Wenn die künstliche Intelligenz KI sich selbst zensiert
Beim Mittagessen in Zürich mit ehemaligen Studierenden der UCLA University of California at Los Angeles, sprachen wir über aktuelle Entwicklungen am Stellenmarkt. Wie schwierig es wird, wenn Jobapplikationen, die mittels künstlicher Intelligenz KI generiert wurden, in der Folge von KI-Programmen geprüft werden. Wie unterscheidet man sich in der Menge von Kandidaturen, um einen Schritt weiter zu kommen. Menschen mit Ideen werden Immer gefragt sein. Leute die kreativ denken, die neugierig sind und einen ausgeprägten Gestaltungswillen haben. Allein das biologische Alter eines Menschen ist dabei nicht wirklich ausschlaggebend. Es gibt genügend Junge, welche in antiquierten Denkmustern verharren. Erfahrene, gelassene, selbstsichere, reife und kompetente «Alte», braucht es als Mentoren oder Sparringspartner im Team mit Jüngeren.
In die Alleinstellungsmerkmale der Menschen investieren
Auch die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine ist ein Schlüssel. Um mit KI-Agenten die Arbeit von Menschen zu ergänzen, sind zum Trainieren der Programme auch soft Skills wie Agilität, Veränderungsbereitschaft und berufsübergreifendes Verständnis, anstelle von Silodenken wichtig. Bei der Auswahl von Kandidat:innen müsste man sich folglich auf Fähigkeiten, die Menschen von Maschinen unterscheiden fokussieren. Das gilt auch für die Schule und das Bildungssystem. Politik und Wirtschaft sollten dort investieren, wo Menschen Alleinstellungsmerkmale haben. Generell sollten wir uns auf Berufe konzentrieren, in denen emotionale und soziale Intelligenz zählt, sowie kritisches Denken, Ethik, Philosophie, Sinnstiftung, Kreativität und zwischenmenschliche Interaktion. Darin werden KI-Systeme auch künftig nie so gut sein wie die Menschen.
Wie die KI bezahlte Arbeit reduzieren wird
Im Kontakt mit dem Partner eines mittelgrossen Architektur- und Planungsbüros, vernehme ich wie man sich fürchtet Informationen mittels künstlicher Intelligenz KI zu teilen. Obwohl die Konkurrenten mit ihren Projekten gleichermassen auf den Zeitgeist reagieren und zu fast deckungsgleichen Erkenntnissen kommen, ziert man sich beim Thema KI mit Verweis auf den Datenklau. Die Vorbehalte erinnern stark an die Bedenken gegenüber computergestützten Zeichnungsprogrammen vor 50 Jahren. Zurückhaltung ist jedoch gefährlich, denn die Technologie entwickelt sich rasant. Im Interview mit Jan Bolliger und Joachim Laukenmann, Tagesanzeiger vom 25. September 2025 unter dem Titel: «Wegen KI werden bis zu 70 Prozent aller beruflichen Aufgaben wegfallen» sagt der Philosoph und Ethiker Peter G. Kirchschläger voraus, wie die digitale Transformation zusammen mit künstlicher Intelligenz KI zu einer massiven Reduktion bezahlter Arbeit führen werden.

Wenn die KI ihre eigenen Aufgaben übernimmt
Kirchschläger, Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Universität Luzern und Gastprofessor an der ETH Zürich, begründet in seinem neuen, auf Englisch erschienenen Fachbuch «Ethics and the Digital Transformation of Human Work», wie ein fundamentaler gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Systemwandel vonnöten sei. Er stellt fest, dass sich der aktuelle technologische Wandel grundlegend von früheren Umbrüchen, wie der Industrialisierung, unterscheidet. KI-Modelle – oder datenbasierte Systeme DS, wie er sie bezeichnet – können nicht nur heutige Aufgaben übernehmen. Sie entwickeln sich auch von selbst weiter und schaffen neue Aufgaben, welche sie gleich selbst übernehmen. Es wird uns Menschen für vieles schlicht nicht mehr brauchen, weil datenbasierte Systeme und Roboter unsere Jobs zwar nicht unbedingt besser, aber günstiger erledigen werden. Ein weiterer wichtiger Unterschied zu früheren technologischen Umbrüchen: Es werden praktisch alle Berufsgruppen unabhängig von der Qualifikation betroffen sein. Wenn wir davon ausgehen, dass wegen der KI 50 bis 70 Prozent aller beruflichen Aufgaben wegfallen würden, müssten wir jetzt handeln, denn unser Wirtschaftssystem kann die Vollbeschäftigung nicht mehr gewährleisten. Wir müssten uns davon verabschieden. Es wäre also unverantwortlich, den Leuten zu sagen, sie hätten nichts zu befürchten, wenn sie digital fit blieben. Wenn es wegen KI keine Aufgaben mehr gibt für Menschen, hilft auch keine Weiterbildung.
Mittels KI zu intelligenten Robotern
Zweifler an den aktuellen Technologien glauben immer noch, dass es sich lediglich um einen weiteren Hype handelt, den es auszusitzen gelte. Dabei erreichen uns fast wöchentlich Neuigkeiten zu weiteren Entwicklungen. In ihrer Präsentation vom April 2024 auf der TED-Plattform (12:54) in Vancouver BC, berichtete Daniela Rus (62), Direktorin des Computer Science & Artificial Intelligence Laboratory des MIT und Buchautorin, über ihre Forschungsarbeit mit dem Titel: «How AI will step off the screen and into the real world», wie die KI vom Bildschirm in die reale Welt tritt. Heute leitet Rus das Computer Science and AI Lab des MIT, die grösste Forschungseinheit am MIT. Zusammen mit brillanten und mutigen Forschern arbeitet sie an der Zukunft der Computertechnik und erfindet intelligente Maschinen. Künstliche Intelligenz und Robotik waren vor Jahren in der Computertechnik noch weitgehend getrennte Bereiche. KI hat uns mit ihrer Entscheidungsfindung und Lernfähigkeit beeindruckt, blieb aber auf Computer beschränkt. Roboter andererseits sind physisch präsent und können vorprogrammierte Aufgaben ausführen, aber sie waren nicht intelligent.
Die Mensch-Roboter-Beziehung
Diese Trennung beginnt sich zu ändern. KI muss sich von der zweidimensionalen Computerbildschirm-Interaktion lösen und in eine lebendige, physische 3D-Welt eintreten. Deshalb verschmelzen die Forschenden in Rus‘ Labor die digitale Intelligenz der KI mit der mechanischen Leistungsfähigkeit von Robotern. Rus nennt es physische Intelligenz, was bedeutet, dass die Fähigkeit der KI, Texte, Bilder und andere Online-Informationen zu verstehen, genutzt wird, um Maschinen in der realen Welt intelligenter zu machen. KI vorprogrammierte Roboter können ihre Aufgaben besser erledigen, indem sie Wissen aus Daten nutzen. Mit physischer Intelligenz befindet sich KI nicht nur in unseren Computern, sondern läuft, rollt, fliegt und interagiert auf überraschende Weise mit uns. Wir «Alten» müssen, aus unserer Erfahrung, die Entscheidungsfindung von Maschinen überdenken und dazu deren Konstruktion und Lernweise neu organisieren. Man kann es sich wie eine Mensch-Roboter-Beziehung vorstellen.
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Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
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