Blog, Industrie 4.0

#448 – Erfahrene «Alte Weisheitsarbeitende»

Wenn Vertrauen schwindet
Im Austausch beim Mittagessen mit dem Gründer eines Softwareunternehmens wurde mir erneut bewusst, wie sehr sich die Geschäftswelt seit dem Ende der Corona-Pandemie und der allgemeinen Verfügbarkeit von künstlicher Intelligenz KI seit 2022 verändert hat. Auf dem Markt findet ein Verdrängungskampf der Ideen statt. Niemand will mehr Fehler eingestehen. Die Automatisierung von Inhalten mag die Produktion vereinfachen, führt aber auch zu einer höheren Austauschbarkeit. Organisationen, die dieselben Behauptungen, dieselbe Bildsprache und dieselben KI-generierten Botschaften wie alle anderen verwenden, verlieren ihre Identität und ihr Image. «Vertrauen aufbauen im Zeitalter der KI» ist das Thema von Nathalie Nahai, Autorin und Technologieexpertin am GDI Gottlieb Duttweiler Institute, Newsletter vom 19 November, 2025. Die moralische Abwehrreaktion gegenüber KI-generierten Inhalten erklärt, warum emotionales Storytelling durch künstliche Intelligenz – insbesondere in Werbung und Markenkommunikation – oft erfolglos bleibt. Das ist auch der Grund, warum Vertrauen zerbrechlich wird, wenn Organisationen versuchen, ein Gefühl der Nähe zu automatisieren.

Mehr Menschlichkeit
Insbesondere jüngere Zielgruppen erwarten Kohärenz: Unternehmen sollten nicht nur kommunizieren, wer sie sind, sondern dies auch durch ihr Handeln beweisen. Nahai ist überzeugt, dass Kommunikation auf einer authentischen Kultur und nicht auf austauschbaren Behauptungen basieren muss. Erfolgreiche Unternehmen nutzen Technologie als Werkzeug – beispielsweise zur Ideenentwicklung, zur Erstellung verschiedener Varianten, die weiter verfeinert werden können, oder zur Zusammenfassung komplexerer Konzepte und deren Verständlichkeit. KI kann in diesen Bereichen echten Mehrwert schaffen. Zusammen mit uns «Alten» als Sparringspartner im Team mit den «jungen Wilden», entfaltet sich die wahre kreative Kraft – der Funke der Fantasie, des Denkens und der Empathie – und bleibt menschlich.

Wade Guyton (53), amerikanischer postkonzeptueller Künstler: Ohne Titel 2024. Fondation Beyeler, Riehen bei Basel 2025

Altersgemischte Teams sind erfolgreicher
«Was Babyboomer von Millennials im Berufsleben lernen können – und umgekehrt» ist der Beitrag von Chip Conley | TED Salon: Verizon • September 2018 (12:20). Damals sagte er, hatten fast 40 Prozent der Mitarbeitenden in den Vereinigten Staaten einen jüngeren Chef, eine jüngere Chefin. Und diese Zahl wuchs rasant. Macht ging in nie dagewesenen Ausmass auf die Jungen über, weil wir uns zunehmend auf digitale Intelligenz (heute KI) verlassen. Wir sehen junge Unternehmensgründer Anfang 20, die ihre Unternehmen bis zum 30. Lebensjahr zu globalen Giganten ausbauen. Und dennoch erwarten wir von diesen jungen digitalen Führungskräften, dass sie auf wundersame Weise die Beziehungstraditionen verkörpern, die wir «Alten» über Jahrzehnte hinweg erworben haben. Zum ersten Mal überhaupt arbeiten fünf Generationen gleichzeitig am Arbeitsplatz – ungewollt. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir uns bewusster damit auseinandersetzen, wie wir zusammenarbeiten. Es gibt zahlreiche europäische Studien, die belegen, dass altersgemischte Teams effektiver und erfolgreicher sind. Warum hatten dann nur acht Prozent der Unternehmen, die ein Programm für Vielfalt und Inklusion haben, ihre Strategie tatsächlich erweitert und das Alter als ebenso wichtige demografische Variable wie Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit berücksichtigt? Obwohl die Weltbevölkerung immer älter wird.

Das Paradoxon unserer Zeit
Wir Babyboomer sind länger vital und gesund, wir arbeiten sogar länger und dennoch fühlen wir uns immer weniger relevant. Für viele von uns «Alten» ist das nicht nur ein Gefühl, sondern bittere Realität, wenn wir plötzlich unseren Job verlieren und das Telefon nicht mehr klingelt. Viele von uns befürchten, dass unsere Erfahrung als Belastung und nicht als Bereicherung gesehen wird. Wenn es um Macht am Arbeitsplatz geht, ist 30 das neue 50. Vielleicht ist es an der Zeit, Weisheit genauso hoch zu schätzen wie Umbrüche. Es ist an der Zeit das Wort «Alte» endgültig zurückzuerobern um ihm eine moderne Bedeutung zu geben. Moderne «Alte» sind gleichermassen Praktikant:innen wie Mentor:innen, denn sie erkennen in einer sich schnell verändernden Welt, dass ihre Anfängermentalität und ihre anregende Neugier und Weisheit ein lebensbejahendes Elixier sind. Vielleicht ist es an der Zeit, den Begriff «Wissensarbeiter» durch «Weisheitsarbeiter» ersetzen. Wir müssen einen Weg finden, ohne Altersgrenzen die Mechanismen des Weisheitsflusses zu verändern, sodass er tatsächlich in beide Richtungen fliesst, von Alt zu Jung und von Jung zu Alt.

Detailaufnahme: Pyramiden von Teotihuacán, Mexico. Wer hat das gebaut? Warum gerade hier? Wohin sind sie gegangen?

Die Macht des Nichtwissens
In ihrer Präsentation auf TEDNext 2025 • November 2025 (7:52) mit dem Titel «Der Nervenkitzel, nicht alle Antworten zu kennen» erzählt Dr. Harini Bhat, Wissenschaftsjournalistin und Geschichtenerzählerin wie Nichtwissen heute wichtiger ist denn je. Wir leben in einer Kultur, die absolut besessen davon ist, sofort die richtige Antwort zu haben. Soziale Medien belohnen selbstbewusste, voreilige Meinungen anstatt neugierige Fragen. Jeder soll ständig ein Experte für alles sein, ein Möchtegern-Besserwisser. Liegt man auch nur im Geringsten falsch, ist man gecancelt. Auf ihrer Reise nach Mexiko stand sie vor den Pyramiden von Teotihuacán, als ihr etwas Tiefgreifendes klar wurde: Sie hatte keine Ahnung, was sie da sah. Diese Erkenntnis lässt sich auf neugierige «Alte» im Team übertragen. In einer Zeit mit unendlichem Zugang zu Informationen, aber auch unendlich viel Fehlinformation und Verschwörungstheorien sind glaubwürdige Stimmen gefragt. Erfahrung kann an keiner Schule gelernt werden, sie ist das Resultat eines langen Lebens. Anstatt sich für die Unwissenheit zu schämen, werden Erkenntnisse durch Geschichtenerzählen lebendig und bewirken etwas in den Menschen, glaubwürdige Stimmen zu fördern, welche ihre Arbeit zugänglich machen. Denn wir alle verdienen es, elektrisierende Moment zu erleben.

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#444 – Technologie bündeln, «Alte» im Vorteil

Komfort oder staatliche Überwachung
In seinem Beitrag mit dem Titel «Hyperkonnektivität: zwischen Komfort und Kontrolle» greift Dr. Gian-Luca Savino, GDI Gottlieb Duttweiler Institute Newsletter vom 23 September 2025, ein wichtiges Thema, auch für uns «Alte», auf. Die wegweisende Entwicklung von Super-Apps in einer hypervernetzten Welt. Wie setzt man die Vorteile künstlicher Intelligenz KI zum Komfort von uns Nutzern ein. Ist es weiterhin sinnvoll, dass jedes Unternehmen seine Angebote auf einer eigenen App anbietet, oder sollten wir nicht eher Dienste bündeln und Partnerschaften eingehen. Technologisch sind Abgrenzungen innerhalb dieser Kooperationen machbar und die gemeinsame Verwaltung spart Kosten. Auf einem Smartphone sind oft über 100 Applikationen installiert. Meist nutzen wir gefühlte 20% und davon täglich nicht mehr als die Hälfte. Für uns «Alte» könnte manches durch den Einsatz von KI mit Hyperkonnektivität vereinfacht werden. Wir haben alle Geschäfte auf einer Plattform im Blick, mit einem einzigen geschützten Zugang. «Super-Apps» stehen für einen Trend, der sich in Europa, wegen dem Datenschutz und weiteren gesetzlichen Hürden nur schwer verwirklichen lässt. Die speziellen Apps bieten ganze Ökosysteme an Funktionen und Diensten. WeChat als etablierte «Alleskönner-App», ist die führende Lösung in China. Ursprünglich ein Messenger-Dienst, hat sie sich zu einer All-in-One-Plattform entwickelt. Nutzer können über WeChat chatten, aber auch praktisch alles andere erledigen, ohne die App verlassen zu müssen – von Telefonaten über Zahlungen und Shopping bis hin zu Routenplanung und Taxibestellung. Sie kann sogar als offizielle digitale Identitätskarte verwendet werden und ist damit ein unverzichtbares Werkzeug im chinesischen Alltag. Die Schattenseite dieser totalen Vernetzung: WeChat unterliegt strenger staatlicher Überwachung.

Bild: GDI Gottlieb Duttweiler Institute, September 2025 (iPhone von Apple)

Monopolstellung oder Gewinn für uns Nutzer
Während Super-Apps in einigen Ländern weltweit boomen, konnten sie sich in Europa bisher nicht durchsetzen. Europa fehlt noch immer die «Alles-App». Gemäss Gian-Luca Savino gibt es dafür viele Gründe. Einer der Hauptfaktoren ist jedoch die starke Marktdurchdringung spezialisierter Lösungen im westlichen App-Markt. Für nahezu jeden Zweck existieren etablierte Apps: Facebook, Instagram und TikTok als soziale Medien, Uber oder SBB für Transport, Lieferdienste für Essen, Netflix für Unterhaltung und Google Maps für Navigation und lokale Suche und so weiter. Gerade für uns «Alte» Konsumenten sind solche Lösungen mühsam, mit vielen individuellen Passwortzugängen und unterschiedlichen Eingabeformaten. Es scheint als hätten wir Europäer die Vorteile weltweiter Vernetzung, das «Internet», nie wirklich verstanden. Zu sehr fokussieren sich Firmen auf «lokale» Eigenentwicklungen, oft kompliziert im Gebrauch. Man traut der Technologie nicht so recht, kann sich mit Blick auf die Konkurrenz schlecht vorstellen, wie eine Super-App für alle Beteiligten von Nutzen sein könnte. Europas strenge Datenschutzbestimmungen, insbesondere die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung in Kraft seit 2018), erschweren die Bündelung grosser Mengen personenbezogener Daten auf einer einzigen Plattform. Grosse digitale Ökosysteme sehen sich schnell kartellrechtlichen Herausforderungen gegenüber, man will die Entstehung von Monopolen verhindern. Dieser Bürokratisierungswahn verkompliziert die Anwendung künstlicher Intelligenz, ohne Gewinn für uns Nutzer.

Das digitale Leben auf einer einzigen Plattform
«Je länger je mehr denke ich, dass wir uns ein Stückweit damit abfinden müssen, in Europa den Anschluss an die Technologie der künstlichen Intelligenz verpasst zu haben», schreibt ein Kontakt auf LinkedIn. Das hat, seiner Meinung nach, vielerlei Ursachen, wie beispielsweise das steigende Durchschnittsalter, die zunehmende Behäbigkeit, die uns die «fetten Jahre» nach dem Ende des kalten Krieges in den 1990ern eingebracht haben, aber auch Zweifel an der Technologie. WhatsApp, Facebook, Instagram und E-Commerce sind allgegenwärtig. Eine All-in-One-App nach dem Vorbild von WeChat ist in Europa jedoch vorerst nicht in Sicht. Letztendlich spielen auch kulturelle Präferenzen eine entscheidende Rolle. Europäische Verbraucher schätzen Wahlmöglichkeiten und Dezentralisierung und bevorzugen es oft, für jeden Zweck eine eigene Spezial-App zu nutzen, anstatt alle Dienste einem einzigen Anbieter anzuvertrauen. Europäer vertrauen beispielsweise weniger darauf, ihr gesamtes digitales Leben auf einer einzigen Plattform zu speichern als Menschen in China.

Neue Strategien für Behörden und Unternehmen
Das heisst aber nicht, dass in Europa keine Super-Apps entwickelt werden. Einige Dienste im Westen erweitern schrittweise ihren Funktionsumfang. Google Maps ist beispielsweise längst weit mehr als nur ein Navigationstool: Es vereint Standortsuche, Restaurantbewertungen, Verkehrsinformationen, Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr und teilweise auch Buchungsfunktionen in einer einzigen App. Grosse Fintech-Apps wie Revolut und Klarna streben die Integration verschiedener Finanzdienstleistungen an, von Bankgeschäften bis hin zu Online-Shopping. Auch Meta möchte eine stärkere Integration zwischen WhatsApp und Google Maps erreichen. Der Wandel hin zu einer stärker vernetzten und digitalisierten Welt ist unaufhaltsam. Komfort und Effizienz sollten für uns Menschen an erster Stelle stehen – sowohl im Umgang mit Unternehmen als auch mit Behörden. Unternehmen und Organisationen müssen deshalb bereit sein, neue digitale Strategien zu verfolgen und etablierte Kommunikations- und Vertriebskanäle zu überdenken. «Alte» im Team mit jungen Entwicklern bringen ihre Erfahrung ein und agieren gleichzeitig als das «soziale Gewissen». «Die Erfahrung von uns «Alten» ist kein Anker in der Vergangenheit, sondern das Steuerrad im Maschinenraum der Zukunft», schreibt Hanspeter Beerli, Zukunfts-Coach und Talentarchitekt, aus dem Kreis der Kompetenten.

Digitale Transformation ohne Vertrauensverlust
Auch ohne eine zentrale Super-App schreitet die Konvergenz digitaler Dienste in allen Lebensbereichen voran. Unternehmen und Behörden müssen diese Entwicklung aufgreifen, indem sie benutzerfreundliche Lösungen anbieten, neue Technologien, wie beispielsweise digitale Zahlungsmethoden, frühzeitig integrieren und den Dialog mit den Nutzern pflegen. Dies ist entscheidend, um in einer hypervernetzten Zukunft nicht den Anschluss zu verlieren. Hyperkonnektivität eröffnet enorme Chancen für effizientere Prozesse und neue Geschäftsmodelle – jedoch nur, wenn ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Komfort und einem gesellschaftlich akzeptierten Mass an Kontrolle gefunden wird. Letztlich hängt die Zukunft des digitalen Fortschritts in Europa davon ab, dass wir technische Innovation untrennbar mit der Übernahme von Verantwortung verbinden. Die digitale Transformation kann dann ihr Versprechen einlösen, unser Leben komfortabler zu gestalten, ohne Vertrauen und Zusammenhalt zu untergraben, schreibt Gian-Luca Savino.

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#406 – Misstrauen, mit «Alten» im Ökosystem

Künstliche Intelligenz, ein dynamischer Prozess
Die Diskussion der vergangenen Wochen über KI künstliche Intelligenz, anlässlich dem Markteintritt durch das chinesische KI-Startup Deepseek, zeigt erneut die Verunsicherung in der Gesellschaft. Viel hat sicher damit zu tun, dass wir von falschen Vorstellungen ausgehen. KI künstliche Intelligenz ist viel dynamischer, als dies dargestellt wird. Die Entwicklung verläuft sehr schnell, jeden Monat gibt es Überraschungen und Durchbrüche. Der Erfolg von Deepseek ist eine weiterer Punkt in dieser Dynamik, aber er ist keineswegs so aussergewöhnlich, wie das behauptet wird. Man hat sich zu sehr auf die Vorstellung versteift, dass KI von einer Handvoll Firmen dominiert werde. Doch niemand hat heute wirklich einen Vorsprung auf die Konkurrenz, sagte der gebürtige Baselbieter und Google-Veteran Urs Hölzle (61), im Interview mit Markus Städeli und Guido Schätti in der NZZ vom 1. Februar 2025. Urs Hölzle war wesentlich an der Entwicklung verschiedener Java-Compiler beteiligt und als Professor an der University of California, Santa Barbara (UCSB) tätig, bevor er 1999 als achter von zehn Mitarbeitern bei Google Inc. angestellt wurde. 2004 legte er zusammen mit Ralph Keller und Reto Strobl den Grundstein für Google Schweiz in Zürich, wegen seiner zentralen Lage und die Nähe zu den Universitäten. Hölzle arbeitet heute als Senior Vice President for Technical Infrastructure.

Optimismus prägt die Entwicklung
Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz verzeichnet schon seit 2012 enorme Fortschritte, sagt Hölzle. In der Öffentlichkeit ist das Thema aber erst seit zwei Jahren präsent, als die Sprachmodelle für das breite Publikum zugänglich wurden. Dass Maschinen plötzlich schreiben können wie Menschen, hat sehr viel ausgelöst. Deshalb sind wir heute vielleicht zu optimistisch, im Hinblick auf die Schnelligkeit dieser Entwicklungen. Was ihm aus amerikanischer Sicht jedoch auffällt ist, wie hoffnungslos abgeschlagen man in Europa in der KI-Entwicklung ist. Man verbringt 99 Prozent der Zeit damit, sich über Gefahren und Regulierungen neuer Technologien zu unterhalten und nur 1 Prozent über die Chancen. Es ist wichtig, dass man die Gefahren nicht ignoriert, aber ein Verhältnis 99 zu 1 ist sicher die falsche Proportion.

«Vertrauen fängt dort an, wo wir Entscheidungen in Technologien auslagern wollen aber nicht sicher wissen, ob wir das können und wie sie ausgeführt werden», sagt die Österreichisch-Bulgarische Technikphilosophin Eugenia Stamboliev. © Eugenia Stamboliev

Mit Naivität und Selbstüberschätzung zum Ziel
Allerdings liegt der Wert von KI weniger in der Technologie als in der Anwendung. Anwender können alle sein und das ist auch für KMUs eine enorme Chance. Obwohl Hölzle aus einer Generation von «Alten» stammt, die in der Technik vor allem Gefahren und weniger die Chancen sehen, hat er nach ein paar Jahren Aufenthalt in Amerika so richtig realisiert, wo die Unterschiede in der Herangehensweise sind. Als Schweizer in den USA bekommt man den Eindruck, die Leute seien alle naiv und voller Fortschrittseuphorie. Wenn man jedoch bedenkt, wie schwierig es ist, etwas umzusetzen, dann fängt man gar nicht erst damit an. Deshalb: Um neue Technologien zur Marktreife zu bringen, muss man naiv sein und sich selbst überschätzen. Während wir Europäer zaudern, führt in den USA dieser Optimismus dazu, dass die Leute es einfach probieren. Es scheitern dann zwar neun von zehn Projekten, aber eins hat Erfolg. Für Europa wäre deshalb ideal, wenn man von diesem Verhältnis 99 zu 1 weg und wenigstens zu einem Verhältnis von 50 zu 50 käme.

KI konkurrenziert KMUs durch Vereinfachung
Viele, vor allem wir «Alten», haben den Eindruck, Nichtstun sei risikofrei. Aber das stimmt nicht. Ein früherer Chef von Intel prägte den Satz: «Only the paranoid survive» (nur die krankhaft misstrauischen überleben). Stillstand ist sehr gefährlich. Wir in der Schweiz sind besonders konservativ. Deshalb laufen unsere Firmen Gefahr, abgehängt zu werden, denn KI kann die Verhältnisse auf den Kopf stellen. Bis jetzt konnten Firmen ihre Konkurrenz auf Distanz halten, indem sie zum Beispiel Dinge herstellten, hinter denen ein sehr komplizierter Produktionsprozess steckt. Aber Konkurrenten können diesen Prozess künftig möglicherweise mit KI vereinfachen und dem bisherigen Branchenführer plötzlich gefährlich werden.

Kein Fachkräftemangel dank grossem Ökosystem
Punkto Fachkräftemangel in der KI-Branche hat die Schweiz heute ein Ökosystem mit einer kritischen Masse. Ein Problem hätten wir nur, wenn es einen fixen Pool an Ingenieuren gäbe, um den sich alle streiten. Das ist nicht der Fall, denn wenn man einmal ein genügend grosses Ökosystem hat, zieht das weitere Menschen an. Aus dem Ausland, aber auch frisch ab der Uni. Nachwuchskräfte lernen von Experten, und der Pool wächst weiter. Auch von Regulierungen oder Beschränkungen zum Verkauf von GPUs (GPU steht für Graphics Processing Unit, einem Grafikprozessor, beispielsweise von Nvidia) hält Hölzle wenig, da wir ja auch auf Rechner zurückgreifen könnten, die anderswo stehen. Das Internet ist eben ein globales Netzwerk!

Gesundes Misstrauen bewahren
Im Beitrag von Denise Bucher (47) in der NZZ vom 1. Februar 2025, mit dem Titel «Im öffentlichen Leben schwindet das Vertrauen. Das ist aber nicht nur schlecht» reflektiert die Autorin über unser Verhältnis zu Informationen. Die wenigsten von uns «Alten» können selber programmieren, also müssen wir den Softwareingenieur:innen vertrauen. Ohne Vertrauen könnten wir unseren Alltag nicht mehr bewältigen. Aber dieses erodiert. Die Weltordnung, wie wir sie gekannt haben, scheint auseinanderzufallen. Die Digitalisierung hat (scheinbar) Verlässliches aus der analogen Welt aufgelöst und verändert unser Leben in grossem Tempo, von Wirtschaft und Politik bis zum Umgang mit Informationen. Das private Leben wurde öffentlich. Das Versprechen, die Digitalisierung werde uns zu einer globalen Informationsgesellschaft machen, hat über die letzten 40 Jahre schrittweise in eine Informations- und Vertrauenskrise geführt. Mittlerweile läuft fast jede Interaktion über einen Bildschirm. Jugendliche verbringen zwar viel Zeit online, aber dennoch sind es wir «Alten», die deutlich mehr auf Social Media posten, und das auch noch auf öffentlichen Accounts. In Anlehnung an Immanuel Kant (1724-1804) schreibt Denise Bucher, wie wir das Portal zu Wissen und Bildung, worauf Kant seine Hoffnungen setzte, in der Hosentasche mit uns herum tragen. Die Omnipräsenz von Falschinformationen und deren schädliche Konsequenzen in der Realität haben jedoch den Blick bereits geschärft für die Herkunft von Neuigkeiten. Ältere Menschen mögen leichter auf Online-Betrug hereinfallen, aber die digital Natives wissen, dass im Internet überall Gefahren lauern. In altersgemischten Teams wird das thematisiert. Sich im digitalen Zeitalter seines Verstandes zu bedienen, heisst, wahr von falsch zu unterscheiden. Darum gilt es, ein gesundes Misstrauen zu wahren.

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