwickelnden Kommunikationsstilen und Führungsphilosophien mussten wir uns im Laufe unserer Karriere an die Arbeitskultur und die sozialen Normen anpassen.

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#403 – Faktenchecker – Erfahrung von «Alten»

Weise sind die Jungen, nicht die Alten
«Dass es so etwas wie Lebenserfahrung gibt, ist eine Behauptung alter Trottel. Erfahrungen macht man als 17-Jähriger und nicht mit 90. Lebenserfahrung ist ein Quatsch. Nein, nein, nein. Bitte aufhören.»

Aus dem Interview von Sacha Batthyany und Rafaela Roth mit dem Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel zu seinem bevorstehenden 90. Geburtstag, in der NZZ vom 18. Januar 2025.

Wir müssen ins Gestalten kommen
Die Lebensqualität, auch von uns «Alten», in einer digitalisierten Welt ist definitiv besser als uns dies die Bedenkenträger und ewigen Zauderer des «Woke-Kapitalismus» weismachen wollen. «Wir könnten in einer viel besseren Welt leben», sagte der Berliner KI-Philosoph Christian Uhle (37) im Interview mit Martin Helg (56) in der NZZ vom 4. Januar 2025, über die Chancen der technologischen Revolution. Wir müssen ins Gestalten kommen – wir dürfen nicht einfach abwarten, was passiert. Dank unserer Altersweisheit und Erfahrung sind unsere Einflussmöglichkeiten vielfältig und betreffen mehrere Ebenen. Indem auch wir die Technologie nutzen, können wir deren Entwicklung auf einer individuellen Ebene mitformen. Wir «Alten» brauchen dank unserer Lebenserfahrung keine staatlich vorgeschriebene Zensur im Internet. Heutige «Faktenchecker», welche entsprechend ihrem Kulturverständnis und Wertesystem, ihrem Alter oder sozialer Herkunft, ihre jeweils eigene «Wahrheit» zum Massstab für uns alle anwenden, erreichen trotz KI sowieso nur einen Bruchteil der Milliarden von Inhalten. Jede Organisation prägt ausserdem durch die Art, wie sie KI implementiert, die Arbeitswelt und damit auch die Gesellschaft der Zukunft. Hier ist viel Gestaltungsspielraum für uns «Alte». Auf der gesellschaftspolitischen und regulatorischen Ebene brauchen wir sinnvolle Gesetze, welche den Fortschritt nicht verhindern. Insgesamt stehen wir am Anfang einer neuen Epoche. Egal ob wir auf das Feld der Arbeit schauen, wo so viele Menschen ihre Tätigkeit nicht als sinnvoll erfahren, auf die wachsende Einsamkeit oder auf soziale Ungleichheiten: Überall ist Luft nach oben. Wir könnten in einer viel besseren Welt leben. Und wenn nun eine derart weitreichende Schlüsseltechnologie bisherige Strukturen aufbricht, bietet das Chancen zur Gestaltung und für eine bessere Zukunft.

Henri Émile Benoît Matisse (1869-1954), französischer Maler, Bild: Ausstellung in der Galerie Beyeler, 2025

Künstliche Intelligenz eröffnet neue Möglichkeiten
Auf die Frage, ob wir uns für die künstliche Intelligenz KI interessieren sollten stellt Uhle fest, wie diese unser Leben komplett verändert, sogar wenn wir sie nicht aktiv nutzen. Er erwähnt die Entwicklung von Medikamenten mit Hilfe von KI oder die Veränderungen in der Wirtschaft durch KI-generierte Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten. Künstliche Intelligenz strukturiert unser analoges Leben stark, was auch zur Umverteilung unseres Wohlstands führt. Die Dauerpräsenz von Smartphones verwischt die Grenzen zwischen digital und analog schon seit langem. Bisher kontrollierte der Mensch die Entwicklung von Applikationen und deren Werkzeuge selbst. Mit der Veröffentlichung beispielsweise von ChatGPT vor zwei Jahren entstand erstmals eine Art von Technologie, die selbst schreibt und uns in der Mensch-Technik-Interaktion wie ein Lebewesen gegenübertritt. KI ist nicht wie ein neues Programm auf unseren Computern, sondern wie eine Assistenz, die für uns eine Vielzahl von Programmen bedient. Das ist ein mächtiger Sprung, vielleicht der bisher weitreichendste in der Technikgeschichte. Für uns «Alte» bieten sich hier Gelegenheiten, die es sinnvoll zu nutzen gilt und eine bewusste Gestaltung erfordern. KI erleichtert uns viele Tätigkeiten und assistiert uns im Alltag, damit wir mehr Freiräume für das Wesentliche erhalten. Mehr Zeit für sinnerfüllende Tätigkeiten.

Veränderte Verhaltensweisen
Entscheidend ist es, all die Technologien in einem Gesamtzusammenhang zu betrachten. Sie entfalten ihr Potenzial nicht automatisch, sondern nur, wenn sie bewusst gestaltet und in kluge Gesamtkonzepte integriert werden. Das aber ist häufig unbequem, weil es erfordert, auch Verhaltensweisen zu ändern – und nicht bloss eine neue Technologie einzusetzen, die dann angeblich alle Probleme löst. KI wird in unzähligen Branchen den Menschen ersetzen. So ist sie zunehmend in der Lage, Verträge zu prüfen, Präsentationen zu erstellen, Tabellen auszuwerten und vieles mehr. Hier und da sehen wir noch Schwächen in der Umsetzung, aber die technologischen Verbesserungen sind rasant. Heute verdienen Millionen von Menschen ihr Geld mit der Bedienung von Computern per Mausklick. Gleichzeitig werden andere Kompetenzen wichtiger, strategische, konzeptionelle, soziale. Das alles sind Chancen für uns kompetente «Alte». Im selben Moment macht sich Uhle Sorgen, dass die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern auf dem Arbeitsmarkt noch weiter aufgehen könnte. Der Ideenhistoriker Yuval Noah Harari warnt vor einer Klasse der Nutzlosen. Einige Menschen werden durch diesen Wandel ihre soziale Position verschlechtert sehen. Doch viele werden weiter arbeiten, aber ganz anders als bisher. Nicht alle Leute werden arbeitslos, aber die Gewinner-Verlierer-Strukturen verändern sich.

Arbeit und die Sinnfrage
In der Kundenbetreuung zum Beispiel können KI mit Menschen telefonieren, ohne Wartezeiten, mit unendlicher Geduld und Freundlichkeit. In einer Umfrage von 2022 aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gaben mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen an, dass sie keinen Sinn in ihrer Arbeit sehen. Wo Menschen bereits heute so fühlen, dass sie wie Roboter vor sich hin arbeiten, können sie durch Maschinen immer besser ersetzt werden. Dabei gilt: Je standardisierter ein Prozess ist, desto eher lässt er sich automatisieren. Die Diagnose von Krankheiten, das Prüfen von Verträgen oder das Berechnen einer Gebäudestatik sind zwar hochqualifizierte Tätigkeiten, die ausgeprägte Fähigkeiten verlangen. Trotzdem ist hier eine KI schon heute oft besser als der Mensch. Nicht weil es einfach ist, sondern weil es standardisiert ist. Seit Jahren wird das Ziel verfolgt, Prozesse zu standardisieren, im Namen der Effizienz und Qualitätssicherung. So haben wir die Grundlage dafür geschaffen, dass KI viele Prozesse unterstützen oder übernehmen kann. Indem wir das Zwischenmenschliche stärken, tragen erfahrene «Alte» als Mentoren oder Coaches im Team mit den «jungen Wilden» dazu bei, dieser Entwicklung zu gesellschaftlicher Bedeutung und Wertschätzung zu verhelfen.

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#398 – Zeitgeist: «Alte» und «neue Menschen»

Wir lenkungsbedürftigen Herdenwesen
Dass der Mensch entscheidend verbessert werden kann und soll, ist die Obsession vieler rechter und linker Totalitarismen. Versuche, den Plan in die Tat umzusetzen, endeten in einer Menschheitskatastrophe. Doch die Idee lebt fort, nur wird sie heute technologisch angegangen. Im Gastkommentar der NZZ vom 28. November 2024, schrieb Eduard Kaeser (71), Physiker und promovierter Philosoph, über das Zusammenwachsen von Mensch und Technik. Die traditionelle Prothetik, die der Reparatur und Rehabilitation des Körpers durch künstliche Komponenten dient, wird intelligent. Und es ist abzusehen, dass man den Menschen immer mehr mit Implantaten «anreichert», die ihn auf ein posthumanes physisches und kognitives Niveau zu heben versprechen, zu einem neuen Menschen. Die Crux der Idee des neuen Menschen lässt sich in zwei Fragen verdichten. Die erste: Wer definiert den neuen Menschen? Und die zweite: Was tut man mit dem alten Menschen? Der neue Mensch stellt einen Idealtypus dar, schreibt Kaeser. Ideale sind immer Abstraktionen. Sie «ziehen» vom Menschen, wie wir ihn kennen, unerwünschte Merkmale «ab». Sie bosseln ihn gedanklich zurecht und fordern auf, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Mit der digitalen Transformation bieten sich neuerdings, nicht wie früher die ganze Gesellschaft, sondern der individuelle Körper als Ansatzpunkt der Verbesserung an – des «Enhancement»: der Erweiterung, Verstärkung, Steigerung. Der menschliche Körper – und zumal sein Gehirn – ist, da man seine Komponenten bis in die molekulare Struktur zu erkennen beginnt, beliebig gestaltbar. Die Spielräume, die moderne Digital- und Biotechnologien eröffnen, lassen jene der dystopischen Fiktionen eines Orwell und Huxley hinter sich.

Die Sperrigkeit von Individualität
Gemäss Kaeser reden die Menschheitsverbesserer gerne vom Menschen als Gattung. Sie scheinen nicht viel von der Idee zu halten, dass das Menschliche am Menschen gerade in seiner sperrigen Individualität liegt. Und damit ist ja auch erneut das Grundproblem der Utopie angesprochen: ihr abstrahierender Charakter. Man muss an einem Idealtypus Mass nehmen, um «die» Menschheit zu verbessern. Der Idealtypus aus dem Silicon Valley dürfte eine neue Ungleichheit zwischen mehr und weniger «enhancten» Exemplaren unserer Spezies begründen. Von Demokratie hält die Techno-Oligarchie ohnehin nicht viel. Und die Befreiung vom «Diktat» der Biologie liefert die Menschen ja nur umso unausweichlicher einem neuen Diktat aus, nämlich jenem der Daten-Proliferation. Der neue Mensch unterzieht sich einem immerwährenden Upgrading für die aktuellsten KI-Systeme. Tun wir das nicht freiwillig, werden wir zu Nicht-Nutz(ern), zu altem Humanschrott mit ungewisser Zukunft. Wir leben heute in einer Welt der Technikfrömmigkeit und Leichtgläubigkeit bei allem, was uns angeblich von unseren natürlichen «Fesseln» befreit. Schlimm dabei sind Menschen, die wissen, was gut ist für uns und die Erlösung im technisch Machbaren sehen.

MIT Technology Review 2024. Alex Reben, OpenAI Künstler macht Kunst mit und über künstliche Intelligenz: Generative Modelle für menschliche Kreativität.

Vorurteile gegenüber uns «Alten» Arbeitnehmenden
In diesem Kontext muss man die Personalpolitik von Unternehmen rund um die Neuanstellung älterer Arbeitnehmenden sehen. Auffallend ist, wie stark hier menschliche Faktoren spielen. In Firmen, deren Entscheidungsträger jünger als 35 Jahre alt sind, wird die Erfahrung von uns «Alten» bei Bewerbungen seltener als Vorteil gesehen, als bei Arbeitgebenden ab 50 Jahren. Die Redaktorin Zoé Baches (52) schrieb in der NZZ vom 28. November 2024 unter dem Titel «Jüngere Chefs beurteilen Bewerber über 55 deutlich schlechter als ältere» über eine neue Studie der Swiss Life. Deren Autoren Andreas Christen und Nadia Myohl fanden heraus, dass jüngere Arbeitgebende oft nicht primär aus Kostengründen zurückhaltender sind, wenn es um die Neuanstellung von uns «Alten» geht oder um die Weiterbeschäftigung von Mitarbeitenden nach dem Pensionsalter. Stattdessen spielen andere, vielfach menschliche Faktoren eine grosse Rolle. Die vorliegende Studie «Arbeit ohne Altersgrenzen? Personalpolitik 55+ von Unternehmen auf dem Prüfstand» fokussiert auf das Verhalten und die Wünsche von Arbeitgebenden. Die Fragen wurden online von 1054 Entscheidungsträgern aus dem Bereich Rekrutierung beantwortet, welche für Unternehmen aus allen Branchen mit mindestens vier Angestellten aus der Deutschschweiz und dem Welschland arbeiten. Je jünger die befragten Arbeitgebenden waren, desto schlechter stufen sie die Fähigkeiten und die Leistung von Erwerbstätigen über 55 ein. Dies gilt auch für den Willen von Arbeitnehmenden, nach dem Pensionsalter weiterzuarbeiten. Über ein Drittel der befragten Personen ab 50 Jahren stimmt der Aussage klar zu, dass die meisten Arbeitskräfte gut in der Lage wären, bis 66 oder 67 zu arbeiten. Bei den 18- bis 34-jährigen Arbeitgebenden sagen das nur 24 Prozent. Generell waren kleinere Unternehmen aufgeschlossener gegenüber «Alten» als Grosskonzerne die bezweifeln, dass Mitarbeitende trotz Rentenalter noch gut arbeiten könnten.

Erfahrung der «Alten» als Bedrohung für junge Arbeitgebende
Die Arbeitgebenden wurden dann konkret gefragt, bei welchen beruflichen Eigenschaften sie jüngere Bewerbende von zwischen 25 und 40 Jahren und bei welchen ältere Bewerbende ab 55 Jahren im Vorteil oder im Nachteil sähen. Bewertet wurden die Bereiche Erfahrung, fachliche Kompetenz, Zuverlässigkeit, soziale Kompetenz, branchenspezifisches Wissen, Belastbarkeit, Motivation und Leistungsbereitschaft, kurze Einarbeitungszeit, Fähigkeit, sich in bestehende Strukturen (Team) zu integrieren, Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, Gesundheit, technische (IT-)Kompetenz, Lohnkosten und Kosten für Sozialversicherungen. Bei der «Flexibilität» oder der «Fähigkeit, sich ins Team zu integrieren» sehen die befragten Arbeitgebenden die Jüngeren im Vorteil. Aspekte wie «Erfahrung» sehen Arbeitgebende unter 35 deutlich seltener als Vorteil der älteren Bewerbenden, als Arbeitgebende ab 50. Bei der Eigenschaft «Motivation und Leistungsbereitschaft», sehen nur Befragte ab 50 Jahren tendenziell uns «Alte» im Vorteil. Was genau hinter diesen wenig schmeichelhaften Beurteilungen steckt, antwortet ein Befragter, der anonym bleiben will so: dass jüngere Chefs nicht immer gut damit umgehen könnten, wenn ältere Mitarbeitende mehr Erfahrung hätten, bessere Kontakte zu Kunden oder weniger Aufwand für komplexe Projekte leisten müssten. Sicher ist, dass das Arbeitskräftepotenzial von älteren Personen bei vielen Arbeitgebenden nicht im Zentrum steht. Nur gerade 22 Prozent geben an, Mitarbeitende ab 55 einzustellen. Je älter ein Chef, eine Chefin, desto eher stehen diese einer Neueinstellung von erfahrenen Mitarbeitenden positiv gegenüber.

Eine genomweite Assoziationsstudie enthüllt die komplexe genetische Grundlage der menschlichen Schädelform. Dr. Prajakta Banik, University of Pittsburgh 2023

Wichtiger Dialog zwischen den Generationen: Reverse-Mentoring
Heute arbeiten in Schweizer Unternehmen bis zu vier Generationen zusammen. Jede bringt ihre eigene Stärke mit: Wir «Alten» können auf jahrzehntelange Berufserfahrung zurückgreifen und haben schon manche Krise durchlitten. Die Berufseinsteiger indes bringen den frischen Blick von aussen mit und haben ein intuitives Verständnis von digitalen Technologien. Im Beitrag von Tina Fischer, Leiterin des Ressort Management, Beruf und Führung, Handelszeitung vom 28. November 2024 unter dem Titel «Jung lehrt Alt, Alt lehrt Jung» beschreibt die Autorin wie Reverse Mentoring: «Alte» coachen Junge, Junge coachen «Alte», das Verständnis zwischen Jung und Alt fördert. Bei PwC Schweiz hat sich das «AI(KI)-Buddy-Programm» etabliert. Während die Partner von ihrem AI-Buddy mehr über KI-Technologien erfahren, erhaschen die jüngeren Mentoring-Pendants Einblicke, was auf oberster Führungsstufe läuft. Florian Schick, Geschäftsführer von Merck Schweiz, ist ebenfalls vom Programm begeistert. Mutig und offen sollte der Austausch sein, findet er, sodass ein echter Dialog möglich wird. «Am Ende geht es um die Unternehmens- und Führungskultur. Ein Mentoring basiert auf Freiwilligkeit – und findet nicht statt, weil der Chef es will.» Jordan Cajot, Businessdirektor beim Personalvermittler Robert Walters ist überzeugt dass Mentorings nicht nur den Austausch zwischen den Generationen fördern. «Wenn man jungen Mitarbeitenden die Möglichkeit gibt, ihr Wissen weiterzugeben, fühlen sie sich innerhalb des Unternehmens wertgeschätzt und gehört». Die Erfahrung zeigt: Wird das Programm ohne hierarchischen Druck und mit echtem Interesse am gegenseitigen Austausch umgesetzt, entsteht ein wertvoller Dialog zwischen den Generationen.

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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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