Eigenständigkeit und Mut zur Differenzierung
Letzte Woche durfte ich am Sommerfest eines Startups aus der Softwarebranche teilnehmen. Die ambitionierte Firma präsentiert sich gegenüber ihren Kund:innen als reine Schweizer Plattform, mit Software entwickelt und gehostet in der Schweiz, schweizer Qualität als Gütezeichen für Vertraulichkeit beim Datenschutz. Der Anlass inspirierte den folgenden Beitrag mit Überlegungen zu Datenschutz, Autorenrechte, Abgrenzung und proprietären Applikationen im weltweiten Netz. Nicht jede Herausforderung lässt sich durch Gesetze und Technologien lösen, auch nicht vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Diskussionen über mögliche Zölle auf US-Dienstleistungen. Die vermeintlich sichere Verwaltung von Daten, die Rechenleistung, aber auch die Kontrolle digitaler Kanäle steht im Mittelpunkt der strategischen Planung von Unternehmen. Dazu braucht es Demut und eine hohe Leistungsbereitschaft – abseits von Phantasien wie der Vier-Tage-Woche oder der Selbstverwirklichung als Menschenrecht. Im Wettbewerb um Trainingsdaten für KI-Anwendungen sind wir auch auf die Erfahrung ausgewiesener «Alten» angewiesen. Die Stärkung von Kompetenzen, zu denen weiterhin Grundfähigkeiten wie Lesen, Rechnen oder Sprachen gehören, die aber auch ein kritisches Verständnis von Gesamtzusammenhängen umfassen, das es erlaubt, die Ergebnisse künstlicher Intelligenz zu hinterfragen. Wir «Alten» besitzen die Fähigkeit, die physische Umwelt durch Ideen und Handwerk zu gestalten. Im Kern gilt es, eine zentrale Tugend des Schweizer Erfolgsmodells ins 21. Jahrhundert zu übertragen: Eigenständigkeit und den Mut zur Differenzierung.
Das Problem mit der technischen Unmöglichkeit
Vor rund 30 Jahren bat sich mir die Gelegenheit, im Referat darauf hinzuweisen, wie mit der Digitalisierung der Begriff «Originaldokument» obsolet wurde und wir nur noch über (Original-)Kopien nachdenken sollten. Jede Kopie wird ohne Qualitätseinbussen zum Original. Trotz der Debatte über Regulierung und Sicherheit bezweifle ich, ob sich der weltweite Dokumentenfluss je kontrollieren lässt, denn das Internet kennt keine Territorial- oder Staatsgrenzen, sondern ist ein weltweites InformationsNETZ, das sich seinen Weg dort sucht, wo es am wenigsten Widerstand gibt. Das Internet wurde entwickelt, um Schäden und Zensur (im Kriegsfall) zu umgehen – diese Kernarchitektur macht es grundsätzlich resistent gegen zentrale Kontrolle. Innert Bruchteilsekunden entstehen unzählige Redundanzen. Daraus erklärt sich, wie technische Gegebenheiten wie Peer-to-Peer-Netzwerke, verteiltes Hosting und Verschlüsselung, die Durchsetzung unabhängig von rechtlichen Rahmenbedingungen praktisch unmöglich machen.
Geschichtliche Rückblende zur Entstehung des Internet
Das Internet ist das Ergebnis mehrerer technologischer Fortschritte. Seine Anfänge liegen im ARPANET, einem frühen Computernetzwerk, das 1969 während dem Kalten Krieg (1947 bis 1991) als Vorläufer des modernen Internets in den USA gegründet wurde, um eine dezentrale Kommunikation für militärische und wissenschaftliche Zwecke zu ermöglichen. Wichtige Meilensteine für das heutige Internet waren 1983 die Einführung von TCP/IP dem Transmission Control Protocol/Internet Protocol als «Satz» von Kommunikationsprotokollen die sicherstellen, dass Computer und Geräte Daten über Netzwerke, insbesondere das Internet, austauschen können. Sir Tim Berners-Lee erfand 1989 am CERN in Genf (Schweiz/Frankreich) das World Wide Web (WWW), um den Informationsaustausch zwischen Wissenschaftern zu vereinfachen, indem er die Grundlagen für Hypertext, das Protokoll HTTP, HTML zur Seitenbeschreibung und URLs für Adressen und Webbrowser schuf. 1993 machte das CERN den Code für das WWW der Öffentlichkeit zugänglich, was zu einem explosionsartigen Wachstum des Internets und dessen globaler Verbreitung führte. Der Lehrer meines Sohnes in der Sekundarschule Küsnacht war damals überzeugt, das Internet wird nie Erfolg haben.

Kopie oder Original
Ich bat meine Lieblings-KI CLAUDE von Anthropic, mit mir zusammen die These: «Jede Kopie ist ein Original» weiterzuentwickeln, um über die Sinnhaftigkeit von Schutzmassnahmen für Inhalte nachzudenken.
CLAUDE:
Ihre Beobachtung zu digitalen Kopien und der grenzenlosen Natur des Internets berührt ein grundlegendes Spannungsfeld in der modernen Informationsverwaltung. Versuche, Inhalte zu blockieren, führen oft zu deren weiteren Verbreitung. Unterdrückungsversuche oder durchgesickerte Dokumente finden gerade aufgrund von Eindämmungsversuchen eine grössere Verbreitung. Wenn ein Land die Vorschriften verschärft, werden Server in ein anderes verlegt. Die globale Natur des Internets bedeutet, dass es immer einen Ort gibt, der Informationen entgegenkommt und ihnen mehr Raum gibt. Digitale Informationen verbreiten sich schneller als Rechtsverfahren. Bis Gerichte einstweilige Verfügungen erlassen oder Gesetzgeber Gesetze verabschieden, sind die Inhalte bereits weltweit verbreitet. Man vergleiche die Monate/Jahre, die Rechtsverfahren dauern, mit den Sekunden, die das Kopieren und Verteilen digitaler Dateien benötigt. Originale mit digitalen Wasserzeichen, Blockchain-Verifizierungen und andere Authentifizierungstechnologien verifizieren zwar die Herkunft, können aber das Kopieren oder Verteilen nicht verhindern.
Wirtschaftliche Realitäten – Die Revolution der Null-Grenzkosten
Die wirtschaftliche Realität der Informationsökonomie hat sich grundlegend verändert – die Grenzkosten für das Kopieren und Verteilen digitaler Inhalte nähern sich null, wodurch traditionelle, auf Knappheit basierende Schutzmodelle obsolet werden. Das traditionelle Modell des Inhaltsschutzes basierte auf physischer Knappheit – Bücher, Schallplatten und Filme waren teuer in der Reproduktion und Verbreitung. Urheberrechtsgesetze waren sinnvoll, solange für das Kopieren Druckpressen, Tonstudios oder Filmlabore benötigt wurden. Jedes Mal wurden neue Gesetze vorgeschlagen, aber die technologische Akzeptanz übertraf letztendlich die regulatorischen Reaktionen. Die Digitalisierung hat diese wirtschaftliche Grundlage erschüttert. Im Gegensatz zu analogen Kopien, die sich verschlechtern, sind digitale Kopien identisch mit den Originalen und ihre Erstellung kostet praktisch nichts. Wenn wir Inhalte empfangen, werden wir automatisch zu potenziellen Verteilern für das gesamte Netzwerk. Die Speicherkosten für diese Inhalte sind derart gesunken, was früher Lagerhallen erforderte, passt heute auf Geräte, die wir in der Hosentasche mitführen. Die globale Internet-Infrastruktur ermöglicht eine sofortige weltweite und kostengünstige Verbreitung. Dies führt zu einem wirtschaftlichen Paradoxon: Je wertvoller Informationen in unserer digitalen Wirtschaft werden, desto weniger wirtschaftlich ist es, ihren Fluss durch traditionelle Rechtsmechanismen zu kontrollieren.
Der Anpassungszwang führt zu neuen Geschäftsmodellen
CLAUDE stellt fest, dass wir aktuell das letzte Kapitel der Ära der «Inhaltskontrolle» erleben – nicht etwa, weil die Gesetze schlecht formuliert sind, sondern weil die wirtschaftlichen und technologischen Grundlagen, die diese Kontrolle ermöglichten, dauerhaft erodiert sind. Anstatt sich gegen die technologische Realität zu wehren, haben sich erfolgreiche Unternehmen in der Vergangenheit angepasst, indem sie neue Umsatzmodelle gefunden haben (Streaming versus Eigentum), Communities rund um Inhalte aufgebaut haben, anstatt den Zugriff zu kontrollieren oder sich auf schwer kopierbare Formate konzentriert haben, wie Live- oder personalisierte Erlebnisse die nicht effektiv raubkopiert werden können. Kreative, welche die Beziehungen zu ihren Zielgruppen aufbauen, anstatt nur Produkte zu verkaufen, sind erfolgreich. Beispiele sind unter anderen im Verlagswesen – vom Gatekeeping zum Plattformaufbau – zu finden. Traditionelle Verlage kontrollierten den Vertrieb durch physische Einschränkungen (Paywall), die jedoch leicht umgangen werden können, Inhalte erscheinen oft innerhalb weniger Stunden anderswo kostenlos. In der Autorenwirtschaft schafft das Medium direkte Beziehungen zwischen Autor und Leser und die Plattform erhält einen kleinen Anteil, anstatt Inhalte zu kontrollieren. Wir «Alten» agieren dabei als Mentoren oder Sparringspartner und erfüllen, dank unserer Seniorität, auch die Funktion des «sozialen Gewissens».
Software – Open-Source-Erfolgsgeschichten
Auf das anfangs erwähnte Startup bezogen, sind flexible und offene Geschäftsmodelle eine Möglichkeit zum Erfolg. Anstatt wie traditionell Softwarelizenzen verkaufen und Piraterie bekämpfen, wird die Software verschenkt um später den Support und die Services zu verkaufen. Das Hinzufügen von Diensten rund um kostenlose Inhalte schafft nachhaltige Einnahmen. Oder die Umstellung vom Verkauf von Box-Software (leicht raubkopierbar) auf Cloud-Abonnemente mit kontinuierlichen Updates, was die Piraterie weniger attraktiv macht. Der kostenlose Zugang zu Bildungsinhalten finanziert durch Spenden und Partnerschaften, ständig aktualisiert, anstelle dem traditionellen und teurem Lehrbuchmodell mit eingeschränktem Zugang und häufigen Neuauflagen. Seit das MIT Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA den gesamten Lehrplan kostenlos online veröffentlicht hat, verbesserte sich sein Ruf und gewann damit bessere Studierende und höherer Fördermittel. Ganz allgemein bröckelt das Monopol des Wissenschaftsverlagswesens, auch weil Universitäten sich zunehmend weigern, überhöhte Abonnementgebühren zu zahlen. Die Branche kämpft gegen die Realität, anstatt sich kreativ anzupassen. Beispiele zeigen, dass erfolgreiche Content-Ersteller nicht fragen: «Wie können wir das Kopieren stoppen?», sondern «Wie können wir unser offizielles Angebot attraktiver machen als die Kopien?» Die erfolgreichsten Adaptionen greifen oft genau die Kräfte auf, die traditionelle Schutzmodelle zu bekämpfen versuchen. Egal, ob Text, Datenbank oder Modell – weiterhin unerlässlich sind fachkundige Menschen, die den Output kritisch prüfen und korrigieren. Eine erfolgreiche Digitalisierung fordert mehr als zuvor unsere zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten heraus. Wir «Alten» übernehmen gerne die Rolle des Gewissens und der Verantwortlichkeit.
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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