Wissen aus Jahrhunderten Erfahrung
Über die Vor- und Nachteile künstlicher Intelligenz KI, oder deren Existenz per se, wird kontrovers diskutiert. Beispielsweise werden Sprachmodelle mit Rohtexten trainiert, welche diese irgendwie innerhalb von Konzepten organisieren: Monate, männliche Vornamen, Wörter im Zusammenhang mit dem Gesetz, Länder und Kontinente und so weiter. Niemand hat dem Modell diese Konzepte beigebracht. Es entdeckte sie alle von selbst, allein durch die Analyse des Rohtextes. Doch es ist wichtig zu erkennen, dass all diese Errungenschaften auf jahrzehntelanger Forschung basieren. Forschung zu Modellarchitekturen, Forschung zu Optimierungsalgorithmen, Trainingszielen, Datensätzen. Obwohl es wünschenswert wäre, Programmcodes offen zu legen und für alle zugänglich zu machen, werden sie streng hinter Black-Box-APIs geschützt, mit lückenhafter Information wie sie gebaut sind. Grundsatz des maschinellen Lernens sind aber transparente Trainings- und Testdaten um deren Bewertung zu gewährleisten. Eine der Diskussionen betrifft sodann die menschlichen Werte, wie wir die Welt sehen und wie wir denken. In einem transparenten und partizipatorischen Prozess zum Aufbau von KI leisten wir «Alten» dank unserer Weisheit und Gelassenheit einen wichtigen Beitrag beim Aufbau dieser Systeme.
Vom Glauben in die Realität
Letzte Woche ging in Basel die Swissbau 2024 – eine führende Messe der Bau- und Immobilienwirtschaft in der Schweiz zu Ende. Wichtig, neben den Herstellerpräsentationen, waren die Bereiche Swissbau Focus und Swissbau Lab. Dutzende Start-ups und einige grössere Softwarefirmen präsentierten unter dem Motto «Den Wandel gemeinsam gestalten» neue Technologien, Werkzeuge und interdisziplinäre Plattformen. Neben einigen neugierigen «Alten», interessierte sich vor allem ein jüngeres Publikum für die Entwicklung der KI in Planung und Konstruktion, zum Nutzen unserer gebauten Umwelt. Noch ist das, was wir dank virtueller Realität, mittels VR-Brillen oder auf den Bildschirmen zu sehen bekommen, jedoch das Resultat zeitaufwändiger menschlicher «Handarbeit», innerhalb vorprogrammierter Parameter. Wir sind noch weit davon entfernt, ad-hock-Vorschläge vom «denkenden» Computer zu erhalten. Das liegt daran, dass diese Maschinen eben nicht denken und reflektieren können, sondern auf die jahrhundertalte Erfahrung von uns Menschen angewiesen sind.
Menschliches Reflektieren und maschinelles Schlussfolgern
In seinem Gastkommentar beschreibt Fredy Sidler (79), ehemaliger Direktor der Ingenieurschule Biel und Präsident der Berner Fachhochschule BFH, in der NZZ vom 17. November 2023, weshalb das so ist. Unter dem Titel: «Der Mensch denkt. Und der Computer? – Überlegungen zum menschlichen Reflektieren und maschinellen Schlussfolgern» bezieht er sich im Artikel auf den amerikanischen Philosophen Charles W. Morris (1901–1979) und seine Zeichentheorie. Morris nennt sie «Semiotik», mit drei Ebenen: die Zeichen (Syntax), der Bedeutung der Zeichen (Semantik) und des Zwecks der Zeichen (Pragmatik). Dazu ein simples Beispiel: Wenn ein Mensch auf eine Ampel zufährt, erkennt er das rote Licht (Zeichen), er versteht, dass er warten muss (Bedeutung des roten Lichts), und er weiss, warum er warten muss (Zweck des roten Lichts). Der Mensch denkt dabei immer – ob er dies will oder nicht – auf allen drei Ebenen. Im Kontrast dazu arbeitet der Computer mit Nullen und Einsen (bis jetzt) lediglich auf der Ebene der Syntax. Mit seinem ultraschnellen und praktisch fehlerfreien Umgang mit riesigen Zeichenmengen, identifizieren, vergleichen, berechnen, umwandeln, ist der Computer ein Meister der Syntax und schneller als jeder Mensch. Immanente Bedeutungen und Zwecke von Zeichen bleiben ihm dagegen fremd. Sidler demonstriert das an einem Textbeispiel: «Fritz fährt über einen Pass», dann weiss der Mensch intuitiv aus dem textuellen Sinnzusammenhang, ob Fritz (mit der Hand) über ein amtliches Dokument oder über eine Bergstrasse fährt. Der Computer kann das nicht, da er nur die Syntax beherrscht.

Computer speichern menschliche Wertevorstellungen
Auch die sogenannte KI befreit den Computer nicht aus seinen Syntaxfesseln. Was damit bezeichnet wird, besteht zum einen darin, dass der Computer als Suchmaschine auf eine unendlich scheinende Datenmenge zugreifen kann. Zum anderen geben ihm Menschen – namentlich bezahlte Angehörige der KI-Anbieter – das Feedback, ob seine Schlussfolgerungen richtig oder falsch oder unangemessen sind. Uns «Alten» kommt, als kompetente Mitglieder in Entwicklungsteams, allenfalls die Rolle des «sozialen Gewissens» zu: In der Wertediskussion, der Ethik und unserer (Lebens-)Erfahrung, welche die Jungen logischerweise noch nicht haben. Diese menschlichen Bewertungsergebnisse werden im Computer gespeichert und bei der nächsten Aufgabe in vergleichbarem Kontext wieder abgerufen, was als Lernfähigkeit des Computers bezeichnet wird. Wer allerdings – wie ein Computer – nichts versteht, kann auch nichts lernen. Der Computer hat lediglich vom verstehenden und lernenden Menschen mehr oder andere Zeichen erhalten, die er ab dem nächsten Mal abarbeiten muss.
Computer haben keine Muttersprache
Fredy Sidler stellt deshalb die Frage nach der Denkfähigkeit des Menschen und vermutet, dass der Mensch – im Unterschied zum Computer – eine Muttersprache hat. Vor weit über hunderttausend Jahren, so wird geschätzt, soll er seine Sprachfähigkeit erlangt haben. Interessant wäre zu wissen: Begann er zu sprechen, weil er denken konnte? Oder fing er an zu denken, weil er sprechen konnte? Wir wissen es nicht. Menschliches Denken und Sprechen gehören eng zusammen. Mit dem Erwerb der Muttersprache lernt das Kind nicht nur Wörter kennen, es verinnerlicht gleichzeitig ihre Bedeutung und ihren Sinn. Darum können Worte und Sätze beim Menschen – anders als beim Computer – Freude oder Trauer auslösen, ihn ärgern oder glücklich machen. Wie das geschieht, bleibt ein Rätsel, aber dass es geschieht, ist eine Tatsache. Der Computer hat keine Muttersprache. Seine «Ursprache» besteht aus den bedeutungs- und zweckfreien Zeichen 0 und 1. Mit diesen Symbolen wird ausgedrückt, dass der Computer an klar definierten Stellen die Zustände «magnetisiert: ja/nein?» beziehungsweise «fliesst Strom: ja/nein?» erkennen und unterscheiden kann. Dass bei der (globalen) Programmierung dieser Systeme grosse kulturelle Unterschiede bestehen macht das «Gelernte» auch komplizierter. Von der «künstlichen Intelligenz» des Computers bleibt also nicht viel übrig. Weder hat der Computer eine eigene Intelligenz entwickelt oder vom Menschen implantiert bekommen, noch kann er jene des Menschen nachahmen. Treffender wäre vermutlich, zu sagen: Der Mensch verstärkt seine eigene Intelligenz, indem er sich dort, wo er selber eine grosse Schwäche aufweist, die grosse Stärke des Computers nutzbar macht: im Bereich der Syntax.
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