Experimentieren und Selbstlernen sind die Treiber künstlicher Intelligenz KI
Wenn die künstliche Intelligenz viele Tätigkeiten mit Automatisierungspotenzial übernimmt, sind wir «Alten» besonders gefordert. Viele der über 60-jährigen unter uns verlieren ihre Stelle als Folge von Restrukturierungen. Einen neuen Job zu finden in einer Branche die wegrationalisiert wird, ist schwierig. Auch aus diesem Grund entscheiden sich viele «Alte» nach dem Stellenverlust für die Selbstständigkeit, die meisten als Berater. Doch wen beraten wir über was, in Anbetracht dieser rasanten technischen Entwicklungen und der immer kürzeren Halbwertszeit unseres Wissens? Viele KMU, die KI in ihren Arbeitsabläufen einsetzen, tun dies ohne formelle Schulung, auch dank leicht zugänglichen Informationen aus dem Internet. Die transformative Kraft der KI markiert den Beginn eines neuen Kapitels der Weiterentwicklung von Unternehmen, mit dem Potenzial, sämtliche Bereiche voranzutreiben und zu einem unverzichtbaren Werkzeug in allen Phasen des Prozesses zu werden. Wir neugierigen und informierten «Alten» teilen derweil unsere (Lebens-)Erfahrung im Team mit den «Jungen» und erarbeiten mit ihnen zusammen die Richtlinien, welche den Einsatz von KI regeln und sich mit Themen wie geistigem Eigentum, Qualitätssicherung und Transparenz befassen.
Die Visionen eines Visionärs
In seinem Papier mit dem Titel «KI ist dabei, die Art und Weise, wie wir Computer nutzen, völlig zu verändern und die Softwareindustrie auf den Kopf stellen» schrieb Bill Gates (68) am 9. November 2023 über den Einsatz von persönlichen Assistenten. Seit Paul Allen und er vor bald 50 Jahren Microsoft gründeten, hat sich die Software stark verbessert, ist aber in vielerlei Hinsicht immer noch ziemlich dumm. Um eine Aufgabe auf einem Computer auszuführen, muss man dem Gerät mitteilen, welche App es verwenden soll. Man kann Microsoft Word und Google Docs verwenden, um einen Geschäftsvorschlag zu entwerfen, aber diese können uns nicht dabei helfen, eine E-Mail zu senden, ein Selfie zu teilen, Daten zu analysieren, eine Party zu planen oder Theaterkarten zu kaufen. Und selbst die besten Webseiten verfügen über ein unvollständiges Verständnis über unsere Arbeit, unser Privatleben, unsere Interessen oder Beziehungen und sind dadurch nur begrenzt in der Lage, diese Informationen zu nutzen, um Dinge für uns zu erledigen. So etwas ist aktuell nur mit einem anderen Menschen möglich, etwa einem engen Freund oder einem persönlichen Assistenten.

Vom persönlichen Assistenten zum KI-Agenten
In den nächsten fünf Jahren wird sich das völlig ändern, schrieb Gates. Wir müssen nicht unterschiedliche Apps für unterschiedliche Aufgaben verwenden, sondern sagen unserem Gerät einfach, in Alltagssprache, was wir tun möchten. Und je nachdem, wie viele Informationen wir teilen möchten, kann die Software persönlich reagieren, da sie ein umfassenderes Verständnis unseres Lebens hat. In naher Zukunft werden wir, sobald wir online sind, unseren persönlichen Assistenten haben, der auf künstlicher Intelligenz basiert, die weit über die heutige Technologie hinausgeht. Diese Art von Software – die auf natürliche Sprache reagiert und basierend auf dem Wissen über den Nutzer, viele verschiedene Aufgaben ausführen kann – wird als Agent bezeichnet. Seit fast 30 Jahren denkt Bill Gates über solche Agenten nach, die er 1995 in seinem Buch «The Road Ahead» beschrieben hat. Erst aufgrund der Fortschritte in der KI sind diese seit kurzem praxistauglich. Agenten werden nicht nur die Art und Weise verändern, wie wir mit Computern interagieren, sie werden auch die Softwareindustrie auf den Kopf stellen und die grösste Revolution im Computerbereich herbeiführen, seitdem wir von der numerischen Eingabe von Befehlen, zum Tippen auf Symbole übergegangen sind.
KI-Agenten sind keine Bots
Im Gegensatz zu Bots werden Agenten schlauer sein. Sie werden proaktiv funktionieren und Vorschläge machen können, bevor wir sie danach fragen. Sie werden Aufgaben anwendungsübergreifend erledigen. Sie werden sich mit der Zeit verbessern, weil sie sich an unsere Aktivitäten erinnern und Absichten oder Muster in unserem Verhalten erkennen. Auf der Grundlage dieser Informationen werden sie uns das bereitstellen, was wir ihrer Meinung nach benötigen, wobei wir selbst jedoch immer die endgültige Entscheidung treffen. Um beispielsweise eine Reise zu planen, identifiziert ein «Reisebot» lediglich Hotels, die zu unserem Budget passen. Ein KI-Agent weiss dagegen, zu welcher Jahreszeit wir reisen werden, und kann uns auf der Grundlage seines Wissens darüber, ob wir immer ein neues Ziel ausprobieren oder immer wieder an den gleichen Ort zurückkehren möchten, Orte vorschlagen. Der Agent empfiehlt auf unsere Bitte, Aktivitäten basierend auf unseren Interessen und bucht Reservierungen in den Restaurants, die uns gefallen würden. KI-Agenten werden in vier Bereichen einen besonders grossen Einfluss haben: Gesundheitswesen, Bildung, Produktivität sowie Unterhaltung und Einkaufen.
Produktivität
In diesem Bereich gibt es bereits viel Konkurrenz. Microsoft macht seinen Copilot zu einem Bestandteil von Word, Excel, Outlook und anderen Diensten. Ähnliches macht Google mit Bard und seinen Produktivitätstools. Diese Copiloten können viel tun – beispielsweise ein schriftliches Dokument in ein Foliendeck umwandeln, Fragen zu einer Tabellenkalkulation in natürlicher Sprache beantworten und E-Mail-Threads zusammenfassen und dabei den Standpunkt jeder Person vertreten. KI-Agenten werden noch mehr tun. Wenn wir einen besitzen, ist das so, als ob wir einen Menschen hätten, der uns bei verschiedenen Aufgaben hilft und diese auf Wunsch auch selbstständig erledigt. Wenn wir eine Geschäftsidee haben, wird uns der Agent dabei helfen, den Geschäftsplan zu erstellen, eine Präsentation und sogar Bilder davon erstellen, wie das Produkt aussehen könnte. Unabhängig davon, ob wir in einem Büro arbeiten oder nicht, unser Agent wird uns in gleicher Weise helfen, wie persönliche Assistent:innen heute Führungskräfte unterstützen. Kurz gesagt, Agenten können bei praktisch jeder Aktivität und in jedem Lebensbereich helfen. Die Auswirkungen auf das Softwaregeschäft und die Gesellschaft werden daher tiefgreifend sein.

Agenten werden zu neuen Plattformen
Android, iOS und Windows sind alles Plattformen. Agenten werden die nächsten Plattformen sein. Um eine neue App oder einen neuen Dienst zu erstellen, werden wir unserem Agenten einfach sagen, was wir brauchen. Dazu müssen wir nicht wissen, wie man Code schreibt oder Grafikdesign macht. Er wird in der Lage sein, den Code zu schreiben, das Erscheinungsbild der App zu entwerfen, ein Logo zu erstellen um die App in einem Online-Shop zu veröffentlichen. Die Einführung von GPTs (Generative Pretrained Transformers) durch OpenAI bietet einen Blick in die Zukunft, in der Nicht-Entwickler ganz einfach ihre eigenen Assistenten erstellen und teilen können. Agenten werden die Art und Weise beeinflussen, wie wir Software nutzen und wie diese geschrieben ist. Sie werden Suchseiten ersetzen, weil sie Informationen besser finden und für uns zusammenfassen können. Sie werden viele E-Commerce-Websseiten ersetzen, weil sie den besten Preis für uns finden und nicht nur auf wenige Anbieter beschränkt sind. Sie werden Textverarbeitungsprogramme, Tabellenkalkulationen und andere Produktivitäts-Apps ersetzen. Heute unabhängige Unternehmen – Suchmaschinenwerbung, soziale Netzwerke mit Werbung, Shopping, Produktivitätssoftware – werden damit zusammengeführt. Heutzutage sind Agenten in andere Software, wie Textverarbeitungs- und Tabellenkalkulationsprogramme eingebettet, aber irgendwann werden sie selbstständig arbeiten.
Die technischen Herausforderungen
Noch hat niemand herausgefunden, wie die Datenstruktur eines Agenten aussehen wird. Vektordatenbanken sind möglicherweise besser für die Speicherung von Daten, die durch Modelle des maschinellen Lernens generiert wurden. Eine weitere offene Frage betrifft die Anzahl von Agenten, mit denen Menschen interagieren werden. Wird unser persönlicher Agent von unserem Therapeuten-Agenten und unserem Mathe-Nachhilfelehrer getrennt sein, oder möchten wir, dass diese zusammenarbeiten. Noch gibt es kein Standardprotokoll, das es Agenten ermöglicht, miteinander zu kommunizieren. Ebenfalls eine Schlüsselfrage ist, wie wir mit unserem Agenten interagieren werden. Heute macht beispielsweise die Apple Watch akustisch und haptisch auf neue E-Mails oder Telefonanrufe aufmerksam. Unternehmen prüfen verschiedene Optionen, darunter Apps, Brillen, Anhänger, Anstecknadeln und sogar Hologramme oder räumliches Rechnen (Apple Vision Pro).
Die entsprechende Hardware
Bill Gates denkt, dass der erste grosse Durchbruch in der Interaktion zwischen Mensch und Agent, Ohrhörer sein werden. Im TED2024 Talk vom April 2024 (13:04), präsentierte der Ingenieur, Deeptech-Erfinder und Designer Jason Rugolo, Gründer und CEO von iyo, unter dem Titel «Welcome to the world of audio computers» einen Prototypen solcher Ohrstecker, die im Grunde Minicomputer sind. Wenn all dies zusammenkommt, werden die Fragen des Online-Datenschutzes und der Online-Sicherheit noch dringlicher, als sie es ohnehin schon sind. Wir möchten entscheiden können, auf welche Informationen der Agent Zugriff hat, damit wir sicher sein können, dass unser Daten nur mit den von uns ausgewählten Personen und Unternehmen geteilt werden. Auch ethische Fragen über den Sinn und Zweck von Ausbildung, oder die Interaktion mit Freunden und Familien müssten wir uns neu stellen, wenn unser Agent bereits alle Antworten hat. «Wir werden das Menschsein neu definieren», sagt Dr. David Gugerli (63), Professor für Technikgeschichte an der ETH Zürich, im Interview mit Daniel Di Falco in der NZZ vom 12. Mai 2024.
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